Commentaires Résumé
2007/3 Überlieferungsbildung – Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung für Transparenz

Archive – Bibliotheken – Museen: Vernetzte Gedächtnisse mit Zukunft?

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Alle drei Institutionen sammeln, bewahren, erforschen und vermitteln Kulturgut. Wie gut ist ihre Vernetzung im Zeitalter des World Wide Web? Und wo hat das Gedächtnis Lücken?

Neue Anforderungen der Überlieferungsbildung für Archive, Museen und Bibliotheken

Der VSA-AAS hat Ende 2006 eine Denkgruppe Überlieferungsbildung einberufen. Die Gruppe soll den Vorstand bei der Definition einer umfassenden Strategie zur Sicherung und Koordination einer staatlichen und nicht-staatlichen Überlieferungsbildung beraten. Die Dokumentation staatlichen Handelns – zur Rechtssicherung und zur demokratischen Rechenschaftsablegung ist und bleibt die erste Aufgabe der Archive von Gemeinwesen. Aber der Staat ist nicht alleiniger Gestalter der gesellschaftlichen Entwicklung: wirtschaftliche Unternehmungen, Kirchen, Vereine, Verbände sowie Bewegungen tragen mit ihren Aktivitäten zum Wandel der Gesellschaft bei.

Verstehen wir Überlieferungsbildung als eine Dokumentation der prägenden Einflüsse jeden Zeitalters, gilt es zu fragen, wie die nicht-staatliche Überlieferung gesichert und verwahrt werden soll. Dies insbesondere in einer Zeit, in der Meldungen über Firmenschliessungen, -verkäufe ins Ausland und Fusionen von traditionsreichen Firmen alltäglich geworden sind.

Die Denkgruppe soll Standpunkte und Lösungsansätze zum Thema «Archive und Memopolitik» mit Beiträgen in arbido und einer Fachtagung zur Dis- kussion stellen. Ein Lösungsansatz stellt die Zusammenarbeit von Archiven mit Museen und anderen I+D-Institutionen darDas Mandat dieser Denkgruppe findet sich im Jahresbericht 2005, 25 (unter http://www.vsa-aas.org/uploads...)..

Der folgende Beitrag thematisiert die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Staatsarchiv, Kantonsbibliothek und Museum Aargau. Ausgehend von Erfahrungen im Kanton Aargau soll nach neuen Formen der Zusammenarbeit gefragt werden.

Staatsarchiv und Kantonsbibliothek

Mit der Kantonsgründung 1803 erhielt ein Registrator die Aufgabe, das Archiv des Regierungsrates und des Grossen Rates zu führen. Im Gründungsjahr erwarb der Kanton auch die Zurlaubenbibliothek, eine der grössten noch erhaltenen schweizerischen Familienbibliotheken des 18. Jh. und machte sie zum Grundstein der Aargauischen Kantonsbibliothek.

Erst nach wiederholten Umzügen innerhalb von Regierungs- und Grossratsgebäude und erneuter Platznot gelang es 1953, das Projekt eines Neubaukomplexes für Kunsthaus, Kantonsbibliothek und Staatsarchiv in Angriff zu nehmen, der 1959 bezogen wurdePiroska Máthé, Vom Pergament zum Chip. Kulturgüter im Staatsarchiv Aargau, Aarau 2003, S. 13–14.. 1998 wurde das Staatsarchiv in das neue Verwaltungsgebäude des Baudepartements ausquartiert, nachdem dort Kulturgüterräume für die Magazine der inzwischen auf 8 Laufkilometer angewachsenen Archivbestände bereitgestellt worden waren. Der Bücherturm der Kantonsbibliothek war aufgestockt worden und das Aargauische Kunsthaus konnte 2003 mit einem Erweiterungsbau endlich wieder Stücke seiner Sammlung zeigen.

