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2008/1 Lobbying für Informationsdienste: Theorie und Praxis

Der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare: Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit

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Lobbying definiert sich für den Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) als legale Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse zur Durchsetzung seiner spezifischen Interessen, insbesondere mittels Information. Lobbying gilt heute als eine akzeptierte Form der Basisdemokratie und legitimes Element in der politischen Willensbildung.

Die höhere Komplexität der Beziehungen zwischen Politik, Wirtschaft und Gemeinwesen verlangt nach mehr Informationsaustausch. Damit werden Informationsdefizite abgebaut und Informationen an Entscheidungsträger herangebracht. Gut Informierte können mehr Einfluss nehmen – und da Archivarinnen und Archivare Fachleute des Informationsgeschäfts sind, ist es unabdingbar, diese Vorteile innerhalb der vorhandenen Ressourcen möglichst gut zu nutzen.

Für den VSA dient Lobbying einerseits dazu, Unterstützung für mehrheitsfähige Projekte zu mobilisieren und die entsprechenden Mittel zu beschaffen. Andererseits ist es der Auftrag des VSA, über Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit dafür zu sorgen, dass professionelle Archivierung in der Schweiz wahrgenommen wird. Der VSA fördert das Verständnis für den Auftrag und die Bedeutung der Archive, indem er der Öffentlichkeit bewusst macht, dass Archivalien ein wesentlicher Teil unseres Kulturerbes sind. Der Verein setzt sich im Weiteren dafür ein, den zuständigen politischen Behörden und der Öffentlichkeit die Notwendigkeit und Bedeutung der Archive klarzumachen. Um die Herausforderungen bewältigen zu können, welche die Informationsgesellschaft an Archivarinnen und Archivare stellt, braucht es die Unterstützung der politischen Institutionen und das Verständnis der Öffentlichkeit.

Politisches Lobbying

Bei der politischen Lobbyarbeit des VSA geht es vor allem darum, die Öffentlichkeit, die politischen Institutionen und potenzielle Geldgeber für die Anliegen der Archive zu sensibilisieren. Im Fokus stehen die Anhörung des Verbands und die aktive Mitarbeit in der entsprechenden Gesetzgebung, die Beschaffung von ausreichenden Finanzen für Projekte und eine höhere Beachtung der archivischen Anliegen in der Öffentlichkeit.

In der föderalistisch organisierten Schweiz gibt es kein zentral geregeltes Archivwesen, also keine Bundesgesetzgebung, welche für alle öffentlichen und privaten Archive gültig wäre. Dementsprechend ist das politische Lobbying vorwiegend im lokalen Bereich verankert. Die gesetzlichen Entscheidungsträger befinden sich in den meisten Fällen bei den kantonalen politischen Institutionen wie der Legislative und deren speziellen Kommissionen (Finanzen, Kultur usw.). Bei entsprechenden Vorlagen – vor allem im Bereich der Archivgesetze, Öffentlichkeits- und Datenschutzgesetze, bei der Kulturförderung und bei Kulturgüterschutzgesetzen – müssen sich die lokalen Archive als Akteure einbringen, sei es bei Vernehmlassungen, Stellungnahmen oder in Arbeitsgruppen. Der VSA sieht sich dabei als eine Art «Facilitator», der das entsprechende Argumentarium liefert, seinen Mitgliedern in konkreten Fällen Hilfe anbietet und sich in grundsätzlichen Sachen auch schriftlich gezielt an Entscheidungsträger wendet. Der VSA agiert im Bereich der Gesetzgebung auch direkt, indem er sich an der Vorbereitung von für das schweizerische Archivwesen wichtigen Gesetzen und Entscheidungen aktiv beteiligt. Ein Beispiel ist das Schweizerische Komitee für Kulturgüterschutz, bei dem in der Arbeitsgruppe «Archive» eine VSA-Delegation vertreten ist. Eines der Ziele solchen Lobbyings ist es, für das Archivwesen praktikable Gesetze mit hoher Akzeptanz und breitem Konsens zu ermöglichen.

