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2017/2 Enquêtes en cours

Das Archiv der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen – das Staatsarchiv Thurgau im Test

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Präparate, die zu marktfähigen Psychopharmaka weiterentwickelt werden sollten, wurden in den 1950er- bis 1980er-Jahren nicht nur in der Psychiatrischen Klinik des Kantons Thurgaus getestet, sondern auch in anderen schweizerischen Kliniken. Doch hat sich im Thurgau besonders viel Quellenmaterial dazu erhalten. Bis es fertig erschlossen im Staatsarchiv lag, war der Weg allerdings lang und hürdenreich.

Eine Chance und ein Fund

2005, als dem damaligen Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen die Pensionierung drohte, bot sich dem Staatsarchiv Thurgau unvermittelt die Chance, das ganze Archiv der Klinik von 1840 bis 1980 zu übernehmen. Das Staatsarchiv zögerte keinen Moment und griff zu. Der Bestand, der nur gerade im Finanzbereich grössere Lücken aufwies, wurde durchgängig bis auf Stufe Dossier erschlossen und ist heute einer der meistkonsultierten im Archiv. Insgesamt wurden in der Datenbank 35‘586 Einheiten (Dossiers) verzeichnet. 31‘714 davon entfielen auf die Krankengeschichten. Ausser diesen sowie Verwaltungsakten aller Art konnten auch sämtliche Gutachten, das sog. Stammbaum- und das sog. Rorschach-Archiv übernommen werden; dazu etliche Akten der Pflege, die für die Forschung von besonderer Wichtigkeit sind. Bei den Ordnungsarbeiten tauchten überdies sechs Dossiers auf, die belegten, dass Prof. Dr. Roland Kuhn (1912–2005) – zwischen 1939 und 1971 Oberarzt, 1971–1980 Direktor der Klinik – in Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie an Patientinnen und Patienten eine Reihe von Präparaten getestet hatte.

Gesamtansicht der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, 1933. Fotograf: Foto Gross, St.Gallen. Copyright: Staatsarchiv des Kantons Thurgau.

Ein Vorlass und ein Scheitern

Da es sich bei den Dossiers ganz offensichtlich um Stücke handelte, die auf grössere, im Klinikarchiv nicht weiter dokumentierte Vorgänge verwiesen, sprach der Staatsarchivar noch im April 2005 beim hochbetagten Kuhn vor und machte ihm den Vorschlag, seinen Vorlass dem Staatsarchiv zu übergeben. Kuhn zeigte sich erfreut und ging sofort auf das Angebot ein; eine Begehung seiner privaten Kompaktanlage bestätigte nicht nur die erwähnte Vermutung, sondern führte überdies den ausserordentlichen Umfang des Vorlasses vor Augen. Doch bevor es zu einem förmlichen Vertrag mit dem Staatsarchiv kam, starb Kuhn am 10. Oktober 2005. In der Folge gelangten die Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft zu keinem Ziel, so dass das Geschäft schliesslich auf unbestimmte Zeit vertagt werden musste.

Ein Artikel und ein Durchbruch

Am 20. November 2012 erschien im Tages-Anzeiger aus der Feder von Simone Rau ein Artikel, in dem der Vorwurf erhoben wurde, die Psychiatrische Klinik Münsterlingen habe an Kindern und Jugendlichen des ehemaligen Kinderheims und Internats St. Iddazell-Fischingen seinerzeit Medikamentenversuche durchgeführt. Der im Mai 2014 vorgelegte Schlussbericht einer Historikergruppe, die Ende 2012 bereits diverse andere Vorgänge in St. Iddazell untersuchte, sollte Raus Vermutungen wenn nicht hieb- und stichfest belegen, so doch glaubhaft machen. – Das Staatsarchiv hatte aber nicht zugewartet, sondern unmittelbar nach Erscheinen des Artikels die Erbengemeinschaft Kuhn dafür gewinnen können, den Nachlass von Roland Kuhn schnell und ungeschmälert dem Kanton zu übereignen. Das schien umso dringlicher, als der Nachlass Kuhns mit unzähligen Akten durchsetzt war, die dem Kanton ohnehin gehörten und eigentlich nicht in die Pension hätten mitgenommen werden dürfen. Über den Jahreswechsel 2013/14 wurde der ca. 80 Laufmeter starke Nachlass Kuhns und seiner Ehefrau Verena Kuhn-Gebhart, die als Oberärztin in der Klinik die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgebaut hatte, nach Frauenfeld transferiert.