Die Leitung des Staatsarchivs und der Kantonsbibliothek verlief phasenweise getrennt und in Personalunion. Seit 1967 sind die beiden Institutionen organisatorisch getrennt und gehörten der Staatskanzlei und dem Erziehungsdepartement an. Während die Aargauische Kantonsbibliothek eine Sektion der Abteilung Kultur im heute benannten Departement Bildung, Kultur und Sport ist, wurde das Staatsarchiv 2005 als unselbständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Abteilung Kultur zugewiesen.

Das Aargauische Gesamtmuseum 1895

Ein Meilenstein in der Geschichte der Bewahrung von kulturellem Erbe stellte das Aargauische Gesamtmuseum dar, das Ende 19. Jahrhundert innerhalb weniger Jahre realisiert worden war. Einzig das naturhistorische Museum, das im ehemaligen Casino untergebracht war, hatte bis dahin seinen Beständen einen würdigen Rahmen zu bieten vermocht. Alle anderen Sammlungen waren behelfsmässig untergebracht. Die Initiatoren der Mittelschweizerisch Geographisch-Commerciellen Gesellschaft, welche eben mit grossem Erfolg ein ethnologisches Museum gestartet hatten, luden zu einem Treffen ein. Hermann Brunnhofer, dem damaligen Kantonsbibliothekar und Präsidenten der Mittelschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft, war klar, dass für dieses Problem der Kanton einzubeziehen sei. Da er die Schaffung von je einzelnen Spezialmuseen als unrealistisch beurteilte, schlug er ein «Gesamtmuseum» vor, das die verstreuten Sammlungen aufnehmen sollte. Da alle seit der Kantonsgründung aufgebauten Sammlungen unter ungenügenden räumlichen Verhältnissen litten, gelangten die Träger dieser Sammlungen (Kunstverein, Historische Gesellschaft des Kantons Aargau, Handwerker- und Gewerbeverein, Kaufmännische Gesellschaft sowie die Mittelschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft) 1887 mit einer gemeinsamen Eingabe an den Regierungsrat, ein solches Gesamtmuseum zu planen. Der Regierungsrat nahm die Idee auf und schlug dem Grossen Rat die Schaffung eines Aargauischen Gewerbemuseums vor, welches bereits 1895 in der Nähe des Bahnhofs in Aarau eröffnet wurdeHg. Schürpf Markus, Fernschau.Global, Ein Fotomuseum erklärt die Welt (1885–1905), Baden 2006, S. 15..

Das Gewerbemuseum, als Bildungsanstalt und Museum konzipiert, enthielt folgende Schulen: Die Handwerkerschule für Lehrlinge der Industrie und des Gewerbes, die Frauenarbeitsschule, eine Malschule für Dekorationsmalen und die Fachschule für Holz- und Bautechnik. In den Museums- und Sammlungsräumen befanden sich die gewerbliche Bibliothek mit Muster- und Modellsammlung, die Aargauische Kunstsammlung, das Aargauische Antiquarium und die ethnologische Sammlung.

Neue Häuser und Professionalisierung

Die Bildungs- und Museumsanstalt durchlebte in der Folge unterschiedliche Entwicklungsstadien. Das Gebäude erwies sich schon bald als zu klein für alle ihm zugedachten Aufgaben. Nach der Verlagerung der Haupttätigkeit des Gewerbemuseums in den Schulbereich und zur Lehrlingsausbildung wurden die Trägerschaft und die Eigentumsverhältnisse zwischen Stadt und Kanton 1958 entflochten und neu geregelt: die Stadt übernahm die Gewerbeschule und errichtete dazu einen Neubau, die Bauschule und die Frauenarbeitsschulen verblieben in den Räumlichkeiten des Gewerbemuseums als Kantonale Schule für Berufsbildung. Die Kantonsschule wurde fortan ganz vom Kanton getragen.

