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2007/4 Informationskompetenz – Schlüsselqualifikation für Spezialisten, Notwendigkeit für Nutzer

Bibliothek 11/2 – Der Übergang zur Moderne Über die Wichtigkeit und den Grad der Auseinander- setzung zwischen Bibliotheken und dem Web 2.0

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Gegenwärtig wird in Fachkreisen die Übertragung von Web 2.0-Prinzipien in die Berufs- und Arbeitswelt der Bibliotheken diskutiert. Damit sind einige Schwierigkeiten verbunden, denn das Konzept Web 2.0 ist äusserst heterogen und die genaue Umsetzung teilweise noch unklar. Allerdings sind seine Prinzipien keinesfalls neu, sondern basieren auf jahrhundertealten Kulturtechniken. In ihrer neuen technologischen Form bieten sie auch eine Reihe von Anknüpfungspunkten für die Welt der Bibliotheken.

Einordnung

«Als ‹modern› bezeichnen wir eine Gesellschaft, wenn sie einen Pluralismus an Inspirationsquellen zugesteht, sagen wir: einen Konfessionen-Markt; auf ihm können sich Menschen begegnen, die sich für Verschiedenes begeistern und von Verschiedenem inspiriert werden; ‹mittelalterlich› nennen wir eine Kultur, die sich durch einen Monismus der Inspiration definiert; in ihr besitzt das ‹Eine, das nottut› ein Monopol darauf, als Quelle legitimer Enthusiasmen zu wirken.»Peter Sloterdijk: «Der mystische Imperativ. Bemerkungen zum Formwandel des Religiösen in der Neuzeit.» in: ders. (Hrsg.): Mystische Weltliteratur. Diederichs Gelbe Reihe. 2007, S. 9.Von daher ist auch das Mittelalter des World Wide Web (vorgeblich) überwunden. Aus der Rückschau nennen wir es Web 1.0 und feiern neben dem Siegeszug des Individuums (das sich jetzt user nennt) gleichzeitig den Triumph der kollektiven Intelligenz in einer Moderne mit Namen Web 2.0. Hier ist jeder in den Blogs sein eigener Journalist, dessen Erzeugnisse jeder über die RSS-Feeds abonnieren kann; jeder sein eigener Fotograf, Regisseur und Promoter, der seine Werke in Foto- und Videoplattformen zur Verfügung stellt und zur Rezension anbietet, und schliesslich – in den virtuellen Spielwiesen des Cyberspace – jeder sein eigener Schöpfer. Ein Umstand, der in letzter Konsequenz nichts anderes bedeutet, als die Wiederbelebung der längst totgeglaubten Parole «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!»Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, 1875, MEW 19, Seite 21.und – übertragen auf die Welt der Bibliotheken – im Schlagwort «Jeder sein eigener Bibliothekar, jedem seine eigene Bibliothek» mündet.

Evolution und Zäsur

Daher ist die Unterscheidung zwischen zwei Webgenerationen einerseits plausibel und entbehrt andererseits jeder Grundlage. Denn bereits in der Geburtsstunde des Web wurde die Rolle des Benutzers so beschrieben, als wäre sie für ein Web 2.0-Handbuch gedacht: «Although limited, it is very useful for recording who did what, where they are, what documents exist, etc. Also, one can keep track of users, and can easily append any extra little bits of information»Tim Berners-Lee: «Information Management. A proposal.» März 1989, Mai 1990. http://www.w3.org/History/1989..., verifiziert am 05.10.2007.. Diese Übereinstimmung macht eine Differenzierung von zwei Webtypen überflüssig, weist aber in der gleichzeitigen Einschränkung «Although limited ...» darauf hin, dass dem Web in seinen Anfangsjahren technologische Grenzen gesetzt waren, die im Laufe der Zeit über eine Reihe von Weiterentwicklungen weiter gespannt wurden.

Stellvertretend für diese Veränderungen sind neue Programmiersprachen wie etwa AJAX1oder die Weiterentwicklung von Beschreibungssprachen wie etwa XUL2zu nennen, beide unterstreichen vor allen Dingen die immer mehr zunehmende Bedeutung von XML-Derivaten. Damit verbunden sind eine immer stärker zunehmende Bandbreite der Informationsübertragung, eine erhöhte Multimedialität der Inhalte, deren immer leichter werdende Manipulation und die Gestaltung von immer fluideren Schnittstellen.

