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2015/4 Kompetenzen

«Bürger-Archivar» oder polykompetente Informationswissenschafterinnen?

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Der Beruf des Archivars unterliegt im Sog allgemeiner Entwicklungen einem ständigen, sich beschleunigendem Wandel. Was macht heute das spezifisch Archivische aus? Wird es diesen Beruf in Zukunft noch brauchen? Die vorweggenommene Antwort: Jein – es wird die Funktion noch brauchen, auch wenn der Beruf ganz anders aussehen wird, als wir ihn heute kennen! Der helvetische Begriff des «Bürger-Archivars» und die aktuelle Bezeichnung der Informationswissenschafterin spannen also sowohl einen Bogen der Entwicklung als sie auch gleichzeitig zwei Pole in einem Spannungsfeld bezeichnen?

Archivierung als spezialisierte Tätigkeit

Die Tätigkeit von Archivaren wird in der Regel als Bündel von Aufgaben zur Bearbeitung von Informationen umschrieben, welche medienneutral und formatunabhängig wahrgenommen werden müssen und sich über den ganzen Zyklus eines Informationslebens erstrecken.1 Die Aufgaben verändern sich ständig: Der digital turn ist, nach dem audiovisual turn, seit langem prägend. Stichworte zur Charakterisierung der Umfeldveränderungen sind dazu beispielsweise E-Government und digital humanities.

Archivierung ist strukturell ein Wachstumsfeld. Nicht nur die Bestände wachsen laufend, sondern auch neue Informationstypen und -medien kommen zu den traditionellen dazu, ohne diese abzulösen oder zu ersetzen. Das gilt ebenfalls für neue Fachkompetenzen, welche die herkömmlichen nicht vollständig obsolet werden lassen. Parallel zu den Veränderungen der Aufgaben mutierten auch die Stakeholder der Archive zu prosumern, welche Archivgut nicht entweder produzieren oder konsumieren, sondern es gleichzeitig produzieren und als Datensammlung nutzen und weiterentwickeln.2

Archivierung als qualifizierte Tätigkeit

Ansätze zu einer professionellen Ausbildung zur Archivarin gibt es in der Schweiz erst seit den 1970er Jahren, als der VSA seine Bildungskommission geschaffen und den ersten Einführungskurs durchgeführt hatte. Wirklich professionelle Ausbildungsangebote folgten in den 1990er Jahren mit dem umfassenden I+D-Ausbildungsangebot mit Berufslehre, Bachelor- und Masterlehrgängen an den Fachhochschulen und universitären advanced Masters-Studien.3 Dies war die Konsequenz aus der Einsicht, dass «[e]in bisschen Selbststudium und Fachlektüre nach einem Geschichtsstudium [...] nicht mehr ausreichend für die Archivarbeit» sind.4 Vorher galt die Ausbildung als Historikerin und die Stellung als Verwaltungsbeamter – fast eine Webersche Verbindung von Fach- und Dienstwissen – als ausreichend.5 Die Inhalte dieser verschiedenen Lehrgänge sind vielfältig,6 die Archivthemen beschränken sich allerdings auf thematische Module, Praktika oder spezialisierende Vertiefungen. Die Absolventen der heutigen Ausbildungen heissen dann nicht Archivarin, sondern I+D- Assistent resp. heute Fachfrau Information und Dokumentation EFZ, I+D- Spezialist oder Informationswissenschafterin. Ihre Berufsaussichten werden allgemein positiv eingeschätzt, auch wenn die Anzahl Stellen in öffentlichen Archiven beschränkt ist. Allerdings zeichnet sich deutlich ab, dass viele Arbeiten im Archiv digitalisiert werden können. Das kann nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation und die Berufsausbildung bleiben. Trotzdem werden rund 7–10% der Absolventen der Fachhochschulen in Genf und Chur durch eine Anstellung in einem Archiv – zumindest vorübergehend – Archivarinnen.7

Braucht es künftig noch Archivare?

Ja! Archivierung ist eine wesentliche demokratisch-rechtsstaatliche Funktion. Sie stützt das Prinzip der Verantwortlichkeit und trägt massgeblich zur Gewährleistung der Rechenschaftsfähigkeit und zur Transparenz bei, indem sie Fragen zu Legalität und Legitimität staatlichen – oder anderen – Handelns auf solider Basis diskussionsfähig hält.

