Kommentare Abstract
2009/3 Digitale Dienstleistungen als Herausforderung in I&D

E-Books: Bibliotheken sind weder Innovatoren, noch sollten sie Trödler sein

Kommentare Abstract

Beschäftigen Sie sich mit E-Books und E-Readern, liegen Sie voll im Trend. Spätestens seit der Sony Reader überall verkauft wird, sind E-Books in den Medien allgegenwärtig. E-Books sind natürlich überhaupt nichts Neues. Wissenschaftliche Bibliotheken wie beispielsweise die ETH-Bibliothek bieten schon seit Jahren E-Books an. Nun testen einige Bibliotheken wie die Stadtbibliotheken Zug und Burgdorf ein Angebot des SBD, die «Digitale Bibliothek», und motiviert durch diesen Hype möchten auch kleine und mittlere Bibliotheken gerne auf den Zug aufspringen. Dieser Artikel möchte einige Hinweise geben, wie öffentliche Bibliotheken entscheiden können, wann und ob sie solche neuen Produkte in ihre Prozesse einbinden sollen.

E-Books werden nicht mehr verschwinden, ob uns das passt oder nicht, und egal, ob wir sie mit einem Sony Reader lesen oder auf dem Handy. Kritik an den aktuellen Readern ist uninteressant, denn schon in kurzer Zeit werden neue und noch bessere Geräte auf den Markt kommen.

Der Spruch: «Ich lese bestimmt keinen Roman am Bildschirm» zieht nicht mehr. Die NetGeneration, Jugendliche, die mit dem Internet aufwachsen, kümmern sich nicht um altmodische Vorstellungen von «richtigem» Medienkonsum. Und sie sind unsere Nutzer von heute und von morgen. Bibliotheken tun also gut daran, sich mit der neuen Form von Information zu beschäftigen. Das heisst aber auch, zu wissen, wann Sie «in den Markt einsteigen». Sie müssen Ihre Prozesse verändern, denn behandelt man E-Books wie Printprodukte, werden sie Bibliotheken nie oder nur mit viel Mühe wirklich einen Mehrwert bringen.

Nach Rogers Modell der Innovationsaneignung1 gibt es eine Gruppe der Innovatoren, die Änderungen vorantreiben. Die meisten Bibliotheken können es sich nicht leisten, Innovatoren zu sein. Will man zur Avantgarde gehören, müssen genügend Ressourcen und Wissen in der Organisation vorhanden sein. Innovatoren sind bereit, ein hohes Risiko einzugehen.

Die «Rogers-Kurve» beschreibt als zweite Gruppe die frühen Anwender, die neue Ideen – vorsichtig – ausprobieren und Meinungsführer sind. Bibliotheken, die bereits vor sieben, acht Jahren anfingen, E-Books anzubieten, gehören dazu.

Bibliotheken, die zur frühen Mehrheit gehören, sind vorsichtig, nehmen aber Änderungen schneller als der Durchschnitt an. Die «Digitale Bibliothek»-Testgruppe in der Schweiz möchte hier dazugehören. Zählen Sie sich auch zu dieser Gruppe, dann hier einige Anhaltspunkte: 

1. Haben Sie einen E-Book-Businessplan? Wie viele Titel können Sie sich mit Ihrem Erwerbungsetat leisten? Mit 20 bis 50 E-Books müssen Sie gar nicht erst anfangen. Wenn sie im Katalog integriert sind, verschwinden sie in der Menge, und auf einer eigenen Website ist die Auswahl viel zu klein und interessiert auch niemanden. Es ist einfacher, Projektgelder zu erhalten, als das Erwerbungsbudget massiv zu erhöhen. Berechnen Sie, was z.B. ein Angebot der «Digitalen Bibliothek» des SBD mit durchschnittlich zweitausend Titeln zusätzlich kosten würde. Oder planen Sie langfristig eine Reduktion Ihres Printbestandes?

2. Besitzen Sie genügend Kenntnisse über E-Book-Formate? Der Formatdschungel ist nicht zu unterschätzen, und PDF ist nicht gleich PDF. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem PDF und einem EPUB? Nur EPUB lassen sich auf den Readern richtig skalieren. Viele Verlage bieten aber einfache PDF an, da die Kosten für eine EPUB-Formatierung nicht unerheblich sind.

3. Arbeiten Sie mit einem System, das eine Schnittstelle von den Benutzerdaten zur E-Book-Plattform zulässt? Rechnet sich eine E-Book-Bibliothek für eine einzelne Bibliothek überhaupt?

4. Wollen Sie E-Books von den Verlagen als Pakete kaufen oder mit einem Anbieter wie Ciando oder dem SBD arbeiten? Haben Sie genügend IT-Ressourcen, um die Pakete auf Ihrer Website anzubieten, oder wollen Sie die E-Books in Ihren Katalog integrieren? Wissen Sie, ob und wie die E-Books-DRM geschützt sind, wie die Rechte abgefragt werden und wie sich das auf eine Offline-Nutzung auswirkt? Die «Digitale Bibliothek» ist für die Nutzung mit einem Reader nicht eingerichtet. Die Testbibliotheken messen dem aber keine Bedeutung zu, da es ohnehin kaum Besitzer von Readern gäbe.

Bibliotheken, die sich zur späten Mehrheit rechnen, benutzen neue Produkte erst, wenn die Mehrzahl sie verwendet. Gehören Sie zu dieser Gruppe, dann haben Sie den Vorteil, dass Sie von der Erfahrung der frühen Nutzer profitieren können und aus ihren Fehlern lernen können.

Geben Sie acht, dass Sie nicht zu den Trödlern zählen, Institutionen, die kritisch gegenüber Neuem sind und Neues nur nutzen, wenn es zur Tradition geworden ist. So werden Sie E-Books erst integrieren, wenn alle anderen bereits am Ausprobieren der E-Book-Nachfolger sind. Egal, zu welcher Gruppe Sie sich zählen, wichtig ist, dass die Selbsteinschätzung den Möglichkeiten Ihrer Institution entspricht. Stuft sich eine Bibliothek in die falsche Gruppe ein, kann sie das Potential des neuen Produkts weder erkennen, noch wird sie die nötigen Änderungen im Geschäftsgang vornehmen. So wird der Innovationsprozess verlangsamt, und – was noch schwerer wiegt – bei hohen Kosten haben Sie wenig bis gar keinen Nutzen.

Avatar

Ruth Wüst

Bibliotheksbeauftragte und Kantonsbibliothekarin AG

Kommentare

*Pflichtfeld

Abstract

Parler d’e-books et d’e-readers est très tendance. En tout cas depuis que Sony a sorti son Reader, qui est vendu partout, les e-books sont omniprésents dans les médias. Les e-books ne sont évidemment pas des produits dernier cri. Des bibliothèques scientifiques, comme celle de l’EPFZ en proposent déjà depuis des années. Mais voilà maintenant que certaines bibliothèques, comme celles de la ville de Zoug et de Berthoud, testent actuellement une offre de la SBD, la «bibliothèque numérique», tandis que d’autres bibliothèques petites et moyennes veulent les imiter. Cet article fournit quelques exemples de la manière dont des bibliothèques publiques peuvent décider quand et si elles veulent intégrer ce type de nouveaux produits dans leur processus.