Ein «Beweis schönen Gemeinsinnes»: Familienarchive in der Zentralbibliothek Zürich
Familienarchive sind ein ganz besonderes Sammlungsgenre: Von der eindrücklichen Vielfalt der in ihnen enthaltenen Dokumente geprägt, gewähren sie epochen-, generations-, geschlechts- und schichttypische Einblicke in die Lebenswelt der Familien und ihrer Mitglieder. Die immer wieder anders und doch immer wieder ähnliche Zusammensetzung – das Spektrum reicht von Stammbäumen, Tagebüchern und Korrespondenzen über Baupläne und Rechnungsbücher bis zu Menükarten, Siegelabdruck-Sammlungen und Fotoalben – verweist auf ihren repräsentativen Charakter und damit auf deren Relevanz für historische Fragestellungen aller Art. Im Bestand der Zentralbibliothek Zürich (ZB) befinden sich aktuell 41 Familienarchive bzw. familiengeschichtliche Sammlungen; zwei weitere stehen in Aussicht. Ein später, aber spektakulärer Neuzugang aus dem Jahr 2022 ist das kultur- und gesellschaftsgeschichtlich weit über Zürich hinaus bedeutsame Familienarchiv Wille, das unter anderem den privaten Nachlass von General Ulrich Wille, dem Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg, enthält.
Bestandsprofil und -genese
Die Familienarchive der ZB sind für die Erforschung der Zürcher Lokal- und Regionalhistorie und der sie prägenden Eliten ungemein wichtig. Zugleich sind sie ein institutioneller Glücksfall. Zu verdanken ist er der strategisch weitsichtigen Bestandsprofilierung des ersten Direktors der ZB, Hermann Escher (1857-1938). In einem im November des Jahres 1900 an die Zürcher Familien ergangenen programmatischen «Aufruf zur Anlage einer Sammlung zürcherischer Familienarchive» hatte er nachdrücklich zur Abgabe einschlägiger Materialien an die damalige Stadtbibliothek ermuntert. Die Resonanz hierauf war ausgesprochen positiv. In den beiden folgenden Jahrzehnten wurde die Mehrzahl der bis heute im ZB-Bestand befindlichen Sammlungen meist als Schenkung, seltener als Depositum übereignet. Die Namen der die Geschichte der Stadt prägenden Geschlechter sind so sämtlich vertreten, solche wie Escher, Gessner, Hess, Hirzel, Ott, Lavater, Nüscheler oder von Wyss.
Die Einsicht, dass familiengeschichtliche Materialien in vielerlei Hinsicht aufschlussreich für die Geschichte des Gemeinwesens selbst sind, war also offenbar weithin konsensfähig gewesen. In manchen Familien mag man zudem ein wenig erleichtert darüber gewesen sein, jahrhundertealte, mehr oder minder fragile historische Materialien zur dauerhaften und sicheren Aufbewahrung an eine öffentliche Institution abgeben zu können. Nicht zuletzt dürfte der explizite Hinweis auf die historische Bedeutsamkeit privater familiärer Überlieferung der Selbstwahrnehmung mancher Zeitgenossen geschmeichelt haben. Jedenfalls lieferten die alteingesessenen Zürcher Familien «in bald geringen, bald gewaltigen Mengen und in allen denkbaren Stadien der Ordnung bzw. Unordnung» Material ab, wie es der beste Kenner dieser Bestände, Jean-Pierre Bodmer, in seinem 1996 publizierten Katalog der «Familienarchive» beschrieben hat.
Genau hierin lag freilich auch ein konzeptionelles Problem von Eschers ansonsten so erfolgreichem Projekt. Denn man überliess es weitestgehend den Familien selbst, über Umfang und Art der eingelieferten Materialien zu entscheiden. Respektiert wurde damit zugleich, wie deren Mitglieder triagierten und was sie behielten, auch wenn es vielleicht von öffentlichem Interesse gewesen wäre. Aus der als Wert an sich anzustrebenden vertrauensvollen Einvernehmlichkeit zwischen der das kulturelle Gedächtnis langfristig sichernden Institution und den einliefernden Familien resultier(t)en zudem nicht selten vertraglich geregelte, weitestgehend aber zeitlich begrenzte Zugeständnisse, sei es durch Sperrfristen zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten, sei es durch Nutzungsauflagen. Interessierte Kreise haben dementsprechend nicht automatisch auf sämtliche Dokumente eines Familienarchivs Zugriff, was mitunter als stossend erachtet wird, dennoch aber kaum je ein unlösbares Problem darstellt.