Die oben beschriebene Aufgabenentflechtung und die Errichtung von weiteren kantonalen Institutionen führten ab 1958 zu einer Ausquartierung der im Kantonalen Gewerbemuseum beherbergten Sammlungen. Die Archäologischen Bestände kamen ins 1912 erbaute Vindonissa-Museum Brugg. Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Sammlungsgegenstände kamen ins neue kantonale Museum auf Schloss Lenzburg, das 1956 vom Kanton erworben worden war. Die Kunstsammlung kam in den 1959 eröffneten Gebäudekomplex mit Kantonsbibliothek, Staatsarchiv und Kunsthaus. Die Münzsammlung kam erst ins Staatsarchiv und wurde 1983 ins Vindonissa-Museum und das Kantonale Museum transferiert. Die Gewerbebibliothek wurde in die Kantonsbibliothek integriert, die Muster- und Modellsammlung und das Fotomuseum wurden auf dem Estrich des Regierungsgebäudes zwischengelagert. Die Naturkundliche Sammlung, die gar nie ins Gewerbemuseum gelangt war, verblieb erst im Casinogebäude und wurde ab 1922 im neu gegründeten Natur- und Heimatmuseum neben dem Gewerbemuseum gezeigt. 2002 wurde dort das um einen Neubau erweiterte Naturama eröffnetVgl. Hg. Schweizerische Bauschule Aarau, Aargauisches Gewerbemuseum 1895–1995, Eine Idee und was daraus geworden ist, Schöftland 1995. Aargauer Museen, Hg. Aargau Tourismus, Brugg Effngerhof 2003..

Fassen wir zusammen: Aus privater Initiative von Berufsleuten und Amateuren entstanden, suchten die erfolgreich wachsenden Sammlungen von Kulturgütern immer mehr Raum. Mit den neuen Häusern wurde oft ein neues Sammlungskonzept entworfen und die Trägerschaft musste erweitert werden. Ausser bei Staatsarchiv und Kantonsbibliothek, welche immer Teil der kantonalen Verwaltung gewesen waren, verstärkte sich das Engagement des Kantons bei den anderen Kulturinstitutionen immer mehr. Mit der laufenden Revision des Kulturgesetzes soll noch ein Schritt weiter getan werden, in dem eine gesetzliche Grundlage zur Unterstützung von nichtkantonalen Kultureinrichtungen von kantonaler Bedeutung geschaffen werden sollVgl. Zusammenfassung im Entwurf Normkonzept zur Revision Kulturgesetz vom 5. Juli 2007..

In den neuen Häusern der Kulturinstitutionen fand eine Professionalisierung aller Tätigkeiten statt. Diese Entwicklung der Differenzierung und Professionalisierung stellt unbestreitbar einen grossen Gewinn für die Sammlung, Erhaltung, Erforschung und die Vermittlung des kulturellen Erbes dar. Andererseits hat die Differenzierung auch Abgrenzungen der Häuser und der in ihrer Profession geübten Berufsleute zur Folge, die es für den Weg in die Zukunft zu überwinden gilt.

Gemeinsamkeiten und Unterscheidungen von Bibliothek, Archiv und Museum

Alle drei Institutionen bewahren wachsende Sammlungen und tragen deshalb auch immer die vorhergehenden Sammlungskonzepte in sich. Im Zeitpunkt der Entflechtung wurden Entscheide getroffen, die aus heutiger Sicht nicht immer überzeugen. Aber es ist eine ständige Aufgabe, das Sammlungskonzept zu überprüfen und entsprechende Entwicklungsschwerpunkte und Prioritäten zu setzen, im Wissen um die Geschichte der Institution und aufgrund der Analyse der Umfeldentwicklung und der Zukunftsperspektiven. 

Die Kernaufgaben der Institutionen sind klar unterscheidbar:

Die Kantonsbibliothek sammelt, archiviert Publikationen und audiovisuelle Medien von aargauischen Autorinnen, Autoren und Verlagen sowie Publikationen über aargauische Themen und stellt diese dem Publikum zur Benutzung zur Verfügung.

