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2025/ Eintrag 188720

Eintrag 188844

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Einige Familienarchive entwuchsen eisenbeschlagenen Holztruhen, in denen seit dem Mittelalter Urkunden und Verträge zu Herrschaftsrechten aufbewahrt wurden, und umfassen heute mehrere Laufmeter an Stammbäumen, Briefen und Fotografien. Andere Familienarchive haben ihren Ursprung in einem Fotoalbum oder einem Tagebuch aus dem Keller der Urgrosseltern und passen in zwei Archivschachteln.

Während einige Familienarchive als abgeschlossen gelten können, wachsen andere stetig weiter. Doch wie lange? Mit dem Wandel der Vorstellung von Familie hat sich auch die Rolle von Familienarchiven geändert. Welche Bedeutung haben bzw. welche Rolle spielen Familienarchive heute? Und wie sieht ihre Zukunft aus? Eine Einschätzung zu diesen Fragen wollte arbido von Vertretern von Familienarchiven einholen. Dazu wurden den Vertretern zweier sich in der Burgerbibliothek Bern (BBB) befindenden Familienarchive folgende Fragen schriftlich gestellt.

Foto Familienarchiv von Graffenried fuer Artikel Arbido Ackermann

arbido: Wie wird das Familienarchiv in Ihrer Familie genutzt? Welchen Stellenwert hat das Archiv bei der familiären Identitätsstiftung?

Konrad Tobler: Wir haben mehrere Treffen mit den verschiedenen Zweigen der Familie organisiert und mit der zuständigen Archivarin Ariane Huber [in der Burgerbibliothek Bern, Anmerkung der Redaktion] jeweils eine spezielle Präsentation mit ausgewählten Dokumenten/Objekten vorbereitet. Das stiess auf reges Interesse – und es könnte in der Folge sein, dass das eine oder andere Dokument/Objekt auf diesem Weg doch noch ins Archiv gelangt. Zumindest in der zweiten Generation nach meinen Grosseltern trägt das zweifellos zur Identitätsfindung oder -steigerung bei. Wie das in der kommenden Generation sein wird, ist mir noch unklar. Immerhin besteht auch da ein Interesse, wenn auch kein drängendes.

Christoph Rubli: Es wird zumeist zur Klärung von genealogisch-historischen Fragen innerhalb der Familie genutzt. Vermehrt kommen solche Anfragen vom im Ausland lebenden Familienmitgliedern, die den Kontakt zur Familie wieder aufnehmen möchten. Weiter wird das Archiv als Quelle für interne historische Publikationen zur Familiengeschichte verwendet. Letztlich dient es der Familie als Sammelstelle für historische von Graffenried-Dokumente, die Familienmitglieder nicht mehr bei sich zu Hause aufbewahren möchten. Für die Familie von Graffenried besitzt das Archiv einen hohen Stellenwert bei der Identitätsstiftung. Für eine Familie mit einer langen Geschichte, wie die unsere, ist das Archiv nicht nur verstaubte tote Materie, sondern es ist das lebende Gedächtnis und ein Teil der Familienseele. Dessen Erhalt trägt auch zum Familienzusammenhalt bei und ist daher auch als einer der Existenzzwecke der Familienkiste (Verein) in deren Statuten festgehalten. 

arbido: Was hat Ihre Familie dazu bewegt, das Familienarchiv in einer öffentlichen Institution zu deponieren bzw. einer öffentlichen Institution zu schenken? Was wünschen Sie sich von Institutionen, die Familienarchive zugänglich machen?