Herausforderungen, Desiderate und Perspektiven
Aus archivarischer Sicht gilt es, neben den üblichen konservatorischen Herausforderungen, die nicht selten durch Lagerung an ungeeigneten Stellen privater Haushalte noch befördert worden sind, auch den quantitativen Aspekt im Blick zu behalten. Familienarchive sind im besten Sinne ‘lebendige’ Bestände, die über die ursprüngliche Einlieferung hinaus eine enge Kooperation zwischen Institution und Familien erfordern. Wie die Familien selbst wachsen sie weiter, weshalb Nachlieferungen zur Tagesordnung gehören: Seit Eschers Aufruf ist der Umfang der ZB-Familienarchive auf mittlerweile ca. 250 Laufmeter angewachsen. Ursprünglich familieninterne Anliegen sind damit über die Jahrzehnte zum selbstverständlichen Teil der institutionellen Arbeit geworden. Hierzu zählt z.B. das Fortführen von raumgreifenden Stammbäumen oder das Durchführen von 'Familientagen’ durch Präsentation einschlägiger Archivalien und deren Würdigung im Kontext des Gesamtbestands.
Im Rahmen von umfassenden (Re-)Katalogisierungsmassnahmen wird aktuell intensiv daran gearbeitet, umfangreiche, aber bisher eher summarisch erschlossene Teile von Familienarchiven (z.B. Korrespondenzen) besser recherchierbar zu machen. Erklärtermassen soll so auch das Desiderat eingelöst werden, Dokumente der früher eher unzureichend erfassten weiblichen Familienmitglieder sichtbarer zu machen. Einiger Nachholbedarf besteht darüber hinaus bei der Digitalisierung der zum Teil weit in die frühe Neuzeit zurückreichenden Materialien, die nicht ohne flankierende, mitunter enorm aufwendige bestandserhalterische Massnahmen zu denken ist.
Um die wertvollen historischen Materialien der Familienarchive mit den heutigen technischen Möglichkeiten zu vergegenwärtigen, schlägt die ZB allerdings auch gänzlich neue Wege ein. Im Rahmen des Citizen Science-Projekts «Zürcher Familiengeschichte – Den «Keller-Escher» transkribieren» wurden die genealogischen Angaben des von Carl Keller-Escher angefertigten siebenbändigen Kompendiums «Promptuarium Genealogicum» zum Ausgangspunkt einer von engagierten Teilnehmern erbrachten eindrücklichen Leistung: Transkribiert und für die Plattform www.e-manuscripta.ch aufbereitet wurden 2'810 Seiten, wodurch der Einstieg in die Geschichte von 258 Zürcher Geschlechtern nun für alle Interessierten signifikant erleichtert worden ist.
Weiterführende Links:
- Jean-Pierre Bodmer: Familienarchive. Zürich 1996. https://www.zb.uzh.ch/storage/app/media/sammlungen/spezialsammlungen/handschriften/Bodmer-Familienarchive.pdf
- «Züri-Kachel»: Monica Seidler-Hux: Familienarchive in der Zentralbibliothek Zürich: https://www.zb.uzh.ch/de/zuerich/familienarchive-der-zentralbibliothek-zuerich
- Citizen Science-Projekt «Zürcher Familiengeschichte – Den «Keller-Escher» transkribieren»:
https://www.zb.uzh.ch/de/ueber-uns/citizen-science/zuercher-familiengeschichte-den-keller-escher-transkribieren - Online-Recherche: www.zbcollections.ch
Résumé
- Deutsch
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Die im Bestand der Zentralbibliothek Zürich befindlichen Familienarchive sind überaus vielfältig zusammengesetzt und damit repräsentativ für die Sozialgeschichte von Stadt und Region. Neben dem Bestandsprofil werden im Beitrag die aus dieser Vielfalt resultierenden institutionellen Tätigkeitsfelder und Chancen thematisiert.
Les archives familiales conservées à la Bibliothèque centrale de Zurich sont extrêmement variées et reflètent ainsi l'histoire sociale de la ville et de la région. Outre le profil des fonds, cet article aborde les domaines d'activité institutionnels et les opportunités qui découlent de cette diversité.