Ein wichtiges Instrument des VSA zur Information und fachlichen Unterstützung sind die verbandseigenen Arbeitsgruppen, die in verschiedenen Themenfeldern tätig sind und den Vorstand auf wichtige Trends und Entwicklungen hinweisen, auf welche der Verband reagieren kann. Der VSA stellt aber aus aktuellem Anlass auch ad hoc Arbeitsgruppen zusammen, die ihn unterstützen und beraten; mit der zurzeit als «Think Tank» tätigen «Denkgruppe Überlieferungsbildung» will der VSA Strategien und konkrete Empfehlungen erarbeiten, wie die schweizerische nicht staatliche Überlieferung gesichert werden könnte. Das bedeutet, dass auch für die Funktion der Archivierung und der Aktenführung lobbyiert werden muss; dieses Lobbying wird einen festen Bestandteil der zukünftigen Strategie bilden. Gleichzeitig sollen die Resultate der Denkgruppe in eine nationale Memopolitik einfliessen. Im Zusammenhang mit dem zurzeit beim Bund unter Federführung des Bundesamts für Kultur (BAK) in Arbeit befindlichen Konzept für eine koordinierte Politik zur Sicherung des kollektiven nationalen Gedächtnisses hat der VSA bereits mehrere Male Inputs zur Positionierung der Archive geliefert und wird dies auch in Zukunft tun.

Ohne Netzwerke kann ein kleiner Verband wie der VSA nur wenig bewirken. Bei der Netzwerkarbeit geht es einerseits um die gezielte Zusammenarbeit mit ähnlichen Interessensgruppen und um die Mittelbeschaffung für mehrheitsfähige Projekte. Im Netzwerk lobbyiert der VSA andererseits auch für eine koordinierte, dreistufige Ausbildung im Archivwesen. Der VSA sieht in einer guten Fachausbildung eines der grössten Lobbying-Potenziale, denn dort finden sich die Träger der archivischen Anliegen. Stellungnahmen zu und Begleitung von institutionellen Aus- und Weiterbildungsangeboten sind ein fester Bestandteil des VSA-Lobbyings. In Zusammenarbeit mit dem BBS und dem SVD (bzw. Verband Information Schweiz) hat sich der VSA seit 1994 in der Ausbildungsdelegation I+D mit dem Ziel eingesetzt, die Ausbildung in den Bereichen Bibliothek, Dokumentation und Archiv innerhalb der Schweiz zu koordinieren, und hat sich aktiv bei der Umsetzung der neuen Verordnung über Berufsbildung von 2003 beteiligt. Der VSA initiierte den sowohl personell als auch finanziell getragenen Zertifikatskurs in Archiv- und Informationswissenschaft; dieser wurde in zwei Auflagen an den Universitäten Lausanne, Bern und Genf durchgeführt. An seine Stelle ist ab 2006 die Grundstufe des Masterstudiums der Universität Bern getreten, die mit dem Certificate of Advanced Studies in Archival and Information Science (MAS AIS) abgeschlossen wird. Auch dort engagiert sich der VSA in der Studienleitung und im Beirat, um seine Anliegen durchzusetzen.

Auf institutioneller Ebene arbeitet der VSA zudem auf verschiedenen Ebenen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte und der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften zusammen, welche die Interessen der historischen Forschung und der Quellensicherung auf Bundesebene vorbringen; dort sind wiederum die Querverbindungen zum Museums- und Bibliotheksbereich gegeben.

