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2007/3 Überlieferungsbildung – Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung für Transparenz

Ein Archiv ohne Archiv. Das Archiv für Agrargeschichte

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Lesesaal und Magazin sind das Herz eines Archivs. Im Lesesaal werden die Archivalien von interessierten Menschen gelesen und interpretiert. Und im Magazin werden sie vom Archivpersonal sorgfältig gepflegt und aufbewahrt. Das im Jahr 2002 gegründete Archiv für Agrargeschichte (AfA) jedoch besitzt weder einen Lesesaal noch ein Magazin. Es ist ein Archiv ohne Archiv(raum) – also gewissermassen ein «virtuelles» Archiv und definiert sich zudem darüber, dass es Forschung und Archivierung in einen engen Zusammenhang stellt.

Die Besonderheiten des Archivs für Agrargeschichte (AfA) hängen mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen und bedürfen einer kurzen Erläuterung.

Entstehung

Ende der 1980er Jahre begannen sich Historiker und Historikerinnen erst- mals seit Jahrzehnten wieder für agrarhistorische Fragen und für die Geschichte der ländlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert zu interessierenPeter Moser, Kein Sonderfall. Entwicklung und Potenzial der Agrargeschichtsschreibung in der Schweiz im 20. Jahrhundert, in: Ernst Bruckmüller et al. (Hrsg.), Agrargeschichte schreiben. Traditionen und Innovationen im internationalen Vergleich, Wien, 2004, S. 132–154.. Doch wo waren welche Quellen zu finden? Diese Frage beschäftigte die Forscher, die sich damals mit dem 20. Jahrhundert zu befassen begannen. 

Denn in den öffentlichen Archiven der Schweiz gab es zu Beginn der 1990er Jahre nur wenige Quellen zur Agrargeschichte des 20. Jahrhunderts. Zwar waren viele Akten der Bundesverwaltung schon damals im Bundesarchiv zugänglich. Aber bereits auf der kantonalen Ebene war die Lage schwieriger. Viele Verwaltungsstellen, die für die Umsetzung der Agrarpolitik zuständig waren, hatten wesentliche Teile ihrer Unterlagen noch gar nicht an die zuständigen Staatsarchive abgeliefert. Und zahlreiche öffentliche Aktenbildner wie kantonale landwirtschaftliche Schulen oder eidgenössische Forschungsanstalten hatten überhaupt noch nie Akten an die zuständigen Archive übergeben. Noch viel prekärer präsentierte sich die Lage bei den privaten Aktenbildnern. Hier bestand bis zur Verabschiedung des eidgenössischen Archivgesetzes im Jahr 1998 nicht einmal eine Gesetzesgrundlage, die den Verbleib von Unterlagen aus der Vollzugstätigkeit privater Organisationen geregelt hätte.

Wer sich zu Beginn der 1990er Jahre ernsthaft mit agrarhistorischen Themen des 20. Jahrhunderts beschäftigte, kam deshalb gar nicht darum herum, (auch) bei nicht-staatlichen Aktenbildnern wie Firmen, Verbänden und Privatpersonen nach Unterlagen zu suchen. Dass gerade in diesem aufwändigen Vorgehen ein grosses Potential für die Agrargeschichtsschreibung lag, zeigten die beiden Untersuchungen Bauernstand und Bürgerblock von Werner Baumann und Stand der Bauern von Peter Moser, die beide Anfang der 1990er Jahre erschienen. Beide Monographien basieren zu einem wesentlichen Teil auf der Auswertung bisher unbekannter, nicht erschlossener Quellenbestände privater Herkunft. Spätestens jetzt war klar, dass umfangreiches und aussagekräftiges Quellenmaterial zur Agrargeschichte bei Privaten vorhanden war.

Quellen privater Herkunft waren für die Agrargeschichtsschreibung also ein grosses Potential. Gleichzeitig kamen aber auch die damit verbundenen grundlegenden Schwierigkeiten zum Vorschein: Was sollte mit diesen bei Privaten eruierten, in der Regel jedoch ungeordneten Unterlagen nun physisch passieren? Wie konnte sichergestellt werden, dass sie auch künftig Benutzern und Benutzerinnen zur Verfügung stehen würden?

