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2013/3 Parlons jeunesse – Reden wir vom jungen Publikum!

Herausforderung: Bibliotheken für Jugendliche

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Viele öffentliche Bibliotheken klagen, dass Jugendliche spätestens ab der Pubertät ihre Institutionen meiden. Über die Gründe wird spekuliert, und Studien wurden in Auftrag gegeben. Von einem verstaubten Image der Bibliotheken ist die Rede, von einem wenig attraktiven Angebot, von harschen Regeln und schulähnlichem Betrieb, vom sogenannten Leseknick im Jugendalter und von der allgegenwärtigen Konkurrenz der Angebote, insbesondere im Internet. Dabei haben Bibliotheken unschätzbare Vorteile – auch für diese Altersgruppe.

Vielleser und Bibliotheksmuffel

Den Jugendlichen oder die Jugendliche gibt es nicht. Es gibt Jungen und Mädchen, die auch in diesem Alter nicht die gleichen Bedürfnisse haben. Es gibt Jugendliche, die nie einen Fuss in eine Bibliothek setzen würden. Andere stammen aus sogenannt bildungsfernen Schichten, haben einen Migrationshintergrund und kommen fast täglich in die Bibliothek, um ihre Hausaufgaben zu machen und sich mit ihren Kollegen zu treffen. Vielleser dagegen sind keine guten Kunden der Bibliothek: Nur ein Drittel von ihnen sucht sie regelmässig auf. So unterschiedlich Jugendliche sind, so unterschiedlich sind ihre Bedürfnisse an die Bibliothek. Aber im Bild, das sie sich von ihnen machen, stimmen sie weitgehend überein.


Typisch sind die vielen Bücher

Doktor Kerstin Keller-Loibl, Professorin an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig, untersuchte 2012 das Image, das Bibliotheken bei Jugendlichen haben1. Danach gefragt, lautet die gängige Antwort, die – wissenschaftlicher formuliert – auch in einem Lexikon stehen könnte: «Typisch für die Bibliothek ist, dass da viele Bücher sind.» Für die meisten Jugendlichen ist diese Vorstellung abschreckend. Bücher haben mit Lernen und Schule zu tun, bestimmt nicht mit einem Ort, wo sie gerne ihre Freizeit verbringen. Häufig stammt dieses Bild von den Erfahrungen aus der Schulbibliothek. Vor allem bei Jugendlichen, welche die Bibliothek nicht nutzen, gelten diese als altmodisch und langweilig, ihre Medien und Angebote als veraltet.

Bibliotheken verlieren ihr Monopol

Bis vor Kurzem hatten Bibliotheken jedoch ein für Jugendliche höchst attraktives Angebot: Musik-CDs und DVDs. Diese Medien können günstig oder gratis ausgeliehen werden, und die Inhalte lassen sich auf den eigenen Computer, MP3-Player oder das Handy laden. Damit hatten die Bibliotheken während rund 30 Jahren quasi ein Monopol. Es genügte, die Medien zu präsentieren, spezielle Kenntnisse über die Inhalte oder die Technik waren nicht erforderlich. Heute lassen sich die gleichen Angebote – und noch mehr – über das Internet viel einfacher zu Hause nutzen. Der Gang zur Bibliothek, die Einhaltung der Ausleihfristen und die Rückgabe erübrigen sich. Dieser Strukturwandel überraschte die Bibliotheken, die darauf nicht vorbereitet waren. In kurzer Zeit verzeichneten sie einen starken Rückgang bei den Ausleihzahlen dieser Medien. Auch die Anzahl jugendlicher Benutzer ging zurück.

Dabei machte sich ein weiterer Grund für den Einbruch bemerkbar, die sogenannte Gratiskultur, wie sich am Beispiel der Stadtbibliothek Basel aufzeigen lässt. DVDs kosten hier zusätzlich zu den Jahresgebühren drei Franken pro Ausleihe. Während der Gratisaktionen, die die Stadtbibliothek regelmässig durchführt, sind die DVD- Gestelle jeweils leer. Die DVDs werden also durchaus gern ausgeliehen, aber am liebsten eben gratis.

