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Die Quellengattung Rechnungen – nur trockene Zahlen?

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Pätzold, Stefan Pätzold; Stumpf, Marcus (Hrsg.), Mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechnungen als Quellen der landesgeschichtlichen Forschung (Westfälische Quellen und Archivpublikationen Band 30), Münster 2016, ISBN 978-3-936258-26-4

Welcher Archivar kennt sie nicht, die Masse von Finanz- und Rechnungsunterlagen, die in den Büros der Verwaltung lagern und ihm zusammen mit anderen Dokumenten zur Übernahme angeboten werden! In Zeiten der prospektiven Bewertung mögen solche Szenarien seltener werden, doch dies entbindet den Archivar nicht davon, sich über den quellenkundlichen Wert von Rechnungsunterlagen klar zu werden. 

Für Mittelalter und Frühe Neuzeit sind Rechnungen schon länger als wichtige Quelle der geschichtlichen Forschung anerkannt. Davon zeugen auch die sechs Beiträge im Band «Mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechnungen als Quellen der landesgeschichtlichen Forschung», der im Nachgang eines Workshops in der Reihe «Westfälische Quellen und Archivpublikationen» 2016 in Münster erschienen ist. Übereinstimmend betonen die AutorInnen den Wert der Rechnungen für die Erforschung der Stadt-, Kloster-, Kirchen- und Universitätsgeschichte. Wiederholt wird auf die Objektivität dieser «Zeugnisse pragmatischer Schriftlichkeit» verwiesen, die die Realität besser abbilden als Chroniken oder Rechtsquellen (vgl. z.B. das Zitat im Beitrag von Gudrun Gleba, S. 52 Anm. 3). 

Überraschende Erkenntnisse aus Rechnungen

Einen traditionellen Ansatz wählen Andreas Neuwöhner und Wilfried Reininghaus in ihren Beiträgen zu den kommunalen Rechnungen der Städte Paderborn und Geseke. Neuwöhner schildert die Entwicklung der städtischen Wirtschaft und Finanzen, während Reininghaus eine einzelne Rechnung in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt, um „exemplarisch den Umgang der Stadtverwaltung mit ihren Finanzen“ aufzuzeigen (S. 117). Die Beiträge von Gudrun Gleba zu „Wirtschafts- und Rechnungsbücher(n) als Quellen der klösterlichen Alltagsgeschichte“ und von Ralf Maria Guntermann zu den „Spätmittelalterlichen Baurechnungen des Osnabrücker Domes“ veranschaulichen, dass anhand der Rechnungen nicht nur Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung, zu Konjunktur und Finanzverwaltung der jeweiligen Institution beantwortet, sondern dass auch andere, zum Teil überraschende Erkenntnisse aus diesen Quellen gewonnen werden können. Gudrun Gleba rekonstruiert aus der wirtschaftlichen Überlieferung des Klosters Vinnenberg in Westfalen dessen gesellschaftliches und klösterliches Beziehungsnetz. In der computergestützten Auswertung grösserer Datenmengen sieht sie die Chance „Beziehungsnetze zu personalisieren und als Prozess wirtschaftlichen und sozialen Handelns zu zeigen“ (S. 63). Ralf Maria Guntermann gelingt es, die Baugeschichte des Osnabrücker Doms anhand der Dombaurechnungen zu erhellen und Gründe für den Bau des neuen, von Kunsthistorikern als „Bausünde“ empfundenen gotischen Südwestturms plausibel zu machen. Der Beitrag belegt, welche Aufschlüsse aus Rechnungen gewonnen werden können, wenn sie in einen grösseren Kontext eingebettet und im Zusammenhang mit anderen Quellen interpretiert werden.


Universitätsrechnungen als vernachlässigte Quellengattung

Während mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadtrechnungen schon seit Ende des 19. Jahrhunderts als Quellen entdeckt wurden (vgl. die jeweilige Einleitung der Beiträge von Andreas Neuwöhner und Wilfried Reininghaus), sind Universitätsrechnungen in der Forschung bisher eher vernachlässigt worden, so Elisabeth Heigl, die die Procuraturregister der Universität Greifswald aus der Zeit von 1566 bis 1768 vorstellt. Die Autorin skizziert anhand der Register die Geschichte der Finanz- und Vermögensverwaltung der Universität Greifswald. Ihre Darstellung bettet sie ein in eine Typisierung der Universitätsfinanzierung. Ein wichtiges Ergebnis der Untersuchung ist, dass Optimierungen der ökonomischen Verwaltung erst nach ihrer Bewährung in der Praxis zur Norm erhoben wurden. Dies bestätigt den im Band wiederholt behaupteten Vorrang von Rechnungsunterlagen vor normativen Quellen. 

