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2014/3 Kulturerbe der Wirtschaft – kollektives Gedächtnis - Patrimoine culturel économique – mémoire collective

Aktuelle Aufgaben und Herausforderungen von Wirtschaftsarchiven

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Überlieferungsbildung, Zugangsregelung und Finanzierung bedeuten zentrale Herausforderungen für (Wirtschafts-) Archive. Ist der Grundsatzentscheid zugunsten eines Archivs gefällt, erschwert die Spannung zwischen Zugangsrecht auf der einen Seite und Kontrollrecht über Privateigentum auf der anderen Lösungen, die alle Interessen angemessen berücksichtigen. Und wo das Kosten-Nutzen-Kalkül oberstes Prinzip ist, stehen Institut und Personal des Unternehmensarchivs unter stetigem Rechtfertigungsdruck.

Erkundigen sich Griechen im Begrüs­sungsritual gegenseitig interessiert, was es Neues gibt, lautet die Antwort nicht selten: «das Alte». Dieses Heft zeigt, dass auch viele der in Wirtschafts­archiven und vergleichbaren I+D­Insti­tutionen in der Schweiz tätigen Fachleu­te darin geübt sind, dieselbe lakonische Auskunft zu erteilen. Zumindest, wenn sich die Frage auf die zentralen Heraus­forderungen ihrer Betriebe bezieht. Altbekannten, aber weiterhin akuten Handlungsbedarf orten die Autorinnen und Autoren in auffallender Überein­stimmung in den drei Bereichen der Überlieferungsbildung, der Zugangsre­gelung und der Finanzierung.

Privatunternehmen sind hierzulande – von den Vorgaben hauptsächlich des Obligationenrechts abgesehen – be­kanntlich grundsätzlich frei, histori­sche Archive zu führen. Tun sie dies, geschieht es im Idealfall, weil sich die Akteure ihrer gesellschaftlichen Ver­antwortung im Sinne einer nachvoll­ ziehbaren und damit transparenten Geschäftsführung bewusst sind. Im Regelfall ist allerdings der messbare Mehrwert gut organisierter Firmenin­formation im Dienst von Compliance, Marketing und Kommunikation für professionell unterhaltene Unterneh­mensarchive ausschlaggebend (vgl. da­zu «Digitale Nutzbarhaltung auf Jahr­zehnte», Steigmeier/Wildi).

Was sich bei Sonnenschein mit Überzeugung und Gewinn intern und extern nutzen lässt, kann nach Strate­gieänderung, Fusion oder gar Konkurs in der Eigenwahrnehmung schnell zum Ballast mutieren. An die Stelle des Ver­wertungsgedankens tritt dann nicht sel­ten der negativ besetzte der Entsorgung. Und der Blick richtet sich anschliessend erwartungsfroh auf die Auffangnetze der öffentlichen Archive. Nur in Glücks­fällen kommt es dabei zu nachhaltigen Archivierungslösungen, welche private und öffentliche Hand gemeinsam und zu gleichen Teilen tragen. 

Überlieferungsdefizite und Sensibilisierungsauftrag 

Sensibilisierung lautet deshalb die Ma­xime. Der Beruf der Archivarin und des Archivars – nicht nur im Wirtschafts­ bereich! – ist von dieser Aufgabe gera­dezu durchdrungen. Dies spiegeln Überblicks­ und Praxisberichte in un­terschiedlichen Aspekten (etwa «Archi­ve von Non­-Profit-­Organisationen», Kälin, «Wirtschaftsinformationsein­richtungen von Finanzdienstleistern», Duc oder mit Blick auf die Fotografie «Visuelles Kulturgut in Wirtschaftsar­chiven», Länzlinger).

Sensibilisierung möglichst vieler Stakeholder ist seit der Gründung der Arbeitsgruppe Archive der privaten Wirtschaft des VSA im Jahr 1994 auch der Kern von deren Mandat. Die Über­lieferungssituation privater Wirt­schaftsarchive diskutierte ein von der Arbeitsgruppe veranstalteter Roundta­ble1, der darauf angelegt war, Strategien und Massnahmen zur Verbesserung zu prüfen. Dessen Einschätzung, die For­derung nach Legiferierung sei nicht zielführend, teilen die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe. Als Erfolg ver­sprechend für die Sicherung von wirt­schaftshistorischem Kulturgut erach­ten sie auch aus internationaler Pers­pektive nicht den Weg der Gesetzge­bung, sondern «consent and persuasion» («Business Archives in the UK», Ritchie) bzw. «Konsens und Frei­willigkeit» («Das Archiv der Hoechst AG», Metternich).

Vor dieser Ausgangslage skizzierte die Arbeitsgruppe einen Modellent­wurf zur Sicherung und Inwertsetzung von Wirtschaftsarchiven, der auf Koor­dination und Mittelbeschaffung fokus­siert («Überlieferungssituation der Wirtschaftsarchive in der Schweiz», Amstutz). Den geeigneten Rahmen zur Präsentation dieser Überlegungen bot anlässlich des zwanzigjährigen Jubilä­ums des Gremiums die von ihm pro­grammierte Fachtagung des VSA vom 23. Mai 20142.

Angesichts beträchtlicher, aber er­klärbarer Überlieferungsdefizite («La sauvegarde des archives d’entreprises en Suisse», Christeller) erfüllt die Ar­beitsgruppe mit dem Beständeverzeich­nis arCHeco im Weiteren ein wichtiges, schon bei ihrer Einsetzung formuliertes Desiderat. Seit dem Jahr 2000 online, schafft arCHeco einen Überblick über die privaten Wirtschaftsarchive in der Schweiz und in Liechtenstein. Die Rea­lisierung ihres Modellvorschlags wäre ein wichtiger Schritt hin zur Schlies­sung empfindlicher Lücken.