Möglicherweise spielt die demografische Entwicklung in der Schweiz ebenfalls eine Rolle. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen hat im Vergleich zu den Achtzigerjahren abgenommen, auch wenn seit einigen Jahren wieder eine leichte Zunahme zu verzeichnen ist.

Chill-Ecke mit Sofas und  Lounge-Pillows

In der eingangs zitierten Studie wurden die Jugendlichen nach ihrer Wunschbibliothek befragt. Wie zu erwarten, hat es darin mehr als nur Bücher, viel mehr – und zugleich auch weniger, vor allem weniger Bücher.

Die Wunschbibliothek lädt zum Verweilen. Sie ist gemütlich, man kann hier Freunde treffen, essen und trinken, spielen und schwatzen. Die ChillEcke ist mit bequemen Sofas, Sitzsäcken und Lounge-Pillows ausgestattet. Eine Hängematte wäre toll. Bücher sind trotzdem nicht verpönt, insbesondere Mädchen wünschen aktuelle Lektüre. Aber selbstverständlich dürfen Filme, Musik und Spiele – auch Computer- und Konsolenspiele – nicht fehlen. Gleichzeitig wollen die Jugendlichen in dieser Bibliothek auch ihre Schulaufgaben machen können. Dazu benötigen sie Sachinformationen aus DVDs, sogar aus Büchern, aus Datenbanken und dem Internet. Die Medien sollen nicht nur ausgeliehen, sondern zudem an Ort und Stelle genutzt werden können. Dazu braucht es einen multimedial ausgestatteten Raum.

All dies wünschen sich auch die Jugendlichen in Basel, die der Jugendarbeiter der Stadtbibliothek (s. Kasten) befragt hat. Die Ergebnisse seiner weder wissenschaftlichen noch repräsentativen Befragung sind über weite Strecke vergleichbar mit jenen der Studie. Da es sich um eine eigentliche Wunschliste handelt, steht zusätzlich ein Minikühlschrank neben dem Getränk- und Snackautomaten, eine Musikanlage und eine Kinoecke sollte es geben, am liebsten auch noch eine Rutschbahn und eine Kletterwand. Ginge es nach den Befragten, wäre die Bibliothek zu
gleich ein Jugendzentrum. Immerhin soll auch ein Mülleimer nicht fehlen. Dass sich die Basler Jugendlichen im Gegensatz zu jenen, die für die Studie befragt wurden, explizit coole Betreuungspersonen wünschen sowie eine betreute Lernecke und mehr Personal, zum Beispiel einen Jugendarbeiter, kommt nicht von ungefähr. Die Betreuung war in der Studie kein Thema und Jugendliche werden sie wohl kaum von sich aus ins Spiel bringen. In Basel dagegen hatten sie den Jugendarbeiter während des halbjährigen Pilotprojekts kennen und schätzen gelernt und wollten nicht mehr auf ihn verzichten.

Fazit

Gerade auch für Jugendliche haben Bibliotheken einen grossen Vorteil: Sie sind nicht kommerziell, es besteht kein Konsumzwang. Damit verfügen sie über beste Voraussetzungen, um sich als Treffpunkt und Verweilort zu etablieren – mit entsprechenden Angeboten und Einrichtungen.

Das Angebot – nicht nur für Jugendliche, aber besonders für sie – ist multimedial. Auf leistungsfähigen Computern können Recherchen getätigt, Filme angeschaut oder Hausaufgaben gemacht werden, Musik und Hörbücher lassen sich an Hörstationen geniessen. WLAN ist sowieso selbstverständlich. Bald können Gruppen auch an Multitouch-Tischen spielen und arbeiten.