Das Staatsarchiv stellt als zentrales Archiv die dauerhafte Dokumentation der Entwicklung des Kantons sicher, in dem es die nicht mehr verwendeten Unterlagen der kantonalen Behörden und Verwaltungsstellen übernimmt, erschliesst und sie nach Ablauf der Schutzfristen für die Bedürfnisse des Staates, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Museum Aargau sammelt gemäss einem Sammlungskonzept Objekte, die eine Ergänzung zum bestehenden Sammlungsgut bilden oder für die Geschichte des Kantons Aargau bedeutsam sind. Es bewahrt die Objekte, die nicht in den Ausstellungsräumen gezeigt werden, im Depot und erforscht die Objekte, um sie zu dokumentieren. Neben den historischen Sammlungen unterhält das Museum Aargau die beiden Schlösser Lenzburg und Hallwyl mit Dauer- und Sonderausstellungenwww.ag.ch/museumaargau/de/pub/historische_sammlung/hinter_den_kulissen, 6.8.2007..

Alle drei Institutionen bilden eine wachsende Sammlung, bewahren sie, erforschen sie und machen sie auf unterschiedliche Weise zugänglich über Ausleihe, Akteneinsicht und Ausstellungen.

Wenn auch die Kernaufgaben klar sind (scheinen), dann wird doch die konkrete Abgrenzung oft unterschiedlich vorgenommen. So hat das Staatsarchiv auch eine Bibliothek und übernimmt mit den Archiven von privater Herkunft auch Material aus nicht-staatlicher Provenienz. Das Archiv führt eine Grafik-, Siegel-, Foto- und Wappensammlung.

Die Kantonsbibliothek beherbergt die literarischen Nachlässe und erschliesst mit den Handschriften der Zurlaubiana, einem Teil der Zurlaubenbibliothek, eigentlich ein Archiv.

Das Museum Aargau hat auch eine Bibliothek und erhält mit den materiellen Zeugnissen Dokumentationen, die sich zu Archiven auswachsen können.

Ganz im Sinne der Werbung der verschiedenen Träger des öffentlichen Verkehrs – «Ich bin auch ein Tram, sagt das Schiff» – könnte das Museum behaupten: «Ich bin auch eine Bibliothek und ein Archiv». Bei den lokalen Museen trifft dies oft zu, wo die drei Bereiche unter einem Dach aufbewahrt und vom gleichen Personal betreut werden.

Die Gemeinsamkeiten insbesondere von Museum und Archiv bilden ein Potential für die Zusammenarbeit. So meint Wolfgang Weber, welcher den Vorarlberger Archivtag unter das Thema: «Archive und Museen, Annäherung an zwei Kulturproduzenten» stellte, dass eine Verknüpfung von Archiv- und Museumsarbeit aus ökonomischer Perspektive Sinn mache, weil dadurch Synergien gebündelt werden, und sie mache diskursiv Sinn, denn beide, Archiv und Museum, seien Teile des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft. «Sie verwahren die Bausteine, aus denen eine Gemeinschaft in einem ständig wechselnden Prozess Identität bildet. Archive und Museen stiften nicht nur Erinnerung, sie verwahren auch Erinnerung.»1 Zum Austausch und zur Annäherung der Tätigkeit verweist er auf die Systematisierung der Erinnerungsbausteine in beiden Institutionen: «Zur Systematisierung dieser Erinnerung bedienen sich Museen jener Instrumente, die Generationen von Archivaren seit Einführung der Schriftlichkeit vor vielen Jahrhunderten bei der Sicherung und Bewahrung von zentralen Dokumenten für die Rechtssicherheit einer Gesellschaft entwickelten: Sie erfassen und erschliessen ihre Realien und archivieren sie für eine zukünftige Verwendung z.B. im Rahmen von Ausstellungen, aus denen regionale und nationale Identitäten gewonnen werden. So verfügt jedes Museum über sein eigenes Archiv – und Archive produzieren immanente Museen, indem sie ihre Realien, nämlich die in Ausübung menschlicher Tätigkeit erzeugten schriftlichen Überlieferungen, diesen gleich dahingehend musealisieren, dass sie sie für eine zukünftige Nutzung erschliessen, verwahren und verwalten.»