Interessanterweise werden diese Argumente eher selten in der Diskussion für den Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 angeführt. Das entscheidende Ereignis für den Riss zwischen den Webversionen wird in der Regel mit dem Platzen der Internetblase und dem damit verbundenen Börsencrash im Jahr 2002 verbunden. In dessen Folge stellte sich die Frage, wie und warum einige Unternehmen diesen Crash gleichsam mühelos überstehen konnten. Erklärt wird dieses Phänomen mit der Tatsache,

– dass die grösste Suchmaschine jede Suchanfrage mit entsprechender Werbung bedienen kann, egal wie klein die Interessentengruppe ist;

– dass über spezielle Suchketten «Wer dieses Buch gelesen hat, hat auch jenes Buch gelesen» ein erweitertes und zugleich sehr spezifisches Warenangebot gemacht werden kann;

– dass die über das Internet abgewickelten Auktionen jedes Kaufbedürfnis befriedigen können, ungeachtet einer massiven Nachfrage.

In Summe bedeutet dies ein Aufblühen der Nischenmärkte, das häufig mit dem Stichwort «The Long Tail»Chris Anderson: The Long Tail. Wired 12.10. Oktober 2004. http://www.wired.com/wired/archive/12.10/tail.html, verifiziert am 05.10.2007.tituliert und der daraus resultierenden Nutzbarmachung der kollektiven Intelligenz verbunden wird: «The central principle behind the success of the giants born in the Web 1.0 era who have survived to lead the Web 2.0 era appears to be this, that they have embraced the power of the web to harness collective intelligence.»Tim O’Reilly: What is Web 2.0? Design Patterns and Business Models for the Next Generation of Software. September 2005. http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html, verifiziert am 05.10.2007. 

Nachdenklich stimmt allerdings die Tatsache, dass es Web-Communities, die von einer kollektiven Intelligenz gestaltet werden, ungefähr so lange wie das Internet selbst gibt. Entscheidend für eine Neubewertung sind letztlich die technologischen Weiterentwicklungen, die dazu führten, dass nicht der Informationsaustausch zwischen Menschen, sondern der kollektive Austausch über menschliche Artefakte auf eine neue und benutzerfreundlichere Basis gestellt wurde.

Werkzeuge der kollektiven Intelligenz

Dieser Austausch unterliegt einer Handvoll kulturhistorischer Prinzipien, die uns in etwa seit der Antike vertraut sind und mittlerweile – teils gesondert, teils in einem neuen Amalgam – ihren Weg in das virtuelle Zeitalter gefunden haben. Im Einzelnen handelt es sich dabei

– analog zu einem Graffito um das Veröffentlichen persönlicher Botschaften oder Kunstwerke, wie es etwa in den Blogs, Foto- und Videoplattformen geschieht, häufig in einer Verbindung von textueller und bildlicher Information;

– das Etikettieren oder Taggen, das durch Bündelung in den Folksonomies zu einem neuen Werkzeug der Suchmaschinen geworden ist und eine Alternative zur kontrollierten Indexierung geworden ist;

– das Anbringen von Glossen, d.h. pointierter, häufig auch polemischer Meinungen in Kurzform, die neben den Tags essentieller Bestandteil jeder Web 2.0-Plattform sind;

– das Palimpsestierenim Programmierkontext des Web 2.0 auch unter dem Modewort Perpetual Beta geläufig., also das Auswischen und Überschreiben von Grundtexturen; einer Technik, die insbesondere in den Wikis die Persistenz der Informationsbestandteile bewusst verhindert;

– das Erstellen von Bündeln oder Faszikeln aus losen Blättern oder das Zusammenfügen von Fragmenten oder Bruchstücken, auch in Analogie zu einem Patchwork oder der Gestaltung eines Mosaiks, das sowohl in den Mash-Ups als auch den persönlich gestalteten Seiten der Communities seinen Raum findet.

All diese Tätigkeiten benötigen einen unterschiedlichen Grad an Kunstfertigkeit, und entsprechend der medialen Fertigkeiten des Benutzers sowie der technologischen Grundlagen des Web wird unterschiedlich stark davon Gebrauch gemacht. Die daraus resultierenden Anwendungsmöglichkeiten erscheinen enorm und sind es auch, was sich allein aus der Vielzahl der beteiligten Individuen sowie den daraus folgenden Rekombinationsmöglichkeiten ergibt.

Die besondere Stärke dieser Matrizen der kollektiven Intelligenz besteht auch darin, dass sie mit sehr geringem Aufwand sowohl für die Durchführung von Kleinstprojekten als auch für das Management grösserer, insbesondere verteilter Projekt verwendbar sind: so können sich die Projektteilnehmer über ihre persönlichen Seiten zu einer Projektgruppe miteinander verlinken, relevante Projektinformation kann in einem Wiki und in sozialen Bookmarks zusammengetragen, der Projektfortschritt in einem Blog kommuniziert und über entsprechende RSS-Feeds diffundiert beziehungsweise abonniert werden. Möglich ist auch ein Zusammentragen der Projektergebnisse als Mash-Up in einem neuen Aggregat. 

