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2014/2 Zur Erschliessung von AV-Medien - Le catalogage des médias audiovisuels

Experten erschliessen die Swissair-Bilder!

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Hilfe von ausserhalb bei der Erschliessung ist in Archiven keine Neuigkeit. Neu ist hingegen, dass im Zeitalter von Internet und Web 2.0 neue Kooperations- und Arbeitsformen mit Experten und interessierten Laien möglich werden. Dies nennt sich Crowdsourcing und wird derzeit stark diskutiert. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek hat Erfahrung mit einem konkreten Crowdsourcing-Projekt. Ehemalige Swissair-Mitarbeitende halfen während vier Jahren ehrenamtlich mit, rund 40 000 Bilder des Fotoarchivs der Swissair online zu erschliessen. Anpassungen im Erschliessungsworkflow sowie Chancen und Grenzen des Crowdsourcing werden im folgenden Artikel diskutiert.

Ausgangslage

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek besitzt mit rund 2 Millionen Fotografien und anderen Bilddokumenten aus der Zeit zwischen 1860 und eines der grössten historischen Bildarchive der Schweiz. Im Jahr 2009 übernahm die ETH-Bibliothek das Fotoarchiv der ehemaligen nationalen Fluggesellschaft Swissair von der damaligen Besitzerin, der Stiftung Luftbild Schweiz. Das Swissair-Fotoarchiv besteht aus rund 220 000 Fotografien (unterschiedliche Formate und Träger) und deckt den Zeitraum von 1910 bis zum Grounding der Swissair im Jahr 2001 ab. In Bezug auf die Beschriftung waren viele Bilder meist nur rudimentär bzw. teilweise sogar auch falsch gekennzeichnet. Oft fehlten Orts- und Jahresangaben, genaue Flugzeugtypen, Gebäude, Ereignisse, Beschreibung der Tätigkeiten oder Personen waren nicht identifiziert. Die Idee, fehlende Informationen auf den Bildern durch ehemalige Swissair-Mitarbeitende vervollständigen zu lassen (sogenanntes Crowdsourcing), bestand bereits bei der Vorbesitzerin, der Stiftung Luftbild Schweiz, konnte aber wegen fehlender personeller wie technischer Ressourcen nicht umgesetzt werden.

Standard-Workflow: Inventarisieren – Bewerten – Digitalisieren – Erschliessen/Beschlagworten

Im Bildarchiv der ETH-Bibliothek ist der Erschliessungsworkflow eng mit der Inventarisierung und Digitalisierung sowie der nachgeschalteten Beschlagwortung gekoppelt. Studentische Hilfskräfte inventarisieren die Bestände auf Einzelbildebene: jedes Bild erhält eine eindeutige Signatur, die zusammen mit den vorhandenen Bildinformationen in eine Excel-Datei übertragen werden. Je nach Wissensstand nimmt die Hilfskraft bei Unklarheiten auch Bildrecherchen vor. Im Bildarchiv wird an verschiedenen Arbeitsschritten eine Bewertung vorgenommen, so wird etwa vor einer Übernahme der Gesamtbestand in Bezug auf den Sammlungszusammenhang des Bildarchivs bewertet, nach der Übernahme werden Aufarbeitung inkl. Bearbeitungstiefe und Digitalisierungsumfang priorisiert. Spätestens bei der Inventarisierung wird entschieden, welche Bilder digitalisiert werden. Die Auswahl nehmen in der Regel die Hilfskräfte nach vorgegebenen Kriterien vor. Die Bilder werden anschliessend sukzessive digitalisiert. Die Bilddatei und die dazugehörigen Metadaten werden in die Bilddatenbank importiert und über den Bildcode – die Signatur und der Dateiname müssen identisch sein – zusammengeführt. Die abschliessende inhaltliche und formale Erschliessung sowie die Beschlagwortung werden direkt in der Bilddatenbank durch Fachkräfte ausgeführt. Nach der Abschlusskontrolle können die Bilder online gestellt werden.