Die Gemeinsamkeit und Verbindung von Archiven und Museen findet ihren Niederschlag auch im Selbstverständnis der beiden internationalen Dachorganisationen dieser zwei Kulturproduzenten. Der International Council on Archives (ICA) wie auch der International Council of Museums (ICOM) verstehen Archive bzw. Museen als öffentliche Einrichtungen, an denen bewahrt und erforscht und Identität für die jeweilige Gesellschaften erzeugt wird.

Erste Schritte der Zusammenarbeit

Das Museum Aargau lud 1999 mit dem Historischen Museum Baden Interessierte zu einer Open-Space-Tagung ein, um über das Sammlungskonzept für die Geschichte des 20. Jahrhunderts gemeinsam nachzudenken und Lösungen zu entwickeln. Das Museum Aargau arbeitete zu dieser Zeit an einem Sammlungskonzept für das 20. Jahrhundert und fand, dass ein Alleingang keine Lösung bringen würde, wie der Einladungstext zeigt: «Aus dem 20. Jahrhundert ergiesst sich eine Objektflut über die Museumsdepots, der nur mit gezielten Konzepten für die Sammeltätigkeit begegnet werden kann. Weder die traditionelle Ausrichtung auf ästhetisch qualitätvolle Gegenstände, noch der Anspruch, Lebenswelten vollständig zu dokumentieren, überzeugen angesichts der immensen Zahl an Gegenständen aus industrieller Serienproduktion, die den Alltag der Menschen des 20. Jahrhunderts bestimmen.»9

An einer Folgeveranstaltung wurde eine Firmen- und Branchenliste zusammengestellt, welche für den Aargau relevante Firmen aufführte.

Bronzewarenfabrik AG Turgi (BAG):

Eine erste Gelegenheit für ein gemeinsames Sicherungsprojekt von Industriekulturgütern bot sich dem Museum Aargau und dem Staatsarchiv Ende der 1990er Jahre. 1998 veräusserte die BAG Turgi, eine der bedeutendsten Leuchtenfabriken der Schweiz, nach schwierigen Geschäftsjahren einzelne Geschäftszweige und wickelte als BAG Immobilien die Umnutzung des Fir- menareals ab. Die 1909 gegründete Firma, welche eine breite Produktepalette von dekorativen Leuchten, technischen Leuchten und Spezialanfertigungen auf Kundenwunsch fertigte, besass ein Firmenarchiv und – fast wäre es vergessen gegangen – ein Gussmodellmagazin mit schätzungsweise 14 000 Gussmodellen. Der Verwaltungsrat der BAG Immobilien initiierte die Übergabe des Firmennachlasses, welche von der BAG-Tochter Huco AG in Münchwilen TG mitgetragen wurde. Das Projekt wurde vom Lotteriefonds des Kantons finanziert und umfasste die Sicherung, Bewertung und Erschliessung der Sachgüter und Unterlagen. Rund 36 Laufmeter umfasste das Firmenarchiv, das als Schenkung und teilweise als Depositum ans Staatsarchiv gelangte; rund 5000 Gussmodelle und zweckverwandte Objekte konnten als Schenkung dem Museum Aargau übergeben werden. In beiden Institutionen stehen das umfassende Inventar und die Dokumentation des Projekts für die Benutzung zur Verfügung.10

Archiv Haus Sauerländer, Aarau:

