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2010/3 Das Erbe Gutenberg virtualisiert sich! E-Books et al.

Lesen statt labern Literatur auf dem Handy

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Handyliteratur erfreut sich in Japan grosser Beliebtheit. Auch in Europa gibt es immer mehr Handyromane und mobile Gedichte. Oliver Bendel ist selbst Autor von Handyliteratur und beschäftigt sich wissenschaftlich damit.

Japans Jugend liebt Handyliteratur. Sie liest sie, und sie schreibt sie auch. Die «mobairu shousetsu» (Romane für das Handy) und «keitai shousetsu» (Handyromane im engeren Sinne) haben es zu erstaunlichen Verkaufszahlen gebrachtVgl. Coulmas, Florian: Handy verrückt. In: ZEIT Online. Über http://www.zeit.de/2008/21/III-Gesellschaft_-Japanhandys. Hamburg, 15. Mai 2008..

Sie werden über das World Wide Web und mobile Dienste vertrieben und – wenn die Nachfrage stimmt – gedruckt. Es gibt spezialisierte Anbieter und Verlage, und es engagieren sich traditionelle Unternehmen in dem lukrativen Geschäft. 2007 waren mehrere Handyromane unter den Top-10-Bestsellern. An diesen Erfolg konnte man in den Folgejahren nicht mehr anknüpfenVgl. Muschg, Konrad: Wolf Boy x Natural Girl. In: NZZ Folio, 5/2010. S. 50–53..Allerdings ist aus literarischer Sicht nicht die Masse, sondern die Klasse entscheidend. Und vielleicht entsteht diese nun ausgerechnet im Rest der Welt. In Deutschland, in Südafrika, in den USA und in anderen Ländern werden ebenfalls fleissig Handyromane produziert. Und es fällt auf, dass dort Erwachsene den Ton angeben, die Themen vielfältiger erscheinen und das Experiment eine wichtige Rolle spielt.

Die deutschsprachigen Medien verfolgen den Trend mehr oder weniger aufmerksamÜber die Handyromane und Handyhaikus des Verfassers sind über 80 Beiträge erschienen. Vgl. Jolmes, Johannes: Der Daumen-Roman. In: ZEIT Online. Hamburg, 13. März 2009. Vgl. weiter Lessmeister, Daniel; Adrian, Doro: Cooler lesen mit dem Handy. Film auf ZDF Online. Stuttgart, 7. Februar 2009; sowie Schmidhuber, Eva: Lyrik nicht nur fürs Mobiltelefon. Radiobeitrag in «digital leben», OE1 (ORF). Wien, 16. Juni 2010..Zeitungen wie «ZEIT», «Südkurier» und «Südwest Presse» sind seit Jahren vorne dabei in der Berichterstattung, ebenso die kulturell oder technisch interessierten Fernseh- und Radiosender, etwa WDR, ORF oder SF1. Andere Medien haben die Veränderungen noch nicht realisiert oder widmen sich lieber den Geräten als den Inhalten. Ähnlich verhält es sich in der Fachwelt. Das Standardwerk «Die Struktur der modernen Literatur» von Mario Andreotti geht auf das Phänomen einVgl. Andreotti, Mario: Die Struktur der modernen Literatur: Neue Wege in der Textinterpretation. 4., vollst. neu bearb. und akt. Aufl. Bern 2009. S. 401.. Erste Abschlussarbeiten und Fachartikel sind erhältlichVgl. Ricart Brede, Julia: Handybücher: Literatur von und für die Daumen-Generation. In: Literatur im Unterricht, 2/2009, Juli 2009. S. 119–128. Vgl. weiter Mauermann, Johanna: Das Phänomen Handyroman in der zeitgenössischen japanischen Literatur. Magisterarbeit an der J.W. Goethe-Universität. J.W. Goethe-Universität. Frankfurt 2009.. Ansonsten herrscht ein Schweigen, das unterschiedlich gedeutet werden kann.

«Richtige» Handyliteratur berücksichtigt die Möglichkeiten des mobilen Geräts. Es wäre zu einfach, von Be- und Einschränkungen zu sprechen. Zum einen gibt es nicht nur das Display, nicht nur die kleinformatigen Seiten, sondern auch Hyperlinks und mannigfaltige multimediale Möglichkeiten.

Zum anderen kann sich aus einer scheinbaren Beschränkung – wie bei Haikus – eine enorme Vielfalt und Komplexität entwickeln. Die Plots von Handyromanen sind meistens temporeich und schräg und in Japan bestimmt von Liebe und Leidenschaft. Technische Gegebenheiten und veränderte Produktionsbedingungen haben neue literarische Formen entstehen lassen. So sind kurze, einfache Sätze typisch. Dialoge werden eher vermieden oder auf das Wesentliche beschränkt. Handyromane stellen nicht einfach eine Unterkategorie von E-Books dar, sondern ein eigenes Genre. Die Autoren sind in der Regel literarische Aussenseiter oder – wie angedeutet – jugendliche Talente, in Japan insbesondere Mädchen.