Es ging also um zwei grundlegende Fragen. Erstens: Wie konnte man sicherstellen, dass wissenschaftliche Arbeiten, die diese Quellen benutzten, nachvollziehbar und kritisierbar würden? Und zweitens: Was sollte mit denjenigen Archivalien geschehen, die der Forschung noch gar nicht einmal bekannt waren?

Einzelkämpfer, das wurde rasch klar, waren überfordert, wenn es um die Lösung dieser grundsätzlichen Probleme ging. Und von den bestehenden staatlichen und privaten Archiven hatte keine der kontaktierten Institutionen die Absicht, die Sammeltätigkeit im Agrarbereich auszudehnen. Im Gegenteil. Einige erklärten gar, dass sie sich in Zukunft wieder vermehrt auf die Archivierung in ihren Kernbereichen konzentrieren müssten und die Sammlungstätigkeit im agrarischen Bereich eher ab- als auszubauen gedachten.

Diese Erfahrung machten auch die wenigen Aktenbildner aus der Landwirtschaft, die sich bei Archiven nach Möglichkeiten zur Archivierung ihrer Unterlagen erkundigten. Ihnen wurde zu verstehen gegeben, dass ihre Unterlagen für die Geschichte im 20. Jahrhundert zu wenig relevant seien, um archiviert zu werden. Es war deshalb unumgänglich, ein neues Archiv zu gründen, das sich speziell der Eruierung, Sammlung und Erschliessung von Archivalien aus dem Agrarbereich widmete. Die Frage war nur, ob überhaupt jemand gewillt und in der Lage sein würde, dieses Ziel zu realisieren.

Im Frühling 1993 nahmen die Vorschläge zur Schaffung eines privaten Archivs für Agrargeschichte konkretere Formen an. Es sollte auch im Agrarbereich eine Institution geschaffen werden, über die andere Sektoren und Gruppierungen zum Teil schon seit bald hundert Jahren verfügten. Im August 1993 lag der erste konkrete Vorschlag vor. Dieser sah die Schaffung einer Stiftung Archiv für Agrargeschichte (AfA) vor, die sich dem Sammeln und Archivieren von Archivmaterial so- wie der Wissensvermittlung widmen sollteVgl. Peter Moser, Werner Baumann: Projektskizze für die Schaffung eines schweizerischen Archivs für Agrargeschichte, in: Archiv für Agrargeschichte, Sign. 019..

Die meisten Reaktionen auf die Projektskizze fielen wohlwollend-skeptisch – und unverbindlich aus. Andreas Kellerhals, damals Vizedirektor im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern (BAR), hingegen schlug vor, «Aufbewahrung/Konservierung und Vermittlung in bestehenden Archiven zu realisieren». Für das BAR sah er dabei durchaus Möglichkeiten, «erschlossene und bewertete agrargeschichtlich bedeutsame Nachlässe von gesamtschweizerischer Bedeutung zur Aufbewahrung und Vermittlung zu übernehmen.» Die «Arbeitsteilung mit dem Archiv für Agrargeschichte würde dann bedeuten», schrieb er den Initianten, dass «Euer Archiv eigentlich ein virtuelles bleibt: Ihr betreibt die aktive Sicherung von agrargeschichtlich wichtigem Material, Ihr erschliesst (Erstellung von Inventaren etc.) und bewertet dieses (...) und Ihr sichert den zentralen Zugang, d. h. gebt auf Anfrage an, welches Material sich konkret in welchem Archiv (Standort) befindet; die konkrete Auswertung könnte dann in den jeweiligen Archiven erfolgen».

Diese Anregungen flossen umgehend in den zweiten Entwurf vom 15. Oktober 1993 ein. Sah dieser doch vor, dass die Geschäftsstelle des zu gründenden Vereins Archiv zur Förderung der Agrargeschichte agrarhistorisch relevante Bestände ausfindig machen sollte und diese auf zwei Wegen zur Erschliessung und Aufbewahrung weiterleiten würde: Entweder sollten die Akten an bestehende Archive vermittelt werden, die Geschäftsstelle sollte hier also gewissermassen als go-between zwischen den Aktenbildnern im Agrarbereich und den bestehenden Archiven fungieren. Wenn die Aktenbildner ihre Archivalien hingegen in eine «landwirtschaftsnahe» Institution geben wollten, sollte die Geschäftsstelle die Unterlagen selbst erschliessen und anschliessend dem Archiv der Schweizerischen Bauernhausforschung in Zug oder dem Museum Burgrain zur Aufbewahrung übergeben. Zudem war vorgesehen, dass die Geschäftsstelle des Vereins «ein laufend zu aktualisierendes Verzeichnis über den Standort agrarhistorisch relevanter Dokumente in den bestehenden schweizerischen Archiven» zu führen hätte. Damit waren die inhaltlichen Grundlagen geschaffen; weil kein Geld vorhanden war, dauerte es bis zur Realisierung der Idee jedoch noch einmal sieben Jahre!

