Kommentare Abstract
2014/3 Kulturerbe der Wirtschaft – kollektives Gedächtnis - Patrimoine culturel économique – mémoire collective

Visuelles Kulturgut in Wirtschaftsarchiven

Kommentare Abstract

Fotografien haben einen grossen Anteil daran, dass wir Wirtschaftsarchive als Kulturgut bezeichnen: Sie dienen als Werbeträger und schaffen Identifikation mit dem Produkt oder dem Betrieb. Fotografien können Informationen enthalten, die weit über die im Schriftgut enthaltenen hinausgehen: Sie bilden Status ab, demonstrieren Innovationskraft oder wecken Gefühle. Trotz diesen vielfältigen Funktionen hat sich eine konsequente Erhaltung des visuellen Erbes in der Wirtschaft noch viel zu wenig durchgesetzt. Es ist ein Glücksfall, wenn sich ein Unternehmen entscheidet, ein Bildarchiv anzulegen, zu pflegen und für die Erhaltung zu sorgen.

Die Affinität zum Bild richtet sich nach den Bedürfnissen der Branche: Für Unternehmen der Maschinenindustrie, die unter einem stetigen Innovationsdruck stehen und komplexe Produkte entwickeln, hat die Fotografie einen hohen Stellenwert: Bilder können erklären, sie grenzen von der Konkurrenz ab und dienen der Selbstvergewisserung. Umfangreich Zeugnis davon legen zum Beispiel die wertvollen Bildarchive von Sulzer (Winterthur), Georg Fischer (Schaffhausen) oder Ammann (Langenthal) ab. In andern, für die Schweiz gegenwärtig immer wichtiger werdenden Branchen wie der Telekommunikation ist die Archivsituation hingegen auch im Bildbereich desolat. Einziger Leuchtturm ist die Fotosammlung des Museums für Kommunikation (Bern).

Trotz der branchenspezifisch unterschiedlichen Überlieferungssituation gibt es viele mögliche Zugänge zu visuellen Archiven der Schweizer Wirtschaft. Der direkteste Weg führt zu den Unternehmen selber, vorausgesetzt, sie führen ein Archiv und gewähren den Zugang, wie Roche in Basel oder Nestlé in Vevey. Erste Informationen zu Archivsituation und -inhalt können die Datenbanken arCHeco oder Infoclio liefern. Möglicherweise sind die Fotos auch als Teil der Firmenarchive in Verwaltungs- oder Spezialarchiven platziert: Das Archiv von Landis & Gyr, Zug, liegt jetzt im Archiv für Zeitgeschichte, der grosse Bildbestand der Baufirma Losinger im Staatsarchiv Bern und das Wifag-Druckmaschinen-Archiv in der Burgerbibliothek Bern. Archive mit spezifischen Sammelaufträgen wie das Schweizerische Wirtschaftsarchiv (Basel) oder das Schweizerische Sozialarchiv (Zürich) verfügen ebenfalls über reiches Bildmaterial, Letzteres insbesondere auch über die Sicht der Arbeitnehmer. Institutionen wie die Mediathèque Valais, das Centre jurassien d’archives et de recherches économiques oder die Studienbibliothek Winterthur beherbergen erstaunliche Bildbestände zu regionalen Fragestellungen.

Die indirekten Wege zu wirtschaftshistorisch relevantem Bildmaterial sind zwar mannigfaltig, oft aber auch mit höherem Suchaufwand verbunden. So bergen die umfangreichen Pressebildbestände garantiert reiche Schätze (z.B. Ringier Bildarchiv im Staatsarchiv Aargau, Actualités Suisse Lausanne im Schweizerischen Landesmuseum, Comet-Photo in der ETH-Bibliothek, Photopress bei Keystone). Ausserdem sind in Museen und Bibliotheken relevante Bestände vorhanden, die auf den zweiten Blick viel wirtschaftshistorisch Relevantes enthalten können (z.B. Fotosammlung «Ansichten und Landschaften der Schweiz» in der Schweizerischen Nationalbibliothek). SBB Historic und Verkehrshaus Luzern schliesslich sind die Anlaufstellen für zwei weitere zentrale Wirtschaftszweige der Schweiz, das Verkehrswesen und den Tourismus.


Schliesslich waren (und sind in vermindertem Umfang auch heute noch) Unternehmen wichtige Auftraggeber für Fotografen. Viele der grossen Schweizer Fotografen wie Jakob Tuggener, Paul Senn, Hans Steiner oder Theo Frey haben immer wieder im Auftragsverhältnis oder aus eigenem Antrieb Werkhallen, Arbeiter und Produkte festgehalten. Ihre Nachlässe sind in Museen, bei der Fotostiftung Schweiz (Winterthur) oder im Musée de l’Elysée (Lausanne) gelandet. Wer sich für die Autorenfotografie interessiert, recherchiert am besten online bei den erwähnten Institutionen oder über die Datenbank fotoCH (www.foto-ch.ch/).

Diese Hinweise – wie auch der folgende Bildreigen, der Schlaglichter auf zentrale Branchen der Schweizer Wirtschaft wirft – bleiben zwangsläufig bruchstückhaft*. Ansätze zu einer Bündelung der Informationen sind auf der Website von Memoriav (Verein für die Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts) zu finden; sie bietet eine (unvollständige) Übersicht über die online konsultierbaren Bilddatenbanken in der Schweiz. Dort sind auch die Projekte aufgelistet, die Memoriav im Bereich Fotografie unterstützt, und die ebenfalls als Ausgangspunkt für wirtschaftshistorische Recherchen genommen werden können.

Avatar

Stefan Länzlinger

Schweizerisches Sozialarchiv

Kommentare

*Pflichtfeld