Eine noch gewichtigere Übernahme zeichnete sich ab, als der traditionsreiche Sauerländer Verlag das Verlagsgeschäft 2001 an die Cornelsen Verlagsholding in Berlin verkaufte und es der Sauerländer Immobilien AG oblag, die Gebäude und das Firmengelände zu veräussern. Über zwei Jahrhunderte und sechs Generationen hinweg hatte das Haus Sauerländer von Aarau aus das Verlagswesen der Schweiz nachhaltig mitgeprägt und galt als einer der bedeutendsten Schweizer Verlage. Damit hat der Betrieb auch ein Stück Aargauer Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes mitgeschrieben. Das Sauerländer Firmenarchiv dokumentiert auf einzigartige Weise die Geschichte des Verlagshauses und der Besitzerfamilie von der Gründerzeit bis heute. Dazu dokumentiert das Bucharchiv die Produktion des Verlags mit allen produzierten Titeln seit 1830.

Als Schenkung wurde die gesamte Firmendokumentation im Umfang von ca. 700 Laufmetern dem Staatsarchiv und der Aargauer Kantonsbibliothek übergeben.

Aus Anlass der 200-jährigen Geschichte des 1807 gegründeten Verlages haben vier Kulturinstitutionen nun ein gemeinsames Projekt lanciert: Das Forum Schlossplatz, Aarau, wird diesen Herbst eine Ausstellung zu 200 Jahre Sauerländer zeigen, im Stadtmuseum Schlössli in Aarau wird die Industrialisierung der Buchbinderei zum Thema gemacht und die Kantonsbibliothek und das Staatsarchiv wollen mit einer Website das Buch- und Firmenarchiv bekannt machen und einen institutionenübergreifenden Zugang zu den Sauerländer-Beständen im Staatsarchiv und der Kantonsbibliothek an- 

Datenbank zur Industriekultur im Aargau:

Im Rahmen der Ausstellung «Industriekultur im Aargau», welche im Jahre 2003 erstmals die Bedeutung der Industrie für die Geschichte des Kantons dokumentierte und dafür Ausstellungsobjekte suchte, fanden sich diese nicht in der kantonalen Sammlung, sondern vornehmlich in den lokalen und regionalen Museen. In den 1990er Jahren waren vor allem die in Personalunion geführten Stadtarchive Baden und Aarau bereit, heterogene Firmenbestände zu übernehmen. Die für die Recherche der Ausstellung «Industriekultur» aufgebaute Datenbank umfasste rund 1500 Einträge zu aargauischen Firmen und schaffte damit einen ersten Überblick. In einem Nachfolgeprojekt wurde die «Datenbank zur Industriekultur im Aargau» redaktionell aufbereitet und sie ist auf der Website des Verbands Aargauer Museen und Sammlungen (VAMUS)2zugänglich. Die Website dokumentiert, aus welchen Quellen die Informationen stammen und lädt ein, die Lücken des Wissensstandes 2003/06 zu füllen und Informationen zu ergänzen.

Insgesamt aber beurteilte Bruno Meier, 1991–1997 Leiter des Historischen Museums und Stadtarchivar von Baden, die Ausgangslage für die Sicherung von Firmenarchiven als schwierig. Er hielt fest, dass in den Jahren der Desindustrialisierung seit den späten 1970er Jahren viel verloren gegangen sei. Da die Dokumentation von Firmen heterogen sei und im besten Fall Akten und Produkte umfasse, sei die Zuständigkeit nicht klar. Fehlende Sammlungskonzepte, Ressourcen, Know-How und nicht zuletzt eine fehlende Institution für Foto und Film in diesem Sammlungsbereich seien zusätzliche HürdenBruno Meier, Auf dem Weg zur «Industriekultur im Aargau»: Ein Jahrzehnt Auseinandersetzung mit Industriegeschichte, in: arbido 9, 2003, S. 15.. Mit der Datenbank ist ein Anfang gemacht, das Wissen um die Industriekultur zu pflegen und die Sammlungstätigkeit zu koordinieren.

