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2015/3 GLAM und Wikimedia

Die Welt vor 70 Jahren gehört uns! Public Domain made in Switzerland

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Das Dock18 Institut für Medienkulturen hat 2009 begonnen, sich mit dem Thema Public Domain zu beschäftigen. Daraus ist eine Reihe von Veranstaltungen und Projekten in Zusammenarbeit mit Ausstellungsräumen und Archiven entstanden. Wir beschreiben in diesem Artikel mögliche Abläufe der Wiederentdeckung und Nutzung von Werken aus dem Public Domain. Die Reise führt von der Möglichkeit eines gänzlich neuen Umgangs mit kulturellen Werken, über individualisierte jahresbasierte Kunstgeschichten, bis zur Neubearbeitung von gemeinfreien Werken mittels zeitgenössischen digitalen und analogen Tools und deren Vermittlung.

Veränderung des Kulturbegriffs durch Gemeinfreiheit

Grundsätzlich zielt unser Projekt Re:Public Domain auf eine Veränderung und Erweiterung des Umgangs mit kulturellen Werken und tangiert sämtliche inhaltliche wie auch technologische und politische Fragestellungen der Kulturproduktion. Zu oft fokussieren die Kulturkonsumenten ihre Aufmerksamkeit auf die aktuellsten Entwicklungen und Moden, die Bestsellerlisten, den Kanon von Klassikern oder auf die neuesten Filmproduktionen aus den üblichen Produktionswerkstätten. Das Publikum wird primär als Kulturkonsumenten betrachtet, nicht aber als gleichberechtigte Teilnehmer in einem kulturellen Prozess. Es zählt, was neu oder etabliert ist und als Original konsumiert wird.

Dabei bietet die Vergangenheit ein viel grösseres Spektrum von kulturellen Werken, die ohne Restriktionen frei verwendet werden dürfen. Ein enormer Fundus von gemeinfreien Werken wartet darauf entdeckt zu werden. Dazu muss man häufig inspirieren, denn die verstaubten Werke der vor 70 Jahren verstorbenen Künstler sind vielfach vergessen und ignoriert.

Der Fundus an gemeinfreien Werken wächst jeden 1. Januar eines jeden Jahres. Gemeinfrei sind mittlerweile beispielsweise die Malereien und Zeichnungen von Erich Wendelstein, Paul Klee, Fritz Baumann und Sophie Taeuber-Arp, alle Bücher von Maria Waser und Stefan Zweig sowie überhaupt sämtliche Songs von Jelly Roll Morton, die Filme von Walther Ruttman, und die Comics von e.o.plauen. Ach ja, da wäre noch das gesamte fotografische Werk von Tina Modotti und Walter Mittelholzer. Das sind nur einige Autorinnen und Autoren aus unserer Liste von über 300 bekannten und unbekannten Künstlerinnen und Künstlern, die zwischen 1938 und 1944 gestorben sind, und im Rahmen unseres Projekts Re:Public Domain wieder genutzt wurden.

Für Museen und Archive steckt hier ein enormes Potential. Die Nachfrage nach digitalen Public-Domain-Werken wird in Zukunft steigen. Erste Museen, Bibliotheken und Archive haben schon darauf reagiert und ihre Werke proaktiv zur Verfügung gestellt. Paradebeispiel ist das niederländische Rijksmuseum, das über hunderttausend gemeinfreie Bilder von Kunstwerken zur freien Weiterverwendung hochaufgelöst zur Verfügung stellt.

Individualisierte jahresbasierte Kunstgeschichten

Die kulturellen Werke von vor 70 Jahren auszugraben, haben wir zum Ausgangspunkt unserer Reise gemacht. Wir lassen uns von unserer Neugier treiben und suchen mit den einschlägigen Hilfsmitteln. Wir durchforsten das Lexikon zur Schweizer Kunst Sikart, das Historische Lexikon der Schweiz und natürlich die Wikipedia. Beim Besuch von Archiven und Museen entdeckt das geschärfte Auge per Zufall bisher unbekannte Namen. Da tun sich völlig neue Welten auf.

Unser Interesse gilt nicht dem Kunststil, dem Land oder dem Lebensmilieu, sondern einfach dem Todesjahr. Durch die kombinierte Sicht auf eine Vielzahl von verschiedenen Künstlerinnen und Künstler eines Jahrgangs entdecken wir neue Zusammenhänge. Die Beziehung von Musik, Bild, Text, Film, Skulptur und Architektur eines Jahrgangs erscheinen uns heute interessanter als die lineare Entwicklung des Werkkatalogs einzelner Künstlerinnen. Wir erzählen neue, jahresbasierte Kunst-Geschichten.

