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2021/ Archivische und bibliothekarische Prozesse im Wandel

Verändert, völlig verändert

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Eine Prognose, inwieweit sich wissenschaftliche Bibliotheken in Bezug auf Sammlungen, Dienstleistungen, Räume und Prozesse als Folge der Pandemie verändern werden.

Anfang März 2020 wurden akademische Bibliotheken von Covid-19 überrumpelt. Mit wenig Zeit zum Planen schlossen wir unsere Einrichtungen, um die Sicherheit unserer Kunden und Mitarbeitenden zu schützen, und stellten auf reine Online-Dienste und Arbeit von zu Hause aus um.

Mit der Wiedereröffnung der Universitäten stehen die wissenschaftlichen Bibliotheken nun mitten in einem Paradigmenwechsel. Anstatt zur Normalität zurückzukehren, kehren wir Bibliothekare in die viel zitierte «neue Normalität» zurück - eine, in der persönliche Vorlesungen und Service-Interaktionen unmöglich oder nicht mehr gewollt sind, in der Sammlungen in physischem Format ein Hindernis für den Zugang darstellen und in der gemeinsames Lernen zugunsten von sozialer Distanzierung in Gebäuden gemieden wird. Wie können wir diese Anforderungen nutzen, um neue und innovative Sammlungen und Dienste zu schaffen, die unsere Campusgemeinschaften verbessern?

Im Folgenden finden Sie einige meiner Vorhersagen, die auf Trendanalysen basieren, wie sich die Landschaft der wissenschaftlichen Bibliotheken in Bezug auf Sammlungen, Dienstleistungen, Räume und Abläufe verändern könnte, in der Hoffnung, dass sie zu neuem Denken und einem fortgesetzten Dialog anregen.

Sammlung

Der schwindende Wert von Print-Sammlungen

Wenn uns die Coronavirus-Krise etwas gelehrt hat, dann wie irrelevant unsere Print-Sammlungen geworden sind. Über Nacht haben die meisten Bibliotheken den Zugang zu ihren Beständen gesperrt. Und vielerorts mussten wir feststellen: Die Anfragen nach diesen Materialien waren minimal. Wie können wir die Inhalte unserer Print-Sammlungen in einer Post-Covid-19-Welt zugänglicher und relevanter machen?

Massendigitalisierung und Zugang vs. archivischer Aufbewahrung

Jahrelang haben sich Forschungsbibliotheken mit der «Just-in-Case»-Digitalisierung von Druckerzeugnissen beschäftigt. Angesichts der Druckmaterialien hinter verschlossenen Türen wurden allenthalben digitale Notzugänge eröffnet. Während einige Autoren ihren Unmut über diese Massnahmen zum Ausdruck brachten, ist das Ergebnis ein Triumph der langfristigen Planung über die Priorisierung der unmittelbaren Bedürfnisse. Obwohl urheberrechtliche Fragen geklärt werden müssen, sollten weitere Massendigitalisierungsmassnahmen ergriffen werden, um die Drucksammlungen der Bibliotheken besser zugänglich zu machen, und zwar unter Nutzung von Vereinbarungen zur gemeinsamen Speicherung, die derzeit für die Bewahrung von gedruckten Inhalten gelten.

E-Alles

Im Gegensatz zu unseren gedruckten Materialien ist die Nutzung unserer elektronischen Ressourcen in den Bibliotheken sprunghaft angestiegen. In den nächsten Jahren werden wir mehr Zeit und Geld in die Entwicklung unserer elektronischen Sammlungen investieren. Das wird eine Herausforderung, gerade bei zu erwartenden schrumpfenden Budgets. Die Bibliotheken werden neue Strategien entwickeln müssen, um bessere Verträge mit den Verlagen auszuhandeln und sich für einen besseren Zugang zu Streaming-Medien und E-Books einzusetzen, die für Privatpersonen in grösserer Zahl und zu geringeren Kosten zugänglich sind als für Bibliotheken. Es müssen auch neue Zugangsmodelle entwickelt werden, und wir müssen uns darauf gefasst machen, dass die Verlage dies zu einer Herausforderung machen werden.

