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2019/2 Conserver et valoriser les arts

Teil eines noch wenig entdeckten kulturellen Erbes: (Schweizer) Drehbücher in der Zentralbibliothek Zürich

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Publiziert werden sie kaum je, dabei sind sie eine eigene literarische Gattung: Drehbücher. Ist der Film einmal fertiggestellt, gehen sie gern vergessen. Dabei stellen sie Grundmaterial für die Forschung dar und sind ein Teil des kulturellen Erbes. Die ZB wirkt dem Vergessen entgegen und sammelt seit 2006 Schweizer Drehbücher.

Drehbücher. Was bitte?

«Ui, da ist ja alles durchgestrichen! Sie haben uns vorhin doch erzählt, Kurt Früh habe den Film gedreht. Wie konnte man einen Film drehen, wenn das Drehbuch nicht gut war?»
Meist geht es an Drehbuchführungen in der ZB heiter zu und als Fachbibliothekarin erreicht man immer wieder den Punkt, an dem man merkt, wie wenig selbstverständlich Selbstverständliches in Wirklichkeit ist. Drehbücher zum Beispiel. 

«Es geschah am hellichten Tag», Drehbuch von H. Jacoby, L. Vajda, F. Dürrenmatt. ZB Handschriften-Abteilung, Ms Z VI 516. (Foto: Christiane Schmid)

Ein kurzer historischer Exkurs

Seit gut 110 Jahren dreht man in der Schweiz Filme. Um Filme zu drehen braucht man Vorlagen. Ein ‘Drehbuch’, wenn man einen Spielfilm dreht, eine ‘Drehvorlage’, wenn man dokumentarisch arbeitet. In erster Linie sind Drehbücher/Drehvorlagen Gebrauchstexte; Anleitung zur Erstellung eines Films. Sie enthalten dessen Geschichte, stellen die darin vorkommenden Figuren vor, geben deren Dialoge vor. Drehbücher enthalten zudem Anweisungen für die Filmemachenden. Etwa, wo und wann eine Szene spielt und aus welchem Blickwinkel diese festgehalten werden soll. Nach dem Dreh dienen Drehbücher als Vorlage für die Montage und die Postproduktion. Ist ein Film fertig, braucht man Drehbücher nicht mehr. In der Schweiz landen diese dann in der Regel auf einem Regal, in einem Keller oder Estrich, früher oder später werden die meisten entsorgt. 

Dass sich heute in diversen Schweizer Gedächtnisinstitution – vor allem der Cinémathèque – dennoch das eine oder andere Drehbuch findet, ist dem Zufall verdankt. Meist gelangten diese eingebettet in einen Nachlass dahin, so wie in der Zentralbibliothek das Drehbuch zu «Füsilier Wipf». Um solch ein Drehbuch ausfindig zu machen, muss man einiges wissen. Im Fall von «Füsilier Wipf» etwa, dass der Germanist Robert Faesi, der an der UZH eine Professur innehatte, sich nebenbei literarisch versuchte und nebst einem Roman mit ebensolchem Titel das darauf basierende Drehbuch zum Film von Hermann Haller und Leopold Lindtberg schrieb.

Als man 1962 in der Schweiz mit öffentlichen Geldern Filme zu fördern begann, bekamen Drehbücher eine weitere Funktion. Sie dienten – und dienen noch heute – als Instrument für die Finanzierung. Fortan landeten sie nicht mehr nur in privaten Kellern, sondern auch in den Archivräumen öffentlicher Förderer. 

Wie die ZB aufs Drehbuch kam 

Tatsächlich ist ein Drehbuch mehr als ein Gebrauchstext. Es ist das Resultat eines kreativen Prozesses. Ein literarisches Erzeugnis, verfasst nach gewissen Regeln, der Form nach verwandt dem Drama. Drehbücher sind zudem Teil eines kulturellen Erbes.

Als vor rund dreissig Jahren diverse Schweizer Fachhochschulen separate Lehrgänge für Film einrichteten und die Universitäten von Zürich (UZH) und Lausanne (UNIL) die Filmwissenschaft zum Studienfach erhoben, bekamen Drehbücher eine neue Wichtigkeit. 2003 schliesslich gelangte das Filmwissenschaftliche Seminar der UZH mit der Bitte an die ZB, künftig für Forschende und Studierenden auch (Schweizer) Drehbücher bereitzuhalten. Seit da sammelt die ZB (Schweizer) Drehbücher. 

Wie die ZB zu Drehbüchern kommt 

Das klingt einfacher, als es ist: Drehbücher, nachgerade Schweizer Drehbücher, werden kaum je offiziell publiziert. Sie sind deswegen auf gängigen Wegen kaum erhältlich; als die ZB zu Beginn des Drehbuch-Unterfangs auf einer Auktion ein Drehbuch zu Ladislao Vajdas «Es geschah am hellichten Tag» (1958) erstand, blätterte man einen vierstelligen Betrag hin.

