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2014/4 FH-Bibliotheken – eine dynamische Entwicklung!

Eine neue Lern- und Servicebibliothek entsteht

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Ein Grossteil der Fachhochschul-Kundschaft kommt mit einem beruflichen Erfahrungshintergrund – meist aus dem Dienstleistungssektor – an die Hochschule. Deshalb hat sie ein wesentlich professionelleres Dienstleistungsverständnis und eine höhere Erwartung an Serviceleistungen beispielsweise einer Bibliothek als der klassische Universitätsstudierende. Auch Einrichtung und Ausstattung gehören zum Serviceportfolio einer Bibliothek. Diese werden von den Nutzenden sehr bewusst wahrgenommen. Der berufliche Werdegang, die eingeschlagene Fachrichtung und die Kenntnisse über andere Hochschulen und ihre zentralen Einrichtungen bilden das «Tertium Comparationis», aus dem Erwartungshaltung und funktionale Anforderungen generiert werden. Wer heute im FH-Kontext Bibliotheken plant und baut, muss dies berücksichtigen. 

Die Hochschulbibliothek (HSB) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) betreibt fünf ihrer acht Teilbibliotheken in Winterthur. Diese Teilbibliotheken werden künftig in einer neuen Bibliothek untergebracht, die im Februar 2015 eröffnet wird. Wegen akuter Platzprobleme der ZHAW insgesamt sowie der unbefriedigenden Situation der HSB – beides durch das enorme Wachstum der Studierenden- und Mitarbeitendenzahlen der ZHAW in Winterthur verursacht – ist dieser Neubau notwendig. Künftig werden die Teilbibliotheken der Departemente Architektur und Bau, Gesundheit, Linguistik, Technik und Wirtschaft sowie Recht an einem Standort integriert sein.

Das Gebäude: ein Baudenkmal

Der neue Bibliotheksstandort wird in einer Industriehalle auf dem ehemaligen Sulzer-Areal errichtet. Das Erdgeschoss besteht aus einer rund zehn Meter hohen Kranhalle, welche zudem noch zwei weitere Hallen trägt. Das EG und die beiden Obergeschosse weisen insgesamt eine Höhe von rund 25 Me- tern (von 18 Steigmetern) auf, eine Länge von rund 100 Metern und mit dem konvexen Rundbau an der breitesten Stelle eine Breite von rund 40 Metern. Das um 1929/1930 entstandene Gebäude besteht eigentlich aus nichts anderem als aus sechs nebeneinander und übereinander liegenden Kranbahnen, die mit vor Witterung schützenden Wänden umgeben worden sind. Die Aussenwände haben keine tragende Funktion. Dies ermöglichte dem Architekten Lebrecht Völki (1879–1936), riesige Fensterfassaden, sogenannte Vorhangfassaden, zu planen. Bekannt wurde diese Architektur durch die Fagus-Werke in Alfeld, die von Walter Gropius und Adolf Meyer 1911 entworfen wurden. Der alte Architekturbestand der Halle wurde von den Winterthurer Architekten Stefan Piotrowski und Jean-Marc Bovet architektonisch kongenial trotz vielen Auflagen und Schwierigkeiten in die neue Funktion überführt.

Die Bibliothek befindet sich im Erdgeschoss, wo noch zwei Zwischengeschosse in Form von Tischen baulich eingezogen werden konnten. Im ersten Obergeschoss befinden sich Unterrichtsräume der School of Management and Law der ZHAW und im zweiten Obergeschoss entsteht die Lernlandschaft für Studierende. Diese Anordnung mag im ersten Moment etwas seltsam anmuten, ist letztendlich aber eine konsequente Nutzung der räumlichen Gegebenheiten. Die Oberlichter im zweiten Obergeschoss hätten den Unterricht – vor allem mit Hellraumprojektoren – massiv gestört, doch für die Lernlandschaft können sie optimal genutzt werden.

Die Lernlandschaft im zweiten Obergeschoss 

Gegeben ist eine grosse Halle von rund 1700 m2, in der ohne Bücherangebote gelernt, geforscht, kommuniziert und pausiert werden soll. Reale Arbeitswelten sollten schon erkennbar sein, ohne dass der Kontext der Hochschule verlassen wird. Natürlich konnte das nicht freischwebend geplant werden, sondern musste innerhalb der üblichen Sachzwänge wie Kostenvoranschlag und Baubudget, denkmalpflegerischen und architektonischen Auflagen und Rahmenbedingungen optimal gelöst werden. Es soll ein Raum entstehen, der noch Hochschule ist, jedoch schon in die moderne Arbeitswelt verweist, eine Art «Übergangsraum». Dieser «Übergangsraum» darf aber selbst kein Grossraumbüro werden.

