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2008/1 Lobbying für Informationsdienste: Theorie und Praxis

Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW): Vermittlung, Vernetzung und Förderung

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Die SAGW vertritt die Anliegen der Humanwissenschaften im Gespräch mit Entscheidungsträgern und Behörden sowie gegenüber Medien und Öffentlichkeit. Unter ihrem Dach finden rund 30 000 Forschende zusammen. Dies erlaubt der SAGW den Zugriff auf aktuellstes Wissen und damit qualifizierte Stellungnahmen.

Die Stimme der Humanwissenschaften

Diese Sätze sind zu lesen im Prospekt, in dem die SAGW ihre Aufgaben vorstellt. Alleine schon die Breite des Programms und die grosse Anzahl von Forscherinnen und Forschern, welche sich an den Aktivitäten der SAGW mit zeitlich grösserem oder kleinerem Einsatz beteiligen, sollten eigentlich Garantie genug sein, dass die Akademie in der Öffentlichkeit nachhaltig wahrgenommen wird. Die sorgfältige Durchsicht der Website www.sagw.ch und die aufmerksame Lektüre der Jahresplanung 2008–2011 der Akademie geben einen weiteren, eindrücklichen Einblick in die Vielfalt der Projekte, über zahlreiche Kolloquien, die organisiert und unterstützt werden, über geförderte Publikationen und über die mannigfaltigen Kontakte, die zu weiteren Organisationen sowohl im In- als auch im Ausland unterhalten werden.

Kurzum: Die SAGW müsste eigentlich (fast) allen ein Begriff sein!

Weit gefehlt! Und es ist auch nicht die erklärte Absicht der Akademie, allen «ein Begriff zu sein». Die Akademie übernimmt viel eher und lieber die Rolle eines Türöffners, eines Vermittlers, einer Schnittstelle. Der Verzicht auf Profilierung bei der grossen Masse hat auf der anderen Seite den unbestreitbaren Vorteil, dass gezielte, nachhaltige, seriöse und effiziente Arbeit geleistet werden kann. Das Lobbying der SAGW ist zwar diskret, aber es dringt zum Kern der Sache vor. Die drei Aktivitäten, die wir im Folgenden vorstellen möchten, können in mehrerer Hinsicht als exemplarisch für das Vorgehen der SAGW gelten. Bei den drei Aktivitäten handelt es sich um:

– die Empfehlungen zur Sicherung des nationalen Kulturgutes der Schweiz im digitalen Zeitalter

– das Projekt infoclio.ch 

– den Preis Goldene Brille.

Empfehlungen zur Sicherung des nationalen Kulturgutes: Stellungnahme 

Die SAGW hat in Zusammenarbeit mit führenden Fachorganisationen am 8./9. November 2007 in Bern die Tagung «Das digitale Gedächtnis der Schweiz. Stand, Herausforderungen, Lösungswege» durchgeführt.

Im Rahmen des Kongresses, an dem 210 Personen teilnahmen, wurden zwei Empfehlungen zuhanden der folgenden Adressaten verabschiedet:

– an den Vorsteher des EDI

– an die Vorsteherin des EDA

– an den Präsidenten der Konferenz der Kantonsregierungen

–  an den Präsidenten der Konferenz der leitenden Archivarinnen und Archive auf Kantons- und Bundesebene

–  an die Präsidenten der Konferenz der Kulturbeauftragten der Kantone und der Städte

–  an die Präsidentinnen und das Sekretariat der Kommissionen für Bildung, Wissenschaft und Kultur des National- und des Ständerates.

In der Stellungnahme ersucht die SAGW die obgenannten Adressaten, die notwendigen und geeigneten Massnahmen zur Gewährleistung der Langzeitbewahrung digitaler Datenbestände in die Wege zu leiten.

Die Adressaten werden insbesondere eingeladen, die nachfolgenden zwei Empfehlungen zu prüfen:

1. partnerschaftliche Koordination und Regulierung der Digitalisierungstätigkeiten 2.Lösung für die Langzeitsicherung digitaler Daten auf nationaler Ebene.