Fokus Industriekultur:

Das Museum Aargau startete im Frühjahr 2007 mit einer neuen Struktur und Ausrichtung. Zum Museum Aargau gehören die beiden Schlösser Lenzburg und Hallwyl und die historischen Sammlungen des Kantons Aargau. Ein erklärtes Ziel ist die Fokussierung auf die Kernaufgaben im Bereich der Sammlung. Das Museum Aargau betrachtet das Sammeln von ausgewählten Industrieprodukten als eine seiner vorrangigen Aufgaben, zumal der Aargau zu den ersten industrialisierten Regionen in Europa zählt. Das Museum Aargau arbeitet diesbezüglich mit den regionalen Museen und dem Verband Aargauischer Museen und Sammlungen zusammen, dessen Mitglied auch das Staatsarchiv ist3.

Walther AG, Oberentfelden:

Aus bescheidenen Wurzeln eines Handwerksbetriebs zur Herstellung von Haushaltsbürsten im Jahre 1860 entwickelte sich die Walther AG in ein grosses, innovatives Industrieunternehmen, das mehrere Fabrikationsanlagen betrieb. Von Haushaltbürsten und Toilettenartikeln über die Erfindung der elektrischen Zahnbürste bis zu Spezialbürsten für industrielle und gewerbliche Zwecke reichte die Produktepalette. Bis zu ihrem Konkurs in den späten 1980er Jahren war die 1907 als Familienaktiengesellschaft gegründete Firma in Familienhand geblieben. 2005 übergab der Nachfolgebetrieb, die Wasag brush systems AG, dem Museum Aargau die Firmendokumentation. Sie enthielt Akten, Sach- und Bildmaterial, das die Geschichte dieser Firma von den Anfängen bis zum Ende dokumentierte. Das Museum Aargau übernahm die Objekte in die Sammlung, das Staatsarchiv die Akten- und Bildbestände.

Willi Müller AG, Schöftland:

Die 1921 gegründete Möbelfirma war bekannt für Einzelanfertigungen von Möbeln und ganzen Innenausbauten sowie Orgelgehäusen und Restaurierungen von Kirchenmobiliar. Die vorhandene Firmendokumentation hat der Besitzer auf ca. 10% reduziert. Nach mehreren Gesprächen mit dem Konservator des Museums, der Möbel für die Sammlung suchte, ist der Besitzer auch bereit, die Firmendokumentation ans Staatsarchiv zu übergeben. Diesmal werden nach Absprache das Museum Aargau und das Staatsarchiv gemeinsam die Bewertung und Übernahme vorbereiten. Künftig wird also Müller AG Schöftland im öffentlichen Gedächtnis die Möbelbranche vertreten. Bis anhin ist es nämlich nicht gelungen, Archive der bekannten Aargauer Möbelfirmen zu übernehmen.

Nicht immer sind Firmengründer oder Verwaltungsratspräsidenten davon zu überzeugen, dass Firmenarchive Teil des öffentlichen Gedächtnisses sind. So kam die Übernahme einer regional tätigen Textilverarbeitungsfirma ans Staatsarchiv nicht zu Stande, obwohl sie von einer Absolventin der Fachhochschule Chur, die mit der Firma verbunden war, gut vorbereitet worden war.

Für die Vernetzung der Gedächtnisse

Als Voraussetzung für die Vernetzung der drei Gedächtnisse ist erst einmal die Bereitschaft zu nennen, die Gemeinsamkeiten zu suchen und keine Selbstprofilierung zu betreiben. Wir pflegen in den Berufsorganisationen den jeweiligen Berufsstand, wir setzen uns für eine zeitgemässe, zukunftsgerichtete Aus- und Weiterbildung ein. Das ist wichtig und gut so. Die Orientierung der Berufsorganisation sollte nach innen wie nach aussen gerichtet sein. Das Zeitalter des Word Wide Web ruft nach einer Vernetzung der Gedächtnisse, für eine kulturpolitische Kampagne, den Wert der Sammlungen des kulturellen Erbes wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Es braucht dafür Resolutionen, Konzepte und Strategien – aber es braucht vor allem die Vernetzung unter den Beteiligten. Es braucht die (kleinen) konkreten Schritte, die anderen Kulturproduzenten kennen zu lernen. Und wenn man dabei feststellen sollte, dass die Museumsleute ganz anders inventarisieren als im Archiv oder der Begriff «Bewertung» von den Bibliothekaren ganz anders verstanden wird als ihn die Archivare definiert haben, könnte man sich davon verunsichern und bereichern lassen.

