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2014/1 Der Alpenraum – ein Kulturraum

Alpinmuseum Kempten. Kooperation von Deutschem Alpenverein, Freistaat Bayern und Stadt Kempten

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Mit seiner Eröffnung 1990 war das Alpinmuseum Kempten singulärer Vorreiter des neuen Booms von Museen und Infozentren mit Bergthematik. Damit rückte das Museumsthema «Alpen» aus den städtischen Alpenvereins-Zentren an den Alpenrand, und in der Folge weiter in die Höhe. Seit nun gut zehn Jahren entstanden und entstehen vergleichbare Einrichtungen zuhauf mitten im Gebirge – als Haus der Berge, Naturparkhaus, Nationalparkzentrum oder Gipfelattraktion. In seiner Konzeption – inhaltlich wie formal – verfolgt das Kemptener Alpinmuseum eine vielschichtige Herangehensweise, charakterisiert durch eine enorme Fülle an allgemeiner und spezieller Information, eine grosse Bandbreite an Exponaten, Fotografien, Modellen und Repliken sowie einen fast weltweiten Umgriff auf die Bergkulturen. Mit diesem anspruchsvollen Ansatz ist das Alpinmuseum Kempten ein typischer Vertreter der pädagogisch orientierten Museen der 1980er-Jahre. An vielen Beispielen werden unter anderem Natur und Kultur der Schweiz vorgestellt.

«Eins vorweg: Damit Bergsteiger in ein Alpines Museums gehen, sollte es regnen. Zudem ist der Standort wichtig; das zu besuchende Museum sollte sich genau an jenem Ort befinden – etwa in Chamonix oder Cortina – wo sich der bei schlechtem Wetter gerade etwas unterbeschäftigte Alpinist aufhält ...»1

 Das Alpinmuseum in Kempten stellte in den 1980er-Jahren das nach Jahrzehnten erste und höchst anspruchsvolle Museumsprojekt zum Thema Berg dar. Idee und Konzeption stammten weitgehend von Dr. Helmuth Zebhauser, Referent für Kultur, Wissenschaft und Veröffentlichungen des Deutschen Alpenvereins. Mit der inhaltlichen Aufbereitung der Abteilung «Lebensraum Alpen» wurde Dr. Lenz Kriss-Rettenbeck, vormals Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums, beauftragt. Die Gestaltung lag ganz in den Händen von Zebhauser, der im Alter von Mitte fünfzig reiche Erfahrung als Ausstellungsgestalter und als Experte für das Wahrnehmungsverhalten von Ausstellungsgästen einbrachte. Der vollständige Name des Museums «Alpinmuseum Kempten. Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums München, unter Mitwirkung des Deutschen Alpenvereins» verdeutlicht die komplexe Organisationsform, die das Museum ermöglichte und in der es bis heute besteht.

Zebhauser hat das Museum «möglichst zeitbeständig konzipiert und realisiert. Von heutigen Spielformen wird nur, und auch nur, knapp gezeigt, was signifikant für unsere Zeit ist und auch morgen noch als Stufe von ehedem der Erinnerung wert sein kann.» Seine Philosophie formulierte er so: «Ein Museum ist kein Geschichtsbuch. Es ist auch nicht eine Lehrveranstaltung. Es ist ein begehbares Medium, mit Einblicken in die Geschichte. ... Hochaktuelle Themen wie <Waldsterben> oder <Kommerzialisierung des Sports> werden nicht ausgebreitet. Ihre Fakten wechseln kurzfristig; sie sind temporären Ausstellungen vorbehalten»2.

Das Museum mit mehr als 2000 m2 Fläche wurde nach folgender thematischer Gliederung aufgebaut3:

– Lebensraum Alpen: Heiliger Berg, Wallfahrt, Gebirgsbildung, Das Antlitz der Alpen, Vor- und Frühgeschichte, Römer, Christentum, Lebensfristung im Hochgebirge, Ertrotzter Lebensraum, Handwerk und Gewerbe, Wege über die Alpen, Alpenenergie. 

 – Erlebnis Berg. Von Dante bis Hölderlin; Bergmalerei der Stilwende; Europäische Grafik von Dürer bis heute.

 – Naturkunde. Flora; Bäume und Wald; Tiere in den Alpen; Karten und Reliefs. 

 – Alpinismus. Von H.B. de Saussure bis Alexander Huber; Alpenvereine. 