Bibliothek 2.0

Der Gebrauch dieser Werkzeuge sollte auch im Bereich der Bibliotheken, Archive und Dokumentationszentren nicht länger ausser Acht gelassen werden, nur führt der interne Gebrauch von Web 2.0-Technologien in Bibliotheken nicht automatisch zur vieldiskutierten Bibliothek 2.0. 

«Ausserdem wird erstaunlicherweise unter Bibliothek 2.0 auch die reine Nutzung von Web 2.0-Techniken zur Verwaltung und Präsentation bibliothekarischer Information etwa in Blogs oder Wikis gehandelt. Das lässt auf bibliothekarisches Standesbewusstsein schliessen: Kaum anzunehmen, dass Reifenhändler ein Weblog über ihr Geschäft als Reifenhandel 2.0 bezeichnen würden.»Ulrich Herb: Ohne Web 2.0 keine Bibliothek 2.0. Telepolis. 13.09.2007. http://www.heise.de/tp/r4/arti..., verifiziert am 08.10.2007. 

Die Einrichtung einer Bibliothek 2.0, die diesen Namen verdient, bedingt konsequenterweise, dass genuin bibliothekarische Inhalte mit der Web 2.0-Welt zusammen geführt werden, so wie das in einigen herausragenden Anwendungen und Angeboten bereits der Fall ist.

Dies geschieht unter anderem, wenn Bibliotheken eigene RSS-Feeds erstellen, um etwa über Neuerwerbungen oder weitere aktuelle Ereignisse im bibliothekarischen Umfeld zu berichten. Je nach Grösse der Bibliothek und Heterogenität der Benutzer lassen sich diese Feeds soweit diversifizieren, dass die entsprechenden Benutzergruppen zielgerichtet angesprochen werden können.

Dieses Beispiel zeigt, dass Bibliothek 2.0 immer bedeutet, in einem ersten Schritt den Benutzer zu gewinnen (sinnvollerweise nicht allein existierende sondern auch potentielle Benutzer), die sich in einem zweiten Schritt zu Communities zusammenschliessen oder deren kollektives Wissen für die Gesamtheit aufgrund der Web 2.0- Technologie nutzbar gemacht wird. 

Nicht ausschliessen sollte man in diesem Kontext allerdings auch eine Variante der Bibliothek 2.0, in der gerade kleine Bibliotheken und Dokumentationszentren, vor allen Dingen jene Einrichtungen, an denen das sogenannte Web 1.0 eher spurlos vorbei gegangen ist, sich selbst als Individuen begreifen, um ihre Ressourcen mittels der Web 2.0-Technologie einander und weiteren Benutzern zur Verfügung zu stellen.

Illustrieren lässt sich dies durch die Online-Bibliothekssoftware Library Thing3: Hier wird der Privatmann zum Verwalter seiner eigenen Bibliothek, das heisst jeder katalogisiert seine Bücher gleichsam professionell und verbindet sich über die Plattform mit Gleichgesinnten. Dieses Werkzeug stellt aber auch eine hervorragende Alternative für jene, insbesondere kleineren Bibliotheken dar, die noch nicht «online gegangen sind». Diese können die digitale Katalogisierung auf diesem Weg nachholen und präsentieren gleichzeitig ihr Angebot interessierten Benutzern.

Eine weitere rein bibliotheksinterne Anwendung in diesem Kontext liesse sich vorstellen, wenn Benutzer ihre Konten (oder Teile der Konten) in Eigenverantwortung freischalten. Die Resultate des Ausleih- und Lektüreprozesses sind über Rezensionen und Tags für weitere Benutzer sinnvoll. Die Koppelung dieses Vorgangs an eine entsprechende Suchmaschine würde in einen benutzerorientierten Suchdienst münden, dessen Aussagekraft Zitationsanalysen bei weitem übersteigen würde.

Es sind nämlich insbesondere die frei vergebbaren Tags, die nicht nur für die Erstellung von sozialen Lesezeichen, sondern für die inhaltliche Erschliessung von Büchern und Medien ein sinnvolles Werkzeug darstellen und in jedem Fall die Arbeit der Bibliotheken bereichern können. Durch die Weiterentwicklungen im Bereich der Benutzerschnittstellen ist es ein Leichtes, die vom Benutzer und vom Bibliothekar vergebenen Tags farblich zu trennen oder nach Bedarf zu unterdrücken. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass die Tags die Grundlage für die äusserst aussagekräftigen und anschaulichen Folksonomies sind, die wiederum sinnvoll für Suchdienste verwendbar sind.

