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2007/3 Überlieferungsbildung – Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung für Transparenz

Vernetzungen und Kampagnen

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Überlegungen zur praktischen Umsetzung einer Überlieferungsbildung im Verbund

Überlieferungsbereich «1968»

1967 und 1968, 1977 – Jahre, die für die Geschichte der ausserparlamentarischen Opposition der Bundesrepublik, der radikalen Linken und des Terrorismus grosse Bedeutung haben.

2007 blickt man zurück; 2008 wird es nicht anders sein.

Der «Spiegel» widmete dem Jahr 1967, das als Chiffre zeitgeschichtlicher Phänomene nicht die Allgegenwärtigkeit hat wie «1968», bereits 2007 einen Artikel. Die Entwicklungen und Geschehnisse, die mit den Jahren 1967, 1968 und 1977 verbunden werden, sind in den Medien präsent. In der Forschung vollzieht sich schon seit längerem die Historisierung aus weiterer Perspektive. Das neu aufgelebte Interesse für die Ereignisse von 1977 resultiert in der Bundesrepublik nicht zuletzt aber auch aus aktuellen Kontroversen zum Strafvollzug noch Inhaftierter.

Zu fragen ist vor diesem Hintergrund nach der Qualität der Überlieferung. Ein Kolloquium, das das Landesarchiv Baden-Württemberg im Februar 2007 dazu veranstaltet hat, hatte zum Ergebnis, dass die verschiedensten Archive sich aufgefordert sehen müssen, das Quellenmaterial zu sichernTagungsbericht von Clemens Rehm: 1968 – Was bleibt von einer Generation? In: H-Soz- u-Kult. URL http://hsozkult.geschichte.hu-... (Stand: 15.07.2007).. Gewünscht wurde allseits Transparenz, 1. welche Unterlagen wo in welchem Entstehungskontext und aus welcher Perspektive heraus entstanden sind, 2. was wo gesichert wurde und bereits zugänglich ist.

Gemeinsame und aufeinander abgestimmte Aktivitäten zu einer «Überlieferungsbildung im Verbund» unter Beteiligung der Archive der Neuen Sozialen BewegungenVgl. dazu Stefan Sudmann: «Archive von unten», die Überlieferung der Neuen Sozialen Bewegungen und der schlanke Staat – eine Herausforderung für öffentliche Archive. Transferarbeit an der Archivschule Marburg. 2007. Ungedruckt. Sudmann hat die Arbeit als Archivreferendar des Landesar- chivs Baden-Württemberg erstellt. Sie ist auf der Homepage des Landesarchivs Baden-Württemberg zugänglich.erschienen allseits als sinnvoll.

Überlieferungsbereich «Atomkraft»

In die gleiche Richtung ging eine Sektion, die der Arbeitskreis Archivische Bewertung im VdA im September 2006 auf dem Historikertag in Konstanz veranstaltet hat und die der Überlieferung der siebziger Jahre zur Atomkraft und Anti-Atomkraftbewegung gewidmet warTagungsbericht Mathias Mutz: Geschichtsbilder der Archive/Geschichtsbilder der Wissenschaft: Dokumente und Deutungen zur Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre. In H-Soz-u-Kult. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-... (Stand: 15.07.2007). – Die Beiträge der beiden Tagungen werden in einem Tagungsband veröffentlicht, der in den Veröffentlichungsreihen des Landesarchivs Baden-Württemberg erscheinen wird.. Auch hier zeigte sich, dass nur eine Überlieferungsbildung im Verbund die Qualität einer multiperspektivischen Überlieferungsbildung gewährleisten kann.

Damit rückte erneut ein theoretisches Konzept in den Vordergrund, das in der Bundesrepublik in den letzten Jahren immer breitere Zustimmung gefunden hat. In einem Positionspapier, das der Arbeitskreis «Archivische Bewertung» des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare 2004 zur Diskussion gestellt hat, heisst es u.a.:

–  «Archive unterschiedlicher Träger sollten sich bei Überschneidungen bzw. Berührungen so weit wie möglich abstimmen, um die Überlieferungsbildung zu optimieren und bei Anerkenntnis unterschiedlicher Perspektiven die jeweils wechselseitigen Interessen zu berücksichtigen. Dies sollte sich als Standard etablieren.»Robert Kretzschmar: Positionen des Arbeitskreises Archivische Bewertung im VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare zur archivischen Überlieferungsbildung. Einführung und Textabdruck. In: Der Archivar 58 (2005) S. 88–94, hier S. 92 (Punkt 6 der Positionen). 