Das Ehepaar Roland und Verena Kuhn-Gebhart am Revitorgankongress Stuttgart, 1985. Fotograf: Günther Haubold, Esslingen am Neckar. Copyright: Staatsarchiv des Kantons Thurgau.

Ein Kredit und eine Herausforderung

Sich der Brisanz des Problems bewusst, stellte der Regierungsrat dem Staatsarchiv schnell einen Sonderkredit von Fr. 160‘000.– Franken zur Verfügung, damit der Nachlass umgehend geordnet und erschlossen werden konnte. Mit dem Geld stellte das Staatsarchiv eine Reihe von Aushilfskräften für verschiedene Aufgaben an, die sonst von archiveigenem Personal erledigt werden, während die erfahrenen Archivarinnen und Archivare sich unter der Leitung des Staatsarchivars dem wohl herausforderungsreichsten Erschliessungsprojekt annahmen, das im Haus je hatte bewältigt werden müssen. Kuhn hatte nämlich erst als hochbetagter Mann ein paar Versuche unternommen, in seine Unterlagen eine gewisse Ordnung zu bringen. Freilich kam dabei oft mehr durcheinander als zueinander. Kam hinzu, dass seine verschiedenen Interventionen mehr und mehr in dem Bewusstsein erfolgt waren, ein bedeutender Wissenschaftler zu sein. Kurz, der Nachlass zeigte verschiedene Formen der Selbstinterpretation, welche das sachlich Notwendige durchkreuzten. Zum Beispiel hat Kuhn verschiedene Male aus seiner Sicht „wichtige Dokumente“ aus dem ursprünglichen Entstehungskontext herausgelöst und separat archiviert oder am Ende seines Forscherlebens überhaupt nichts mehr kassiert, weil alles, was ihm in die Finger geriet, aus irgendeinem Grund „wichtig“ zu sein schien und mit Kommentaren versehen werden musste. Die Aufgabe bestand nun darin, die ursprünglichen Zusammenhänge der Akten wiederherzustellen, ohne diese Selbstinterpretationen zu zerstören. Retrospektiv darf wohl festgestellt werden, dass solches in den Jahren 2013/14 gelungen ist. Nach der Ausscheidung von Mehrfachexemplaren verblieben am Ende der Bearbeitung 48 Laufmeter Unterlagen oder 5041 Verzeichnungseinheiten. Von besonderem Interesse und von besonderer Brisanz waren die 203 Dossiers, die Kuhns Engagement in der Psychopharmaforschung betreffen. Doch dürfen auch seine akademischen Lehrveranstaltungen und seine ausgedehnte Korrespondenz Aufmerksamkeit beanspruchen. Vollständig vorhanden sind auch seine unzähligen Publikationen samt Vorakten. Dazu alle Krankengeschichten aus seiner Privatklinik nach 1980.

