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2020/2 Représentations et mises en scènes de la société

Gesellschaftlicher Wandel als Sammelauftrag: Das Schweizerische Sozialarchiv

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Wie dokumentiert man «gesellschaftlichen Wandel»? Das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich ist auf dieses Thema spezialisiert und muss seine Sammelstrategie kontinuierlich anpassen.

Das im Jahre 1906 gegründete Schweizerische Sozialarchiv dokumentiert gemäss seinem Leitbild «den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit Fokus auf der Schweiz». Es ist vom Bund als die führende Forschungsinfrastruktur in diesem Bereich anerkannt und seine Sammlung figuriert im Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Nur: Wie sammelt man etwas so Abstraktes wie die «Gesellschaft» und ihren Wandel?

Kontinuitäten und Wandel im Sammelprofil

Gemäss aktuellem Sammelprofil ist das Sozialarchivs bemüht, «die Vielstimmigkeit gesellschaftlicher Diskussionen abzubilden und ein möglichst breites Meinungsspektrum einzufangen und zu dokumentieren.» Ein besonderer Fokus liegt dabei auf zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Parteien, Verbänden, sozialen Bewegungen, NGOs und Komitees. Die drei Abteilungen Bibliothek, Dokumentation und Archiv sammeln dazu koordiniert und systematisch unterschiedlichste, einander ergänzende Informationsträger und Dokumentformate zu den thematischen Schwerpunkten wie Arbeitswelt, Geschlechterverhältnisse, Zusammenleben der Generationen, Wohnen, Umwelt und Verkehr, Migration, Krieg und Frieden. Daraus ergibt sich in doppelter Hinsicht die Aufgabe, Kontinuitäten und Veränderungen gegeneinander abzuwägen: inhaltlich und medial.

«Social Distancing» vor 90 Jahren: Aus einer Dia-Serie der Pro Juventute zur Tuberkulose

Alte und neue Themen und Akteure...

Auf der einen Seite erfordert gerade die Funktion als Gedächtnisinstitution eine längerfristige und kontinuierliche Sammlung in den traditionellen Themenschwerpunkten wie Arbeit und «soziale Frage» und zu den dabei wichtigen Gruppierungen (etwa gemeinnützigen Organisationen und Gewerkschaften). Auf der anderen Seite kommen neue Akteursgruppen als zugleich Indikatoren und Motoren des gesellschaftlichen Wandels kontinuierlich zum Sammelprofil hinzu. Zu nennen sind etwa die Neuen Sozialen Bewegungen, die seit den 70er-Jahren Themen wie Ökologie, Geschlechtergleichstellung, Menschenrechte, LGBT, Frieden, Migration und Entwicklung auf die politische Agenda setzen, die Jugendbewegungen der frühen 80er-Jahren, deren Bestände im Sozialarchiv besonders intensiv genutzt werden, nach der Jahrtausendwende beispielsweise Occupy oder die Klimastreikbewegung.

Fasnacht 1963 in der Barfüsser-Bar, einem frühen Treffpunkt der Zürcher Schwulen- und Lesbenszene (Foto: Liva Tresch)

Zunehmend weisen solche Bewegungen andere Organisationsformen auf als traditionellere zivilgesellschaftliche Akteure, was zu deren Dokumentation neue Sammelstrategien erforderlich macht. Auch gesellschaftliche Themen wie Drogen, Stadtentwicklung, Sport oder Epidemien haben das Sammelprofil in den letzten Jahrzehnten erweitert.

Hinzu kommen Übernahmen abgeschlossener thematischer Sammlungen (wie dem Frauen-/Lesben-Archiv, dem Russlandschweizer-Archiv und jüngst dem umfangreichen Panoptikum zur Sozialgeschichte von Roland Gretler) sowie Kooperationen mit fortlaufenden Sammlungen (wie dem Schwulenarchiv Schweiz, den auf die Schweizer Rock- und Popgeschichte spezialisierten Swiss Music Archives und dem im Aufbau befindlichen digitalen Corona-Archiv), für die das Sozialarchiv als Endarchiv fungiert und die dessen thematisches Profil bereichern.

... und neue gesellschaftliche Artikulationsformen

Traditionelle und neue Akteursgruppen in den Feldern des Sammelprofils verändern im Laufe der Zeit auch ihre Artikulationsformen, was wiederum Rückwirkungen auf die Sammelaktivitäten hat. Der Aufbau der Archivabteilung Bild+Ton seit der Jahrtausendwende trägt dem Umstand Rechnung, dass verschiedene audiovisuelle Artikulationsformen die Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Akteure stark mitgeprägt haben; beispielsweise das politische Plakat seit dem frühen 20. Jahrhundert, der Film und die Schallplatte seit der Zwischenkriegszeit, das Video und die Piratenradios in den 70er- und 80er-Jahren.1

Forderungen des Medizinalpersonals am Frauenstreik 1991 (Foto: Gertrud Vogler)

Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert werden digitale Artikulations- und Organisationsformen immer wichtiger.2 Das Sozialarchiv hat zu deren Archivierung in den letzten Jahren Infrastrukturen aufgebaut für die Übernahme elektronischer Archivablieferungen und zur Sammlung und online-Präsentation «grauer» e-Zeitschriften sowie von Broschüren, Communiqués und Stellungnahmen politischer und gesellschaftlicher Organisationen, die nur noch digital erscheinen.3 Auch beteiligt sich das Sozialarchiv am «Webarchiv Schweiz», einem von der Nationalbibliothek geleiteten Projekt zur Archivierung landeskundlich wichtiger Websites, sowie an digitalen Vermittlungsprojekten wie «Neue Frauenbewegung 2.0» und dem «Digital Swiss Sport History Portal».

Koller Christian 2020

Christian Koller

Christian Koller (*1971) hat Geschichte, Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert und sich 2003 an der Universität Zürich für Geschichte der Neuzeit habilitiert. Nach langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit an der Bangor University (Wales) leitet er seit 2014 das Schweizerische Sozialarchiv. Daneben ist er Titularprofessor an der Universität Zürich, Dozent an der Fernuni Schweiz und Mitglied der Kommission der Schweizerischen Nationalbibliothek.

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Das Schweizerische Sozialarchiv ist spezialisiert auf das Themenfeld «Gesellschaftlicher Wandel», der durch koordinierte und komplementäre Sammeltätigkeit der Abteilungen Bibliothek, Dokumentation und Archiv dokumentiert wird. Dabei muss das Sammelprofil laufend dem Auftreten neuer zivilgesellschaftlicher Akteure und dem Entstehen neuer, etwa audiovisueller und digitaler Artikulationsformen Rechnung tragen, ohne die traditionellen Sammelgebiete zu vernachlässigen.

Les Archives sociales suisses sont spécialisées dans le domaine du «Changement social», qui est documenté par des activités de collecte coordonnées et complémentaires par les services de bibliothèque, de documentation et d'archives. Le profil des collections doit constamment tenir compte de l'émergence de nouveaux acteurs de la société civile et de l'émergence de nouvelles formes d'articulation audiovisuelles et numériques, sans négliger les espaces de collecte traditionnels.