– Hybridformen des Bergsports. Sportklettern; Radfahren; Sicherheit; Retten und Bergen.  

– Schneeschuh und Schlitten. Die ersten Ski; Grönlanddurchquerung. 

 – Skisammlung. Ski und Skisport von Paulcke, Zdarsky und Bilgeri bis heute.

Das Museumsgebäude bildet bis heute einen Glücksfall der Denkmalpflege. Der Marstall der Kemptener Residenz zeigt sich äusserlich unauffällig, langgestreckt; im Inneren aber offenbaren sich gewaltige gewölbte Hallen im Erdgeschoss und riesige, stützenlose Säle im Obergeschoss, die freie Gestaltung ermöglichen. Auf insgesamt 3000 m2 sind hier die Alpenländische Galerie und das Alpinmuseum untergebracht. Der barocke Ökonomiebau geht auf Fürstabt Anselm Reichlin von Meldegg zurück. Nach grossem Brand und der verheerenden Nutzung als Kaserne begann der grundlegende Umbau 1984. Bis heute stellt der Marstall ein ideales, weil nachhaltig saniertes Museumsgebäude dar, was die Bedingungen an Raumklima, Grosszügigkeit im Grundriss, Aufenthaltsqualität und Anbindung an die weiteren Sehenswürdigkeiten von Kempten betrifft. Im Alpinmuseum Kempten ist die Geschichte der Alpen ideengeschichtlich aufbereitet, es interessiert «die Einstellung, die der Mensch jeweils zum Gebirge hat, Bilder (im weitesten Sinne), die sich der Mensch vom Berg macht, Mittel, die der Mensch benutzt, um über die Gebirge zu kommen oder auf die Berge zu steigen – im Laufe der Zeit»4.

Die Exponate setzen sich einerseits zusammen aus Teilen der Sammlung des einstigen, transnational ausgerichteten Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV), welcher vor 1942 nach Tirol ausgelagert wurde – und in Innsbruck verblieb5. Andererseits bilden regionale Sammlungen, darunter Modelle und Reliefs, zeitgenössische Kunst und die Kemptener Wintersportsammlung die Basis für Dauer- wie Sonderausstellungen.

Heilige und mythische Berge

Die Ausstellung beginnt mit den «Heiligen Bergen» in Buddhismus und Christentum. Als ein Beispiel für die Legendenbildung um einen Berg wird der Pilatus vorgestellt, der Hausberg von Luzern, mit dem Tomlishorn 2120m hoch. Er ist Teil der helvetischen Randkette, aufgebaut aus Kalkstein, Schiefer und Sandstein des helvetischen Ablagerungsraumes. Der Gebirgszug der Randkette reicht vom Thunersee bis nach Hergiswil und setzt sich vom Bürgenstock nach Osten bis zum Säntisgebirge fort. Die Kreide- und Tertiärablagerungen der Randkette wurden auf einem «Polster» von Flyschgestein und von allen Decken am weitesten nach Nordwesten vorgeschoben und bilden den heute sichtbaren Nordrand der Alpen.

Im Mittelalter trug der Pilatus noch den Namen Frakmont (von mons fractus = zerbrochener, zerklüfteter Berg). In seinen Höhlen hausten wilde Drachen, und der in das Bergseelein verbannte Geist des Pontius Pilatus wurde für Gewitter und Überschwemmungen verantwortlich gemacht. Damals galt die Besteigung des Berges als ein frevlerisches Wagnis und war daher vom Rat der Stadt streng verboten. Im Jahre 1387 wurden sechs Luzerner Mönche ins Gefängnis geworfen, weil sie den Pilatus ersteigen wollten. Jacobus von Voragine (1228–1298), Verfasser der Legenda Aurea, berichtet: «Pilatus sitzt in einem roten Mantel am Karfreitag mitten auf dem kleinen See des Berges, der seinen Namen trägt. Wer ihn erblickt, überlebt das Jahr nicht. Darüber hinaus ist der Geist unschädlich, es sei denn, es lärme einer um den See herum. Dann schleudert Pilatus Blitze gegen ihn.» Noch im Jahr 1585 erregte ein Geistlicher namens Müller allgemeines Entsetzen, als er in aller Öffentlichkeit Steine in den See warf und sich über den Aberglauben lustig machte.