Noch ein Kredit und eine Aufgabe

Sehr rasch wurde klar, dass eine ausgreifende Forschung unumgänglich sein würde, wenn Licht in die in der Thurgauer und Schweizer Öffentlichkeit sehr stark diskutierten Fragen um die Psychopharmaka-Tests in Münsterlingen kommen sollte. Am 26. Mai 2015 nahm der Regierungsrat dann eine Forschungsskizze des Staatsarchivars zustimmend zur Kenntnis und bewilligte für das Projekt Fr. 750‘000.–. Gleichzeitig wurde unter dem Präsidium des Staatsarchivars eine achtköpfige Expertengruppe eingesetzt. Sie besteht aus der Historikerin Monika Dommann (Zürich), dem Psychiater Daniel Hell (Zürich), dem Pharmakologen Stephan Krayenbühl (Basel), dem Juristen Thomas Geiser (St. Gallen), dem Kantonsapotheker Rainer Andenmatten, der Chefin des Kulturamts Martha Monstein und dem Generalsekretär des Departements für Inneres und Volkswirtschaft Andreas Keller (alle Thurgau); als Sekretär wirkt Urban Stäheli, Mitarbeiter des Staatsarchivars. Das Gremium schrieb das Forschungsprojekt im August 2015 öffentlich aus und rekrutierte im Dezember 2015 ein geleitetes Forschungsteam. Ihm gehören an: Marietta Meier (Leitung), Mario König, Magaly Tornay, Francesco Spöring und Ursina Klauser. Im April 2016 nahm die Gruppe die Forschungsarbeiten auf. Schwerpunktmässig werden Unterlagen des Staatsarchivs Thurgau, der Novartis AG sowie der swissmedic ausgewertet. Im Frühjahr 2019 soll ein Bericht vorliegen, der noch im gleichen Jahr als Buch herauskommen wird. Der Bericht wird von den drei erstgenannten Forschenden verfasst, während Spöring und Klauser zunächst Quellenarbeit für das Projekt leisten, dann aber eine Habilitationsschrift zu den Logiken der Indikationsentwicklung von Antidepressiva bzw. eine Dissertation zum Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie im Thurgau verfassen. Ausserdem entsteht eine Datenbank, in der u. a. verzeichnet wird, welche Patientinnen und Patienten in welche Tests involviert waren; dies, damit das Staatsarchiv den vielfach anfragenden Betroffenen präzis Auskunft geben kann – nach Auffassung des Staatsarchivs nicht das unwichtigste Resultat beim ganzen Projekt. Das Staatsarchiv ist fraglos daran interessiert und auch damit beauftragt, die historische Forschung zu fördern und zu unterstützen. Auf der Produkteliste des nach NPM-Grundsätzen geführten Archivs steht dies aber erst an dritter Stelle. An erster Stelle wird die Auskunftserteilung an die Bürgerinnen und Bürger genannt, die als Betroffene staatlichen Handels ein Anrecht darauf haben, über die Art und den Grad ihrer „Betroffenheit“ Gewissheit zu erlangen.

Bestände im Staatsarchiv Thurgau
StATG 9’10 Psychiatrische Klinik Münsterlingen 1840–1980 https://query-staatsarchiv.tg.ch/detail.aspx?id=174977
StATG 9’40 Kuhn Roland (1912–2005), Psychiater; Kuhn-Gebhart Verena (1921–2015), Psychiaterin (zur Recherche im Query noch nicht freigegeben)

Salathé André 2017

André Salathé

André Salathé ist seit 1995 Staatsarchivar des Kantons Thurgau und seit 1998 Präsident des Historischen Vereins des Kantons Thurgau.

Commentaires

*Pflichtfeld
  • Walter Emmisberger

    Was ist mit den Betroffenen, weshalb wird von ihrem Leiden nur sehr wenig geschrieben? Es wird zuviel geschrieben was Kuhn erreicht hat, aber wie viele Betroffenen darunter gelitten haben, nein auch heute noch darunter leiden. Davor scheut man sich, das ist traurig, sehr traurig. Denn viele Betroffene, Opfer von den damaligen Medikamententets, ging es ihr ganzes Leben bis heute sehr schlecht. Sie wurden mit den Medikamententests körperlich und seelisch krank gemacht und hatten deshalb kaum eine Chance beruflich etwas zu erreichen. Einige sind daran zerbrochen und haben sich das Leben genommen. Denken und schreiben wir doch mehr über die Betroffenen und sprechen mit ihnen. Eine Lösung suchen um sie wirklich zu vertsehen und gebt ihnen auch finanziell eine Unterstützung, damit sich die Betroffenen wenigstens in ihren hohen Alter etwas mehr leisten können, als ihr ganzes Leben lang wo sie jeden Fünfer immer wieder anschauen müssen, bis sie merken dass sie sich wirklich nichts leisten können. Es geht doch um die Betroffenen, die Opfer, darunter auch Kinder und Jugendliche, von den damaligen Medikamententests. Denken wir mehr an sie.
    Freundliche Grüsse
    Walter Emmisberger
    Bahnhofstrasse 11
    8320 Fehraltorf