Die erste Empfehlung ist in Bezug auf die Umsetzung dieser Koordination/ Regulierung eher allgemeiner Natur. Sie begnügt sich mit der Forderung, «(sie) sind in die Lage zu versetzen, die Koordination und Regulierung in Form von Kriterien, Standards und Normen sicherzustellen».

Die zweite Empfehlung hingegen enthält eine Liste mit präzisen Aufgaben, die angegangen und gelöst werden müssen:

–  langfristige Sicherstellung der technischen Benutzbarkeit von Daten

–  Regulierung im Bereich der Sicherung und der Kooperation

–  laufende Evaluation der bestehenden Infrastrukturen und Identifikation des Entwicklungsbedarfs in Zusammenarbeit mit Dritten (Universitäten und private Firmen)

–  Koordinationsfunktionen im technischen und inhaltlichen Bereich sowie in der Ausbildung.

Diese Stellungnahme kann als Musterbeispiel für eine wohlüberlegte und gut organisierte Aktivität gelten. In ihr finden sich mehrere zentrale Voraussetzungen, die für das «politische» Lobbying gelten:

– klar definierte Adressaten

– sorgfältig definierte Empfehlungen

– eine Übersicht über die Aufgaben, die zu lösen sind (zuhanden der Entscheidungsträger)

– Unterstützung durch Spezialisten (Kongress).

Ein weiterer zentraler Punkt, der in der Stellungnahme der SAGW nicht explizit hervorgehoben wird, ist selbstverständlich die Weiterverfolgung und Nachprüfung.

Das Projekt infoclio.ch

Weiterverfolgt werden die Empfehlungen etwa durch das Projekt infoclio.ch, das sich spezifisch der historischen Forschung in der Schweiz widmet.

infoclio.ch ist eine Initiative der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG) und der SAGW. Ihr Ziel ist es, eine digitale Infrastruktur für die Schweizer Geschichtswissenschaft aufzubauen, welche die relevanten Träger und Akteure koordiniert, die Sichtbarkeit der Schweizer Geschichtswissenschaft im digitalen Kontext erhöht und den Zugang der Forschenden zu digitalen, internationalen Initiativen erleichtert.

In der Jahresplanung 2008–2011 steht Folgendes zu lesen:

Mit der Stiftung HLS und der SGG möchte sich die SAGW am Aufbau von infoclio.ch, einer Plattform zur besseren Vernetzung der historischen Forschung in der Schweiz, beteiligen. Zu diesem Zwecke beantragt die SAGW einen jährlichen Kredit in der Höhe von Fr. 500 000.–. Ziele, Aufgaben, Funktionsweise und Finanzbedarf von infoclio.ch werden in der von der SGG, der Stiftung HLS und der SAGW in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie detailliert beschrieben (siehe dazu infoclio.ch – Machbarkeitsstudie, www.sagw.ch, Rubrik Portrait, Planung).

Ziel der Plattform ist es, auf nationaler Ebene die Förderung, Aufbewahrung und ständige Weiterentwicklung von Informatikinfrastrukturen für die historische Forschung in der Schweiz zu verantworten.

Um das Projekt vorantreiben und zu diesem Zweck die Leitgedanken zuerst bei den betroffenen Berufskreisen und dann bei den Entscheidungsträgern auf nationaler Ebene verankern zu können, haben sich die Initiatoren die Unterstützung von Persönlichkeiten gesichert, die in der Lage sind, Projekte kompetent und seriös zu beurteilen, und dadurch ihrerseits weitere, für das Projekt wichtige Persönlichkeiten beeinflussen können. Es seien an dieser Stelle zwei Stellungnahmen unter vielen genannt, welche aufzeigen, wie wichtig es ist, solide Vorarbeit zu leisten und Pflöcke einzuschlagen, wenn man ein Projekt von einer gewissen Tragweite lancieren oder vorantreiben will.

Dr. Anita Ulrich, Vorsteherin Schweizerisches Sozialarchiv: «infoclio.ch und das Schweizerische Sozialarchiv verfolgen das gleiche Ziel: die Vernetzung der historischen Forschung mit den Archiven und Bibliotheken. Deshalb unterstützt das Schweizerische Sozialarchiv infoclio.ch.»