Diese Funktionalität kommt in der Anrede des helvetischen Nationalarchivars und direkten Vorläufers der Bundesarchivare als «Bürger Archivar» gut zum Ausdruck. Sie benennt ein wesentliches Charakteristikum dieses Amtes, seine doppelte Verantwortung gegenüber dem Dienstherrn einerseits und gegenüber der Gesellschaft andererseits. Denn Archivierung ist immer auch Machtausübung wie sich speziell in der Konstituierung der archivischen Überlieferung zeigt: «Archivierung bringt das Ereignis in gleichem Masse hervor, wie sie es aufzeichnet»;8 und sie definiert mit der Auswahl des Archivguts, «was gesagt werden kann», auf welcher Basis also vergangenes Handeln evaluiert und diskutiert werden kann.9 Diese doppelte Verantwortung muss uns heute Richtschnur unseres eigenen Tuns bleiben. Der funktionale Kern des Berufs lässt sich deshalb nicht als blosses Qualifikationsbündel oder Kompetenzpaket definieren, sondern nur durch diese hoch politische Haltung. 

Vom digital zum data turn: Professionalität in Entwicklung 

Das Berufsbild dagegen hat sich und wird sich weiter verändern. Viele Arbeiten werden in Zukunft automatisiert werden. Was im Archiv 4.0 noch Arbeit von Archivaren bleiben wird, ist schwierig zu prognostizieren. Allgemein wird geschätzt, dass 50 bis 80% der Arbeiten computerisiert werden können.10 Das war nicht gemeint, als anfangs der 1990er-Jahre vorausgesagt wurde, die «Informationstechnologien [würden] die archivische Arbeit [...] in einem heute noch kaum vorstellbaren Ausmass verändern». Das heute erreichte Ausmass an Veränderung wurde damals (verständlicherweise) grob unterschätzt.11 Zu lange versuchten Archivare, die IKT der Archivierung anzupassen, statt umgekehrt. Im Archiv 4.0 wird es darum gehen, smarte Anwendungen zu nutzen, um sowohl die Informationsproduzenten als auch Drittnutzerinnen intelligent in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Die anfängliche und lange einseitige Konzentration auf Fragen der Bewahrung des flüchtigen Digitalen sowie die Digitalisierung der Informationsproduktion hat diese Aspekte zu wenig sichtbar werden lassen. Erst die Auseinandersetzung mit den Veränderungen auf der Nutzungsseite hat das IT-indizierte Entwicklungspotenzial in einem grösseren Ausmass und mit seinen auf die Informationsproduktion zurückwirkenden Konsequenzen erkennen lassen. Tatsächlich sind heute Lateinkenntnisse von schwindender Bedeutung, während profunde IT-Kenntnisse und ein Verständnis für die Logik der IKT-Welt zentral geworden sind. Dies gilt speziell unter dem Aspekt, dass Archivgut als Datensammlung wahrgenommen und entsprechend ausgewertet wird. Nicht Informatiker sind zwingend die grossen Konkurrenten der Archivarinnen, sondern die Datenspezialisten. 

Zudem positionieren sich Archive neu im Lifecycle von Informationen. Sie wandeln sich damit von Orten sicherer Überlieferung zwischen Informationsproduktion und zeitverschobener späterer Auswertung zu Institutionen, welche Informationen immer mehr auch permanent und kontinuierlich zugänglich und verwertbar halten. Die herkömmliche Zwischenphase zuverlässiger aber ruhiger Lagerung verschwindet.

Angebotsseitig ist die Pflicht zur sogenannt nachhaltigen Verfügbarkeit beispielsweise bei Geo-Informationen ein Schritt hin zur ununterbrochenen Zugänglichkeit, nachfrageseitig zielt die Open-Data-Idee in die gleiche Richtung. Das unterstreicht die Infrastrukturleistung von Archiven in der Informations- oder Wissensgesellschaft. Mit Blick auf die Entwicklung staatlicher Funktionen geht es heute um die «Schaffung einer wissensbasierten Infrastruktur» als Massnahme gegen die negativen Folgen «nicht selbstverschuldeter Ignoranz». Diese neue staatliche Funktion führt eine Entwicklung fort, die mit der Errichtung des Gewaltmonopols zur Eindämmung der Folgen unkontrollierter physischer Gewaltausübung seit der frühen Neuzeit begonnen und mit den sozialpolitischen Massnahmen seit dem 19. Jahrhundert zur Milderung nicht individuell verschuldeter Armut weitergeführt worden ist.12 Hier werden Archivarinnen nicht nur herausgefordert, dazu können sie viel beitragen. Das verlangt aber noch mehr als bisher eine klare Abkehr von allem, was «Archive [...] konstitutiv unzugänglich» macht und einen Willen, am Wuchern staatlichen Wissens und an dessen Vernetzung mit anderem Wissen aktiv mitzuwirken.13 