Das AfA in der schweizerischen Archivlandschaft

Seine Tätigkeit aufnehmen konnte das Archiv für Agrargeschichte im Herbst 2002 – formal als Projekt an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft (SHL) in Zollikofen. Die finanziellen Mittel für seine Tätigkeit musste das AfA aber von Anfang an selbst erwirtschaften. Weil sich die Synergien zwischen den beiden ungleich grossen Institutionen in der Praxis jedoch als wesentlich kleiner erwiesen als im Vorfeld der Gründung angenommen worden war, wurden die institutionellen Verbindungen nach zwei Jahren wieder aufgelöst. Als neuer Träger der nach wie vor in der alten Molkereischule ansässigen Geschäftsstelle wurde per 1.1.2005 der Verein Archiv für Agrargeschichte gegründet.

Das AfA als «virtuelles» Archiv, das im Prinzip über keine (und faktisch nur über sehr begrenzte) Aufbewahrungsmöglichkeiten verfügt, arbeitet eng mit anderen Archiven zusammen, welche die vom AfA erschlossenen Bestände übernehmen. Dazu gehörten bisher das Schweizerische Bundesarchiv, die Staatsarchive der Kantone Bern, Freiburg, Waadt, Thurgau, Schaffhausen, Schwyz und Aargau sowie zahlreiche Privatarchive wie beispielsweise das Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung in Worblaufen.

Weil alle von uns erschlossenen Archivbestände ausserhalb des AfA sachgerecht gelagert werden müssen, sind wir auch dazu übergegangen, bei einzelnen Aktenbildnern selbst eigentliche Archive einzurichten. So konnten wir sicherstellen, dass grosse Bestände, mit deren Übernahme bestehende Archive überfordert waren, trotzdem zügig erschlossen und der Benutzung durch Dritte zugänglich gemacht werden konnten. Aktenbildner, die sich zu einem solchen Vorgehen entschliessen, gehen erfahrungsgemäss nicht nur sorgsam mit ihren erschlossenen, das heisst verpackten und in einem Findmittel verzeichneten Archivalien um. Sie sorgen in der Regel auch dafür, dass die jetzt und künftig anfallenden Akten ebenso sachgerecht bewertet und archiviert werden. Im Einzelfall übernehmen wir auch die Betreuung und Führung von Privatarchiven im Mandatsverhältnis.

Besonders eng ist unser Verhältnis zum Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung der Gosteli-Stiftung in Worblaufen. Für die für viele auf den ersten Blick erstaunliche Zusammenarbeit gibt es mehrere Gründe. Erstens sind beide Archive aus ähnlichen Gründen entstanden: Die Industriegesellschaft tat sich mit der bäuerlichen Landwirtschaft ähnlich schwer wie mit der Frauenbewegung. Und obwohl die Industriegesellschaft die beiden ganz unterschiedlich behandelte,Peter Moser, «Eine Sache des ganzen Volkes»? Überlegungen zum Prozess der Vergesellschaftung der bäuerlichen Landwirtschaft in der Industriegesellschaft, in: Das allgemeine Geschlecht, Traverse 2000/1, S. 64–78.hat sich dieser Umstand in der Überlieferung der Quellen in beiden Fällen ähnlich ausgewirkt: Die staatlichen Archive haben die Quellensicherung sowohl im Agrarsektor als auch im Bereich der Frauenbewegung lange Zeit vollständig vernachlässigt. Deshalb sind sowohl bei der Frauenbewegung als auch im Agrarsektor private Akteure ohne staatliche Unterstützung aktiv geworden.