–  «Mit der Überlieferung, die aus den Unterlagen anbietungspflichtiger Stellen gebildet wird, kann nur ein Ausschnitt aus der Lebenswirklichkeit abgebildet werden. Daher sollten die Archive nach Möglichkeit auch Überlieferungen jenseits ihrer anbietungspflichtigen Stellen sichern, um die Überlieferung durch registraturgebundene Unterlagen anderer Provenienz oder Sammlungsgut von hoher Aussagekraft, z.B. Nachlässe, zu ergänzen. Zur Sicherung aussagekräftiger Unterlagen jenseits archivischer Zuständigkeiten sollten sich die Archive der unterschiedlichen Träger unter Beachtung ihrer Dokumentationsprofile auf eine arbeitsteilige Überlieferungsbildung im Verbund verständigen.»1

Und in einem Grundsatzpapier mit dem Titel «Die deutschen Archive in der Informationsgesellschaft – Standortbestimmung und Perspektiven», das 2003 eine Arbeitsgruppe für die Deutsche Forschungsgemeinschaft erstellt hat, findet sich die folgende PassageDas Papier wurde von Thekla Kluttig, Robert Kretzschmar, Karl-Ernst Lupprian, Wilfried Reininghaus, Udo Schäfer, Barbara Schneider-Kempf und Günther Wartenberg verfasst und ist publiziert in: Der Archivar 57 (2004) S. 28–36, Zitat S. 30.:

– «Einzubeziehen in Strategien archivübergreifender Bewertung sind auch Unterlagen aus privater Trägerschaft der vielfältigsten Art (vor allem auch aus der Wirtschaft, von Verbänden und Vereinen, von gesellschaftlichen Gruppierungen, aber auch Privatpersonen), die vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen («Entstaatlichung»; «neue Unübersichtlichkeit»; neue soziale Bewegungen) immer mehr an Bedeutung gewinnen. Sofern diese über keine eigenen archivischen Einrichtungen verfügen oder noch nicht von anderen Archiven betreut werden, sind die verschiedenen Archivsparten aufgefordert, für die Sicherung ihrer überlieferungswürdigen Unterlagen Sorge zu tragen. Eine solche Überlieferungsbildung im Verbund, bei der sich die bestehenden Archive auf eine arbeitsteilige Überlieferungsbildung verständigen, ist sicher ein Lösungsweg, der noch viel stärker ausgebaut werden muss.»

Das theoretische Konzept

Das theoretische Konzept einer Überlieferungsbildung im Verbund ist in den neunziger Jahren aus dem Unbehagen erwachsen, Unterlagen eines Archivträgers isoliert und nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Aussagekraft für die Aufgaben und Tätigkeiten ihres Produzenten zu bewertenRobert Kretzschmar: Historische Gesamtdokumentation? Überlieferungsbildung im Verbund? In: Christoph J. Drüppel/Volker Rödel (Hrsg.): Überlieferungssicherung in der pluralen Gesellschaft. Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg A 11. Stuttgart 1998. S. 53–69.. Vielmehr sollten dagegen – so das Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund – aus archivübergreifender Perspektive Überlieferungen verschiedener Träger, die miteinander in Beziehung stehen, im Zusammenhang betrachtet und bewertet werden. Im Rahmen systematischer Bewertungen einzelner Überlieferungsbereiche sollte bei korrespondierenden Unterlagen verschiedener Stellen die aussagekräftigste Überlieferung durch einen präzisen Vergleich bestimmt und gesichert werden. Dabei sollten auch Überlieferungen, die jenseits der anbietungspflichtigen Stellen entstehen, in den Blick genommen werden, um zu gewährleisten, dass sich in der Überlieferung insgesamt die pluralistische Gesellschaft so weit wie möglich spiegelt.

Angedacht wurden Konzepte, bei denen die etablierten Archive sich arbeitsteilig in die Sicherung von Überlieferungen teilen, die mit ihrem Dokumentationsprofil im Einklang stehenZum aktuellen Stand der Bewertungsdiskussion in der Bundesrepublik Deutschland vgl. Robert Kretzschmar: Handlungsebenen bei der archivischen Bewertung. Strategische Überlegungen zur Optimierung der Überlieferungsbildung. In: Archivalische Zeitschrift 88 (2006) S. 481–509, bes. S. 497–503..

