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2011/4 Kommunizieren wir!

«Kamera läuft!» – ein Archivfilm für Schülerinnen und Schüler

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Waren in den 1970er-Jahren, und oft auch danach, Schülerinnen und Schüler im Archiv noch weitgehend ein Fremdkörper, der auch als solcher betrachtet wurde, so hat sich die Einstellung gegenüber den Nachwuchsforscherinnen und -forschern seitdem fundamental gewandelt. Insbesondere wichtige deutsche Wettbewerbe wie der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten (Der Wettbewerb findet seit 1973 statt. http://www.koerber-stiftung.de/index.php?id=833.), der nicht nur den Autor zur Geschichte brachte, führten zu einem Umdenkungsprozess, der die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Ansprechpartner der Schule und die Erstellung archivpädagogischer Angebote (u.a. Führungen, Publikationen) massgeblich beförderte.

Bei der Konzeption des Internetportals «Westfälische Geschichte» (http://www.westfaelische-geschichte.lwl.org), das als Serviceleistung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichtehttp://www.lwl-regionalgeschichte.de. – Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet mit seinen rund 13 000 Beschäftigten im Auftrag der neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe. Er übernimmt in seinen mehr als 200 Einrichtungen und Aussenstellen Aufgaben, die einzelne Kommunen alleine nicht erledigen können. Mit Hauptsitz in Münster betreibt er z.B. 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 17 Museen sowie Kulturdienste und Beratungsstellen.in Münster seit 2004 vielfältige Einführungen, Ressourcen und Informationsangebote zur Landes- und Regionalgeschichte dieses Landesteils, der mit 8,3 Mio. Einwohnern mehr als 10% der Gesamtbevölkerung Deutschlands umfasst, zur Verfügung stelltFür den Archivbereich ist v. a. die «Digitale Westfälische Urkunden-Datenbank» (DWUD) zu nennen, die als Kooperationsprojekt mit dem LWL-Archivamt für Westfalen im November 2011 freigeschaltet wurde. Sie umfasst zzt. über 70 000 Regesten aus zahlreichen staatlichen, kommunalen, kirchlichen und privaten Archiven Westfalens., war deshalb von Anfang an ein spezieller Bereich für Schülerinnen und Schüler mit wichtigen Informationen für die eigene Beschäftigung mit der Geschichte eingeplant («Wir machen Geschichte!»).1Darunter befindet sich die Fotogeschichte «Pia und ihr erster Besuch im Stadtarchiv Rheine», die Schülerinnen und Schülern u.a. die Schwellenangst nehmen soll, indem sie diese schrittweise mit der grundlegenden Benutzung eines Archivs vertraut macht.http://www.westfaelische-geschichte.de/web202. Die Schülerin, die seinerzeit Pia dargestellt hat, ist inzwischen selbst Mitarbeiterin im Archivdienst.War dieser «Archivrundgang» aus der Anfangszeit des Internetportals (2004) noch mit Bordmitteln realisierbar gewesen, da er mit relativ geringem technisch-organisatorischem Aufwand verbunden war, wurde im Rahmen einer geplanten Neuauflage 2009 durch das Internetportal schnell deutlich, dass angesichts der fortschreitenden Medialisierung und Computerisierung eine zeitgemässere und zielgruppenadäquatere Form gefunden werden musste – ein Spielfilm. Den Vertretern der nun wiederum zusammenarbeitenden Einrichtungen LWL-Institut (Dr. Marcus Weidner) und Stadtarchiv Rheine (Dr. Thomas Giessmann) war durchaus bewusst, dass sich das gewünschte Format – ein ca. 45-minütiger Spielfilm mit archivpädagogischer Ausrichtung, (Laien-)Schauspielern, verschiedenen Drehorten, einer zielgruppenadäquaten dramaturgischen Handlung und einer professionellen filmischen Realisierung wie Postproduktion – nicht ohne eine kooperative Zusammenarbeit mit weiteren Partnern herstellen lassen würde. Dies betraf zum einen das archivpädagogische Fundament des Films, das, koordiniert vom Internetportal, in mehreren Arbeitssitzungen zusammen mit den für Archivpädagogik zuständigen FachleutenZu diesem Arbeitskreis gehörten neben dem Autor (Leitung) und Dr. Thomas Giessmann v. a. Dr. Wolfhart Beck (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abt. Westfalen), Roswitha Link (Stadtarchiv Münster) und Dr. Gunnar Teske (LWL-Archivamt für Westfalen). – Siehe insbesondere: Wolfhart Beck, Schüler forschen im Archiv. Ein archivpädagogischer Führer für Schülerinnen und Schüler durch das Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Düsseldorf 2010.in Westfalen-Lippe 2009/2010 erarbeitet werden konnte und für die Spielfilmhandlung als verbindlich definiert wurde. Und zum anderen die dramaturgische Umsetzung, für die ein freier Dramaturg und Regisseur (Kai Schubert, Berlin) engagiert wurde, der sein Drehbuch mit der Archivgruppe in Grundlegendes Ziel des Films ist es, Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse mit den verschiedenen Archiven und der Archivlandschaft sowie den archivspezifischen Arbeitstechniken, Arbeitsschritten und Archivguttypen im Rahmen einer Spielhandlung vertraut zu machen. Zugleich sollen sie Hilfestellung u.a. bei der Quellenkunde, -auswertung und -kritik erhalten sowie lernen, welche Präsentationsformen auf historische Projekte anwendbar sind. Unterschwellig sollte bei den jungen Nutzerinnen und Nutzern auch Verständnis für die diversen Regeln eines Archivbesuchs (z.B. Einschliessen der Taschen, kein Essen im Lesesaal, kein Kopieren von Akten) erweckt werden. Neben diesen Arbeitstechniken sollte aber auch ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden können, um zu zeigen, wie Archivarinnen und Archivare arbeiten, welche Aufgaben sie haben und wie sie Dokumente bewerten, erschliessen und magazinieren.

