Kommentare Abstract
2024/ Entrée 179853

Podiumsdiskussion

Kommentare Abstract

An der VSA-Tagung 2024 folgte auf die vier Fachbeiträge eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen am Archivzugang involvierten Stakeholdern. Der folgende Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die wichtigsten Diskussionspunkte.

Zu Beginn der von Daniel Nehrlich (Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich) moderierten Diskussion erhielten alle Teilnehmenden fünf Minuten Zeit, ihren Standpunkt darzulegen. Den Auftakt machte die Zeithistorikerin Monika Dommann (Universität Zürich). Sie plädierte für einen uneingeschränkten Archivzugang für Forschende, die im Gegenzug den Datenschutz zu gewährleisten hätte. Für Letzteres sei aber nicht zuletzt eine technische Aufrüstung der Universitäten notwendig, um eine sichere Speicherung sensibler Daten zu gewährleisten. Einen temporären Zugang etwa im Rahmen eines für Forschungsprojekts lehnte Dommann ab, da er dem Prinzip der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit widerspräche. Als Zweite sprach mit Fabienne Lutz Studer (Staatsarchiv Wallis) eine Vertreterin der Staatsarchive. Sie stehe einem Forschungsprivileg kritisch gegenüber und plädiere für einen gleichen Archivzugang für alle. Sodann warf Lutz Studer die Frage in den Raum, ob nicht aus einer Mücke ein Elefant gemacht würde, würden doch nur sehr wenige Gesuche auf Akteneinsicht abgelehnt (im Staatsarchiv Wallis wurden in den letzten zwölf Jahren nur zwei von 200 eingereichten Gesuchen abgelehnt.) Möglicherweise gäbe es mehr abgelehnte Gesuchte in kleineren Archiven ohne juristischen Beistand, die Gesuch eher aus Übervorsicht ablehnten. Dass der extrem fragmentierte und unvollständige gesetzlichen Rahmen unweigerlich Unsicherheit in der alltäglichen Auslegung der Normen mitsichbringe, dem pflichtete auch der Jurist Bertil Cottier (Università de la Svizzera Italiana) bei. Teilweise brächten Bundesgerichtsentscheide etwas mehr Sicherheit. Um dem Problem jedoch nachhaltig zu begegnen, brauche es hingegen genauere Gesetze, welche u.a. genaue Kriterien für die Freigabe von Akten wnthielten. Niel Viggo Haueter (Swiss Re) sprach aus dem Blickwinkel eines Firmenarchivars und erinnerte, dass insbesondere international vernetzte Firmen bei der Herausgabe ihrer Akten die Gesetzgebung anderer Staaten wie etwa der USA im Blick behalten müssten. Als letzter legten der Historiker Sacha Zala (SGG/SSH) seinen Standpunkt dar. Er wiederholte, dass die SGG kein Forschungsmonopol fordere, sondern vielmehr die Prüfung des Zweckes, wobei der Forschungszweck ein guter Grund für ein Einsichtsgesuch sei. Auch Zala betonte, dass die Forschenden im Gegenzug in die Pflicht genommen werden müssten, den Datenschutz einzuhalten. Weiter wies Zala darauf hin, dass es keine absolute Kontrolle gäbe: Die Informationen seien meist nicht nur in einer Quelle überliefert. Zuletzt gab Zala zu bedenken, dass es gerade mit Blick auf die Digitalisierung neue technische Möglichkeiten des Datenschutzes gäbe, weshalb nicht immer eine absolute Schutzfrist von 120 Jahren notwendig sei.

Auf die Darlegung dieser Standpunkte wurde die Diskussion geöffnet, wobei allerdings weniger ein Dialog zustande kam, als eher nochmals die eigenen Standpunkte geklärt bzw. ergänzt wurden. Dommann forderte nochmals ein Forschungsprivileg ein, da die Einbindung der Forschenden in eine Institution bereits ein Garant für eine datenschutzkonforme Herangehensweise sei, weil es in den Projekten meist nicht um den Einzelfall gehe. Lutz Studer sprach sich eher gegen ein Forschungsprivileg aus und forderte vielmehr den gleichen Zugang für alle, wobei es nicht die Aufgabe der Archive sei, zu schauen, was mit den Daten geschehe, sondern dass der Datenschutz vielmehr Pflicht der Einsehenden sei. Cottier warf ein, dass die aktuelle Diskussion bald um einen weiteren Akteur erweitert werden müsse: die künstliche Intelligenz (KI). Zala betonte seinerseits, dass die Schutzfristen die Forschung nicht verunmöglichen sollten, sondern da zu schützen haben, wo es notwendig ist. Er wies auch darauf hin, dass der Rechtsweg aus Kostengründen für Forschende keine Option sei und dass viele Akten heute unrechtmässig nicht zugänglich seien. Daraufhin wurde auf dem Saal eingeworfen, dass gerade aufgrund der (Retro)Digitalisierung Archivgut heute so einfach zugänglich war wie noch nie zuvor. Die aktuelle Diskussion um den Archivzugang dürfe das Bild also nicht verzerren. Zala erwiderte darauf, dass es wichtig sei, in den Katalogen sehen zu können, was sichtbar sei und was eben nicht, um die Forschungsresultate nicht zu verfälschen. Abschliessend hielt Cottier fest, dass die Diskussion weniger mit Etiketten und fixen Rollen arbeiten sollte, sondern dass es darum gehe, Grenzen zu überwinden, um das Recht am Zugang allen sicherzustellen und zugleich zu gewährleisten, dass niemand zu Schaden kommt.

Im Anschluss an die Diskussion zog Martin Akeret (UZH Archiv) ein kurzen Fazit, in dem er neben einer Zusammenfassung der Tagung auch resümierte, dass nicht nur der Dialog mit den Juristen intensiviert werden müsste, sondern dass auch der Dialog mit einem Akteur gesucht werden müsse, der heute nicht vertreten gewesen sei: die Politik. Er legte nahe, dass die anwesenden Akteure ihren Standpunkt bzw. ihren gemeinsamen Nenner stärker gemeinsam gegenüber der Politik vertreten müssten.

Ackermann Nadja

Nadja Ackermann

Nadja Ackermann studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Bern, wo sie 2019 promovierte. 2023/2024 absolvierte sie den CAS "Digitale Trends in den Informationswissenschaften" an der Fachhochschule Graubünden (FHGR). Seit 2020 ist Nadja Ackermannwissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Privatarchive in der Burgerbibliothek Bern, wo sie für die Firmenarchive zuständig ist. Seit 2024 ist sie Redaktionsmitglied von arbido.

Abstract

Auf die vier Vorträge der VSA-Fachtagung 2024 folgte eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen am Archivzugang involvierten Stakeholdern. Der folgende Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die Diskussionsinhalte.

Les quatre conférences du colloque 2024 ont été suivies d'une table ronde avec des représentants des différentes parties prenantes impliquées dans l'accès aux archives. L'article suivant donne un bref aperçu du contenu de la discussion.