Nach solchen Überlegungen sind z.B. die Unterlagen staatsnaher Verbände in staatlichen Archiven, lokaler Vereine in Stadt- und Gemeindearchiven, wirtschaftlicher Interessengruppen in Wirtschaftsarchiven und studentischer Gruppierungen in Universitätsarchiven zu sichern.

In der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg wurden entsprechende Konzepte in Verbindung mit dem Projekt zur vertikalen und horizontalen Bewertung entwickeltVgl. Robert Kretzschmar (Hrsg.): Methoden und Ergebnisse archivübergreifender Bewertung. 2002.. Sie liegen heute ganzheitlichen Ansätzen zur Überlieferungsbildung zugrunde, die vom neu formierten Landesarchiv Baden-Württemberg verfolgt werden. Greifbar sind sie auch in den ganzheitlichen Strategien zur Überlieferungsbildung des Landesarchivs Nordrhein-WestfalenMartina Wiech: Steuerung der Überlieferungsbildung mit Archivierungsmodellen. Ein archivfachliches Konzept des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen. In: Der Archivar 58 (2005) S. 94–100..

Unterstützt werden soll dabei auch so weit wie möglich die Eigenarchivierung. Die staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg verfolgt insgesamt keineswegs das Ziel, möglichst viele Bestände in die eigenen Magazine zu übernehmen. Vielmehr fördert sie Archivbildungen, wo immer Erfolg versprechende Ansatzpunkte dafür vorhanden sind. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Wirtschaft, durchaus aber auch z.B. für Archive der Neuen Sozialen Bewegungen.

Der deutsche Historikertag 2008 steht unter dem Rahmenthema «Ungleichheiten». Ungleichheiten entstehen auch bei der archivischen Überlieferungsbildung, von der die Erkenntnismöglichkeiten zukünftiger Geschichtsforschung präfiguriert werden. Das theoretische Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund kann und soll dazu beitragen, bei den Spuren, die aus einer Zeit erhalten werden, Ungleichheiten so weit wie möglich zu verhindern.

Und die praktische Umsetzung?

Soweit, so gut! Aber wie sieht es in der Praxis aus? Das Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund wurde in Zeiten entwickelt, die in der Bundesrepublik Deutschland angesichts leerer öffentlicher Kassen vom Sparen bestimmt waren, in denen viele Archive Sparauflagen zu erfüllen hatten. Bis 2011 muss das Landesarchiv Baden-Württemberg 20 Prozent seiner Stellen abbauen2. Breit angelegte Aktivitäten, so sinnvoll und notwendig sie für die systematische Umsetzung einer Überlieferungsbildung im Verbund auch wären, waren und sind in solchen Zeiten kaum möglich, zumal zeitgleich – gemessen an früheren Zeiten – zusätzliche Ressourcen in beträchtlichem Umfang für die Sicherung digitaler Unterlagen und umfassende Digitalisierungsprogramme benötigt werden3. Die Diskussion über das Engagement staatlicher Archive bei der Sicherung nichtstaatlicher Überlieferung war in Baden-Württemberg lange Zeit und besonders auch im Kontext der Verwaltungsreform zu Beginn dieses Jahrzehnts deshalb von der Frage bestimmt, ob ein solches Engagement überhaupt noch zu leisten ist, ob man sich nicht ganz auf die Überlieferungssicherung bei den anbietungspflichtigen Stellen konzentrieren soll.

Das Landesarchiv Baden-Württemberg hat sich entschieden, trotz aller Sparzwänge und aller sonstigen Herausforderungen im Rahmen seiner Möglichkeiten das Konzept einer Überlieferungsbildung im Verbund weiter zu verfolgen und dabei nach und nach Prioritäten zu setzen4. Zurückgegriffen werden soll dabei auf erste Ansätze zu einer systematischen Erfassung der Überlieferung jenseits der anbietungspflichtigen Stellen, die in den letzten Jahren erfolgt sind. So hat das Hauptstaatsarchiv Stuttgart vor einigen Jahren ein Projekt durchgeführt, in dem es sich einen Überblick darüber verschafft hat, welche Unterlagen bei Vereinen und Verbänden von landesweiter Relevanz vorhanden sind und wie sie archivisch betreut werden. Auf der Agenda des Landesarchivs steht, sich bis Ende 2008 entsprechende Informationen über die bei den Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts verwahrten Bestände zu besorgen, die dann systematisch kurrent gehalten werden sollen.