Plot ist eine Schülergruppe, die während einer Projektarbeit die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der untergegangenen Textilindustrie von Rheine erforschen möchte und dabei auf verschiedene Personen (Archivpersonal, Nachfahren der Arbeitsmigranten, Zeitzeugen, Museumsmitarbeiter) vertiefen und Hintergrundinformationen liefern sollen. Der Film wurde modular strukturiert, sodass an bestimmte Stellen gesprungen werden kann, die gerade thematisch interessieren (z.B. Wie bestelle ich Archivalien? Wie lerne ich die alte Schrift lesen? Wie dokumentiere ich meine Ergebnisse?). Der Film, der m.W. der erste grössere deutsche Archivspielfilm überhaupt ist, spielt zwar in einer westfälischen Stadt, das industrie- bzw. sozialgeschichtliche Thema, die Archivtypen, die Arbeitspraktiken und die Präsentationsformen sind aber so dimensioniert worden, dass der Film auch in anderen Regionen und (Bundes-)Ländern genutzt werden kann. Zudem wurde bewusst das Stadtarchiv einer Mittelstadt gewählt, da ein kommunales Archiv dieser Grösse, auf das vermutlich die meisten Nachwuchsforscherinnen und -forscher treffen werden, diese Arbeitsumgebung besser abbilden kann als ein grosses Staatsarchiv.

Um die Zielgruppe besser zu erreichen, wurde der «Archivfilm», so der Arbeitstitel bis heute, nicht als klassischer Lehrfilm angelegt, der aus der Perspektive der Wissenden, gleichsam von oben herab, doziert, sondern als Spielfilm, in dessen Verlauf die Schülergruppe sich auf ihre Art, d.h. Schritt für Schritt und nicht frei von Konflikten bzw. Rückschlägen, die Inhalte selbst erarbeitet – unterstützt vom Fachpersonal, dem «freundlichen Archivar». Das dramaturgische Mittel einer Blogkamera, die ein Schüler mitführt und die die Arbeit der Gruppe dokumentieren soll, sorgt dafür, dass einzelne Lerninhalte inmitten der filmisch-erzählerischen Handlung nicht untergehen, sondern, ohne wiederum belehrend zu wirken, gebündelt und vertieft werden können. Ein besonderes Anliegen der Archivfilmgruppe war es dabei, das Archiv als einen attraktiven Lernort darzustellen, d.h., den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass ein Archiv eine niedrigschwellige, helfende und unterstützende Serviceeinrichtung sein kann.

Ein Grossteil der Arbeit aber wäre sicher vergebens gewesen, wenn der Film ausschliesslich über die traditionellen Wege die Schülerinnen und Schüler hätte erreichen müssen. Wohl die wenigsten von ihnen, so die Vermutung, würden eine DVD käuflich zu einem Lernthema erwerben, zudem ist ihnen der Zugriff auf die örtlichen bzw. regionalen Medienzentren oder deren Download-Service (EDMOND) versperrt, da sich diese ausschliesslich an das Lehrpersonal richten. Ein Film des Internetportals «Westfälische Geschichte», der dort nicht auch online verfügbar sein würde, erschien ohnehin als Widerspruch. Um einerseits allen Partnern gerecht zu werden und andererseits eine breite Streuung des Films zu erreichen, wird der Archivfilm auf einer Kauf-DVD, im Leihverkehr der verschiedenen Medienzentren, als Download über EDMOND (beschränkter Zugang) und im Internetportal «Westfälische Geschichte» als Videostream (ohne Zugangsbeschränkung, kostenlos, mit den im Film verwendeten, digitalisierten Archivmaterialien sowie in niedriger, mittlerer oder HD- Auflösung) verfügbar sein.

Nachdem im November hoffentlich die letzte Klappe gefallen sein wird, soll der Film im Frühjahr 2012 in die Klassen- und Jugendzimmer kommen.

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Marcus Weidner

wissenschaftlicher Referent, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster

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Les écoliers sont désormais des hôtes bienvenus dans les archives. L’offre pédagogique dans le domaine des archives est variée et ne cesse de s’étoffer. Le portail Internet «Westfälische Geschichte» (http://www.westfaelische-geschichte.lwl.org) propose aux écoliers, sous la rubrique «Wir machen Geschichte!», un domaine spécifique qui les invite à se pencher sur l’Histoire (en particulier l’histoire nationale et régionale) et qui met justement à leur disposition du matériel documentaire ad hoc. Un film de 45 minutes a même été réalisé, dans toutes les règles de l’art, afin de familiariser les écoliers à partir de la 9e année avec les nombreuses tâches et possibilités qu’offre une archive. Ce film a été conçu et réalisé par des professionnels, qui se sont également chargés de la postproduction. Il est prévu de mettre ce film à disposition des milieux intéressés via différents canaux (DVD, prêt, téléchargement, portail Internet). Il devrait arriver dans les classes à partir du printemps 2012.