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek arbeitet mit der Digital Asset Management Software Canto Cumulus. Die Datenbankstruktur baut auf Dublin-Core-Felder auf. Die Formalkatalogisierung basiert auf den KIDS-Regeln «Bildmaterial: ausführliche Beschreibung, Kapitel 17» (Graphic Materials, GM der Anglo-American Cataloguing Rules 2).

Crowdsourcing-Workflow: Inventarisieren – Bewerten – Digitalisieren – Crowdsourcing – Redigieren – Beschlagworten

Studentische Hilfskräfte inventarisierten seit Sommer 2009 die Teilbestände des Swissair-Fotoarchivs. Die kleineren frühen Bildbestände enthielten wenig inhaltliche Redundanzen, diese nahm aber in den jüngeren Teilbeständen signifikant zu. Schliesslich wurde kein Teilbestand vollständig digitalisiert, sondern die Hilfskräfte wählten aus den Serien/Reportagen die jeweils formal gelungensten und aussagekräftigsten Bilder aus. Innerhalb einer Serie/Reportage konnten dabei mehrere Bilder ausgewählt werden, sofern der Inhalt eines Bildes sich von den andern Bildern der Serie/Reportage unterschied. Sowohl Quer- als auch Hochformat wurden bei identischem Bildinhalt digitalisiert. Von den 220 000 Bildern wurden rund 40 000 Bilder digitalisiert und den Swissair-Pensionären zur Identifizierung online vorgelegt.

Ab Dezember 2009 wurden wöchentlich 200 bis 350 neue Bilder mit den vorhandenen Metadaten (Titel, Autor, Datierung) in einem geschützten Bereich auf der webbasierten Bilddatenbank des Bildarchivs online geschaltet. Die freiwilligen Swissair-Pensionäre konnten mittels Passwort im eigens aufgeschalteten Feld «Notizen» zusätzliche Informationen in die Datenbank eintragen. Nebst der webbasierten Arbeit von zu Hause aus, war auch die telefonische Kommunikation zwischen den Freiwilligen und der Ansprechperson im Bildarchiv wichtig. Es fand ein äusserst wertvoller Wissenstransfer statt. Dieser wurde bei Projektstart im Hinblick auf den zeitlichen Aufwand jedoch stark unterschätzt. Insbesondere bei der späteren Verfeinerung des Schlagwortbaumes leistete dieses Insiderwissen unbezahlbare Dienste. Die Arbeitsweise und die Tiefe des Fachwissens der Swissair-Mitarbeitenden war sehr unterschiedlich1. Einer kannte und recherchierte die Flugzeugtypen und Personen aus den Anfängen der Swissair, ein anderer konnte sämtliche Bestandteile eines Motors beschreiben. Am schwierigsten jedoch war die genaue Datierung. Oft mussten konservative Schätzungen aufgrund der Betriebsdauer eines bestimmten Flugzeugs genügen.

Die Bilder blieben während acht Wochen online. Mitarbeitende des Bildarchivs redigierten danach die zusätzlichen Informationen und beschlagworteten die Bilder. Die Ergänzungen wurden mit den vorhandenen Metadaten abgeglichen bzw. auf die adäquaten Metadatenfelder verteilt (Titel, Beschreibung, Datum u.ä.), auf inhaltliche Konsistenz sowie Orthografie kontrolliert. Die Originalnotizen der Pensionäre werden unverändert in der Datenbank belassen, die Originaltitel und Originalbeschreibungen der Bilder sind in den Inventarlisten nachvollziehbar. Mit dem Anwachsen der Menge an digitalisierten und ergänzten Bildern wuchs gleichzeitig auch das im Bildarchiv angeeignete Fachwissen. Bis Ende 2013 sichteten die ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden rund 40 000 Bilder. Die fertig erschlossenen Bilder wurden sukzessive auf der Bilddatenbank BildarchivOnline online gestellt. Eine Auswahl wurde 2012 im Bildband «Swissair Souvenirs. Das Fotoarchiv der Swissair» publiziert2.

Wie man die Crowd findet resp. die Crowd findet uns!