Bei der Erarbeitung von Bewertungsdokumentationen im Rahmen der vertikalen und horizontalen Bewertung und der Entwicklung von Archivierungsmodellen werden grundsätzlich Unterlagen nicht staatlicher Provenienz mit in den Blick genommen. Dabei werden auch immer wieder Aktivitäten zur Sicherung einzelner Überlieferungen entfaltet. 

Die Überlieferungsbildung im Verbund stellt somit derzeit im Landesarchiv Baden-Württemberg eine Arbeitsgrundlage dar. Sie wird auch im Einzelfall als Methode praktiziert. Und es gibt vorbereitende Ansätze zu einer systematischen Umsetzung. In den kommenden Jahren wird es freilich kaum möglich sein, einen Aktionsplan mit hochgesteckten Zielen zu erstellen und abzuarbeiten. Dies würde im Übrigen auch Verständigungen und Absprachen mit anderen Archiven erfordern. Zwar hat das Landesarchiv immer wieder Gespräche mit anderen Archiven – so unter anderem mit dem Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg in Hohenheim – über eine mögliche Verteilung der «Zuständigkeiten» geführt, über erste Ansätze zu Absprachen sind diese jedoch noch nicht gelangt. Es ist beabsichtigt, diese Gespräche wieder zu intensivieren.

Ein Beispiel: Der Sport

Ein Musterbeispiel, wie das Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund in der Praxis umgesetzt werden kann, zeichnet sich aktuell für den Sport ab. Im Oktober 2007 wird sich eine Tagung in Maulbronn damit näher befassen5. Richtungweisend dürfte daran zunächst die Verständigung darauf sein, dass für die Unterlagen lokaler Sportvereine eine Archivierung in den jeweils örtlich «zuständigen» Kommunalarchiven anzustreben ist, während für die Unterlagen der landesweit agierenden Verbände die staatliche Archivverwaltung sich berufen fühlen sollte. In gleicher Weise dürfte aber auch richtungweisend sein, dass einzelne Archive als Kristallisationspunkte und beratende Kompetenzzentren für die Archivierung des Sports dienen. So hat sich das Stadtarchiv Maulbronn seit Jahren in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg e.V. auf diesem Feld engagiert, herausragende Bestände von überörtlicher Bedeutung verzeichnet und zudem eine Anleitung und ein Musterfindbuch für die Erschliessung lokaler Vereinsbestände erarbeitet. Finanziert wurden diese Massnahmen von der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg, die derzeit auch ein Projekt des Stadtarchivs Karlsruhe zur Sicherung und Erschliessung einschlägiger Bestände zur Geschichte des Sports im Raum Karlsruhe fördert.

Das Vorgehen – idealtypisch

In ähnlicher Weise könnten und sollten auch andere Bereiche nach und nach angegangen werden. Das Vorgehen würde idealtypisch wie folgt aussehen:

1. Ein Überlieferungsbereich wird fachlich als bewahrenswert für die gegenwärtige und zukünftige Forschung und Erinnerungskultur identifiziert.

2. Archive, die von ihrem Dokumentationsprofil her als zuständig im weitesten Sinne betrachtet werden können, verständigen sich auf ein Szenario, nach dem Unterlagen gesichert und zugänglich gemacht werden. Dabei vernetzen sie sich mit einer klaren Rollenverteilung.

3. Gefördert werden soll dabei durchaus auch die Eigenarchivierung bei den Stellen, bei denen die Unterlagen entstanden sind.

4. Dass dies ohnehin alles nur in enger Abstimmung mit den Eignern der betroffenen Unterlagen erfolgen kann, versteht sich von selbst. Ihre Sensibilisierung für den dauerhaften Erhalt ihrer Unterlagen muss alle Aktivitäten begleiten.

5. In gleicher Weise empfiehlt sich aber auch eine Sensibilisierung betroffener Zielgruppen und der breiteren Öffentlichkeit, von der positive Rückwirkungen zu erwarten sind.

6. Sofern möglich werden Arbeitspakete auf der Grundlage einer Drittmittel-Finanzierung durchgeführt.

War die Praxis der Überlieferungsbildung bis weit in die achtziger Jahre hinein noch eher passiv von abwartenden und retrospektiven Haltungen geprägt, so hat sich seit den neunziger Jahren in zunehmender Weise ein aktives Vorgehen auf der Grundlage prospektiver Bewertung durchgesetzt. Die Archive gehen heute in der Bundesrepublik auf ihre anbietungspflichtigen Stellen zu. 