Die Räume bieten genügend freie(!) Fläche, die Einrichtung etwa der ChillEcke mit Lounge-Pillows lädt zum Verweilen ein. Ein zwischen Regalen eingeklemmtes Sofa dagegen wäre Etikettenschwindel. In ihrem Bereich – der sich vom Kinder- und vom Erwachsenenbereich abgrenzt – dürfen Jugendliche ab und zu laut sein, ohne dass gleich Bibliothekspersonal sie zur Ordnung ruft. Gleichzeitig wollen Jugendliche aber auch in Ruhe arbeiten oder lesen können und dabei trotzdem unter ihresgleichen sein. Beiden Bedürfnissen ist Rechnung zu tragen. Unaufdringliche und kompetente Beratung wird sehr geschätzt – und spricht sich herum. Die Stadtbibliothek Basel hat sehr gute Erfahrungen mit einem Jugendarbeiter gemacht (s. Kasten). Auch die Knaben schätzen dieses Angebot. Es fällt Jugendlichen offenbar zudem leichter, mit jüngeren Personen in Kontakt zu treten. Bei der Personalzusammensetzung ist deshalb darauf zu achten, dass verschiedene Altersgruppen vertreten sind.

Das Image, das die Bibliotheken bei Jugendlichen haben, muss nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen. Vielleicht wissen sie einfach nicht, dass da eine Chill-Ecke eingerichtet wurde. Es braucht Kommunikation auch auf Kanälen, die von dieser Altersgruppe gerne genutzt werden, zum Beispiel Facebook, sowie Vernetzung mit andern Jugendinstitutionen.

Das alles kostet Geld, ohne eine gesicherte Finanzierung lässt sich kein Jugendbereich einrichten. Miete, Technik, Raum, Personal, Ausbildung und Kommunikation sind Kostenfaktoren, die zu berechnen sind.

Die Jugendlichen wollen ernst genommen werden. Man kann sie durchaus bei der Gestaltung einer Jugendbibliothek einbeziehen. Arhus in Dänemark zum Beispiel hat damit gute Erfahrungen gemacht. Was auch immer eine Bibliothek für diese Altersgruppe unternimmt, sie muss es aus Überzeugung tun und sie muss sich auf Jugendliche einlassen. Eine reine Imagekampagne ist kontraproduktiv.

Jugendarbeiter in der Stadtbibliothek Basel

Sie waren laut, trieben Unfug, hinterliessen Abfall zwischen den Büchern, verstopften die Toiletten. Die Mitarbeitenden, welche Medien entgegennehmen, Auskunft geben und dafür sorgen sollten, dass alle die Bibliothek unbehelligt nutzen können, stiessen an ihre Grenzen. Manchmal war es zum Verzweifeln. Was tun? Lärmenden Jugendlichen das Haus verbieten? Einen pensionierten Polizisten anstellen? Überwachungskameras installieren? Statt auf Repression setzte die Stadtbibliothek auf Kommunikation. Im Oktober 2012 engagierte sie in Zusammenarbeit mit der Jugendarbeit Basel einen Sozialarbeiter. Das Projekt wird von einer Stiftung finanziert.

Beziehung aufbauen

Seit Florian Schneider seine Tätigkeit aufgenommen hat, ist die Situation in den Bibliotheken spürbar besser geworden – für alle Beteiligten. Gröbere Störfälle sind nicht mehr vorgekommen. Der Jugendarbeiter ist froh darüber: «Anstatt Feuerlöscher spielen zu müssen, kann ich eine Beziehung zu den Jugendlichen aufbauen und festigen.» Das ist ihm gelungen. Schon nach kurzer Zeit fragten Jugendliche nach ihm und freuten sich aufs nächste Treffen. «Wobei ja schon Beziehungen bestehen. Die Bibliotheksmitarbeitenden kennen viele der Jugendlichen mit Namen, sprechen mit ihnen und unterstützen sie, wenn sie Zeit haben», betonte Florian Schneider. Mit ihm haben die Jugendlichen nun jemanden, der ausschliesslich für sie da ist.