Bild von Andreas Kellerhals

Andreas Kellerhals

Andreas Kellerhals ist seit dem 1. November 2004 Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs. Er hat Neuere Allgemeine Geschichte, Architekturgeschichte und Staatsrecht studiert. Er beschäftigt sich schwerpunktmässig mit Themen der digitalen Archivierung und des Informationsmanagements. Seine letzte Publikation hat sich mit der Zukunft des Archivs befasst: Kellerhals, Andreas, «Les Archives à l’ère de la société de l’information: entre tradition et modernité», in: Servais, Paul und Mirguet, Françoise, L’archive dans quinze ans: Vers de nouveaux fondements, Louvain, 2015.

  • 1 Vgl. die VSA-eigene Selbstbeschreibung (http://vsa-aas.ch/beruf/taetigkeiten/).
  • 2 Andreas Kellerhals, «Les Archives à l’ère de la société de l’information: entre tradition et modernité», in: Paul Servais, Françoise Mirguet (eds), L’archive dans quinze ans. Vers de nouveaux fondements, Louvain-la-Neuve 2015, p. 56-72.
  • 3 Überblick über die Aus- und Weiterbildungsangebote: http://vsa-aas.ch/wp-content/uploads/2015/06/vsa_bildungssystematik_2012-09-05_de.pdf.
  • 4 Regula Nebiker, «Archivische Aus- und Weiterbildung in der Schweiz», in: Gilbert Coutaz et.al., Archivpraxis in der Schweiz, Baden 2007, S. 231–249, Zitat S. 242.
  • 5 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976, S. 128.
  • 6 Zu den Ausbildungsvoraussetzungen vgl. http://www.berufsberatung.ch/dyn/1199.aspx?data=requirement&id=2917&searchsubmit=true&search=information+und+Dokumentation.
  • 7 Yolande Estermann Wiskott, Aurélie Roulet, Enquête sur l’insertion professionnelle des diplômés de la filière Information Documentaire, Diplômés 2008, 2009, 2010, Genf 2012, S. 14. Iris Capatt, Urs Dahinten, Absolventenbefragung 2010 Bachelorstudiengang Informationswissenschaft und Diplomstudiengang Information und Dokumentation der HTW Chur, Churer Schriften zur Informationswissenschaft 41, Chur 2010, S. 33.
  • 8 Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression, Berlin 1997, S. 35. Vgl. auch S. 15: «wirkliche Demokratisierung», bemisst sich «an der Partizipation am und dem Zugang zum Archiv, zu seiner Konstitution und zu seiner Interpretation».
  • 9 Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981, S. 187.
  • 10 Stefan Betschon, Ein neues Maschinenzeitalter, in: NZZ 21.8.2015, S. 57; Carl Benedikt Frey, Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation, Oxford 2013 (http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf ).
  • 11 Charles M. Dollar, Die Auswirkungen der Informationstechnologien auf archivische Prinzipien und Methoden, Marburg 1992, S. 1.
  • 12 Helmut Willke, «Die Steuerungsfunktion des Staates aus systemtheoretischer Sicht. Schritte zur Legitimierung einer wissensbasierten Infrastruktur», in: Dieter Grimm, Staatsaufgaben, Frankfurt/M 1996, S. 685-711.
  • 13 Cornelia Vismann, «Was weiss der Staat noch?» in: Peter Collin, Thomas Horstmann (Hg.), Das Wissen des Staates. Geschichte, Theorie und Praxis, Baden-Baden 2004, S. 41-45, Zitat S. 41.

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La profession d’archiviste est soumise à des changements en accélération constante. En particulier, les défis techniques sont grands et la transformation vers les e-archives ne peut pas être réalisée uniquement par l’adaptation des technologies de l’information aux archives ; elle exige également une adaptation des méthodes de travail de l’archiviste qui doit avoir des compétences spécialisées concernant les données et l’informatique. Cela nécessite des ajustements dans la formation des futurs spécialistes de l’information. Une attention particulière devrait être accordée aux possibilités de substitution du travail par l’informatisation des archives. Ce qui constitue le noyau de la profession? La fonction démocratique et constitutionnelle des archives, qui soutient le principe de responsabilité et contribue de manière significative à garantir le principe de la responsabilité et la transparence, enfin forme le noyau stable d’une compréhension professionnelle de soi-même. Le profil du métier lui-même va changer constamment sur la route aux archives 4.0. Les archives doivent ainsi participer à la construction d’une infrastructure de données et contribuer à l’accessibilité continue des informations sur le long terme.