Möglichkeiten in diesem Sinne wären:

– Gemeinsame Veranstaltungen schaffen Raum für neuen Wissensaustausch, für Streitgespräche und für die Beziehungspflege.

– Gemeinsame Projekte mit Partnerinstitutionen und Dritten wirken als Katalysatoren für alle Beteiligten, da alle ihre Stärken eingeben können. Die gemeinsamen Ausstellungsprojekte fordern das Archiv, die Bestände aufzuarbeiten, die Museumsleute, sich mit dem Kontext ihrer Objekte zu befassen, einen Katalog zu publizieren, der dann von der Bibliothek aufbewahrt wird. Die Ausstellung produziert zum Teil eigene Archivalien wie Interviews und generiert eine Dokumentation.

– Die virtuelle Vernetzung zwingt zu Standardisierung und deckt dabei Inventarisierungsblüten und -unkraut auf. Die Bibliotheken haben es vorgemacht. Im Aargau wurde mit der Anschaffung der neuen Katalogisierungssoftware Aleph der Aargauer Bibliotheksnetz Katalog geschaffen und mehr und mehr Bibliotheken wurden integriert. Eine Recherche im Netz zeigt auf, in welcher Institution das gesuchte Buch vorhanden ist und wie verschieden Bibliothekare das gleiche Buch katalogisieren. Dabei habe ich immer gemeint, dass es doch viel einfacher sei, Bücher zu katalogisieren als Archivalien zu erschliessen.

– Die virtuelle Vernetzung und Digitalisierung von Verzeichnissen, Katalogen, Bilddatenbanken und das Angebot von elektronischen Medien heben den Standortzwang, den Standortvorteil oder -nachteil teilweise auf. Auch wenn unsere Häuser die Sammlungen beherbergen und für den Schutz der Originale wesentlich sind. Das Wissen darum sollten wir nicht in unseren Häusern behalten sondern als «Menukarte» vors Haus stellen.

– Es braucht eine neue Zusammenarbeit und ein gemeinsames Vorgehen auf der kulturpolitischen Ebene. Jede kann sich selber fragen, wieweit es denn mit der eigenen Kenntnis der Archivlandschaft, der Museumslandschaft, der Bibliothekslandschaft sei und sich dann auf eine Reise in die Kulturlandschaft begeben.

– Auf diese Reise wollen die Verantwortlichen auch die Besucher des neu konzipierten «Museums im alten Zeughaus» in Radkersburg schicken. Das Stadtmuseum soll nicht mehr allein stehen, es soll ein dichtes Netz an kultureller Kooperation und Partnerschaften mit anderen Institutionen entstehen. Das Museum wird in konzeptioneller und räumlicher Dimension gesprengt. In Form von musealen Aussenstellen bzw. den Verweisen darauf innerhalb des Museum mit Dia-Guckkästen wird der konventionelle Museumsraum erweitert. Die BesucherInnen sollen zur Erkundung der Stadt bzw. ihrer näheren Umgebung angeregt werdenMarie Theres Zangger, Forschen, Sammeln, Ausstellen. Synergien zwischen Museum und Archiv, in: Archive und Museen, Kleine Schriften des Vorarlberger Landesarchivs 2, Hg. Wolfgang Weber, Bregenz 2007, S. 17f..

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Andrea Voellmin

Staatsarchivarin Kanton Aargau 

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