  • René Bloch

    Mit Interesse Ihre Ausführungen zur Archivierung von Kuhns Papieren gelesen, ebenfalls die Schlussfolgerungen. Wenige Bemerkungen : bin erstaunt nicht befragt worden zu sein bezüglich meiner Erfahrungen mit Kuhn. Dies wirft kein gutes Licht auf die Kommission und die Bearbeitung der damaligen Zeit. Sicher wird der Psychiater Professor Hell auch nicht zur Verbesserung der Erkenntnisse über Kuhn und seine Klinikführung beitragen. Hell gehört zum Establishment wie die ganze Clique um Kuhn herum, dank welcher auch Hell seine Karriere gemacht hat. Es dreht mir den Magen um, wenn ich über Kuhn lese, seine philosophischen, daseinsanalytischen und psychologischen Kenntnisse, von denen man nicht viel spürte während meiner Zeit in Münsterlingen. Ich hatte leider nicht die Wahl diesem Herrn den Rücken zu kehren, da ich Mühe hatte eine Stelle zu finden, in Missgunst geraten durch meine Dissertation und die Entdeckung des Zeichentests, einem Konkurrenzverfahren von Rorschach. Immerhin hat mir Kuhn die nötigen Zeugnisse verschafft, die ich für meinen FMH benötigte. Von Kuhns Medikamentenversuchen habe ich nur am Rande erfahren, da ich in der Klinikorganisation nicht integriert war. Nur die Ehefrau und der Oberarzt Hilgers, ehemaliger Deutscher Armeeangehöriger in der Ukraine, nahmen enger Teil an den Aktivitäten von Kuhn. Meine eigenen Forschungen wurden vollständig ignoriert und ich selbst wie ein Stück Luft behandelt. Ich fühlte mich nach diesen Ausbildungsjahren bei Kuhn nicht imstande eine leitende Stelle in Mannheim zu übernehmen, die mir Häffner angeboten hatte. Die edelste Aufgabe eines Professors ist seine Mitarbeiter auszubilden und sein Wissen so weiterzugeben. Kuhn hat keine Nachfolger, nur einige Leute, die ihm auf den Leim gegangen sind. Allerdings ist Kuhn damit nicht allein stehend, da die Generation der Psychiatrielehrer aus jener Zeit meistens ebenfalls nicht an Nachwuchs interessiert war. Es hätte keinen Sinn gehabt, hätte ich mich in den 70er Jahren öffentlich zur Situation in Münsterligen geäussert. Man hätte mich als einen Spinner bezeichnet. Die Rezension zu meinem Buch „Droht uns die totale Psychiatrie“ siehe Google wurde erst heute von der Deutschen Ärztezeitung zurückgenommen. Eine erste wichtige öffentliche Stellungnahme datiert vom 16 September 1987 in der NZZ, wo ein grosser Beitrag „Psychiatrie im Übergang oder Niedergang“ erschienen ist.
    Ich habe gestern am Fernsehen N24 eine Sendung über Adolf Hitler verfolgt. Während dieser Sendung wurden besonders die Persönlichkeiten, die gegen diese Unperson protestieren wollten, erwähnt. Natürlich ist die Analogie weither geholt. Kuhn war kein Hitler, sondern nur ein intelligenter, aber fieser Menschenverachter. Die Kommission sollte sich mehr diesen menschlichen Aspekten der damaligen sogenannten Psychiatrie widmen, da das Ziel einer Veröffentlichung besonders eine edukative Wirkung auf zukünftige Generationen haben sollte. Nackte Fakten sind uninteressant.
    Mit freundlichen Grüssen
    Dr. René Bloch
    Austrasse 7
    CH- 4106 Therwil

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Im Staatsarchiv Thurgau hat in den letzten Jahren sowohl das Archiv der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen wie auch den Nachlass von Prof. Dr. Roland Kuhn, Oberarzt und Direktor der Klinik übernommen und erschlossen. Für den Nachlass Kuhn wurde dafür ein Sonderkredit bewilligt, vor dem Hintergrund, dass 2012 der Vorwurf erhoben worden war, die Psychiatrische Klinik Münsterlingen habe an seinen Patienten seinerzeit Medikamentenversuche durchgeführt. Eine Expertengruppe unter dem Präsidium des Staatsarchivars schrieb daraufhin ein Forschungsprojekt aus. Von 2016 bis 2019 beschäftigt sich nun eine Forschungsgruppe mit dem Thema. Ein Bericht mit den Erkenntnissen der Forschungsgruppe soll im Frühjahr 2019 vorliegen.

Ces dernières années, les Archives de l'État de Thurgovie ont pris en charge et traité les archives de la clinique psychiatrique de Münsterlingen et le legs du professeur Roland Kuhn, médecin en chef et directeur de la clinique. Un crédit spécial a été accordé pour le traitement de ce fonds privé Kuhn, car des reproches ont été formulés dès 2012 à l'encontre de la clinique qui aurait effectué des expériences médicales sur ses patients. Un groupe d'experts, dirigé par l'archiviste cantonal, a donc proposé un projet de recherche prévu de 2016 à 2019 sur cette thématique. Les résultats de la recherche devraient être publiés au début 2019.