Fussball, Napoleon, Bewerbungen

«Zu Beginn stellte ich mich vor, erklärte, was ich mache und welche Unterstützung ich anbieten kann.» Das Angebot des Sozialarbeiters ist offen. Die Jugendlichen entscheiden, ob sie mit ihm Hausaufgaben machen, einfach nur schwatzen oder überhaupt nichts mit ihm zu tun haben wollen. «Es ist auch schon vorgekommen, dass wir hinausgingen und Fussball spielten. Einmal tauchte im Gespräch Napoleon auf, was den Anlass bot, gemeinsam in Büchern, Sach-DVDs und im Internet nach weiteren Informationen zu suchen. Jemand hat eine Frage am Computer oder ein Junge bat um Hilfe bei einem Bewerbungsschreiben. Eine Gruppe mit Problemen in Mathe hat mich auch schon gleich an der Türe empfangen. Vor allem die Jüngeren wollen mir oft ihre Hausaufgaben zeigen.»

Hausaufgaben machen in der Bibliothek

Dabei hält Florian Schneider immer auch eine gewisse Distanz. «Ich zeige den Kindern, wo sie Informationen finden, oder gebe Tipps, aber die Aufgaben müssen sie schon selber machen. Ich halte sie auch nicht dazu an. Es soll eben nicht wie in der Schule sein. Leistungsdruck wäre hier fehl am Platz.» Er war aber überrascht, wie viele Jugendliche in die Bibliothek kommen, um Hausaufgaben zu machen, häufig zusammen mit Kameraden. «Ich hätte das nie gedacht. Für etliche Jugendliche – darunter viele mit Migrationshintergrund – ist die Bibliothek das erweiterte Wohnzimmer. Zu Hause haben sie vielleicht nicht viel Platz und wenig Betreuung.» Insgesamt stellt er den Jugendlichen ein gutes Zeugnis aus. «Sie schätzen die Angebote, die sie gratis nutzen dürfen, und dass ich für sie da sein kann. Sie wissen auch sehr gut Bescheid über die Bibliothek. Sie sind dankbar und im Grund mit wenig zufrieden.»

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Anne-Lise Hilty

GGG Stadtbibliothek

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Klaus Egli

GGG Stadtbibliothek

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Dans un contexte où les bibliothèques dont l’image réglementaire et scolaire butte sur les attraits du web, la contribution veut souligner les atouts que les bibliothèques ont en main.

Les jeunes ne sont d’ailleurs pas un groupe homogène, et leurs rapports aux bibliothèques sont très diversifiés. Toutefois, l’image de la bibliothèque comme lieu où il y a «beaucoup de livres» redoublant le modèle scolaire, en faisant un lieu démodé et pesant, reste majoritaire chez les jeunes (étude 2012 de l’Université de Leipzig). De plus, la concurrence du web pour l’accès à la musique et à la vidéo a porté un coup à l’ancienne offre attractive des bibliothèques, la gratuité étant également un paramètre important pour maintenir la demande en la matière. Les enquêtes menées auprès des jeunes sur leur modèle idéal de bibliothèque montre un besoin d’intégration du lieu dans un concept proche du centre pour la jeunesse: se rencontrer, boire, manger, s’amuser dans un cadre confortable offrant des ressources numériques, sans être trop remis à l’ordre par le personnel …

Dans le même temps toutefois, les jeunes demandent aussi des espaces pour travailler, et l’expérience bâloise d’un jeune travailleur au service des jeunes a rencontré un beau succès. Le personnel de la bibliothèque, s’il sait conseiller de manière judicieuse, sera également apprécié. Il importe donc de veiller à avoir des équipes où les jeunes sont présents pour faciliter la rencontre. Faire évoluer la bibliothèque coûte de l’argent. Loyers, équipements, formation du personnel et communication sont des facteurs à ne pas mésestimer. De plus, les jeunes veulent être pris au sérieux, et il faut penser à les inclure lors de la conception d’une bibliothèque pour la jeunesse comme cela a été le cas, à Aarhus au Danemark. Agir pour les jeunes impose conviction et implication. Une simple campagne d’image serait contre-productive.