Am Pilatus liegt auf rund 1800m am Fuss der Felswände südlich des Widderfelsens eine 117m tiefe Höhle, das Mondmilchloch. Dort findet man an den Wänden einen weißen, sehr leichten, schwammigen Niederschlag von Kalkerde, bekannt unter dem Namen «Mondmilch», «Mont-Milch» oder «Bergmilch». Die von den Älplern ins Tal gebrachte Mondmilch wurde früher zu Heilzwecken gebraucht. Bereits Konrad Gesner erwähnt sie in seiner Beschreibung des Pilatus aus dem Jahr 1555. Karl Niklaus Lang behandelt 1708 die Mondmilch ausführlich in seiner «Historia lapidum figuratorum Helvetiae» und empfiehlt sie gegen Sodbrennen, Blutflüsse, Durchfall, Harn- und Nierenleiden, Mangel an Muttermilch und äusserlich angewendet gegen unreine Geschwüre. Unter der Bezeichnung «Lac lunae» fand die Mondmilch Eingang in die bedeutendsten Arzneibücher des deutschen Sprachgebietes.

Die Alpen in der Geschichte

Die Alpen wurden während der Bronzezeit auf Dauer in Besitz genommen. Begünstigt durch ein Klimaoptimum beginnt nach der Wende zum 2. Jahrtausend vor Chr. eine Ansiedlung in den Tälern der Zentralalpen. Entlang der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen werden Siedlungen in exponierten Lagen errichtet, die als Dauersiedlungen mehrere Generationen bestehen. Ihre Existenz gründet auf dem Abbau von Kupfererz, Verhüttung, Verarbeitung, Handel und Viehwirtschaft.

Eisen löste als neuer Werkstoff in weiten Bereichen die Bronze ab. Werkzeug und Gerät, Waffen und Schmuck werden geschmiedet. Die Einführung der Sense in der jüngeren Eisenzeit ermöglicht den Beginn einer ausgedehnten Graswirtschaft. Die Bergbautätigkeit erschliesst einen neuen Bereich: Salz, das weisse Gold, Grundlage einer intensiven Vorratswirtschaft. Herstellung und Besitz von Eisen bringen eine Verschiebung der Wirtschaftszentren, der Handelsschwerpunkte und der politischen und militärischen Machtverhältnisse mit sich. Die Stellung der Alpen als Durchgangsgebiet für den Handel zwischen Nord und Süd verstärkt sich. Alpine Bevölkerungsgruppen formieren sich zu vielen eng zusammenhängenden Gemeinschaften.

Seit der Eroberung Galliens durch Cäsar, seit der systematischen Unterwerfung unter Augustus werden die Alpenvölker von der Küste Liguriens bis zu den Karawanken durch römische Kultur geprägt, d.h. Völkerschaften und Talschaften werden vernichtet, versklavt, umgesiedelt. Weite Teile der randalpinen Gebiete und der Alpentäler werden zum Teil von Menschen aus dem ganzen Weltreich neu besiedelt; Einheimische werden römische Bürger. Völker, Pässe, Flüsse, Regionen, Bergketten werden namhaft gemacht, Wege und Strassen ausgebaut und vermessen; Städte gegründet, Tempel und Theater errichtet, Bäder und Schulen gestiftet. Die großen Längs- und Quertäler sind nicht mehr nur Transitkorridore für grosse Heere mit militärischen Sicherungsanlagen, sondern auch Gebiete mit weithin wirksamen Wirtschafts- und Kulturzentren.

Rückgrat der römischen Eroberungs- und Landerschliessungspolitik und somit des wirtschaftlichen Lebens war ein gut ausgebautes Strassennetz von zuletzt 100 000 km. Die wichtigsten römischen Alpenpässe waren der Grosse und der Kleine St. Bernhard.

