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2013/2 Gender Studies und I+D

Geschlecht (k)eine Frage in Bibliotheken? – Betrachtungen zum Dokumentarfilm von D. Vetter

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Der Film lockte viele Interessierte in die Arbeitsgruppe «Gender/Diversity in Bibliotheken», die während des 5. Bibliothekskongresses im März 2013 in Leipzig öffentlich tagte. Geschichte, Inhalt und Fragen dieses Dokumentarfilms, der im Internet zur Verfügung steht.

Wie ist der Dokumentarfilm entstanden?

Dazu berichtet der Autor Danilo Vetter: «Ich hatte das grosse Glück, die beiden Fächer Bibliothekswissenschaft und Gender Studies (Magister) an der Humboldt-Universität zu Berlin zu studieren. Während des Studiums fiel mir zusehends auf, dass es viele thematische Überschneidungen in diesen bei den wissenschaftlichen Disziplinen gibt, die im Mainstreamdiskurs der Studienfächer nicht wahrgenommen wurden. Besonders erstaunte mich, dass die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht eine so marginalisierte Rolle spielt, obwohl Bibliotheksarbeit als klassischer Frauenberuf definiert wird. Innerhalb der deutschen Bibliothekswissenschaft und in der Aus- und Weiterbildung von BibliothekarInnen wird dieser Genderaspekt nicht beachtet.

Dies führte bei mir zu einigen Irritationen, die unter anderem durch meine langjährige Mitarbeit in der Genderbibliothek am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin und dort vor allem durch meine Zusammenarbeit mit Dr. Karin Aleksander verstärkt wurden. Ich lernte dort z.B. eine Vielzahl an feministischen Interventionen1 kennen, die leider alle keinen festen Platz in den bibliothekarischen Fachdiskursen und somit auch nicht in das Curriculum der Hochschulen fanden. Deshalb wollte ich im Rahmen einer Abschlussarbeit2 an feministische Diskurse zu Rollenstereotypen und der vergeschlechtlichten Darstellung von BibliotheksmitarbeiterInnen anknüpfen und aufzeigen, welche Rolle Geschlecht bei der Konstruktion von bibliothekarischen Figuren spielt. Mich interessierte unter anderem, inwieweit diese vergeschlechtlichten Figuren auf den Raum der Bibliothek zurückwirken bzw. ob diese Figuren erst durch den Raum Bibliothek hervorgebracht werden.

Da ich während meines Studiums positive Erfahrungen mit der Erarbeitung von Dokumentarfilmen3 und vor allem der einfachen Verbreitung von Inhalten durch das Medium Film sammeln konnte, wollte ich – gemeinsam mit der Kamerafrau Mirjam Mirwald –  einige mögliche Fragen der Geschlechterforschung an die Informations- und Bibliothekswissenschaft mit diesem Medium darstellen.»

Worüber berichtet der Film?

Die Bibliothek sollte als ein Ort gezeigt werden, wo Geschlecht auf vielfältige Weise ver- bzw. behandelt und konstruiert wird. Die inhaltlichen Schwerpunkte umfassen Feminisierung, Feministische Kritiken, Gender Mainstreaming sowie Geschlechterstereotypisierungen und das Image von Bibliothekarinnen. Bereits vor den Dreharbeiten legten wir die Länge des Films mit 45 Minuten fest, um ihn für die bibliothekarische Ausbildung und im Studium einsetzen zu können.
Der Film gibt vier Expertinnen Raum, aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Frage nachzugehen, welche Rolle Geschlecht in Bibliotheken spielen kann bzw. welche Bedeutung Geschlecht für die Berufsgruppe der BibliothekarInnen hat:

1. Helga Lüdtke (Göttingen) problematisiert aus einer historischen Perspektive die Entwicklung des bibliothekarischen Berufs zu einem Frauenberuf sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf den Ort Bibliothek und den bibliothekarischen Beruf insgesamt.

2. Margit Hauser (Wien) stellt dar, warum die Einrichtung feministischer Bibliotheken und Archive in den 1970er-Jahren notwendig war und welche Rolle diese Einrichtungen in unserer Zeit spielen.

3. Elisabeth Wiesbaum (Berlin) berichtet von praktischen Erfahrungen, die bei der Implementierung von Gender Mainstreaming in einer Öffentlichen Bibliothek in Berlin gewonnen werden konnten.

4. Monika Bargmann (Wien) setzt sich mit Vergeschlechtlichungen von BibliothekarInnen und Stereotypisierungen von BibliothekarInnen in Filmen und Büchern auseinander.

Welche Aspekte des Films wurden in Leipzig diskutiert?

Der Dokumentarfilm4 wurde sehr interessiert und positiv aufgenommen. Er ist eine inhaltlich fundierte Grundlage für Diskussionen zu verschiedensten Aspekten, weil die vier Protagonistinnen zwar alle durch eine einheitliche Rahmenhandlung (die Auswahl eines Buches aus einem Bibliotheksregal) eingeführt werden, aber stets besondere Aspekte des Genderthemas erörtern. Jedes Publikum wird andere Anknüpfungspunkte finden können.