Diese Vorgehensweise muss auch bei der Sicherung von Überlieferungen jenseits der anbietungspflichtigen Stellen nach dem Konzept einer Überlieferungsbildung im Konzept zum Regelfall werden, wenn bestimmte Überlieferungsbereiche systematisch bearbeitet werden.

Netzwerke und Vernetzungen

In welchem institutionellen Rahmen könnte sich ein solches Szenario bewegen?

Wenn Archive Verbünde bei der Überlieferungssicherung bilden wollen, müssen sie sich vernetzen. Insofern bieten sich die bereits bestehenden Netzwerke in der Archivlandschaft der Bundesrepublik Deutschland als Ausgangspunkte an.

Zu denken ist dabei zunächst einmal an die Konferenz der Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder (ARK), in der sich das Bundesarchiv und die Landesarchive beraten und abstimmen, sowie an die Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag (BKK), die für Abstimmungsprozesse unter den kommunalen Archiven eingerichtet wurde. ARK und BKK haben auch einen gemeinsamen Ausschuss. Überregionale Programme mit dem Ziel einer Überlieferungsbildung im Verbund, für die auch eine Drittmittelförderung beantragt werden könnte, liessen sich über die ARK und BKK entwickeln. Überregionale Vorhaben können dabei auch vom Verband deutscher Archivarinnen und Archive mit unterstützt und von dessen Arbeitskreis Archivische Bewertung begleitet werden.

Besonders geeignet für eine Überlieferungsbildung im Verbund dürfte aber vor allem die regionale Ebene sein, denn gerade in den einzelnen Archivlandschaften sind Berührungspunkte zwischen verschiedenen Überlieferungen besonders eng. Hier können gezielte Vernetzungen für bestimmte Überlieferungsbereiche erfolgen.

Das Projekt der vertikalen und horizontalen Bewertung wurde in Baden- Württemberg von der staatlichen Archivverwaltung zusammen mit den Arbeitsgemeinschaften der Kommunalarchive im Städte- und Landkreistag Baden-Württemberg durchgeführt. Der Rahmen der Beteiligten liesse sich – natürlich stets bezogen auf bestimmte Überlieferungsbereiche – erfolgreich erweitern.

Die Arbeitsformen und der Grad der Verbindlichkeit, mit der einzelnen Archiven Funktionen zur Überlieferungssicherung zugewiesen werden, können dabei variieren. Die Bandbreite reicht von lockeren Verbünden, die sich auf der Grundlage ihrer Zuständigkeiten im anbietungspflichtigen Bereich oder ausformulierter Dokumentationsprofile6auf bestimmte Zielsetzungen eher allgemeiner Art verständigen, bis hin zu festen Absprachen und der Bildung von Konsortien, wie sie soeben zur Betreibung eines gemeinsamen Portals für Archive, Bibliotheken und Museen erfolgt ist78.

Die rechtlichen Implikationen hat vor kurzem Martin Schlemmer analysiert9, während Johannes Grützmacher die Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung untersucht hat10.

Kolloquien und Tagungen

In der gegenwärtigen Phase erscheint es sinnvoll, zunächst einmal einzelne Überlieferungsbereiche näher auszuleuchten. Hier bieten sich auch Möglichkeiten zu einem Dialog mit der Forschung und betroffenen Nutzerkreisen, der nur nützlich sein kann. Als erste Anfänge in dieser Richtung sind die eingangs erwähnten Kolloquien zur Überlieferung zu «1968» und zu den Anti-Atomkraft-Bewegungen der siebziger Jahre zu sehen sowie einzelne Sektionen auf dem Deutschen Archivtag 2007 in Mannheim, die sich – aus der Perspektive der Erinnerungskultur – mit der Quellensicherung von Unterlagen zur Migration und zu den neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik befassen sowie das für Oktober 2007 vorgesehene Kolloquium in Maulbronn zur Überlieferungsbildung zur Geschichte des Sports. Die eher theoretische Fachdiskussion wird begleitend weiterhin in den Fachgremien zu führen sein, die sich in der Bundesrepublik zur archivischen Bewertung gebildet haben, also vor allem im Arbeitskreis Archivische Bewertung im VdA und im Unterausschuss Überlieferungsbildung der BKK.