«Denn Kaiser Augustus fügte der Vernichtung der Räuber die Instandsetzung der Strassen hinzu, soweit es möglich war. Nicht überall nämlich ist es möglich, durch Felsen und ungeheure Bergwände hindurch die Natur zu überwinden ... Weder vor dem Schwindel gibt es einen Schutz noch vor den ungeheuren von oben sich herabwälzenden Eismassen, die eine ganze Reisegesellschaft wegzureissen und in die abfallenden Schluchten zu stürzen vermögen ... Wenn man von Italien her die Gebirge überschreitet, führt der Weg durch das Tal (der Salasser); darauf teilt er sich zwiefach. Der eine geht über den sogenannten Poeninus, in den höheren Alpengebieten für Fuhrwerke nicht passierbar, der andere westlichere durch das Gebiet der Keutronen (= Kleiner St. Bernhard).»6 

Zeit der Alpenklöster

Im 4. Jahrhundert sind christliche Heiligtümer Mittelpunkt und Ziel einer christlichen Bevölkerung: Nach dem Zusammenbruch der römischen Staatsmacht fällt ihren Bischöfen inmitten des Chaos› und der Kriegsstürme des entstehenden Abendlandes die Aufgabe zu, Kultur und Ordnung zu stiften und zu erhalten. «Auch die Römer bemächtigten sich vieler Völker, die deshalb ihrer Natur nach wild waren, weil sie in Gegenden wohnten, die entweder felsig oder ohne Häfen oder kalt oder aus einem anderen Grunde nur schlecht von vielen bewohnbar waren. Sie brachten dadurch nicht nur Völker untereinander in Kontakt, sondern lehrten die wilderen von ihnen auch, in einem Staate zu leben.»7

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches werden Bischofssitze mit ihren Fliehburgen und Wehrkirchen – stets gefährdet durch Kriegs- und Raubzüge – die Stützpfeiler wirtschaftlicher, rechtlicher und moralischer Ordnung.

Ein Beispiel dafür ist St. Maurice d’Agaune im Rhonetal (Wallis), das älteste bekannte Kloster der Alpen. Der Burgunderkönig Sigismund gründete es im Jahre 515, an jenem Ort, an dem 100 Jahre zuvor Hauptmann und Söldner des römischen Heeres als Christen hingerichtet wurden. Der König erbaute sein Kloster an strategisch bedeutender Stelle: Im engen Rhonetal zwischen dem Genfersee und Martigny kontrollierte die Abtei den Anstieg zum Grossen St. Bernhard, eine der wichtigsten Verkehrsadern über die Alpen. Aufgrund ihrer Lage geriet die Abtei häufig in den Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen.

Das Kloster entstand auf den Fundamenten eines Heiligtums, wo die Reliquien des Märtyrers Mauritius, des Hauptmanns der Thebäischen Legion, verehrt wurden. Der Reliquienschrein wurde das Ziel von Pilgern und Wallfahrern. Die «laus perennis», der ununterbrochene Psalmengesang, nahm von St. Maurice aus Eingang in die Klöster Burgunds, des Frankenreiches und strahlte aus bis in die Donauebene (Niederaltaich) und den Pinzgau (Bischofshofen).

Das Kloster Disentis ging aus einer Einsiedelei hervor, die der fränkische Ere- mit Sigisbert um 720 in 1150m Höhe errichtet hatte. Daran erinnert noch heute der latienische Name «Desertinas» oder «Disentis»: Einsamkeit. Unter der Herrschaft Karls des Grossen (768 bis 814) wurden in Churrätien drei bedeutende Klöster gegründet und gefördert: Disentis, Pfäfers, Müstair.

Die Kartäuser gehören zu den Reform-Orden, die in den Alpen entstanden sind. Der Gründer des Ordens, der Hl. Bruno, verfasste keine Regel. Trotz des Vorhabens, in strenger Abgeschiedenheit ganz der Andacht, der Versenkung und dem Gottesdienst zu leben, richteten die Kartäuser land- und holzwirtschaftliche Betriebe ein, bauten Eisenerzlager ab, unterhielten Schmelzen, Schmieden und Hammerwerke, Mühlen und Stampfen. Die Gründung der Kartause St. Hugon im Jahr 1170 in der Chaine de Belledonne, nordöstlich von Grenoble, diente vor allem dem Zweck, die reichhaltigen Eisenerzlager abzubauen. Ein «Faber de Cartusia», ein Spezialist aus der Grande Chartreuse, war bei der Gründung dabei.