In der Form wiederum gingen bei- de ganz unterschiedliche Wege: Die Frauenbewegung mit der Gründung eines Freihandarchivs, die Landwirtschaft mit der Schaffung eines «virtuellen» Archivs. In dem Sinne ist das Archiv für Agrargeschichte genau das Gegenteil des Archivs zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, wo ein grosser Teil der Archivalien sogar in den Räumen untergebracht sind, wo die Forschenden auch arbeiten. Der Umstand, dass wir «nur» ein «virtuelles» Archiv sind, hat uns veranlasst, der Erschliessung der Bestände ein ganz besonderes Gewicht zuzumessen. Das sind denn auch die Grundlagen der Zusammenarbeit zwischen den beiden Archiven: Wir haben vom Archiv der Frauenbewegung gelernt, dass man eine solche Herkulesarbeit auch auf privater Basis realisieren kann – und die Gosteli-Stiftung kann nun auf die Kenntnisse und Erfahrungen des AfA zurückgreifen, wie man die Erschliessung konkret am sinnvollsten an die Hand nehmen kann. Die vom AfA für die Gosteli-Stiftung erschlossenen Archivbestände werden in der Datenbank Quellen zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung öffentlich zugänglich gemacht. Eine vergleichbare Zusammenarbeit ist nun auch mit dem Verein Geschichte der Pflege geplant.

Tätigkeiten

Im Archiv für Agrargeschichte werden in erster Linie Quellen erschlossen. 

Dazu kommen die Forschung und die Veröffentlichung eines kleinen Teils der von uns erschlossenen Quellen, damit auch eine interessierte Öffentlichkeit Einblick und Zugang zu diesen Zeugnissen der Vergangenheit hat.

Unser Anspruch, Quellen aus dem Agrar- und Ernährungssektor des 19./20. Jahrhunderts systematisch zu erschliessen, bedeutet nicht, dass wir alle Dokumente und Unterlagen archivieren, die es zu diesem Thema gibt. Systematisch heisst in diesem Zusammenhang, dass wir innerhalb des zeitlich und inhaltlich definierten Rahmens einerseits Quellen aus möglichst vielen Teilgebieten suchen und sicher- stellen. Und dass wir andererseits auch versuchen, den Kontext, innerhalb dessen sich die im Agrarsektor tätigen Menschen bewegten, nicht aus den Augen zu verlieren. Konkret bedeutet dies, dass wir Quellen sowohl aus dem 19. Jahrhundert als auch aus der jüngsten Vergangenheit erschliessen. Zudem achten wir darauf, nicht nur Archivalien von Akteuren sicherzustellen, die auf der internationalen und der nationalen Ebene tätig waren. Auch das Handeln im regionalen und lokalen Kontext wird von uns dokumentiert. Und weil auch das Geschlecht, die Konfession, die Sprache und die soziale Stellung innerhalb der Familie und der ländlichen Gesellschaft für fast alle Individuen wichtige, Strukturen bildende Kategorien waren, haben auch sie einen Einfluss auf unsere Sammlungs- und Erschliessungstätigkeit.

Dies ist unser Anspruch. Umsetzen können wir ihn jedoch nur dann, wenn auch die Aktenbildner selbst sich beteiligen. Aktenbildner im Agrar- und Ernährungsbereich sind jedoch eine sehr heterogene Gruppe. Der grösste Teil der agrarhistorisch relevanten Archivalien stammt von Privaten. Die Menschen und Organisationen, die über agrarhistorisch relevante Akten verfügen, müssen jedoch zuerst ausfindig gemacht werden. Dann gilt es, sie zu überzeugen, dass zumindest ein Teil ihrer Dokumente wertvoll ist – und dass die Erschliessung und Aufbewahrung derselben mit Kosten verbunden ist. Dies ist ein schwieriger, in der Regel aber sehr interessanter Prozess, in dessen Verlauf nicht selten noch zusätzliche Archivalien auftauchen, nach denen wir gar nicht gesucht haben. In der Regel führen diese geschäftsmässigen Beziehungen nicht nur bei uns zu einer Erweiterung des Wissens über die Herkunft und Entstehungsbedingungen der Dokumente, sondern auch bei den Aktenbildnern selbst. Nicht wenige von ihnen nutzen die Erschliessung des Archivs deshalb auch dazu, ihre Geschäftsablage zu verbessern oder neu zu organisieren. Damit rationalisieren sie nicht nur ihr Unterlagenmanagement, sondern schaffen gleichzeitig auch die Voraussetzungen für eine künftige Archivierung derjenigen Akten, die ihre gegenwärtige Tätigkeit dokumentieren. Hier, wo sich die unmittelbaren Interessen der Aktenbildner und der Archivare und Forscherinnen überschneiden, kann mit relativ wenig Aufwand die Archivierung der in der Gegenwart anfallenden Akten für die Zukunft sichergestellt werden.