Der Verfasser dieses Beitrags ist seit 2007 leidenschaftlicher Autor von HandyromanenEnde 2007 wurde «Lucy Luder und der Mord im studiVZ» im Web veröffentlicht. 2008 brachte die Blackbetty Mobilmedia GmbH – nachdem bereits die cosmoblonde GmbH einen Versuchsballon gestartet hatte – «Lucy Luder und der Mord im studiVZ» und «Lucy Luder und die Hand des Professors» als Handyromane heraus, Anfang 2009 «lonelyboy18» und den ersten Teil von «Handygirl», Ende 2009 den zweiten Teil von «Handygirl», Anfang 2010 den dritten. Die Handyromane werden über www.mobilebooks.com beworben und über einen Premium-SMS-Dienst in Deutschland und Österreich vertrieben. Sie kommen als Java-Anwendung oder in speziellen Formaten auf das Handy und kosten jeweils 1,99 bis 2,99 Euro.. Er kennt die Tradition, geht aber einen eigenen Weg. Der europäische Handyroman wird vielleicht vielschichtiger, raffinierter sein, weniger Kommunikation zwischen Mädchen, mehr Spiel mit der Information zwischen Jungen und Alten. Die Serien des Verfassers sind reich an Andeutungen und Verweisen. In den Detektivromanen um die Studentin Lucy Luder aka Lulu finden sich vereinzelte Links und Wikipedia-Zitate, in den Abenteuern mit dem Avatar Handygirl aka H-Girl Emoticons und ASCII-Art – und fremdsprachliche Wörter samt primitiver Lautschrift. Das Medium des Handys kann im besten Sinne des Wortes ausgenutzt werden. Literatur könnte sogar, so wie es in der bildenden Kunst passiert ist, zur Aktionskunst werden. Sie bewegt sich mit dem Lesenden durch den Raum und interagiert mit diesem.

Während sich Erzählungen und Romane bestens für die Darstellung auf dem Handy eignen, ist es mit Gedichten schwieriger. Mit Ausnahme der Haikus, die wie geschaffen sind für das mobile Lesen, Schreiben und Versenden. Der Verfasser hat 2010 bei Blackbetty ein Handybuch mit solchen Kurzgedichten herausgebracht. Ein gedrucktes Buch mit Haikus – die künstliche Wesen wie Handygirl behandeln – ist beim Hamburger Haiku Verlag herausgekommen. Zusätzlich zum normalen Text sind QR-Codes verfügbar, über die man die Lyrik auf das Handy «beamen» kann. Auch die Twitterer mögen Kurzgedichte und Haikus und nutzen ihr Medium zur Verbreitung. Web und mobiles Netz haben längst zu einer Renaissance der Lyrik beigetragen.

Inzwischen arbeiten mehrere Autoren im deutschsprachigen Raum daran, aus Labertaschen Leseratten zu machen. Und manche lassen sich etwas Neues einfallen, wie Wolfgang Hohlbein mit seiner interaktiven WYRM- Serie. Der Verfasser des vorliegenden Beitrags hat im Sommer 2010 den dritten Band der Lucy-Luder-Serie abgeschlossen, in den das Cabaret Voltaire in Zürich investiert hat. Das ist Product Placement, und es muss offen diskutiert werden, was in diesem Bereich bereits an der Tagesordnung ist. Dada ist sicherlich eine Bereicherung – aber will man Bücher lesen, in die sich Google und McDonald’s eingekauft haben?Konkret geht es u.a. um ein Gedicht von Richard Huelsenbeck. Der Verfasser tritt selbst in dem Roman auf und beklagt sich bei der Heldin darüber, dass er diesen Text einbauen muss. Oder aus denen heraus auf diese Unternehmen verlinkt wird? Weder Handyromane noch Romane im Allgemeinen sollten zum Spielball von Interessen und zum Fast Food werden. Der Verfasser plant weiterhin Serien, die in Zusammenarbeit mit jungen Talenten entstehen. Gerade wird der erste Mundarthandyroman von einer jungen Luzernerin geschrieben, und wenn alles klappt, zischt bald die türkische Superheldin «Süpergül» durch die Lüfte, zum Leben erweckt von einem deutschen Mädchen mit türkischen WurzelnSpeziell in der Schweiz bietet sich die Verbreitung von Mundarthandyromanen an. Der Verfasser hat ein entsprechendes Projekt im Frühjahr 2010 lanciert. Vgl. Salathé, Nicole: Epik in der Hosentasche – der Handyroman empfiehlt sich als neues literarisches Genre. Film im Schweizer Fernsehen (SF1, Kulturplatz). Zürich, 14. April 2010.. Vielfalt also statt Einfalt, im mehrfachen Sinne.

In Bezug auf die weitere Entwicklung soll Andreotti das letzte Wort gehören: «Dass der Handy-Roman, der vor allem in Japan seit Jahren boomt, auch im deutschsprachigen Raum, schon der zahllosen Handynutzer wegen, eine Zukunft hat, lässt sich kaum bezweifeln. Mobile Literatur für den modernen Globetrotter scheint ein Bedürfnis zu sein. Dazu kommt, dass der Handy-Roman Experimente ... zulässt, wodurch er der Literatur ... zweifellos neue Impulse zu geben vermag.»

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Oliver Bendel

Professor, Institut für Wirtschaftsinformatik, FHNW, Basel

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La lecture sur portable est particulièrement prisée au Japon. Il existe des fournisseurs et des éditeurs spécialisés, tandis que des éditeurs traditionnels s’engagent eux aussi dans ce commerce lucratif. En Europe également, on constate qu’il y a toujours plus de romans de ce type et de poésies «mobiles». Oliver Bendel est lui-même auteur de textes de ce genre et étudie parallèlement la question d’un point de vue scientifique. L’auteur de cet article est en effet, depuis 2007, rédacteur passionné de romans pour portable. Il connaît la tradition, mais suit sa propre voie. Tandis que les histoires et les romans conviennent tout à fait à la lecture sur portable, la poésie est plus difficile à présenter. Actuellement, plusieurs auteurs se penchent en outre sur les romans NATEL, notamment dans les régions germanophones. Il n’y a pas de doute que ce type de littérature a un bel avenir devant lui: il connaît un véritable boom au Japon, et l’engouement est perceptible dans les régions germanophones, où les utilisateurs de téléphones portables sont légion. La littérature sur portable pour les globe-trotters modernes semble être un véritable besoin.