Aneignung durch zeitgenössische Tools

Wenn die Werke digital vor uns liegen, gefunden in irgendeiner Datenbank, einem Archiv oder auf einer Webseite, dann stellt sich für uns die eigentliche Frage: Wie eignen wir uns die zum Teil längst vergessenen Werke wieder an?

Zeitgenössische Künstler sollen helfen! Die Kunstschaffenden waren immer auch Technologieproduzentinnen und bauen sich seit Jahrhunderten ihre Werkzeuge selbst. Die Besonderheit vieler Werke entsteht gerade erst aus besonderen Kombinationen von Werkzeug und Inhalt. Künstlerische Tools und Gestaltungsstrategien dienten immer schon als Schlüssel, die Inhalte der Gesellschaft interpretieren zu können. Es gilt neue Zugänge zu den gemeinfreien Werken unserer Welt zu entdecken, wobei jeder sich die Werke selbst aneignen muss.

Die Werke müssen nicht immer originalgetreu gelesen werden, in Verbindung mit Angst vor Berührungen. Die maschinelle Bearbeitung von Werken macht aus den Originalen zwar nicht bessere Kunst, sie werden dadurch auch nicht lesbarer oder verständlicher. Nur die Bedeutung und der Kontext ändern sich grundsätzlich und fundamental.

Die Dinge ändern sich, neue Zugänge werden geschaffen, in einer Zeit der umkämpften Aufmerksamkeit und über die originalen Werke hinaus ergeben sich neue Bedeutungen: umdrehen, umkehren, verkehrt lesen, auf den Kopf stellen, von hinten beginnen oder sogar an beliebigen Stellen einsetzen. Indem alles auf den Kopf gestellt wird, bleibt nichts wie es war. Die Umkehrung dient als gestalterisches Prinzip! Kreative Weiterbearbeitung und unendliche Kombinationsmöglichkeiten von Film, Bild, Text und Musik sind dank der Digitalisierung möglich geworden. Menschen und Maschinen werden vorgestellt, die entsprechende Techniken entwickeln oder derartige Prozesse ausführen. 2012 erschien die Produktion «Ulysses MP3 Player in der D18 Edition». 24 Künstler vertonten den maschinell übersetzten, veränderten und gesprochenen Ulysses von James Joyce. Die 18 Stunden sind in einer Edition von 72 Stück erhältlich, zusammen mit einer Totenmaske von James Joyce –dreidimensional erfasst, in Kunststoff gedruckt – die als skulpturale Grabbeigabe dient.

Der Zürcher Künstler Claudio Zopfi hat eine App für Smartphones geschrieben, die es erlaubt, das Stück «Madonna du bist schöner als der Sonnenschein» von Robert Katscher auf Basis von Samples neu zu spielen und zusammen zu setzen. Die Figur «Die Badende» von Hans Hippele wurde vom Fablab Zürich gescannt und kann seither frei verändert und mit einem 3-D-Drucker gedruckt werden. Der Schweizer Autor Friedrich Glauser fand durch Social Media Tools neue Möglichkeiten mit seinem Publikum in Kontakt zu treten und berät seither Krimiautoren in aller Welt.

Wir haben über die Jahre nahezu 100 Gestaltungs- und Remixtechniken für gemeinfreie Werke gefunden, teilweise ausprobiert und zu einem Katalog zusammengestellt. Bibliotheken, Archive und Museen bieten sich also unzählige Möglichkeiten, ihren Bestand kreativ nutzen zu lassen. «Don’t touch!» gehört damit der Vergangenheit an und erhält heutzutage eine ganz neue Bedeutung.

Vermittlung und Bewusstseinsbildung

Ein wesentlicher Teil ist die Vermittlung der genutzten gemeinfreien Werke an die Öffentlichkeit. Diese ist sich meistens gar nicht bewusst, dass sie gemeinfreie Werke nutzen darf. Künstler und Konsumenten sind hier sichtlich verunsichert. Unsere Haltung ist: Alles wird längerfristig gemeinfrei und Urheberrechte sind die Ausnahme. Wer es genauer wissen will, dem empfehlen wir die FAQs auf der Webseite des Instituts für geistiges Eigentum (Eidgenössisches Institut für Geistiges Eigentum, https://www.ige.ch/).