Zu Hilfe kam schliesslich der Zufall: Die 2002 in der ZB durchgeführte und vom Verein «Zürich für den Film» unterstützte Ausstellung «Filmstadt Zürich» und die 2004 vom gleichen Verein unterstütze Abstimmung zur Gründung der Zürcher Filmstiftung. Da wurden zwischen Bibliothek und Filmbranche unverhofft Brücken geschlagen. Infolge davon übergab die von 1983 bis 2004 mit der Filmförderung betraute Präsidialabteilung der Stadt Zürich ihre Drehbücher der ZB, und die nachfolgend mit der Filmförderung betraute Zürcher Filmstiftung schloss mit der ZB einen Archivierungsvertrag ab. Zehn Jahre später gesellte sich als nächste Verbündete die Cinémathèque dazu. 

Die Drehbücher werden gescannt, danach auf Mikrofilm ausbelichtet. (Foto: Christiane Schmid)

Wie die ZB mit Drehbüchern verfährt 

Als man vor 15 Jahren diskutierte, wie Drehbücher am besten für die Archivierung aufbereitet, war schnell klar, dass man auf Mikrofilm setzt. Dies aus konservatorischen Gründen: Drehbücher, in den ersten Jahrzehnten des Films im Mehrfachdurchschlag getippt, in den 1960er-/70er-Jahren mittels Wachsmatrize vervielfältigt, in den 1980ern kopiert, seit den 1990ern gedruckt, haben eine Tendenz zu verblassen. Durch die Übertragung auf Mikrofilm lässt sich der Status Quo erhalten. 

Der praktische Nebeneffekt des Mikrofilms war und ist, dass sich der Bestand formal einheitlich präsentiert und sich auch Drehbücher in die Sammlung aufnehmen lassen, die physisch nicht in der ZB lagern – wie die Drehbücher aus den Beständen der Cinémathèque.

Wie man Drehbücher der ZB nutzen kann

Für die Benutzenden präsentiert sich die Sammlung von Schweizern Drehbüchern der ZB als Mikrofilm-Konvolut, der im ZB-Katalog (www.zb.uzh.ch) nachgewiesen wird. Weil Drehbücher Manuskripte oder Typoskripte sind, gelten für deren Benutzung dieselben Richtlinien wie für Handschriften. So kann man online nachschauen, welche Drehbücher in der ZB zu finden sind. Einsehen kann man diese allerdings nur auf einem Mikrofilmlesegerät in der Musikabteilung der ZB. 

Eingesehen werden können die Drehbücher auf einem Mikrofilmlesegerät im Lesesaal der Musikabteilung. (Foto: Christiane Schmid)

Das klingt umständlich-abenteuerlich. Doch wie die Erfahrung zeigt, sind Forschende auch im WWW-Zeitalter bereit, weite Wege zu gehen. So ist jüngst ein Professor zwecks Überprüfung unterschiedlicher Drehbuch-Fassungen von Philadelphia via Berlin bis in die ZB Zürich gereist. Grundsätzlich finden sich unter den Nutzern des Drehbucharchivs Laienforscher, Wissenschaftler, Nachkommen von Drehbuchautoren sowie erstaunlich viele Drehbuchautoren, die einen Blick auf ihr eigenes Werk werfen. 

Ausgeblieben sind bisher die erwarteten Horden von Studierenden. Doch das könnte sich ändern. Dies zum einen, weil die Universitäten und Fachhochschulen zunehmend eigenständige Drehbuchstudiengänge anbieten. Dies zum anderen, weil mit Einführung des Lehrplans 21 Medienbildung gesamtschweizerisch Pflicht geworden ist. 

Da sich in den letzten Jahren auch die archivarischen Methoden verändert haben – Mikrofilm gilt inzwischen als überholt – ist man in der ZB derzeit dabei, die Bearbeitungsverfahren umzustellen. Damit sich Drehbücher, in nicht zu ferner Zukunft – selbstverständlich nach wie vor unter Wahrung geltender Urheberrechte – digital einsehen lassen.


PS: Die Szenen in einem Drehbuch werden in dem Moment durchgestrichen, in dem sie «im Kasten» – eben gefilmt worden – sind.

Mehr zu Drehbüchern in der ZB erfahren Sie an Führungen. Die nächste findet statt am 20. Juli 2019 um 10.15 Uhr (Dauer ca. 80 Min). Anmeldung bis 15. Juli 2019 an: fuehrungen@zb.uzh.ch

Irene Genhart (Foto: Christiane Schmid)

Irene Genhart

Irene Genhart, lic. phil., ist Filmjournalistin und seit 1992 Fachreferentin für Film, Darstellende Künste, Fotografie und Gender Studies an der Zentralbibliothek Zürich. Sie hat in Zürich und Berlin studiert. Sie war viele Jahre Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbandes der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten und hat von 2000 bis 2014 die Kritikerwoche des Filmfestivals von Locarno verantwortet. Sie hat diverse Ausstellungen zu filmischen Themen organsiert und an diversen Festivals Filmreihen vorgestellt. Sie hat eine Tochter, lebt und arbeitet hauptsächlich in Zürich. (Foto: Christiane Schmid)

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