Ein besonderes Augenmerk sollte in jedem Fall den Folksonomies und RSS-Feeds gelten, da beide aufgrund ihres hohen Potentials und der bereits sehr weitgehenden Verbreitung in jedem Fall den Web 2.0-Hype überleben werden.

Noch gar nicht abzuschätzen sind die Möglichkeiten, welche die Mash-Ups als neue Form von Informationsdiensten für die Bibliotheken darstellen. Leicht realisierbar sind in diesem Zusammenhang die Integration anderer Datenquellen in die Kataloginformation, aber auch die Integration der Katalogsuche in persönliche Webseiten. Eine weitere Möglichkeit stellt die Verknüpfung unterschiedlicher Medien (etwa aus digitalen Bibliotheken und dem restlichen Web) dar. Da Mash-Ups in diesem Kontext sowohl eine gute Kenntnis als auch eine gewisse Fertigkeit im Recherchieren und Zusammenstellen von Ergebnissen verlangen, könnte der Wissensvorsprung, den Bibliothekare als Information Broker besitzen, für diesen Informationsdienst genutzt werden.

Bibliothek 1 1/2

Das Durcheinander von realisierten und nur angedachten Bibliothek 2.0- Anwendungen lässt von daher den Begriff Bibliothek 11/2 im Moment als treffender erscheinen, zumal profunde Evaluationen von Übertragungen des Web 2.0 in die Berufs- und Arbeitswelt noch ausstehen. Letztlich ist auch nicht absehbar, wohin sich die Webtechnologie entwickelt; in einigen Kreisen wird bereits vom Web 3.0 gesprochen, selten erfährt man dabei genau, worum es sich letztlich handelt. Allerdings sollte das nicht dazu verführen, die technologische Entwicklung ausser Acht zu lassen, allein um zu verhindern, ein weiteres Mal von ihr überrollt zu werden.

Grösseres Unbehagen lösen die vermeintlichen wirtschaftlichen Interessen aus, die mit dem Web 2.0 verknüpft werden und die Tatsache, dass bislang wenig oder kaum Geld damit verdient wurde. Nicht zum ersten Mal sollen hier ökonomische Träume wahr werden. Demgegenüber steht die Tat- sache, dass der Aufkauf des populärsten Anbieters der Internettelefonie durch das grösste Online-Auktionshaus jüngst in einer milliardenschweren Abschreibung endete. Für all diejenigen, die das Platzen der Internetblase 1.0 noch in Erinnerung haben, sollte dies mehr als nur ein Menetekel sein.

Ein kurzer Blick auf die Plattformen des Web 2.0 zeigt auch, dass die Benutzer grosses Interesse an eigenen, das heisst selbst erzeugten und damit verwandten Artefakten haben; von daher wird die Gruppe derer, die den Bibliothekaren die Katalogisierung abnehmen oder sich an ihr beteiligen möchten, die kritische Masse, die für eine erfolgreiche Web 2.0-Anwendung notwendig ist, wohl kaum übersteigen. Es sollte in diesem Zusammenhang auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass gross angelegte Bibliothek 2.0-Lösungen durch interne Massnahmen zum Change Management zu begleiten sind.

Es erscheint des weiteren als plausibel, dass, analog zur Entwicklung im Multimediabereich, vieles von dem, was wir heute als Web 2.0 bezeichnen, seinen Platz im Web finden wird, ohne dass in einigen Jahren jemand gesondert davon Kenntnis nimmt, beziehungsweise es mit dem entsprechenden Schlagwort assoziieren, sondern wie selbstverständlich davon Gebrauch machen wird.

Dies ist aber auch das Argument, das Bibliotheken und Informationszentren dazu auffordert, sich die Web 2.0-Technologie zunutze zu machen und Alternativen zu rein gewinnorientierten Informationsdienstleistungen zu entwickeln, auch um zu verhindern, dass die Kompetenzen der Bibliotheken weiter vom Web aufgesaugt werden, so wie dies bereits durch die Suchmaschinen geschehen ist.

Über Erfolg und Misserfolg neuer Dienstleistungen entscheiden dann letztlich die Benutzer, unabhängig davon, welche Versionsnummer an das Web gehängt wird.

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René Schneider

Haute Ecole de Gestion de Genève

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