Wir bemühen uns im Rahmen von lustvollen Veranstaltungen Zugänge zu den gemeinfreien Werken zu schaffen. Von 2009 bis 2012 führten wir unter anderem im Cabaret Voltaire in Zürich einen generationenübergreifenden Brunch am 1. Januar durch und begrüssten die neu gemeinfreien Werke, indem wir Collagen und Stop-Motion-Filme erstellten, Karaoke sangen oder Kasperlitheater nachspielten.

2013 führten wir erstmals unter dem Namen Re:Public Domain Veranstaltungen mit Ausstellungen in Aarau, Genf, Zürich und Bern durch. Das Publikum erlebte verschiedene zeitgenössische Bearbeitungen und war angesprochen, das künstlerischen Format selber zu nutzen, durch Siebdruckstation, eine Schreibstube für Väter, einen Remixwettbewerb sowie mit interaktiven Installationen, Filmvertonungen, Performances oder 3-D-Prints. Originale wurden neben den Bearbeitungen und den genutzten Tools gezeigt.

2015 haben wir uns zum Ziel gesetzt, ein Spiel zu entwickeln, welches Public-Domain-Inhalte, Werke und neue Tools zusammen bringt und in ihrer ganzen Fülle übersichtlich macht. Immer wieder veranstalten wir im Dock18 Screenings mit Filmen, Bildern, Musik und anderen Materialien aus dem Public Domain.

Archive, Museen und Bibliotheken sind herzlich eingeladen mitzumachen, Werke zur Verfügung zu stellen und Kunstschaffende einzuladen oder sogar zu beauftragen, mit ihren Tools neue Werke zu erstellen. Gerne helfen wir dabei mit Workshops, Ideen und neuen Tools zur Verarbeitung und Überarbeitung von gemeinfreien Werken. Die Welt vor 70 Jahren gehört uns allen!

Hinweis Neuerscheinung:

Landwehr, Dominik (Hrsg.), Public Domain, Reihe «Edition Digital Culture», Basel, Christoph Merian Verlag, 2015. Mit Beiträgen von Daniel Boos, Leonhard Dobusch, Villö Huszai, Mario Purkathofer, Merete Sanderhoff, Martin Steiger, Wolfgang Ullrich.

70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers werden dessen Werke zu öffentlichem geistigem Eigentum, sie sind gemeinfrei und gehören somit dem Publikum. Damit sind nicht nur mittelalterliche Texte, sondern auch Bücher und Werke aus dem 20. Jahrhundert frei. Die Digitalisierung hat dem Umgang mit diesen Werken zu einer neuen Dynamik verholfen. Public Domain ist für Museen, Bibliotheken, Archive und Galerien eine Herausforderung, aber auch eine Chance für den ganzen kulturellen Sektor.

Im Buch werden die urheberrechtlichen Grundlagen von Public Domain erklärt und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung im Alltag der Kulturinstitutionen diskutiert. Breiten Raum nimmt das Thema Remix ein, das in Theorie und Praxis dargestellt wird. Das Buch erscheint im Oktober 2015.

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Mario Purkathofer

Mario Purkathofer (rechts) ist kreativer Leiter im Dock18 Institut für Medienkulturen der Welt. Er studierte in Linz, Graz, Berlin und Zürich Bildhauerei, Kunst und Neue Medien. Er unterrichtet als Fachlehrer für Informatik und Projektunterricht an der freien katholischen Schule in Zürich.

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Daniel Boos

Dr. Daniel Boos beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema gemeinfreier Werke und offenen Werken. Er ist Mitgründer der Digitalen Allmend. Hauptberuflich beschäftigt er sich mit dem Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeit und wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte.

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L’institut Dock18 pour la culture de masse a commencé en 2009 à s’intéresser à la thématique du domaine public. De là est né toute une série d’événements et de projets en collaboration avec des espaces d’exposition et d’archives. Dans cet article, nous décrivons les possibilités de redécouverte et d’utilisation d’oeuvres du domaine public, à partir d’une approche tout à fait nouvelle du traitement des oeuvres
culturelles, à travers des histoires d’art individualisées, jusqu’à la reprise d’oeuvres du domaine public au moyen des outils numériques actuels et enfin leur communication.