Andreas Kellerhals, Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs: «Eine Initiative zur Schaffung eines zentralen schweizerischen Portals zur Geschichtswissenschaft und damit das Angebot einer koordinierten Informationsquelle über die neuen Trends in der Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung ist sehr zu begrüssen.»

Seit der Durchführung der Mach- barkeitsstudie im Jahr 2005 sind mehr als zwei Jahre vergangen. Im Januar wurde auf der Site www.infoclio.ch eine Anzeige publiziert: Für die Realisierung von infoclio.ch sucht die SAGW einen/ eine Projektleiter/in (80–100%). Was davor resp. dazwischen noch geschehen ist: Presseartikel in der NZZ und im Tagesanzeiger im Jahr 2006, Vorstellung des Projekts im SAGW-Bulletin, Integration von infoclio.ch in das Projekt zur Bildungsbotschaft im Juni 2007, Unterschrift unter einen Umsetzungsplan (gemeinsame Erklärung von SAGW und SGG) im Jahr 2007.

Goldene Brille

Die Medien spielen in unserer heutigen Gesellschaft, in der die Information immer stärker unseren Alltag bestimmt, eine zentrale Rolle. Nicht nur die Medien, auch die Journalistinnen und Journalisten. Oder die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für das Publikum schreiben. Schliesslich sind sie es, welche die Informationen weiterleiten, aufbereiten und in eine Form bringen, die lesbar ist und somit auch gelesen wird. Die Journalistinnen und Journalisten – oder die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche sich die Mühe nehmen, ihre Arbeit zu verbreiten und jedem zugänglich zu machen – sind eine wichtige Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Aus diesen Überlegungen heraus hat die SAGW einen Preis für die Verbreitung der Geistes- und Sozialwissenschaften in den Medien geschaffen: Die Goldene Brille.

Dieser Preis ist mit Fr. 10 000.– dotiert und wird jedes Jahr an eine(n) Wissenschaftler(in) oder einen Journalisten/eine Journalistin für seine/ihren Beitrag zur Verbreitung von Forschungsergebnissen bei einem Laienpublikum vergeben.

Das ist eine vernünftige Form, die Aufmerksamkeit von jenen zu gewinnen, welche Informationen verbreiten und weiterleiten. Und es ist ein Handeln, das perfekt zu einer Förderungsstrategie passt – oder eben zu einer Lobbyingstrategie.

Unter Mitarbeit von Beatrice Kübli, wiss. Mitarbeiterin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit

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Stéphane Gillioz

rédaction arbido

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Par ses multiples engagements, l’ASSH a de très nombreux contacts avec les scientifiques, les milieux politiques, les médias et le public. Trois actions menées par l’ASSH ressemblent fort à du lobbying politique: les recommandations pour la conservation des biens culturels à l’âge du numérique; le projet infoclio.ch et le prix La Lunette d’or. Dans sa prise de position sur les recommandations, l’ASSH demande aux autorités fédérales et cantonales compétentes de prendre les mesures suivantes: 1) développer un partenariat et une coordination de la régulation des activités de numérisation, et 2) trouver une solution pour la sauvegarde à long terme des données numériques à l’échelle nationale. La première recommandation reste assez générale, alors que la deuxième énonce des tâches précises relevant d’un véritable lobbying politique avec des destinataires précis, des recommandations bien définies, une indication des tâches à accomplir (à l’intention des décideurs), un support d’experts (le congrès). Le projet infoclio.ch, initiative de la Société suisse d’histoire (SSH) et de l’ASSH, doit constituer une plateforme dont le but est de suivre la promotion, la conservation et le développement continu des infrastructures numériques pour la science historique en Suisse. Pour développer leur projet, les initiateurs se sont assurés de l’appui de personnalités en mesure de juger du projet avec compétence et sérieux, et qui étaient donc susceptibles d’influer à leur tour sur les autres acteurs clés.

Troisième forme de lobbying: la création du prix Lunette d’or. Celui-ci, doté annuellement de CHF 10 000.–, sera attribué à un journaliste ou scientifique qui, par ses travaux, aura contribué à diffuser auprès du public les résultats des sciences humaines et sociales.