Die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene ist für den VSA besonders wichtig; mit den Kontakten zu den nachbarlichen Berufsverbänden (Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien), mit seiner Vertretung im Internationalen Archivrat (ICA) und dessen europäischer Regionalvereinigung sowie der Positionierung seiner Mitglieder in dessen Gremien können die Anliegen der Archive und Archivarinnen mit grösserem Gewicht durchgesetzt werden. Der VSA hat 1996 auch die Schaffung eines internationalen Ethikkodexes für Archivarinnen und Archivare unterstützt. Dieser dient Archivarinnen und Archivaren als Orientierungsrahmen, insbesondere was die Integrität der Archivalien, den freien Zugang zum Archivgut, die Professionalität und das Teilen von Fachwissen als solidarische Berufsgruppe betrifft, damit auch in der Informationsgesellschaft eine sichere Überlieferungsbildung weltweit gewährleistet werden kannKodex der ethischen Grundsätze für Archivarinnen und Archivare/Code de déontologie des archivistes. Angenommen von der Generalversammlung des Internationalen Archivkongresses am 6. September 1996 in Beijing. Herausgegeben vom Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare. St. Gallen 1999. Erhältlich bei: Zentralsekretariat VSA, Brunngasse 60, CH-3011 Bern, vsa-aas@smueller.ch.. Zurzeit arbeitet der VSA innerhalb des ICA an der Revision des Kodexes mit. Auch der Ethikkodex gehört zum Lobbying bzw. zu Public Relations, denn er bestimmt das Ansehen unseres Berufsstandes gegenüber der Öffentlichkeit mit und zeigt unsere Professionalität auf. Im Rahmen seiner Mitgliedschaft beim ICA gehört der VSA zu den Mitorganisatoren der Europäischen Archivkonferenz 2010 in Genf.

Öffentlichkeitsarbeit

Auf nationaler Ebene führt der VSA – zusammen mit den Schweizer Archiven – den alle fünf Jahre stattfindenden nationalen Archivtag durch; dieser fand letztmals am 17. November 2007 statt. Der Archivtag richtet sich an ein breites Publikum und will deutlich machen, dass Archive der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Die Veranstaltung wird gleichzeitig auch als Gelegenheit genutzt, die allgemeinen Anliegen der Archive öffentlich darzulegen und Informationskampagnen durchzuführen (vgl. das Programm 2007 auf www.vsa-aas.org). Der VSA arbeitet dabei mit allen Pressemedien zusammen, koordiniert die Aktivitäten und unterstützt –falls erwünscht– die Pressearbeit der einzelnen Archive.

Seit 1986 erscheint die Zeitschrift arbido als gemeinsames Fachorgan von VSA und BBS/SVD. Die Zeitschrift pflegt in erster Linie die archiveigene Öffentlichkeit, die Publikation richtet sich aber durchaus auch an Entscheidungsträger auf politischer und kultureller Ebene, die sich über die Tendenzen in unseren Berufen zu orientieren wünschen. Die Zeitschrift wurde 2006 gestalterisch modernisiert, konzeptuell überarbeitet und mit einem elektronischen Newsletter ergänzt.

Über sein Mandat im Rat der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG) beteiligt sich der VSA auch an der SGG-Publikation Schweizerische Zeitschrift für Geschichte oder an Projekten wie dem schweizerischen Geschichtsportal infoclio, dessen Ziel es ist, der schweizerischen Geschichtswissenschaft eine digitale Infrastruktur zu bieten.

Dank einer eigenen, informativen Website können die Aktivitäten des VSA über das Internet auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Auf der Website finden sich nicht nur Arbeitshilfen und Weiterbildungsangebote für Fachleute, sondern auch allgemeine Informationen zum Verband, zu seinen Zielen und Tätigkeiten.

2006 hat der VSA in Zusammenarbeit mit dem Badener Verlag hier+ jetzt eine archiv- und informationswissenschaftliche Reihe initiiert; in loser Folge gibt er dort Publikationen zum Archivwesen in der Schweiz heraus. In der Reihe können auch andere als die vom VSA herausgegebenen Publikationen erscheinen; allerdings dürfen nur die vom VSA selbst edierten oder unterstützten Veröffentlichungen als «Gütesiegel» das Verbandslogo tragen. In dieser Reihe sind bereits mehrere Arbeiten veröffentlicht worden, unter anderem das Handbuch Archivpraxis in der Schweiz – Pratiques archivistiques en Suisse, ein Meilenstein der Standortbestimmung, und die Publikation Unternehmensarchive – ein Kulturgut?, welche sich nicht nur an eine Archivöffentlichkeit, sondern auch an politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger richtet.