Leben der Bergbauern

Ein grosses Thema im Alpinmuseum Kempten stellt die Lebensfristung im Gebirge dar, darunter die Mehrstufenwirtschaft. In einigen nord-, inner- und südalpinen Lagen reicht der bäuerliche Wirtschaftsraum ein und desselben Hofes von der Talstufe bis an die Schneegrenze. Die Höhendifferenz kann in den Alpen bis zu 2000m betragen, im Himalaya bis zu 3600m. Zur Bewältigung der anfallenden Aufgaben muss im Ablauf der Jahreszeit in mehreren Staffeln gearbeitet werden. Vielfach zieht dann der gesamte Hausstand von Staffel zu Staffel für Wochen und Monate um. Neben dem Heimgut, dem Hauptsitz der Familie, gibt es einen weiteren Hof: Maiensässe (Schweiz), Mayens (Frankreich), Monti (Italien), Asten (Zillertal).

Im Wallis zum Beispiel reichen die Wirtschaftszonen von der Talstufe (Sierre, 542m) mit dem Anbau von Wein, Mais, Weizen, Edelobst, über die montane Stufe (Mission, 1312m, Zinal, 1678m) mit Feldbau von Kartoffeln, Gerste, Hafer, Roggen bis in die alpine Stufe (Alpe d’Arbitetta, 2082m) mit Viehzucht und Käserei.

Die Verarbeitung der aus den «Melkal- men» oder «Sennalpen» gewonnenen Milch zu Sauermilch, Zieger, Mager- oder Fettkäse, Butter und Schmalz ist nach Quantität und Qualität regional sehr verschieden. Abhängig ist dies von der Höhenlage, Zugänglichkeit der Almen, wie auch von unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten. Die ausgeprägte Käsekultur in den französischen Westalpen zeigt sich nicht nur in der Vielfalt der Käsesorten, sondern auch in der Mannigfaltigkeit der Herstellungsweisen. Die Fettkäserei nimmt im Spätmittelalter vom Greyerzer- und Saanenland in der Schweiz ihren Ausgang. Käse wird zum Exportartikel. Schweizer Käse wird zum Vorbild der Fettkäserei in den Ostalpen. Karl Hirnbein (1805–1871) aus Wilhams im Allgäu gilt als Pionier der «Allgäuer Käserei». Er führt als Weichkäse Limburger und Romadur aus Holland ein. Johann Althaus in Blaichach im Allgäu fertigt um 1830 erstmals «Emmentaler Rundkäse» oder «Allgäuer Emmentaler».

Dichte Besiedelung in engen Talböden, lang anhaltende Winter und kurze Vegetationszeiten, lange Aufstallung des Viehs auf hochgelegenen Berghöfen erzwingen die Ausdehnung des Nutzungsraumes zur Futtergewinnung bis an die Grenze des physisch Möglichen. Steilhänge bis 70° – die äusserste mögliche Weidenutzung – werden kultiviert und Bergmähder angelegt. Zur Gewinnung des Bergheus (Wildheu) werden Höhenunterschiede von bis zu 1400m überwunden.

Anforderungen an die Alpen

In den ausgesetzten und schwierigen Lebenssphären der Alpen ist ein Ausgleich herzustellen zwischen zwei extrem verschiedenen Lebensformen: Zwischen der bäuerlichen Lebensform, die grundsätzlich auf Regenerierung der Natur bedacht ist und lebensnotwendig bedacht sein muss, und der Lebensform wirtschaftlich entwickelter Gesellschaften, welche die Natur ausbeutend nutzt.

Der Bauer in den Alpen ist auf Gedeih und Verderb mit dem Wald verbunden. Er muss mit dem Wald und gegen den Wald arbeiten. Im Wald rodet er seine Wirtschaftszonen; gegen den Wald kämpft er für seine Felder, Fluren und Weiden. Aus dem Wald holt der Bauer sein Baumaterial, sein Holz für die Geräte und für den alltäglichen Lebensbedarf, die Streu für das Vieh, das Not- oder Zusatzfutter. Der Wald wird zum Teil als zusätzliche Weide genutzt.

Der Wald bietet zusätzlich Verdienst durch Holzwirtschaft, durch Arbeit als Holzfäller, Flösser, Aschenbrenner, Köhler oder Pecher. Aus dem Wald liefert der Bauer den Rohstoff für das Gewerbe und für die Holzkunstarbeiter. Mit dem Wald schützt er sich vor Erd- und Felsrutsch, vor Lawinen, vor Steinschlag, Muren, Erosion und Abtrag der Erde. Die Nutzung der alpinen Wälder entartete immer wieder zur Ausnutzung bis zur katastrophalen Schädigung mit verheerenden Auswirkungen für Mensch und Tier.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts macht sich zunehmend der Bedarf nach zentral erzeugter Energie geltend, die nicht nur im unmittelbaren Umgriff, sondern auch in weiteren Bereichen genutzt werden kann. Tretrad, Tretwerk, Göpel – von Tieren und auch von Menschen getreten, gezogen, geschoben – und Wasserrad sind nur im direkten Antrieb verwendbar. Sie können dem Streben nach weiträumig verteilten, nicht unmittelbar angekoppelten Energieverbrauchern nicht mehr genügen.