Kampagnen

Wenn durch solche Tagungen mehr Transparenz zum Stand der Überlieferungssicherung in einzelnen Überlieferungsbereichen erreicht werden würde, wäre schon ein wesentlicher Fortschritt erzielt. Inwieweit dann Netzwerke gebildet und von den vernetzten Archiven Programme, ja geradezu öffentliche Kampagnen für bestimmte Bereiche initiiert werden sollen, wäre Gegenstand der Verständigung zwischen den betroffenen Archiven bzw. Archivträgern. Strategisch bietet sich für das Archivwesen insgesamt damit jedenfalls die Möglichkeit, über solche Kampagnen die Öffentlichkeit gezielt für das Arbeitsfeld «Überlieferungsbildung» und die damit verbundenen archivischen Produkte zu sensibilisieren. Der Erhalt wichtiger – und gefährdeter – Quellen ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit wirken kann.

«Werden Sie kampagnenfähig!», hat Oliver Scheytt aus der Sicht der Politik den Archivarinnen und Archivaren auf dem 76. Deutschen Archivtag in Essen zugerufen11. Dies sollte nicht als fachfremde Empfehlung abgetan werden, hier liegt in der Tat ein hohes Potential für die Archive, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu verstärken. Über Kampagnen, die eine Überlieferungsbildung im Verbund begleiten, sollte ernsthaft nachgedacht werden, gerade auch unter dem Gesichtspunkt der Finanzierung und der Zielsetzung, Förderung und Unterstützung zu gewinnen. Überlieferungsbereiche, die auf allgemeines Interesse stossen dürften, gibt es zur Genüge.

Eine neue archivarische Grundhaltung?

Bei einer Überlieferungsbildung im Verbund verändert sich die Rolle des Archivars. Er erfasst, bewertet und sichert dann nicht mehr nur noch mit dem Ziel der Übernahme in sein eigenes Archiv, sondern ist Partner im Kreis verbundener Institutionen, die gemeinsam Überlieferung bilden12.

Durch vielfältige Umsetzungen des Konzepts der Überlieferungsbildung im Verbund können sogar – dies hat Johannes Grützmacher überzeugend dargestellt – neue archivarische Grundhaltungen entstehen. «Es handelt sich nicht nur um eine Überlieferungsmethode, sondern muss auch zur archivarischen Haltung werden. Was heisst das? Das fordert eine Weitung des Blicks – zunächst vom behördlichen Kontext auch auf inhaltliche Fragen, dann vom eigenen Archiv bzw. Archivsprengel auf dessen Einbettung in eine vielfältige Überlieferungslandschaft.»13

Dieser Perspektivwechsel kann – so Grützmacher – aber noch weiter führen: «Historiker-Archivare können hier zu neuen Ehren kommen – nicht mehr so sehr als Wissenschaftler, welche die in ihrem Archiv aufbewahrten Quellen selbst auswerten, sondern als Historiker, die es gelernt haben, sich in gesellschaftliche Kontexte einzuarbeiten. Die eigentliche historische Arbeit besteht darin, historische und gesellschaftliche Prozesse zu verfolgen, institutionellen Netzwerken nachzuspüren und Überlieferungslandschaften zu vermessen.»14 Hier sieht Grützmacher auch einen unmittelbaren Zusammenhang zum Selbstverständnis des Landesarchivs Baden-Württemberg, das sich als landeskundliches Kompetenzzentrum versteht: «Wenn sich Archive in Zukunft als landeskundliche Kompetenzzentren verstehen wollen, müssen sich Archivare kundig machen, wo überall landeskundliche Information entsteht. Sie müssen das nicht alles selbst überliefern oder aufbereiten, aber sie sollten wissen, wer das tut und wie.»

Eine archivarische Grundhaltung für die Überlieferungsbildung, aus der heraus Überlieferungslandschaften vermessen und von vernetzten Archiven Kampagnen zur Überlieferungssicherung durchgeführt werden, verspricht eine weitere Optimierung archivischer Überlieferungsbildung. Je breiter dies in den kommenden Jahren umgesetzt wird, desto qualitätvoller werden die archivalischen Spuren unserer Zeit insgesamt sein, desto differenzierter und vielfältiger wird man später einmal Bilder daraus konstruieren können.