Eine grosse und wichtige Gelegenheit und Plattform für internationales und nationales Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit wird die 8. Europäische Archivkonferenz in Genf 2010 sein; der VSA wirkt finanziell wie inhaltlich aktiv an deren Organisation mit.

Nicht zu vernachlässigen ist der Wert der unspektakuläreren Formen des Lobbyings und der Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehört die regelmässige Mitwirkung an Podiumsgesprächen und Tagungen, welche unsere Interessen betreffen; damit fördert der VSA die Sichtbarmachung des Verbandes und die Anliegen seiner Mitglieder. Die direkte Adressierung, vor allem auf politischer bzw. behördlicher Ebene, darf ebenfalls nicht unterschätzt werden: Briefe müssen beantwortet werden, und es muss Stellung bezogen werden. Der VSA arbeitet oft mit diesem Instrument, um einzelne Fragen zu erörtern. Mit gezielt platzierten Artikeln und Beiträgen zu einzelnen Themen lässt sich ebenfalls Öffentlichkeit gewinnen.

Archive sind Orte des Vertrauens, die Quellen mit sorgfältiger Überlieferung sichern und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Archivarin oder Archivar zu sein, ist nicht nur ein spannender Beruf, der viele Herausforderungen mit sich bringt, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Diesen Beruf und unsere Arbeit den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern und einem breiten Publikum näherzubringen, gehört zu unseren wichtigsten Zielen und muss als ganzheitliche Aufgabe gesehen werden.

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Anna Pia Maissen

Präsidentin VSA 

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L’AAS considère le lobbying comme légitime en démocratie. Elle s’en sert pour mobiliser le soutien dans de nombreux projets, la mise en œuvre des moyens nécessaires, et pour attirer l’attention du public sur la signification du travail d’archivage pour la conservation de notre héritage culturel. L’AAS soutient les archives locales dans leur activité de lobbying. Elle participe à la préparation de toute législation suisse et cantonale qui concerne les archives. Les groupes de travail de l’Association constituent d’excellents instruments d’information; ils ont permis à l’AAS de soutenir l’OFC dans l’élaboration du concept pour une politique coordonnée de la conservation de la mémoire collective nationale. Mais c’est en réseau que l’AAS peut atteindre ses buts: grâce à sa collaboration avec les bibliothécaires et les documentalistes, elle a pu demander une coordination suisse de la formation. Elle est intervenue dans la mise en œuvre de la nouvelle ordonnance sur la formation professionnelle en 2003. L’AAS s’est aussi engagée dans la formation scientifique d’archiviste en promouvant le diplôme Certificate of Advanced Studies in Archival and Information Science (MAS AIS). La Journée des Archives qui ouvre ses portes au grand public, la page internet de l’Association qui permet aux scientifiques de trouver de l’aide et des offres de formation, la revue arbido qui est la publication officielle commune aux archivistes, documentalistes et bibliothécaires – publication en propre dédiée aux archives et aux sciences de l’information – sont autant d’éléments qui contribuent à la visibilité de l’AAS et à son activité de lobbying.

En relation avec des associations similaires des pays voisins et avec le Conseil interna- tional des Archives (ICA), l’AAS a soutenu en 1996 la création d’un Code de déontologie des archivistes, dont l’objectif principal est le libre accès aux documents et la professionnalité des archivistes en vue d’une transmission scientifique des informations. Elle fait aussi partie des co-organisateurs de la conférence européenne des archivistes qui se tiendra en 2010 à Genève.