Essenziell bei der erfolgreichen Umsetzung eines Crowdsourcing-Projekts ist das Auffinden und Motivieren der Crowd. Dies wurde uns im Swissair- Projekt relativ einfach gemacht, da die Swissair-Pensionäre eine gut organisierte Gruppe sind. Freiwillige für das Projekt konnten jeweils mittels Aufrufen in den Zeitschriften Swissair News und Oldies News oder an der alljährlichen Hauptversammlung gewonnen werden. Rund 130 interessierte Freiwillige meldeten sich, durchschnittlich 40 arbeiteten bei der Bildbeschreibung mit, ein halbes Dutzend davon intensiv und regelmässig. Diese Kooperation könnte man als «kontrolliertes» Crowdsourcing3 bezeichnen, bei dem nicht eine unbekannte Masse mittels offenem Aufruf zur Mitarbeit motiviert werden sollte, sondern eine identifizierbare Gruppe von Experten.

Im Vergleich zu offenen und anonymen Crowdsourcing-Projekten ist bei der überschaubaren Gruppe von Experten, die ein grosses Interesse an der Geschichte und Überlieferung der Geschichte ihrer Fluggesellschaft zeigen, der Wissenstransfer sehr gross. Ohne die engagierte Mithilfe der «Oldies» würde viel implizites Wissen verloren gehen. Ein vergleichbares Fachwissen hätte auch nicht mittels intensivem Literatur- und Quellenstudium innert nützlicher Frist durch die Mitarbeitenden des Bildarchivs erworben werden können. Allerdings enthebt dies die Mitarbeitenden im Bildarchiv nicht davon, sich sowohl kritisch mit den Bildern als auch mit den Kommentaren der ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden auseinanderzusetzen.

Aufwand und Ertrag

Zu Projektbeginn wurde der Aufwand für die Betreuung der Pensionäre durch das Bildarchiv unterschätzt. So wurde für die Betreuung und den Wissenstransfer im ersten Projektjahr ca. 0,2 Vollzeitstellen eingesetzt. Rund 0,1 Vollzeitstellen gingen an das Aufbereiten und Hochladen der Bilder und den technischen Support der Pensionäre. Die Titelredaktion nahm weitere 20 Stellenprozente in Anspruch. Für die Erschliessung des Bestandes wurde eine 60%-Stelle während drei Jahren eingesetzt. Der aus dieser erfolgreichen und fruchtbaren Kooperation erwachsene inhaltliche Informationszugewinn und Mehrwert wiegt den zu Beginn unterschätzten Mehraufwand allerdings um ein Mehrfaches auf.

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Nicole Graf

Geboren 1970 und aufgewachsen in der Ostschweiz. Ausbildung zur Diplombibliothekarin BBS an der Nationalbibliothek in Bern, Studium Soziologie, Staatsrecht und Neuere Schweizer Geschichte an der Universität Bern. Wissenschaftliche Assistentin, wissenschaftliche Redaktionsassistentin an der Universität Bern und freie Filmjournalistin bei der Berner Zeitung. Seit 2008 Leiterin des Bildarchivs der ETH-Bibliothek in Zürich. Mit-Herausgeberin der Reihe «Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Zürich» (Scheidegger &Spiess, Zürich, ab 2011). Masterstudium Bildwissenschaft an der Donau-Universität in Krems (A).

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*Pflichtfeld

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Demander de l’aide extérieure pour procéder au catalogage, voilà qui n’est pas nouveau dans le monde des archives. Ce qui l’est en revanche, à l’époque de l’Internet et du Web 2.0, c’est la possibilité de créer de nouvelles coopérations et de nouvelles formes de travail avec des experts et des non-professionnels intéressés. On appelle cela le crowdsourcing (ou collaboration/externalisation ouverte), qui fait actuellement l’objet de vastes débats. L’archive photos de la bibliothèque de l’EPFZ peut se prévaloir d’une certaine expérience dans le cadre d’un projet concret de crowdsourcing. D’anciens collaborateurs de Swissair ont aidé bénévolement pendant quatre ans à cataloguer en ligne près de 40 000 photos des archives de Swissair. Cet article présente le processus de catalogage ainsi que les chances et les limites du crowdsourcing.