Commentaires Résumé
2015/1 Associations I+D

Herausfordernde Zeiten auch für die Berufsverbände? Antworten aus der Sicht von BIS und VSA

Commentaires Résumé

Interview mit Claudia Engler, Präsidentin VSA, und Herbert Staub, Präsident BIS

Die Schweiz ist bekannt für ihr lebendiges Vereinsleben. Aber mehr und mehr bekunden  die Vereine Mühe damit, Personen zu finden, die sich für Vereinsaktivitäten engagieren. Gilt das auch für Berufsverbände?

Engler: Der VSA entstand 1922 als eine Art «archivarische Selbsthilfegruppe» und organisierte sich in gut schweizerischer Tradition als Verein. Mit Ausnahme eines professionellen Teilzeitsekretariates werden nach wie vor alle Ämter innerhalb des Berufsverbandes im Milizsystem ausgeführt. Die Mitgliederzahlen des VSA steigen erfreulicherweise sowohl bei den Kollektiv wie bei Einzelmitgliedern seit Jahren kontinuierlich an. Das hängt einerseits mit dem sich derzeit erweiternden Berufsbild und den neuen Berufsfeldern zusammen: Mehr Personen und Institutionen sind mit archivischen Themen beschäftigt. Andererseits führt ein rascher Wandel zu Unsicherheit und zum Bedürfnis, sich zu vernetzen und weiterzubilden. Das praxisbezogene, günstige Weiterbildungsangebot gehört denn auch zu den Stärken des VSA.

Staub: Der BIS hatte nach der Fusion von BBS und SVD eine schwierige Startphase. Vorstand und Geschäftsstelle waren in der Krise, die Mitgliederzahlen gingen zurück. Damals war es schwierig, Freiwillige zu finden, die sich für den BIS engagieren wollten. Man hätte dies dem allgemeinen gesellschaftlichen Phänomen des Niedergangs der Freiwilligenarbeit zuordnen können. Nach den Krisenjahren kam die Trendwende: Der BIS steht heute gut da, sein Ansehen in der Community ist gewachsen, er erbringt die Leistungen, die von einem Verband erwartet werden. Das wird sich auch auf die Mitgliederzahlen auswirken.


Welche Rolle spielen Verbände in einem Zeitalter, in dem Projektgruppen und Initiativen immer populärer und die Sozialen Medien immer wichtiger für den Informationsaustausch und die Vernetzung werden?

Engler: Der Vorteil des Berufsverbandes ist, dass er im Gegensatz zu spezifischen Gruppen alle Typen von Institutionen und Personen aller Sprachund Landesregionen vertritt. Das ist in der föderalistischen Schweiz mit ihrer äusserst heterogenen Archivlandschaft sehr wichtig. Die Projekt- und Initiativgruppen werden vom VSA auch nicht als Konkurrenz verstanden, sondern ganz im Gegenteil als Erweiterung und Ergänzung der bestehenden Angebote willkommen geheissen. Die Sozialen Medien sind ebenfalls keine Konkurrenz: Auch der VSA nutzt sie für seine Kommunikation. Die VSA-Mitglieder schätzen zusätzlich den persönlichen Kontakt, Veranstaltungen des VSA sind immer auch Plattformen des informellen und gesellschaftlichen Austausches.

Staub: So wie die Bibliothek als dritter Ort immer wichtiger wird, erhält der Verband als Drehscheibe, Plattform, Netzwerk eine immer grössere Bedeutung. Denn das wahre Leben spielt sich immer noch ausserhalb der digitalen Welt ab.

Wie wichtig sind die I+D-Verbände für die I+D-Fachleute? Wieso werden aus eurer Sicht die informellen Mittagstische und Arbeitskreise immer populärer?

Engler: Die Mitgliederzahlen zeigen, dass eine Mitgliedschaft beim VSA für die Institutionen und ihre Mitarbeiter weiterhin attraktiv ist. Natürlich engagieren sich die einen mehr, zum Beispiel im Vorstand oder in Arbeitsgruppen, die anderen weniger, aber das ist normal. Lokale «Archivgruppen» sind nur zu begrüssen, sie fördern wie der VSA die Vernetzung und den Austausch.

Staub: Die beiden Berufsverbände BIS und VSA sind OdA, Organisationen der Arbeitswelt. Und ohne OdA gibt es keine Grundausbildung, die mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abschliesst.

Wie werdet Ihr die Lobbyarbeit der beiden Verbände und den Auftritt in der breiten Öffentlichkeit in Zukunft gestalten?