Konrad Tobler: Es war der Wunsch meiner Eltern Christel und Rolf Tobler-Liermann, das von ihnen sorgsam weitergeführte und ergänzte Material zu den Familien Tobler und Liermann an einem sicheren, gut betreuten Ort zu wissen. Denn es war ihnen klar, dass die Dokumente dieser Familien ein gutes Abbild der bürgerlichen Gesellschaft des 19./20. Jahrhunderts einerseits und der Verbindungen zwischen der Schweiz und Deutschland andererseits sind. Dass die Übergabe noch vor ihrem Tod gelungen ist, war ihnen eine grosse Freude und Beruhigung. Dass die Aufarbeitung/Erschliessung in der Burgerbibliotek Bern, auch dank einer grosszügigen finanziellen Zuwendung meiner Eltern, zügig und äusserst sorgfältig erfolgte, gehörte zu ihrer ruhigen Freude am Lebensabend.

Christoph Rubli: Um 1990 befand sich das Archiv im Untergeschoss des Hauses meines Grossonkels Helmuth von Graffenried (1913-2006), der damals Archivverwalter und zugleich Kistenpräsident war. Für beides suchte er einen Nachfolger. Er machte sich dabei auch Gedanken über eine klimatisch bessere Lagerung für unsere zum Teil sehr wertvollen Archivalien, für die er auch schon säurefreie Kartons besorgt hatte. Eine öffentliche Institution schien die ideale und zeitgemässe Lösung. Bevor die Entscheidung nach mehrjährigen Diskussionen 1994 (und wohl dank der Argumente des damaligen Direktors Harald Wäber) auf die Burgerbibliothek Bern (BBB) fiel (1995 folgte die Überführung) wurde kurz als Möglichkeit das Staatsarchiv Bern diskutiert, da sich dort das Schlossarchiv von Münchenwiler befindet, indem sich zahlreiche Archivalien aus unserer Familie befinden. Ich wünsche mir, dass die öffentlichen Institutionen die richtige Balance finden zwischen der (für die Forschung) öffentlichen Zugänglichkeit eines Familienarchivs und zugleich dem Respektieren der Eigentumsrechte und Wünsche der betreffenden Familie. Diese Symbiose haben wir mit der BBB gefunden.

arbido : Wird das Archiv Ihrer Meinung nach in Zukunft weiter wachsen? Und wenn ja: Welche Art Unterlagen werden das bestehende Archiv ergänzen? Nur Papier oder auch digitale und audiovisuelle Unterlagen? Wer entscheidet, welche Unterlagen heute und in Zukunft in das Archiv gelangen? 

Konrad Tobler: Das eine oder andere Dokument wird sicherlich noch hinzukommen, viele werden es jedoch nicht sein. Ob meine drei Brüder Lebensdokumente ins Archiv geben werden, weiss ich im Moment noch nicht. Ich selbst bin da auch noch am Überlegen. Einen Wunsch jedoch habe ich: Dass das Porträt eines tragischen Versagers in der Familie schliesslich doch noch seinen Platz im Archiv einnehmen darf – denn Familiengeschichten bestehen ja durchaus auch durch solche Personen. Im Moment entscheide ich, selbstverständlich in Absprache mit der Burgerbibliothek, was ins Archiv aufgenommen wird. Wer in der nächsten Generation und ob überhaupt noch jemand diese Aufgabe wahrnehmen wird, weiss ich noch nicht. 

Christoph Rubli: Ja, da der Auftrag der Mehrung des Archivs (nebst Aufsicht darüber) in den Statuten der Familienkiste festgelegt ist. Als von der Kistenversammlung gewählter Archivverwalter entscheide ich meistens, welche Unterlagen ins Archiv gelangen und welche nicht. Prinzipiell werden alle Unterlagen, die mit der Familie zu tun haben, archiviert. Im Zweifelsfall halte ich jedoch Rücksprache mit dem Kistenrat und Präsidium. In Zukunft werden wohl weiterhin Briefe, Postkarten, Zeitungsartikel, Urkunden, Tagebücher, Inventare, Testamente, Fotos, Forschungsbeiträge, Siegelabdrücke, etc. archiviert. Ein paar digitale und audiovisuelle Unterlagen befinden sich bereits auf CDs/DVDs gespeichert im Archiv oder neuere auf der Cloud der Familienkiste. Ob in Zukunft alle digitalen und audiovisuellen Dateien auch auf eine externe Festplatte gespeichert und ebenfalls in der Burgerbibliothek Bern deponiert werden sollen, wird noch zu klären sein.

arbido: Welche Tipps würden Sie Familien geben, die aktuell ein Familienarchiv zuhause haben?