Interessenausgleich bei der Zugangsregelung 

«Wenn wir uns mit Wirtschaftsarchiven beschäftigen, sind wir zwischen zwei fundamentalen demokratischen Rech­ten gefangen: dem Recht nach Zugang zu Information und dem Recht, Privat­besitz zu halten und zu kontrollieren»3.

Damit ist das Spannungsfeld abge­steckt, in dem die Interessen von Ar­chivträgern, Öffentlichkeit und akten­kundigen Dritten oszillieren (vgl. dazu das Protokoll des Podiumsgesprächs «Forschung und Archive», Nerlich). Die Konzeption von Vermittlungsstra­tegien und nicht zuletzt die technische Ausgestaltung des Informationszu­gangs unter ständiger Güterabwägung zwischen diesen beiden Rechten gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Fir­menarchiv.

Die Unternehmen vertreten in die­ sem Punkt denn auch unterschiedliche Haltungen. Getroffene Lösungen leiten sich ganz zentral aus der innerbetrieb­lichen Anbindung und aus dem Auf­trag des Archivs ab. So findet sich die ganze Bandbreite von der rein internen Dienstleistung bei I+D-­Einrichtungen (vgl. etwa zur Swiss Re «Wissen als Grundlage des Versicherungsge­schäfts», Titschack) bis hin zur grund­sätzlich allen Interessierten zugängli­chen Informationsplattform für die Unternehmensgeschichte («Das Fir­menarchiv der Novartis», Dettwiler) oder noch weiter gehend zur «Erlebniswelt», welche das Archiv bei der Kom­munikation der Firmengeschichte inszeniert («Planung eines Besucherzen­trums der Nestlé», Aenis).

Umgang mit Ressourcenknappheit

Viele (Wirtschafts­)Archive sind mit no­torischen Ressourcenproblemen kon­frontiert. Nicht selten gesellt sich dazu – gewissermassen als komplementäre Schwesterdisziplin der Sensibilisie­rungsarbeit – die Notwendigkeit, die eigene Tätigkeit dauernd zu rechtfertigen. Dieser Druck kann zur Resignati­on führen oder aber zu einer Anpas­sung der Dienstleistungsangebote und Informationsprodukte an eine sich ver­ändernde Nachfrage (wie etwa beim Dachverband economiesuisse, vgl. «Des archives papier au système de ges­tion de contenu d’entreprise», Brassel/Joos). Bestenfalls setzt er kreative Ener­gien frei für die Beschaffung von finan­ziellen, personellen und Sachmitteln, die der Praxis den jeweiligen Rahmen setzen.

Das vorgeschlagene Sicherungs­modell der Arbeitsgruppe des VSA könnte den Weg zu einer Objektfinan­zierung von Archivierungsprojekten weisen. Spezialarchive wie das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, das Glarner Wirtschaftsarchiv, das Schweizerische Wirtschaftsarchiv und ver­schiedene Firmen haben ihrerseits langjährige Erfahrung im Aufbau zweckgebundener Stiftungen. Diese privaten Förderungswerke tragen zwar in höchst unterschiedlichem Ausmass an die jeweiligen Gesamtaufwendungen bei. Sie unterstützen aber alle die Aufgabenerfüllung und erweitern da­ durch Handlungsspielräume. In Er­gänzung zu den Früchten solchen Fundraisings hält der jüngste techno­logische Wandel Möglichkeiten zur Umsetzung innovativer und koopera­tiver Projekte bereit (zum Beispiel des Hotelarchivs vgl. «Archiviste au­jourd’hui?», Lüthi­Graf/Borrelli).

Die neuen Herausforderungen von Wirtschaftsarchiven sind in zentralen Punkten also tatsächlich die alten. Wer­ den sie wie in den hier zur Diskussion gestellten Beiträgen mit selbstbewuss­tem Engagement und ideenreich ange­nommen, winken Erfolge auf einem trotz Brachen letztlich faszinierenden beruflichen Feld.

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Daniel Nerlich

Seit 1996 Leiter des Fachbereichs Wirtschaft im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, seit 2003 stellvertretender Leiter des Archivs. Präsident der Abeitsgruppe «Archive der privaten Wirtschaft» und seit 2013 Vizepräsident des VSA. Der promovierte Historiker und wissenschaftliche Archivar begann seine berufliche Laufbahn als Assistent und Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Universität Zürich und war Gründungspartner eines Unternehmens für historische Arbeiten und Information Management.

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La constitution du patrimoine, la réglementation de l’accès et le financement représentent encore et toujours des défis majeurs pour les archives (de l’économie). Entre, d’une part, le droit d’accès et, d’autre part, le droit de contrôle sur le patrimoine privé, les entreprises mettent en œuvre diverses solutions pour accéder à l’information, solutions qui tendent toutes à prendre en compte adéquatement les besoins de tous les intéressés. Les fournisseurs d’informations développent leurs offres en faisant souvent face à une pression constante tant sur le plan de la justification que sur celui des ressources, et ce, en faisant preuve de la flexibilité et de la créativité nécessaires.

Avec le travail de sensibilisation et l’inventaire arCHeco, le groupe de travail Archives d’entreprises privées de l’AAS contribue à améliorer la situation en matière de constitution du patrimoine. L’application du modèle de sauvegarde qu’il propose serait un pas important pour combler les lacunes les plus importantes.