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2007/1 I+D-Fachleute – kompetent in der Gegenwart, unverzichtbar in der Zukunft

Berufliche Grundbildung I+D-AssistentInnen. Erfahrungen aus Sicht einer Universitätsbibliothek

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Zehntes Treffen der BerufsbildnerInnen der Schulregion Zürich am 14. November 2006 an der Allgemeinen Berufsschule Zürich (ABZ). Vor mir sitzt Helga Hinz, erste Absolventin der I+D-AssistentInnen-Ausbildung an der Universitätsbibliothek St. Gallen. Nun vertritt sie ihre neue Arbeitgeberin in Ausbildungsbelangen. Ich bin richtig stolz, dass sie mit mir, ihrer früheren Berufsbildnerin, die Interessen der Lernenden und der Ausbildungsbetriebe am Treffen wahrnimmt.

Die Grundsatzfrage, warum I+D-Betriebe überhaupt ausbilden sollen, ist für mich mit dieser Begegnung schon beantwortet: Die Weitergabe des berufsspezifischen Wissens und Handelns muss gewährleistet sein.

Während des Treffens verweilen meine Gedanken bei einzelnen angesprochenen Themen:

Der Berufsmarkt für I+D-AssistentInnen ist gemäss einer Umfrage nach der LAP (Lehrabschlussprüfung) 2005 immer noch nicht optimal. Trotz ernsthaften Bemühungen war eine Weiterbeschäftigung der von uns ausgebildeten I+D- AssistentInnen auch in unserer Bibliothek nicht oder nur in Teilzeitanstellung möglich. Das ist für mich persönlich auch der wichtigste Grund, nur alle drei Jahre eine Lehrstelle anzubieten.

Im Frühjahr 2006 war ich dann aber sehr erstaunt, dass auf die Ausschreibung einer attraktiven 100-Prozent-Stelle an der Universitätsbibliothek St. Gallen, explizit an I+D-AssistentInnen gerichtet, nur gerade 2 Bewerbungen eingingen. Eine der beiden guten Bewerbungen haben wir berücksichtigt und wir sind sehr zufrieden mit unserem neuen Mitarbeiter – und er ist es auch mit seiner Arbeit bei uns.

An fast jedem Treffen der BerufsbildnerInnen wird die schwierige Suche nach Praktikumsstellen in Archiven beklagt. Auch in der Kommission für die Erstellung der Prüfungsaufgaben und in der Berufsfachschule nimmt die Thematik «Archiv» meines Erachtens einen (zu) grossen Raum ein. Gerne möchte ich wissen, wie viele der ausgebildeten I+D-AssistentInnen denn nun auch wirklich von einem Archivbetrieb angestellt sind. So könnte ich beurteilen, ob sich die Anstrengungen einer gemeinsamen Ausbildung auch tatsächlich für alle Seiten lohnen.

Ich vertraue auf die Ausbildungsdelegation und die Verbände, dass diese Frage ehrlich diskutiert wird. Auf dem Platz St. Gallen verfügen wir mit dem Staatsarchiv über einen sehr guten Praktikumsbetrieb. Die Auszubildende an der Uni-Bibliothek St. Gallen hat die Chance, von Lehrbeginn weg mit der Universitätsarchivarin regelmässig während eines Nachmittags in der Woche zusammenzuarbeiten. So lernt sie die Archivarbeiten als einen ganz «selbstverständ- lichen» Teil der I+D-Arbeit kennen.

Bisher haben zwei Lernende an der Universitätsbibliothek St. Gallen die Ausbildung abgeschlossen, eine dritte hat die Ausbildung im August 2006 begonnen. Der erste Lehrabschluss im Jahr 2003 war eine Pionierleistung an der Universität St. Gallen: In der Zentralen Verwaltung bildet nur die Bibliothek Lernende aus. Unsere Überzeugungsarbeit, Lehrstellen in der Verwaltung zu schaffen, geht weiter. Verschiedene Verantwortliche liessen sich schon über Aufwand und Ertrag der Lehrlingsausbildung informieren. Es ist also zu hoffen, dass an der Universität St. Gallen dank der I+D-AssistentInnen-Ausbildung in naher Zukunft vermehrt Stellen für die berufliche Grundbildung geschaffen werden.

Der Beginn der Ausbildung in einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek mit nur wenigen einfachen Routine-Arbeiten ist für die Lernenden und auch für mich nicht immer einfach. Die Lernenden wollen anpacken, mitarbeiten und möglichst viele Arbeiten selbständig erledigen. Dass jede einzelne Arbeit aber Erklärungszeit benötigt und in einem Zusammenhang steht, der erklärt und begriffen werden muss, daran müssen sich die Lernenden erst gewöhnen.

Ich selbst muss mich auch immer wieder gedulden, weil die Jugendlichen die selbständige Zeiteinteilung und die betrieblichen Arbeitstechniken erst lernen müssen. Dass eine Auszubildende als Zeitfüller z.B. tagelang Bücher zurückstellen muss, kommt für mich seit meiner eigenen Erfahrung zu Beginn der BBS-Ausbildung nicht in Frage. Die Zeiten, als regelmässig und selbständig Katalogkarten und Ausleihscheine zu ordnen und einzustellen waren, sind auch vorbei. Also gilt es, auch zu Beginn der Ausbildung abwechslungsreiche, selbständig zu erledigende und doch lehrreiche Arbeiten zusammenzustellen. Bei uns sind das u.a. die Postsortierung und -verteilung, Kopiergeräte-Betreuung, Zusammenstellen von Studierenden-Dossiers, Betreuung der Vitrine mit den Dozierendenpublikationen usw.

