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2018/4 Bauen und Bauten

Neue Normen zum Archivbau - ISO 11799, DIN 67700 und EN 16893

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Seit 2017/18 liegen drei neue Normen zur Planung von Archiven und zu den Anforderungen an ihre Magazine vor. Im April 2017 erschien die Neufassung der DIN ISO 11799 „Anforderungen an die Aufbewahrung von Archiv- und Bibliotheksgut“, die insbesondere für Archivmagazine Vorgaben zur Lage und Bauweise sowie für Installationen und Einrichtungen macht. Wenige Wochen danach wurde im Mai 2017 mit der DIN 67700 „Bau von Bibliotheken und Archiven – Anforderungen und Empfehlungen für die Planung“ die erste Norm weltweit für den Bau von Archiven veröffentlicht. 2018 wurde zudem die europäischen Norm EN 16893 „Erhaltung des kulturellen Erbes – Festlegungen für Standort, Errichtung und Änderung von Gebäuden oder Räumlichkeiten für die Lagerung oder Nutzung von Sammlungen des kulturellen Erbes“ vorgelegt, deren breit gefächerte Vorgaben ebenfalls für die Planung von Archiven genutzt werden können.

Die neuen Normtexte unterscheiden sich in ihrem Ansatz und Anwendungsbereich und können daher künftig ergänzend genutzt werden. Allerdings erschwert die Vielzahl der Standards und Regelungen zweifellos auch eine schnelle Orientierung. Der Schwerpunkt des Beitrags liegt auf der DIN 67700, da sie die spezifischen Anforderungen an die Planung von Archivmagazinen in den meisten Bereichen konkreter regelt als etwa die DIN ISO 11799, die sich als internationaler Standard an der global sehr unterschiedlich entwickelten Praxis des Magazinbaus ausrichten musste, oder die DIN EN 16893, die vornehmlich museale Sammlungen und Depots im Fokus hat.

Funktionsbereiche von Archiven

Die DIN 67700 legt für die Planung von Bibliotheken und Archiven sieben „Funktionsbereiche“ zugrunde, nach denen auch die beiden zentralen Kapitel der Norm (Kapitel 6 „Funktionsbereiche“ und Kapitel 7 „Flächen“) gegliedert sind (Tabelle 1).

Glauert Tabelle 1

Raumplanung von Archiven

Entscheidend für die künftige räumliche Grundausstattung von Archiven ist die klare Vorgabe der neuen DIN 67700 (6.9), dass die „Erschließung und technische Bearbeitung von Medien, die eine mögliche Staub- oder mikrobielle Belastung aufweisen“, an Arbeitsplätzen erfolgen muss, „die von Büroarbeitsplätzen und anderen Arbeitsplätzen räumlich getrennt sind. Da nach einer weiteren Vorgabe der DIN 67700 Magazine immer baulich von anderen Funktionsbereichen zu trennen sind, ergibt sich für alle normgerecht geplanten Archive künftig eine Grundausstattung von mindestens drei Räumen:

  1. ein Büroarbeitsplatz, bei Ein-Personen-Archiven ggf. zugleich (als „Mitarbeiterarbeitsplatz im Servicebereich“) kombiniert mit Nutzerplätzen („Lesesaal“),
  2. ein separater Raum zur technischen Bearbeitung von Archivgut sowie
  3. daran anschließend, aber baulich getrennt, das Magazin.

Funktionsbereiche oder Funktionen, die keine archiv- und bibliotheksspezifischen Anforderungen aufweisen, werden in der DIN 67700 nicht berücksichtigt. Diese Beschränkung gilt auch für die sechs „Technikkapitel“ (Kapitel 8 bis 13), die technische Vorgaben und Empfehlungen für Lastannahmen, die Sicherung, die Belüftung und Klimatisierung, die Beleuchtung, die Akustik und den Bodenbelag machen.
Gleichwohl sind für die Praxis der Archivplanung die zahlreichen Regelungen und Hinweise hilfreich, die in der DIN 67700 bei der Beschreibung der einzelnen Funktionsbereiche (Kapitel 6) enthalten sind. Dazu gehören etwa Kriterien für die Ermittlung der notwendigen Anzahl von Nutzerplätzen in Archiven, Vorgaben für schwellen- und stufenlose Transportwege oder die Aufzählung von Räumen und Funktionen, die zu einem Veranstaltungsbereich oder einer Anlieferung gehören, auch wenn deren konkrete technische Ausstattung oder Flächenbedarf in der Norm nicht verbindlich geregelt werden. Ergänzend können künftig viele hilfreiche Gebäude- und Sicherheitsvorgaben (Kapitel 5 und 7) aus der neuen EN 16893 hinzugezogen werden.