Es stellte sich die Frage, welche Art von physischer Lern- und Arbeitsumgebung Studierende heute benötigen, um produktiv und effektiv zu sein. Dieser Fragekomplex konnte nicht allein durch die Architekten, die Vertreter des Kantons und einige Bibliothekare beantwortet werden. Auch fehlen bis jetzt systematische Auswertungen schon bestehender vergleichbarer Angebot inner- und ausserhalb der Schweiz.

Um Antworten zu finden, wurde 2013 eine umfassende, empirische Studie durchgeführt. Mit der Studie wurde das Institut für Facility Management (IFM) in Wädenswil beauftragt. Die hohe Reputation im Workplace Research und die vielfältigen Auftragserfahrungen aus der Wirtschaft waren aus Sicht der Bibliotheksleitung genügend Gründe für die Auftragsvergabe an das IFM. Die Studie bestand aus zwei Workshops mit Vertretern aus der Lehre sowie einer Onlineumfrage unter Studierenden (n = 760 Teilnehmer) und einer Beobachtungsstudie zur Erhebung der Auslastung und Nutzung heutiger Bibliotheksflächen. Diese Beobachtungsstudie erfolgte an 24 Beobachtungspunkten der HSB und brachte innerhalb von drei aufeinanderfolgenden Tagen 1292 Datenpunkte zusammen.

Aus allen Erhebungsdaten leitete das IFM einen 9-Thesen-Katalog ab, aus dem wiederum das Smart-Learning-Schema entstand. Wichtig und interessant sind alle Thesen für das Schema. An dieser Stelle soll eine spannende Auswahl der Thesen kurz vorgestellt werden. Die These Nr. 2 beschreibt die ungenutzten Potenziale im Bereich der Privatsphäre und Konzentration. Privatheit ist auch im Zeitalter von StudiVZ und Facebook ein nicht zu vernachlässigendes Bedürfnis, das nicht nur individuell unterschiedlich aufgefasst wird. Selbst für Gruppen besteht ein Bedarf an Privatheit. These Nr. 3 zeigt, dass die Generierung einer Vielfalt von Flächen ein zentraler Erfolgsfaktor ist. Nr. 4 unterstützt Nr. 3 dahingehend, dass genau diese Vielfalt die Auslastung der Flächen verbessert. These Nr. 6 verrät wiederum, dass die Dozierenden die Bibliothek in der Regel noch nicht für sich entdeckt haben. 

Abgesehen von wenigen fachlichen Ausnahmen dürfte diese These ein typisches FH-Phänomen benennen, welches diesen Hochschultyp sicher von den Universitäten unterscheidet. Das liegt zumindest an der ZHAW in Winterthur bisher wohl daran, dass die HSB für einen möglichen Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden keine geeigneten räumlichen Möglichkeiten anbietet. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass gerade diese These ein grosses Potenzial für neue Serviceangebote von Bibliotheken beinhaltet. Nicht unerwähnt soll These Nr. 5 bleiben, welche das Bedürfnis nach Lern- und Entspannungspausen im gleichen Raumkomplex beschreibt und nachweist. Dies ist weder erstaunlich noch unbekannt, aber in dieser Deutlichkeit doch überraschend. Die häufige Lernnutzung würde sich gemäss Datenlage nahezu verdoppeln.

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse erarbeitete die Innenarchitektin und Bibliotheksplanerin Françoise Chevalier ein erstes Raumkonzept für die Lernlandschaft. Die Studie wurde mit einem letzten Workshop abgeschlossen, an dem der vorläufige Abschlussbericht und das erste Raumkonzept für das zweite Obergeschoss präsentiert und das Feedback aufgenommen wurden. Daraus entstand der Abschlussbericht durch das IFM.