Auch wollen die Lernenden von Beginn weg an der Ausleihe und Information mit den Benutzerinnen und Benutzern arbeiten. Wegen des doch komplexen Ausleihmoduls, der teilweise anstrengenden Mahngebührendiskussionen und der spezifischen rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Recherchefragen ist die Arbeit an Ausleihe und Information nur nach einer gründlichen Einführung und auch dann in der ersten Zeit nur im Beisein einer Fachkraft sinnvoll. Wenn ihnen die Ausleihe dann anvertraut wird, ist das in der Regel eine Lieblingstätigkeit der Lernenden.

Ich freue mich auf die mit der neuen Bildungsverordnung geplanten überbetrieblichen Kurse, die zu Beginn für Betriebe wichtige Grundlagen, z. B. in der Erschliessung und der Recherche, vermitteln sollen. Das würde die ersten arbeitsintensiven Wochen nach Ausbildungsbeginn für Lernende und Betriebe sicher erleichtern.

Die Praktika im zweiten Ausbildungsjahr geben auch mir durch die mündlichen und schriftlichen Berichte wertvolle Einblicke in andere I+D-Einrichtungen. Ebenso freue ich mich auf die Lernenden anderer Bibliotheken, die bei uns das Praktikum absolvieren. Die Erstellung des Ausbildungsplans bedeutet jeweils einigen Aufwand. Dieser wird jedoch dadurch wettgemacht, dass wir uns präsentieren können und sich die lernende Person bei der Stellensuche hoffentlich wieder an die Universitätsbibliothek St. Gallen erinnert ...

Schliesslich kommt das wegen der Prüfungsvorbereitung und der Abschlussprüfung viel zu kurze dritte Ausbildungsjahr. Wir profitieren nun wirklich von einer zusätzlichen Person, die regelmässig, gerne und kompetent Dienste an der Ausleihe und Information übernimmt, die einfachere Bestell- und Katalogisierungsaufgaben selbständig erledigt und bei verschiedensten Spezialaufgaben interessiert und gewinnbringend mitarbeitet.

Und ich persönlich erlebe eine erfreuliche Entwicklung, wenn ich an die neu eingetretene, schüchterne und I+D-unerfahrene Helga Hinz vor drei Jahren denke und nun die selbstsichere Fachfrau vor mir sehe, wie eben jetzt am Treffen der BerufsbildnerInnen!

Beim grosszügigen Apéro, gestiftet von der ABZ, fühlen wir uns als BerufsbildnerInnen der I+D-AssistentInnen geschätzt, auch weil Prorektor Walser betont, dass die I+D-Klassen mit den schulischen Leistungen im vorderen Feld der ABZ-SchülerInnen liegen. Dass in der Berufsfachschule teilweise etwas wenig Wert auf die für I+D-Berufe sehr wichtige sprachliche Leistung gelegt wird, hängt wohl auch mit der Angliederung der beruflichen I+D-Bildung an der gewerblich-industriellen Richtung zusammen. Hin und wieder habe ich mich gewundert, wenn Arbeiten mit Schreib- und Grammatikfehlern mit einer sehr guten Note bewertet wurden. Im Betrieb dann mussten wir vor allem im Katalogisieren und im Recherchieren jeden Schreibfehler akribisch kommentieren und korrigieren. Diese Diskrepanz zwischen schulischer und betrieblicher Bewertung war nicht immer einfach zu erklären. Die Aufteilung der beruflichen Bildung in verschiedene Richtungen wird im Zuge der neuen Bildungsverordnung ab 2008 überdacht.

Die berufliche Grundbildung in der Schweiz wurde mir erst durch die aktive Arbeit mit den Lernenden vertraut. Begriffe wie LAP, SVA, EK waren mir fremd (und nun muss ich aufgrund der neuen Terminologie schon wieder umlernen ...).

Die anfängliche Skepsis, ob 16-jährige Jugendliche in einer Universitätsbibliothek mit mehrheitlich wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Dokumenten und E-Quellen und mit mehrheitlich Studierenden, Dozierenden und Forschenden als Hauptkundinnen und -kunden einen befriedigenden Ausbildungsplatz finden und der Betrieb auch von der Ausbildungstätigkeit profitieren kann, ist gewichen.

Die Rückmeldungen der Lernenden sind durchwegs positiv. Nach dem Praktikum in der St. Galler Freihandbibliothek (Allgemeine Öffentliche Bi- bliothek) sehnen sie sich zu Beginn zwar jeweils nach den sie thematisch ansprechenden Medien und nach einer Kundschaft, die sie aufgrund ihrer eigenen Lese-, Seh- und Hörerfahrung auch kompetent beraten können. Dafür schätzen sie es dann aber auch wieder, bei uns vermehrt mit Online-Datenbanken, E-Quellen und Studierenden zu arbeiten.

Dass die I+D-AssistentInnen in verschiedenen I+D-Betrieben arbeiten können, ihnen die Vor- und Nachteile aus den Praktika in Archiven, verschiedenen Bibliothekstypen und Dokumentationsstellen bekannt sind, ist ein wichtiges Bildungsziel. Dieses können wir nur gemeinsam erreichen!

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Marlies Werz

Stellvertretende Leiterin Bibliothek, Universität St. Gallen

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