Die Archivbestände im AfA gruppieren wir nach einem ganz einfachen, formalen Kriterium: Dem juristischen Status des Aktenbildners. In der Datenbank Quellen zur Agrargeschichte gibt es deshalb bei den vom AfA erschlossenen Quellenbeständen lediglich zwei Kategorien: nämlich diejenige der Archivbestände resp. Nachlässe von natürlichen Personen und jene der juristischen Personen, d.h. der Archivbestände von Vereinen, Firmen und Verbänden.

Für das AfA, das im Wesentlichen Archivbestände privater Herkunft «für» andere Archive erschliesst und lediglich die Resultate in Form der Bestandesanalysen und Findmittel bei sich selber behält, war die Entwicklung von transparenten und verbindlichen Standards in der Erschliessung von Privatbeständen in einem doppelten Sinne zentral: Einerseits galt es, ein flexibles System zu entwickeln, das den unterschiedlichen Bedürfnissen der Abnehmer der Archivbestände Rechnung tragen konnte. Andererseits müssen die Bestandesanalysen und Findmittel all jene Informationen eines Archivbestandes enthalten, die notwendig sind, um sich auch im Internet, ohne physische Konsultation des Bestandes ein Bild von dessen Inhalt und Bedeutung machen zu können.

Eine Erschliessung von Archivalien ohne Kenntnisse der Thematik kann zu einer problematischen Archivordnung führen. Sachkenntnisse erwirbt man sich sinnvollerweise in der Praxis oder über die Forschung – am besten in einer Kombination von beiden. Dies ist mit ein Grund, weshalb wir als Archiv auch der Forschung ein so grosses Gewicht beimessen (für eine Übersicht über unsere Forschungs- und Publikationstätigkeit vgl. www.agrararchiv.ch)

Datenbanken: Ein Hilfsmittel für Archivierung und Forschung

Die Datenbank Quellen zur Agrargeschichte gibt Auskunft über alle Archivbestände, die das Archiv für Agrargeschichte bis heute erschlossen hat (AfA-Nr. 1-2000). Von jedem vom AfA erschlossenen Archivbestand gibt es in der Datenbank eine Bestandesanalyse, die Informationen zur Geschichte der die Akten bildenden Organisation oder Person sowie zum Archivbestand selber (Standort, Umfang, Geschichte der Archivierung etc.) enthält. Zu jedem Bestand existiert zudem ein Findmittel, das im pdf-Format abrufbar ist.

Neben den vom AfA bisher erschlossenen rund 90 Archivbeständen sind in der Datenbank Quellen zur Agrargeschichte auch noch 40 Bestandesanalysen von agrarhistorisch relevanten Archivbeständen aufgeführt, die durch andere Archive erschlossen worden sind. Diese tragen Nummern, die grösser sind als 2000.

Neben der Suche nach Archivbeständen über die Liste aller Bestände in der Datenbank Quellen zur Agrargeschichte gibt es noch die Möglichkeit, mittels Schlagworten nach Archivalien zu suchen. Denn alle vom AfA selber erschlossenen Archivbestände werden anhand einer dreistufigen Schlagwortliste verzeichnet. Benutzern, die nach einem bestimmten Schlagwort suchen, wird in der Datenbank die Liste jener vom AfA erschlossenen Bestände angezeigt, die Archivalien zu diesem Schlagwort beinhalten. Nicht verschlagwortet sind logischerweise jene Bestände, die nicht vom AfA erschlossen worden sind – also alle Bestände mit einer Nummer, die grösser ist als 2000. Diese tauchen bei der Schlagwortsuche deshalb nicht als relevante Bestände auf, obwohl sie vielleicht viel Material zu diesem Thema enthalten. Benutzer sind nur schon deshalb angehalten, zwischen den vom AfA erschlossenen und den nicht vom AfA erschlossenen Archivbeständen zu unterscheiden.