Neue Möglichkeiten durch digitale Editionen

Simone Würz berichtet von einem laufenden Projekt, der digitalen Edition der Augsburger Stadtrechnungsbücher, die – freilich nicht lückenlos – den Zeitraum von 1320 bis 1789 abdecken. Die Masse des Materials hat eine systematische Auswertung bisher verhindert. Geplant ist zunächst die Edition der Rechnungsbücher aus den Jahren 1320 bis 1466, wobei Digitalisate und Transkriptionen miteinander verbunden werden sollen. Die Erschliessung der Texte durch Indices soll die Nutzbarkeit der Daten erhöhen. Eine weitere Möglichkeit digitaler Editionen liegt in der Codierung, wodurch z.B. die Berechnung einzelner Summen möglich wird. Wie weit das Potential der digitalen Editionen für serielle Quellen in massenhafter Überlieferung ausgeschöpft werden kann, bleibt abzuwarten.
Wandel der Quellengattung als Herausforderung bei Auswertung und Bewertung
Insgesamt zeigen die Beiträge, welche vielfältigen Möglichkeiten der Auswertung die Quellengattung der Rechnungen bietet. Kritisch ist zum vorliegenden Band lediglich anzumerken, dass einzelne Beiträge nachlässig lektoriert wurden und daher sprachliche Fehler enthalten, die in Einzelfällen sogar das Textverständnis erschweren (z.B. S. 132).
Es liegt auf der Hand, dass sich die Form und damit auch die Aussagekraft der Quellen im Laufe der Jahrhunderte stark verändern. Während mittelalterliche Einkünfteverzeichnisse wie Urbare oder Heberegister Informationen zur Geschichte einzelner Besitzungen, ihrer Lage und Grenzen, aber auch zur Sachkultur (d.h. zu Gegenständen des Alltagslebens, landwirtschaftlichen Gerätschaften oder Produkten bäuerlicher Heimarbeit) geben, fehlen in dieser Zeit Bilanzen, Voranschläge und Budgets völlig. Ansätze einer Budgetplanung werden erst in der frühen Neuzeit greifbar (vgl. Neuwöhner, S. 19, für Paderborn). Andererseits findet eine Verknappung der Informationen statt: So vollzieht sich bei den Rechnungsposten in den Prokuraturregistern der Universität Greifswald im 17. Jahrhundert die Entwicklung von ausführlichen Texten zu reinen Verweisnummern-Angaben. Den Wandel der Quellengattung und die dadurch mögliche Interpretation sollte nicht nur der Historiker bei der Auswertung, sondern schon der Archivar bei der Bewertung berücksichtigen.


Annkristin Schlichte-Künzli

PaetzoldStumpf_MittelalterlicheUndFruehn

Universitätsrechnungen als vernachlässigte Quellengattung

Während mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadtrechnungen schon seit Ende des 19. Jahrhunderts als Quellen entdeckt wurden (vgl. die jeweilige Einleitung der Beiträge von Andreas Neuwöhner und Wilfried Reininghaus), sind Universitätsrechnungen in der Forschung bisher eher vernachlässigt worden, so Elisabeth Heigl, die die Procuraturregister der Universität Greifswald aus der Zeit von 1566 bis 1768 vorstellt. Die Autorin skizziert anhand der Register die Geschichte der Finanz- und Vermögensverwaltung der Universität Greifswald. Ihre Darstellung bettet sie ein in eine Typisierung der Universitätsfinanzierung. Ein wichtiges Ergebnis der Untersuchung ist, dass Optimierungen der ökonomischen Verwaltung erst nach ihrer Bewährung in der Praxis zur Norm erhoben wurden. Dies bestätigt den im Band wiederholt behaupteten Vorrang von Rechnungsunterlagen vor normativen Quellen. 

Neue Möglichkeiten durch digitale Editionen

Simone Würz berichtet von einem laufenden Projekt, der digitalen Edition der Augsburger Stadtrechnungsbücher, die – freilich nicht lückenlos – den Zeitraum von 1320 bis 1789 abdecken. Die Masse des Materials hat eine systematische Auswertung bisher verhindert. Geplant ist zunächst die Edition der Rechnungsbücher aus den Jahren 1320 bis 1466, wobei Digitalisate und Transkriptionen miteinander verbunden werden sollen. Die Erschliessung der Texte durch Indices soll die Nutzbarkeit der Daten erhöhen. Eine weitere Möglichkeit digitaler Editionen liegt in der Codierung, wodurch z.B. die Berechnung einzelner Summen möglich wird. Wie weit das Potential der digitalen Editionen für serielle Quellen in massenhafter Überlieferung ausgeschöpft werden kann, bleibt abzuwarten. Wandel der Quellengattung als Herausforderung bei Auswertung und Bewertung Insgesamt zeigen die Beiträge, welche vielfältigen Möglichkeiten der Auswertung die Quellengattung der Rechnungen bietet. Kritisch ist zum vorliegenden Band lediglich anzumerken, dass einzelne Beiträge nachlässig lektoriert wurden und daher sprachliche Fehler enthalten, die in Einzelfällen sogar das Textverständnis erschweren (z.B. S. 132). Es liegt auf der Hand, dass sich die Form und damit auch die Aussagekraft der Quellen im Laufe der Jahrhunderte stark verändern. Während mittelalterliche Einkünfteverzeichnisse wie Urbare oder Heberegister Informationen zur Geschichte einzelner Besitzungen, ihrer Lage und Grenzen, aber auch zur Sachkultur (d.h. zu Gegenständen des Alltagslebens, landwirtschaftlichen Gerätschaften oder Produkten bäuerlicher Heimarbeit) geben, fehlen in dieser Zeit Bilanzen, Voranschläge und Budgets völlig. Ansätze einer Budgetplanung werden erst in der frühen Neuzeit greifbar (vgl. Neuwöhner, S. 19, für Paderborn). Andererseits findet eine Verknappung der Informationen statt: So vollzieht sich bei den Rechnungsposten in den Prokuraturregistern der Universität Greifswald im 17. Jahrhundert die Entwicklung von ausführlichen Texten zu reinen Verweisnummern-Angaben. Den Wandel der Quellengattung und die dadurch mögliche Interpretation sollte nicht nur der Historiker bei der Auswertung, sondern schon der Archivar bei der Bewertung berücksichtigen.

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Annkristin Schlichte-Künzli

Dr. phil. Annkristin Schlichte-Künzli ist wissenschaftliche Archivarin im Staatsarchiv Thurgau.

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