Über diese Daten und das Feedback zum ersten Raumkonzept konnte eine Optimierung der Raumplanung erfolgen. So konnten die Funktionen und Ansprüche an das künftige Mobiliar aufgrund des geplanten Standorts schon sehr gut definiert werden. Im Wesentlichen kann man vereinfacht Folgendes festhalten: Es wird ein vielfältiges Raumkonzept in zwei Raumbereichen verwirklicht, nämlich für konzentriertes («stilles») und kooperatives («lautes») Arbeiten. Ein Übergangsbereich und verschiedene Massnahmen der Möblierung trennen diese Bereiche. Die Möbel im «stillen» Teil des Raumes sind schwer und unbeweglich, die im «lauten» Teil sind leicht und zu einem grossen Teil mobil, sodass sie je nach Bedarf flexibel von den Endnutzern zusammengestellt werden können. Durch eine prägnante Form- und Farbsprache unterstützen die Möbel die ihnen zugeteilte Funktionen. Die Pausenbereiche sind analog aufgebaut. Es gibt stille Einzel- und kooperative Gruppenpausenbereiche.

Zusätzlich sind einige Spezialmöbel für Musikpausen geplant. Zudem sollen Pflanzenwände, sogenannte Verticalis, installiert werden. Diese fangen zusätzlich mit den akustischen Schutzmassnahmen an der Decke ebenfalls einen Teil der Schallemission ab und steigern durch das Pflanzengrün die Aufenthaltsqualität im Raum. Sie vermitteln gewissermassen Intimität und Privatheit. Die vertikal bepflanzten Elemente strukturieren den Raum und unterstützen die Orientierung. Natürlich wird nicht auf Gruppenräume und Carrels verzichtet.

Die Halle soll stets sicht- und spürbar bleiben. Dennoch sollen die Möblierungen das Gefühl des «eigenen Raums», des eigenen «Arbeitszimmers», des «home far away from home» vermitteln. 

Das Angebot ab Februar 2015

Zusammengefasst lässt sich das Gebäude wie folgt beschreiben: Im Erdgeschoss befindet sich die neue HSB mit Lern- und Servicebereichen, wie sie eine moderne Bibliothek anbieten muss: Browsingzonen vor Beständen, Ausstellungsbereich, Gruppenräume und rund 300 verschiedene Arbeitsplätze für hauptsächlich intensives Arbeiten und Lernen, getrennte Auskunfts-, Informations- und Beratungsbereiche, WLAN und OPACs etc. Im ersten Obergeschoss befindet sich ein Schulungsraum der HSB und im zweiten Obergeschoss die oben beschriebene Lernlandschaft.

Die Praxis muss nun bestätigen, ob die hohe flexible Modularität der Bereiche wirklich wie geplant und gewünscht genutzt wird, ob die Architektur ansprechend ist, die Räume als hell und freundlich empfunden werden, die Servicebereiche selbsterklärend und die sonstigen Raumangebote angenommen werden. Alle Beteiligten hoffen, den Studierenden der ZHAW künftig eine Bibliothek anbieten zu können, die modernen Ansprüchen gerecht wird. Solche Unterfangen sind immer zeitgeistig und riskant, weil der Satz «wer sich nicht bewegt, wird überholt» leider nicht uneingeschränkt stimmt, denn «wer sich bewegt, kann die falsche Richtung einschlagen»!

Wir sind überzeugt, dass wir uns in die richtige Richtung bewegt haben. Nur wissen wir nicht, ob wir uns genug oder schon zu weit bewegt haben.

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Giella Wolfgang

Hochschulbibliothek der ZHAW

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Jennifer Konkol

Hochschulbibliothek der ZHAW

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Résumé

Une grande partie de la clientèle qui arrive à la Haute école spécialisée est au bénéfice d’une formation professionnelle de base, le plus souvent dans le secteur des services. C’est la raison pour laquelle sa bibliothèque a développé une compréhension nettement plus professionnelle de ses prestations afin de répondre aux attentes des usagers, qui sont différentes, par exemple, de celles d’une bibliothèque universitaire classique. Les installations et les équipements font également partie des aménagements généraux d’une bibliothèque. Ces derniers sont utilisés comme il se doit par les usagers. La carrière professionnelle, l’orientation choisie et les connaissances sur d’autres hautes écoles et leurs orientations spécifiques constituent le «tertium comparationis» sur lequel reposent les attentes et les exigences fonctionnelles de la clientèle. Celui qui veut, aujourd’hui, planifier et bâtir des bibliothèques dans un contexte HES doit en tenir compte.