In Leipzig waren viele davon beeindruckt, wie wirkungsvoll der Humor ist, um Geschlechterstereotypisierungen überhaupt wahrzunehmen. Das bezog sich sowohl auf die inhaltlichen Darlegungen der Interviewten als auch auf die ausgewählten Literatur- und Filmbeispiele im Beitrag mit Monika Bargmann. Wenn die Frage auch in dieser Runde gestellt wurde, wie Gender in die Bibliotheken kommen kann oder warum denn Gender oft so anstrengend klingt, dann sind dafür noch immer Antworten zu finden. Ein Aspekt, das aufzubrechen, könnte darin bestehen, Gender nicht mit nur einem Geschlecht gleichzusetzen, also nicht nur Frauen oder das Frauenbild zu betrachten. Wie steht es um die Männer in diesem Frauenberuf? Welches Männlichkeitsbild verkörpern sie? Auch dazu fehlen Forschungen. Ebenso sind all die anderen Aspekte, die mit dem Geschlechteraspekt untrennbar verbunden sind, ständig im Blick zu behalten, wie Alter, Ethnizität, Klasse, «Rasse», Behinderung, Sexualität, Glaube oder Weltanschauung. Deshalb benannten wir unsere AG schon bei der konstituierenden Sitzung während des Bibliothekstages in Hamburg 2012 «Gender/Diversity», um bewusst das komplexe Zusammenspiel aller Faktoren zu diskutieren. Ebenso wichtig ist es, sich mit dem Genderthema nicht nur in einer AG selbst weiterzubilden – sich aber damit auch gleichzeitig zu separieren(!) –, sondern Vorträge mit einem Genderaspekt stärker in den Fortbildungsveranstaltungen der Bibliothekstage und -kongresse anzubieten.

Immer wieder spielt das Thema sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter eine Rolle. In einem Gebiet, wo Sprache beim Erfassen, Verschlagworten, Klassifizieren und Recherchieren ein wichtiges Arbeitsmittel ist, bleibt das ein Dauerthema, ob das nun die Aktionen zur Umbenennung des «Bibliothekartages» betreffen oder die Diskriminierung von Frauen bei der Verschlagwortung in den Normdateien.

Anwesende Studierende aus bibliothekarischen Studiengängen in Berlin, Potsdam, Leipzig und Köln wünschten sich, dass Genderfragen mehr Raum in ihrer Ausbildung erhalten. Dazu muss sich der Gender- und Diversityaspekt noch stärker in der Bibliothekswissenschaft selbst etablieren.

Dabei interessierte auch die Frage, wie sich dieses Thema in anderen Ländern entwickelt, welche Erfahrungen ausgetauscht werden könnten. Hier gibt es aus dem Bereich der Frauen- und Lesbenbibliotheken internationale Kooperationen5 und Erfahrungen, aber weniger in den traditionellen Bibliotheksbereichen. Neben den einzelnen bisher erreichten Ergebnissen6 bleibt noch viel für die Zukunft zu tun! Der Dokumentarfilm hilft, die Augen zu öffnen, lang Gesehenes zu hinterfragen und gemeinsam bewusst neue Aufgaben anzugehen.

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Karin Aleksander

 Humboldt-Universität zu Berlin

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*Pflichtfeld

Résumé

Le film documentaire que Danilo Vetter a consacré à la problématique du genre dans les bibliothèques a été présenté à l’occasion du 5e congrès des bibliothèques qui s’est tenu en mars 2013 à Leipzig (Allemagne).

Ce documentaire décrit les problématiques possibles de la recherche sur le genre dans les sciences bibliothécaires et de l’information. La bibliothèque y est décrite comme un lieu où le genre est traité et construit de multiples manières. Le film donne la parole à quatre expertes qui abordent la question sous diverses perspectives, parlent du rôle que le genre peut jouer dans les bibliothèques, resp. de l’importance de cette question pour le groupe professionnel des bibliothécaires. Adoptant une perspective historique, Helga Lüdtke montre le développement du métier de bibliothécaire en une profession de femmes et les effets que ce développement a induits sur le lieu qu’est la bibliothèque et la profession en général. Margit Hauser présente quant à elle les raisons pour lesquelles la création de bibliothèques et d’archives féministes était nécessaire dans les années 70, et quel rôle ces dernières jouent à notre époque. Monika Bargmann aborde la question du gendering des bibliothécaires et de leurs stéréotypes dans les films et les livres. Elisabeth Wiesbaum décrit les expériences pratiques qui ont pu être faites via l’implémentation de l’approche genre dans une bibliothèque publique de Berlin.


Ce film documentaire de 45 minutes environ, intitulé «Die geschätzte Kollegin vom festgezurrten Haupthaar: Geschlecht (k)eine Frage in Bibliotheken?» (2011), est disponible sur Internet (www.youtube.com/watch?v=uWR-YQz2Pp8).