Die Lösung zur Energieübertragung von einer Energiequelle auf mehr oder weniger weit entfernte Maschinen bringt die Turbine. Mit dem rasch zunehmenden Energiebedarf wächst die Fallhöhe der Flussgerinne für Wasserräder und die Höhendifferenz, über die Druckrohre verlegt werden. Zugleich werden die Wasserräder in Theorie und Praxis systematisch weiterentwickelt. 1837 baut der französische Ingenieur Fourneyron in Sankt Blasien im Schwarzwald für eine Baumwollspinnerei ein Gefälle von 144 Metern mit einem Sekundendurchfluss von 70 Litern in der Sekunde. 1869 konstruiert er im Isèretal im Auftrag eines Papiermühlen-Besitzers ein Gefälle von 200 Metern. 1824 gibt der französische Ingenieur Burdin einem horizontalen Wasserrad seiner Erfindung den Namen «Turbine», der sich für alle ähnlichen Konstruktionen des mit Wasser betriebenen Kraftrades als Gattungsbegriff einbürgert: Die Geschwindigkeit des strömenden Wassers treibt das kreiselnde Gebilde «Turbine», dessen strömungstechnisch wirksam geformte Antriebsschaufeln dem einströmenden oder vorbeiströmenden Wasser möglichst wenig Stauwirkung entgegensetzen.

Eines der Beispiele für die Alpenenergie Wasserkraft ist das Kraftwerk Grande Dixence im Kanton Wallis. Eine Interessengemeinschaft kleiner Industriebetriebe baut 1939 eine Talsperre von 387 000 Kubikmetern Beton. 1957 nehmen Schweizer Ingenieure und Aktionäre den Bau einer 285 m hohen, aus 5 960 000 Kubikmetern Beton bestehenden Gewichtsstaumauer in Angriff. Die alte Mauer versinkt 1965 in dem neu geschaffenen, als Nutzinhalt 400 Millionen Liter fassenden Lac des Dix. Gorner-, Zmutt- und Ferpèclegletscher liegen unterhalb der Kote 2400 Metern, und ihre Wasser können nicht auf der Höhe des Hauptstollens gefasst werden. Man pumpt sie hinauf und führt die Wasser von Zermatt und Les Haudères in ein anderes Tal. Im Val des Dix werden die Wasser in grosser Höhe, ohne Schaden für Wohnstätten und Kulturland, gespeichert. 38 betonierte Wasserfassungen sammeln die Gewässer des zu 60 Prozent vergletscherten Einzugsgebietes von 415 Quadratkilometern, in einer Höhe von 2400 Metern über dem Meeresspiegel. An ein unterirdisches Netz von 92 km Stollen vom Val des Dix bis zur Mischabelgruppe fügt sich ein Tunnel von 25 km Länge, der die Wasser vom Stausee zu den unterirdischen Kraftwerken von Fionnay im Tal von Bagnes und Nendaz im Rhonetal führt.

Gletscherarchäologie

Den vielfältigen Aspekten von Bergkultur und Alpinismus wurde 2013 eine Ausstellung über einen Fall der Gletscherarchäologie hinzugefügt: «Geheimnis im Gletscher. Die Geschichte eines Bergunglücks an der Wildspitze». Der Klimawandel lässt die Gletscher abschmelzen - mit dem positiven Effekt, dass über Jahrtausende oder Jahrzehnte eingefrorene Kulturzeugnisse ans Tageslicht kommen. War «Ötzi» oder der «Mann vom Hauslabjoch» bislang der älteste und spektakulärste Menschenfund, so steht der 2004 gefundene Leichnam von Bonaventura Schaidnagl für eine Berggeschichte des 20. Jahrhunderts. Beide Bergopfer wurden Objekt der wissenschaftlichen Gletscherarchäologie in Innsbruck.