Ermöglicht die Datenbank Quellen zur Agrargeschichte einen raschen Überblick über die agrarhistorisch relevanten Archivbestände, so geht es bei der Datenbank Personen der ländlichen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert um die Systematisierung zahlloser Einzelinformationen über Menschen der ländlichen Gesellschaft. Diese Datenbank entwickelt sich zu einer eigentlichen Metaquelle und beinhaltet damit noch ein ganz anderes Potential als «nur» die Systematisierung heute noch zerstreut vorliegender Informationen: Hier wird aus Informationen eigentliches Wissen generiert.

Die Datenbank enthält Informationen, die wir aus völlig unterschiedlichen Quellen (Nachrufen, Korrespondenz, Verzeichnissen, Jahresberichten, Flugblättern, mündlichen Überlieferungen etc.) zusammentragen. Es geht darum, bisher nur isoliert und zerstreut vorhandene Informationen an einem Ort zusammen zu tragen und zu verschriftlichen, damit bis zu einem gewissen Grad Lebensläufe rekonstruiert werden können. Deshalb arbeiten wir auch mit aussenstehenden Wissensträgern zusammen, damit diese ihre Informationen über Akteure der ländlichen Gesellschaft für den Ausbau der Datenbank weitergeben. Bauern und Bäuerinnen, Landwirtschaftslehrer, Berater, Verbandssekretäre, Agrarwissenschafter und Wissensträgerinnen zur ländlichen Gesellschaft generell werden ermächtigt, ihr Wissen über andere Personen in die Datenbank zu integrieren. Sie können dies entweder indirekt durch schriftliche oder mündliche Mitteilungen an das AfA machen, oder mit den spezifischen Funktionen der Mediawiki-Software direkt in die Datenbank selber eintragen. Um einen minimalen Standard und eine gewisse Einheitlichkeit der Informationen zu den einzelnen Personen zu wahren, entscheidet aber das AfA letztlich darüber, welche Informationen in welcher Form übernommen werden.

Die Datenbank ist ab dem Herbst 2007 Interessierten zugänglich; für die Nutzung werden keine Gebühren erhoben. Im Frühling 2007 haben wir zudem begonnen, parallel zu dieser Datenbank auch eine Datenbank Personen der ländlichen Gesellschaft in Irland im 19./20. Jahrhundert aufzubauen1. Die Ausweitung auf die irischen Verhältnisse hat sich aus den im AfA vorhandenen spezifischen Kenntnissen über die irischen Verhältnisse ergeben, wo wir ebenfalls Archivbestände von Organisationen und Personen erschlossen haben. Ein Vergleich zwischen Irland und der Schweiz im europäischen Kontext eignet sich besonders gut, weil die irische Gesellschaft im Gegensatz zur schweizerischen bis in die Nachkriegszeit ausgesprochen stark durch die Landwirtschaft geprägt war – und damit zu unkonventionellen Fragen und eigenständigen Überlegungen anregt.

Ausblick

Die Erfahrung nach 5jähriger Tätigkeit zeigt: Ein «virtuelles» Archiv wie das AfA kann grundlegende Probleme der Überlieferungsbildung, wie sie im Agrarbereich im 20. Jahrhundert herrschten, zwar teilweise lösen, aber auch nur in Zusammenarbeit und mit Hilfe «richtiger» Archive staatlicher oder privater Herkunft. Es ist deshalb wohl weniger ein kopierbares Modell, als eine Anregung zur Entwicklung sachgerechter Lösungen in anderen Bereichen mit ähnlichen Problemen der Überlieferungsbildung. Und auch hier wird eine enge, unkomplizierte Zusammenarbeit mit den etablierten Archiven eine Bedingung für den Erfolg sein. Die Bestrebungen des VSA zur Analyse der Probleme und Formulierung von Lösungsvorschlägen im Rahmen der Denkgruppe «Überlieferungsbildung» sind deshalb mehr als nur zu begrüssen.

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Peter Moser

Historiker Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten Initiant und Leiter des Archivs für Agrargeschichte (AfA) Zollikofen

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