Engler: Der VSA ist derzeit daran, sein politisches Lobbying neu auszurichten: Ziel ist, sich auf wenige, wichtige Themen zu konzentrieren, diese dafür mit Nachdruck zu verfolgen. Zum Lobbying gehört auch Öffentlichkeits-arbeit, wie sie etwa mit dem alle fünf Jahre stattfindenden Archivtag betrieben wird, oder die Mitarbeit in Gremien und Organisationen, beispielsweise beim Dachverband der Urheber- und Nachbarrechtsnutzer (DUN).

Staub: Das reicht von BiblioFreak, der nationalen Imagekampagne für Bibliotheken über Kontakte zu Politikerinnen und Politiker bis zur Einsitznahme in wichtigen Gremien.


Welche Rolle spielt arbido für die Ziele derbeiden Verbände?

Engler: Als zweisprachige Fachpublikation vernetzt sie die beiden sich nahe stehenden Berufsverbände und fördert das «Über-den-Zaun-Schauen». Sie ist den beiden Verbänden als gemeinsames fachliches Kommunikationsmittel nach wie vor wichtig. Entsprechend soll sie auch zur einer elektronischen Plattform weiterentwickelt werden.

Staub: Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentationswelt sind sich nahe. Die gemeinsame Fachpublikation arbido belegt das und trägt das auch nach aussen. Mit einer elektronischen Plattform wird arbido die fachliche Diskussion besser anstossen können.

Welche Verbindungen unterhalten BIS und VSA zu anderen Verbänden?

Engler: Der VSA versucht, wenn immer möglich, den Kontakt und den Austausch mit den anderen Verbänden zu fördern. Gerade beim Weiterbildungsangebot oder bei der politischen Interessenvertretung kommt es immer wieder zu Kooperationen.

Staub: Über den Verein CULTURA ist der BIS mit anderen Schweizer Kulturinstitutionen vernetzt. International ist er Mitglied von IFLA und EBLIDA und pflegt Kontakt zu seinen europäischen Partnerverbänden.


In einer Phase, in der BIS und VSA ihre Berufsausbildung vereinheitlichen und die BIS so unterschiedliche Berufsgruppen wie BibliothekarInnen von allgemein-öffentlichen Bibliotheken, Spezialbibliotheken, Universitätsbibliotheken sowie Dokumentationseinrichtungen vertritt, wäre es da nicht denkbar, einen einzigen Berufsverband zu gründen, um die Interessen von I+D-Berufsleuten (BibliothekarInnen, ArchivarInnen, KonservatorInnen, etc.) besser zu vertreten?

Engler: Die gemeinsame Ausbildung ist richtig und wertvoll. Im Arbeitsalltag ist allerdings unschwer festzustellen, dass sich die Arbeitswelten und Rahmenbedingungen teilweise stark unterscheiden. Zum Kernauftrag der Archive gehört es, die Rechtssicherheit zu gewährleisten. Das ist eine Aufgabe, welche die Bibliotheken, die sich im Bildungs- und Kulturumfeld bewegen, nicht haben. Entsprechend anders müssen die Schwerpunkte beim Lobbying und in der Öffentlichkeitsarbeit gelegt werden. Im Moment erscheint mir eine Fusion der beiden Verbände noch nicht als Option.

Staub: Es gibt Bibliotheken, die Archive betreuen, und es gibt Archive, die eine Bibliothek führen. Als das Records Management aufkam, war nicht klar, ob das eher eine dokumentalistische oder archivarische Aufgabe ist. Digitalisierung macht vor keinem Bereich halt, die Aufgabengebiete vermischen sich. Dank der gemeinsamen Grundbildung und arbido ist die Zusammenarbeit zwischen VSA und BIS schon sehr gut. Einen Schritt weiter zu gehen, ist im Moment nicht nötig, aber sehr wohl denkbar.

Engler Claudia 2014

Claudia Engler

Claudia Engler ist Direktorin der Burgerbibliothek Bern und Präsidentin VSA-AAS.

Staub Herbert 2014

Herbert Staub

Herbert Staub ist Präsident von Bibliothek Information Schweiz BIS, dem nationalen Verband für Bibliotheken, Informations- und Dokumentationsstellen und deren Mitarbeitende. Er bekleidet dieses Amt seit 2013, davor war er bereits seit 2010 im Vorstand tätig. Zudem ist er Vorsitzender der Ausbildungsdelegation I+D und Geschäftsführer von BiblioFreak Schweiz. 
Herbert Staub hat 24 Jahre im Bereich Dokumentation und Archive von Schweizer Radio und Fernsehen gearbeitet und bei der Einführung der Schweizerischen Mediendatenbank SMD mitgewirkt.

Commentaires

*Pflichtfeld