Flächenbedarf im Lesesaal und im Magazin

Die Berechnungen der verschiedenen Nutzungsflächen nehmen in der DIN 67700 mehr als die Hälfte der 75 Druckseiten ein. Für einen Archivlesesaal geht die Norm von einem „Standardnutzerplatz“ mit Tisch und Stuhl als üblichen Nutzerplatztyp aus, für den eine Fläche von 5,3 m1 anzusetzen ist.
Für die individuelle Berechnung der erforderlichen Magazinflächen stehen Formeln für Stand- und Rollregale zur Verfügung. Setzt man für ein Archivmagazin typische Ausgangsbedingungen an (Fachtiefe 0,4 m, Bediengangbreite 1,05 m, Rollregalanlage mit 8 Doppelregalreihen pro Bediengang, 7 Fächer übereinander, Stapelhöhe 2 Schachteln übereinander, Regallänge 6 m), kommt man für die liegende Lagerung von Akten in Archivschachteln nach DIN 67700 auf folgende Kapazitätswerte (Tabelle 2):

Glauert Tabelle 2

Von großem Nutzen für die Argumentation gegenüber den Unterhaltsträgern bei der Planung und Kalkulation von Bedarfsflächen und Kapazitätsreserven für die Magazine dürfte die klare Vorgabe der DIN 67700 sein, dass für Archive die erwarteten Zugänge für mindestens 15 Jahre einzuplanen sind.

Klima

Die anhaltende Fachdiskussion zu Klimavorgaben hat dazu geführt, dass die ISO 11799 nur noch grobe Richtwerte und die EN 16893 nur noch Farbverläufe für Temperatur- und Feuchtewerte angeben. Da solche Vorgaben für die praktische Planung von Magazinen nur bedingt nutzbar sind, definiert die DIN 67700 zumindest einige Grenzwerte: Für die Temperatur in Archivmagazinen gibt sie eine Obergrenze von 21° C vor. Die relative Luftfeuchte sollte zwischen 30 % und 55 % liegen. Die tägliche Schwankung des Magazinklimas sollte den Wert von ± 1 K bzw. ± 3 % relativer Feuchte nicht überschreiten.

Brandschutz

Während die ISO 11799 (5.4) rät, „die Vorteile eines automatischen Feuerlöschsystems in Betracht zu ziehen“, setzen EN 16893 und DIN 67700 vor allem auf einen vorbeugenden Brandschutz und empfiehlt, Magazine baulich und technisch so zu gestalten, dass eine automatische Feuerlöschanlage, insbesondere eine Sprinkleranlage, nicht erforderlich ist.

Normen für die Praxis

Normen erleichtern ihren Anwendern die fachliche Verständigung, helfen zu überzeugen, geben Anforderungen der Nutzer eine hohe Legitimation und vermitteln zuverlässige Informationen. Auch die neuen nationalen und internationalen Standards können und sollen in diesem Sinne die vielfältigen Kommunikations- und Argumentationsprozesse bei der Planung und Einrichtung von Archiven in allen Phasen unterstützen. Sie werden sich allerdings vor allem in der Praxis bewähren und nachweisen müssen, dass sie ihren hohen Preis wert sind. Dass dazu weiterhin eine intensive fachliche Diskussion ihrer zahlreichen Vorgaben und Empfehlungen in der Archivcommunity erfolgt, wäre ganz im Sinne des Autors.

Glauert Mario 2018

Mario Glauert

Geboren 1969 und aufgewachsen in Berlin. Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Freien Universität Berlin, nach der Promotion Archivreferendariat am Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin und an der Archivschule Marburg. Seit 2006 Abteilungsleiter und ständiger Vertreter des Direktors am Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Auch als Honorarprofessor am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam seit vielen Jahren beschäftigt mit den Themen Bestandserhaltung, Archivbau, Archivmanagement und Digitalisierung. Vorsitzender des DIN Normenausschuss Information und Dokumentation (NID).

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Mit der ISO 11799, der DIN 67700 und der EN 16893 liegen drei neue Normen zur Planung von Archiven und zu den Anforderungen an ihre Magazine vor. Sie können die vielfältigen Kommunikations- und Argumentationsprozesse beim Bau und der Einrichtung von Archiven in allen Phasen unterstützen. Die neuen Normen unterscheiden sich in ihrem Anwendungsbereich und können daher künftig ergänzend genutzt werden. Allerdings erschwert die Vielzahl der Standards und Regelungen zweifellos auch eine schnelle Orientierung. Der Artikel gibt einen kurzen Überblick über die neuen Normen zum Archivbau.

Avec ISO 11799, DIN 67700 et EN 16893, il existe maintenant trois nouvelles normes pour la planification d'archives et pour les exigences de leurs espaces de conservation. Ces normes peuvent soutenir et aider aux divers processus de communication et d'argumentation pendant toutes les étapes de la construction et de l’installation d'archives. Les nouvelles normes diffèrent par leur domaine d'application et peuvent donc être utilisées à l'avenir de manière complémentaire. Cependant, la multitude de normes et de réglementations rend une orientation rapide encore plus difficile. L'article donne un bref aperçu des nouvelles normes pour la construction d'archives.