Vom lokalen bis zum internationalen Rahmen

Dass man mittlerweile sogar auf der internationalen Ebene Überlieferungssicherung und -erschliessung als archivübergreifende – und damit geteilte –Aufgabesieht, belegt die 39. Internationale Konferenz des Runden Tisches der Archive (CITRA) vom November 2006 in Curaçao zum Thema «Sharing Memory through Globalisation». Als Resolution wurde unter anderem verabschiedet15:

Resolution on private archives

Noting that private archives and public archives are essential elements in the memory of a society in its totality, and that these archives should therefore be preserved, Considering that archivists have a role to develop and pursue strategies which actively support the creation, capture and preservation of records of private persons and organizations with the aim of building a balanced and comprehensive memory of a whole society.

Ask ICA to promote general awareness about the importance and value of these total archives. 

Die Strategie und archivarische Grundhaltung einer Überlieferungsbildung im Verbund stellt ein Konzept dar, das mit der pluralen Gesellschaft bestens im Einklang steht und dazu dienen kann, die hier – aus internationaler Perspektive – beschriebenen Ziele zu erreichen.

Es liesse sich schalenförmig umsetzen, denn es kann auf Archivlandschaften im lokalen, regionalen und nationalen Rahmen bezogen werden, ja selbst in internationalen Bezügen Anwendung finden, bei denen Grenzen überschritten werden. Die in Curaçao geführten Diskussionen über die Sicherung von Unterlagen zu Sklaverei mögen als Beispiel dafür dienen. Und, um auf das eingangs berührte Themenfeld zurück zu kommen, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen, die mit dem Jahr «1968» in Verbindung gebracht werden, waren – so unterschiedlich die nationalen Ausprägungen auch waren – globaler Natur, was gerade auch die jüngste Forschung dazu in den Blick genommen hat16.

Das Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund kann vor allem auch dazu beitragen, die Perspektiven der Archivarinnen und Archivare in ihrer täglichen Arbeit zu erweitern und die Überlieferungsbildung im eigenen Haus in weiteren Zusammenhängen zu sehen. 

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Robert Kretzschmar

Historiker und Archivar Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg Vorsitzender des VdA (Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.) Honorarprofessor an der Universität Tübingen Stuttgart

  • 1 Ebenda (Punkt 9 der Positionen).
  • 2 Robert Kretzschmar: Auf einer Stufe zukunftsfähig? Die staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg in der Verwaltungsreform. In: Der Archivar 59 (2006) S. 6–12.
  • 3 Das Landesarchiv hat eine umfassende Digitalisierungsstrategie erarbeitet, die sowohl elektronische Unterlagen der Verwaltung als auch die vom Landesarchiv erstellten Digitalisate betrifft. Das Papier wird in Heft 1/2008 der Fachzeitschrift Der Archivar und auf der Homepage des Landesarchivs veröffentlicht werden.
  • 4 So das Meinungsbild der 9. Abteilungsleiterbesprechung vom 6. Mai 2007.
  • 5 2. Symposium der Deutschen Arbeitsgemeinschaft von Sportmuseen, Sportarchiven und Sportsammlungen e.V. in Kooperation mit dem Institut für Sportgeschichte Baden-Württemberg e.V. am 5. und 6. Oktober 2007 in Maulbronn zum Thema «Sicherung und Erschliessung von Kulturgut des Sports».
  • 6 Vgl. dazu Joseph Zwicker: Zum Stand der Bewertungsdiskussion in der Schweiz nebst Bemerkungen zu den Aussengrenzen der Überlieferungsbildung. In: Frank M. Bischoff/ Robert Kretzschmar (Hrsg.): Neue Perspektiven archivischer Bewertung. Veröffentlichungen der Archivschule Marburg 42. Marburg 2005. S. 101–118, hier S. 111–116; Peter K. Weber: Das Dokumentationsprofil als Steuerungsinstrument archivischer Überlieferungsbildung. Ein Beitrag aus kommunaler Perspektive. In: Archive in Thüringen. Sonderheft 2005. S. 7-12; Kretzschmar, Handlungsebenen, wie Anm. 8, S. 494 ff.
  • 7 URL:
  • 8 http://www.bam-portal.de.
  • 9 Martin Schlemmer: Rechtliche Aspekte einer 
«Überlieferungsbildung im Verbund». Transferarbeit an der Archivschule Marburg. 2007. Ungedruckt. Schlemmer hat die Arbeit als Archivreferendar des Landesarchivs Baden-Württemberg erstellt. Sie ist auf der Homepage des Landesarchivs Baden- Württemberg zugänglich.
  • 10 Johannes Grützmacher. Überlieferungsbildung im Verbund? Staatliche und nichtstaatliche Überlieferung zu Flüchtlingen und Vertriebenen. Transferarbeit an der Archivschule Marburg. 2007. Ungedruckt. Grützmacher hat die Arbeit als Archivreferendar des Landesarchivs Baden-Württemberg erstellt. Sie ist auf der Homepage des Landesarchivs Baden-Württemberg zugänglich.
  • 11 Oliver Scheytt: Erwartungen der Politik an die Archive. In: Archive und Öffentlichkeit. 76. Deutscher Archivtag 2006 in Essen. Redaktion: Heiner Schmitt. Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 11. [Fulda] 2007, S. 25–31, hier S. 27 f.
  • 12 Kretzschmar, wie Anm. 7, S. 67 f.
  • 13 Gützmacher, wie Anm. 18, S. 30.
  • 14 Ebenda.
  • 15 Tagungsbericht mit den Resolutionen im Anhang von Andreas Röpcke: Kein Fluch der Karibik, zum Glück. Bericht über die
39. Internationale Konferenz des Runden Tisches der Archive (CITRA) sowie die Jahresmitgliederversammlung des Internationalen Archivrats (ICA) in Curaçao/Niederländische Antillen. In: Der Archivar 60 (2007) S. 160–163, Zitat S. 163.
  • 16 Vgl. z.B. Thomas Etzemüller: 1968 – Ein Riss in der Geschichte? Gesellschaftlicher Umbruch und 68er-Bewegungen in Westdeutschland und Schweden. Konstanz 2005 sowie Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.): Between Marx and Coca-Cola. Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980. New York, Oxford 2006, S. 239-257.