Konrad Tobler: Nehmen Sie rechtzeitig Kontakt auf mit einem Archiv, zu dem vielleicht familiengeschichtlich Bezüge bestehen! Sorgen Sie dafür, dass das Archiv einigermassen geordnet ist und dass alle Bilder mit Personenangaben, Daten und Orten versehen sind! Stammbäume können bei der Orientierung helfen. Und vor allem: Würdigen Sie alle Dokumente Ihrer Familie, welches der gesellschaftliche Status auch immer war oder ist!

Christoph Rubli: Meine Tipps hängen von der Grösse des betreffenden Familienarchivs ab sowie von der Beschaffenheit des Hauses und dessen Lagerungsmöglichkeiten und -bedingungen. Es gibt grössere Familienarchive z.B. in Schlössern oder grossen Häusern, die einen speziellen Archiv-Raum besitzen, in denen die Archivalien zum Teil schon seit Jahrhunderten gut gelagert sind. Hier habe ich keine Tipps. Für kleinere Familienarchive in Häusern/Wohnungen , die vielleicht nur ein paar säurefreie Schachteln umfassen (oder mehrere Reisekoffer, wie es beispielsweise meine Grossmutter noch hatte), kann ich hingegen empfehlen, auf eine klimatisch optimale Lagerung zu achten, d. h. am besten nicht im Keller, Estrich oder im Badezimmer zu lagern. Ebenso sollte nach Ungeziefern Ausschau gehalten werden. Und je nachdem wie alt und wertvoll (für die Familie oder allgemein) eine der Archivalien ist, wäre vielleicht ein Depositum in einer öffentlichen Institution keine schlechte Idee.

arbido: Vielen Dank für Ihre Einschätzungen !

Zu den Interviewpartnern

Konrad Tobler ist Kulturpublizist und Vermittler des Familienarchivs Tobler-Liermann. Das über elf Laufmeter grosse Familienarchiv ist heute in der Burgerbibliothek Bern zugänglich und umfasst hauptsächlich persönliche Unterlagen, Korrespondenz und Fotografien sowie Publikationen und Stammbäume aus dem Zeitraum von ca. 1800 bis 2014.

Christoph Rubli ist Historiker und Archivverwalter des Familienarchivs von Graffenried, welches seit 1995 in der Burgerbibliothek Bern deponiert ist, über 14 Laufmeter umfasst und in dem Dokumente aus dem 14.-21. Jahrhundert überliefert sind. Direkter Link: https://www.kistevongraffenried.ch/

Ackermann Nadja

Nadja Ackermann

Nadja Ackermann studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Bern, wo sie 2019 promovierte. 2023/2024 absolvierte sie den CAS "Digitale Trends in den Informationswissenschaften" an der Fachhochschule Graubünden (FHGR). Seit 2020 ist Nadja Ackermannwissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Privatarchive in der Burgerbibliothek Bern, wo sie für die Firmenarchive zuständig ist. Seit 2024 ist sie Redaktionsmitglied von arbido.

Abstract

Welche Bedeutung haben bzw. welche Rolle spielen Familienarchive heute? Und wie sieht ihre Zukunft aus? Diese Fragen wurden den Vertretern zweier sich in der Burgerbibliothek Bern befindenden Familienarchive schriftlich gestellt.

Quelle est l'importance ou le rôle des archives familiales aujourd'hui ? Et comment se présente leur avenir ? Ces questions ont été posées par écrit aux représentants de deux archives familiales conservées à la Bibliothèque de la Bourgeoisie de Berne.