Das Alpinmuseum Kempten zeigt die perfekt erhaltene Ausrüstung des Verunglückten, darunter die Kleidung, Bergstiefel, Eispickel, persönliche Dinge bis zur Ohropaxschachtel für den Einsatz im Matratzenlager. Zugleich werden die dramatischen Folgen dieses Bergunglücks aufgezeigt. In filmischen Interviews kommen die Beteiligten, Familie und Fachleute, zu Wort. Die Gletscherarchäologie ist eine junge Disziplin, die jeden Tag mit neuen Funden rechnen kann. Das Alpinmuseum Kempten verdeutlicht neben der Erhabenheit und Kultur der Alpen auch deren Gefahren und SchreckenS8.

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Ursula Winkler

Leiterin des Alpin- museums Kempten von 2002 bis 2013 

  • 1 Christine Kopp: «Die Zukunft der Alpinen Museen. Begegnungsstätte, Berggeschichte– was erwarten Bergsteiger?», Berg 2011. Alpenvereinsjahrbuch, Bd. 135, S. 30–33, S. 30.
  • 2 Helmuth Zebhauser: «Alpinmuseum in Kempten/Allgäu», Jugend am Berg, Jg. 42, München 1990, S. 77–82, S. 80.
  • 3 Seit der Eröffnung gab es zahlreiche Aktualisierungen, vor allem wurde ein Sonderausstellungsraum geschaffen und 2013 die Dauerausstellung «Geheimnis im Gletscher» eingerichtet.
  • 4 Zebhauser, H. (Hg.): Handbuch Alpinge- schichte im Museum. Katalog der Säle 2–7 des Alpinmuseums Kempten. München 1990, S. 12.
  • 5 Die Sammlung des Österreichischen Alpenvereins-Museums ist derzeit teilweise zu sehen in der Ausstellung «Berge, eine unverständliche Leidenschaft», bis 31.10.2014 in der Hofburg Innsbruck.
  • 6 Strabon, ca. 63 v. Chr. bis 19. nach Chr., Geographia IV 6, 6–7.
  • 7 Strabon, Geographia II 5, 26.
  • 8 tadler, H. (Hg.): Trauer fordert Gewissheit. Über den Umgang mit Gletscherleichen in Archäologie, Zeitgeschichte, Psychologie, (Nearchos Beiheft 9, Forschungen zur Gletscherarchäologie 1), Innsbruck 2011.

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Le Musée alpin de Kempten est une branche du Musée national bavarois et présente aussi bien des expositions tirées de la collection du Club alpin allemand que de la collection des sports d’hiver de la ville de Kempten. L’espace de vie qu’est la montagne est traité du point de vue de l’histoire des idées sur une aire d’exposition de plus de 2000 m2. Y est retracée l’attitude qu’a eue l’homme à l’égard de la montagne au fil des siècles, les idées qu’il s’en est faites ainsi que les moyens qu’il a utilisés pour la vaincre et l’exploiter. La période considérée s’étend du retour des êtres humains dans les Alpes après la dernière ère glaciaire, jusqu’à la fin du XXe siècle. L’histoire culturelle des Alpes y occupe une place de choix: des espaces de vie primitifs à l’exploitation de la «houille blanche», la force hydraulique, en passant par l’époque romaine. De nombreux thèmes sont illustrés avec des exemples provenant de la Suisse, comme les sites néolithiques des Grisons, le mythe du Pilatus avec son «Lac lunae» ou encore le plus ancien cloître des Alpes, St- Maurice d’Agaune (Valais). La vie des paysans de montagne est illustrée au moyen de nombreux outils et photographies. L’organisation de l’économie polyvalente caractéristique des régions alpines, dictée par des dénivellations qui peuvent aller jusqu’à 2000 mètres, le développement de l’économie laitière ou l’exploitation des forêts sont également expliqués en détail. Le Musée alpin insiste tout particulièrement sur l’approche suivante: dans les sphères de vie difficiles et exposées des Alpes, il est indispensable de trouver un équilibre entre des formes de vie extrêmement diversifiées, à savoir la vie paysanne, qui est pensée en principe comme une régénération de la nature indispensable à la vie, et la forme de vie des sociétés économiquement développées, qui exploitent la nature. Le Musée alpin de Kempten décrit ces extrêmes d’une manière aussi instructive que divertissante. (Traduction: sg)