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Résumé

Das Konzept der Überlieferungsbildung im Verbund zielt auf Verfahren, bei denen Archive unterschiedlicher Träger zusammen wirken, um eine Gesamtüberlieferung zu schaffen, die man als multiperspektivisch oder auch – um einen Begriff zu verwenden, der auf dem Historikertag 2006 in Konstanz gebraucht wurde – als «komprimierten Pluralismus» bezeichnen könnte. Nahmen die Archive früher einzelne Überlieferungen in den Blick, um sie isoliert zu bewerten, so werden heute Vorgehensweisen angedacht, bei denen zu bestimmten Themenfeldern einschlägige Überlieferungen in ihren komplexen Zusammenhängen betrachtet werden. Für die Archivare bedeutet dies, dass sie in der Praxis der Überlieferungsbildung zwei unterschiedliche Zugänge in Einklang bringen müssen. Wie bisher wird vorrangig die Überlieferung selbst der Ausgangspunkt der archivischen Bewertung sein. Unterlagen werden von den Registraturen angeboten und im Entstehungszusammenhang bewertet. Wenn ein Archivierungsmodell oder Bewer- tungskataloge vorliegen, umso besser, wenn nicht, besteht Anlass, ausgehend von der Provenienz Modelle und Kataloge zu entwickeln. Daneben sollte jedoch zunehmend ein Vorgehen treten, bei dem bestimmten Themenfelder gezielt aufgearbeitet werden und die dazugehörige Überlieferung aus archivübergreifender Perspektive überprüft wird. Was ist bereits wo gesichert? Was muss wo noch bewertet werden? Wo bestehen schmerzliche Lücken, weil die Überlieferung bisher noch gar nicht in den Blick geraten ist? Diese zweite Herangehensweise kann also vor allem die Funktion eines Korrektivs zum provenienzbasierten Zugang und der Evaluation erfüllen. Sie steht nicht im Gegensatz zur provenienzbasierten Bewertung, sondern dient der Kontrolle ihrer Ergebnisse. Dadurch ist diese zweite Herangehensweise auch besonders geeignet für einen Dialog mit der Forschung und bestimmten Nutzergruppen archivischer Bestände. Wenn die Tragfähigkeit und praktische Umsetzbarkeit des Konzepts «Überlieferungsbildung im Verbund» selbst weiterhin an ausgewählten Beispielen zu überprüfen bleibt, könnten und sollten daran die Kunden der Archive in diesem Sinne beteiligt werden.