Das Ende der «Big Deals»

Die langfristigen finanziellen Auswirkungen von Covid-19 sowie jahrelange inflationäre Erhöhungen durch die Verlage haben mehrere Institutionen dazu veranlasst, Mehrjahreslizenzen für grosse Zeitschriftenpakete zu überdenken. In den USA zum Beispiel haben die Bibliotheken der University of North Carolina und der State University of New York angekündigt, dass sie ihre Elsevier-Verträge zugunsten eines titelweisen Einkaufs kündigen werden, um erhebliche Kosten einzusparen Es ist zu erwarten, dass weitere Bibliotheken diesem Beispiel folgen und grosse Verträge kündigen und sich stattdessen auf Vereinbarungen zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen und Dokumentlieferdienste verlassen, was die Verlage dazu zwingt, Optionen für den Zugang à la carte zu entwickeln.

Digitalisierung von Beständen

Das grösste Kapital einer jeden wissenschaftlichen Bibliothek sind ihre Sondersammlungen und Archive. Ironischerweise sind diese besonderen Materialien oft in Tresoren versteckt und nur für den persönlichen Zugang verfügbar. Archivare sind nun herausgefordert, Forschungsmaterialien und -dienste online bereitzustellen. Es ist zu erwarten, dass die Digitalisierung von Archiven in den kommenden Jahren zunehmen wird, wobei die digitalisierten Inhalte nicht mehr nur als Konservierungs- oder Vorschaumethode dienen, sondern zum primären Zugangspunkt für die Sammlung werden.

Herausforderungen im Bereich Copyright/Fair Use

Obwohl es die Schöpfer zu Recht schützt, war das Urheberrecht schon immer unangemessen restriktiv. Und obwohl die faire Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material für Bildungszwecke vorgesehen ist, verstehen die meisten Fakultätsmitglieder dies nicht, da sie nur damit beschäftigt sind, ihren Studenten Inhalte zur Verfügung zu stellen. Wenn Kurse online gehen, werden sie mehr Zugang zu Materialien haben wollen, die sie in ihren Kursen verwenden können. Bibliothekare müssen mehr Aufklärung über das Urheberrecht leisten, Autoren ermutigen, Creative-Commons-Lizenzen zu verwenden und sich für flexiblere Urheberrechtsgesetze einsetzen.

Die tiefere Integration von Bibliothekspersonal in den Universitätsbetrieb ist unerlässlich.

Dienstleistung

Eingebettetes Bibliothekswesen

Es ist seit Jahren ein Trend, Bibliothekare physisch in den Fluss der Lehre und Forschung einzubinden. Wenn Kurse online bleiben, ist eine tiefere Integration von Bibliotheksressourcen und -personal in den Universitätsbetrieb unerlässlich, um sicherzustellen, dass die Studenten Informationskompetenz erwerben. Bibliothekare können Fakultätsmitgliedern bei der Entwicklung von Kursinhalten helfen, Co-Teaching betreiben, Forschungsberatungen anbieten, virtuelle Online-Sprechstunden abhalten und bei der Identifizierung und Verlinkung von Kursinhalten helfen.

Der Aufstieg von Open Content…

Die Suche nach einem Heilmittel für das Coronavirus und die Impfstoffforschung haben die Bedeutung des sofortigen Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen und Datensätzen unterstrichen. Bibliothekare setzen sich seit Jahren für die Entwicklung alternativer Wege zur Verbreitung von Forschungsergebnissen durch institutionelle Repositorien und die Unterstützung von Open-Access-Publikationen ein. Dies ist der richtige Zeitpunkt, um sich bei der Politik für offene Forschung und offene Daten einzusetzen und Fakultätsmitglieder darüber aufzuklären, wie sie ihre Publikationsrechte behalten können. Es ist zu erwarten, dass auch Bibliotheken eine grössere Kontrolle über die an ihren Institutionen produzierten Forschungsergebnisse anstreben, wie man an der jüngsten Zunahme von Open-Access-Vereinbarungen zwischen Verlagen sehen kann.

… und offene Bildungsressourcen

Bibliotheken haben bereits eine führende Rolle bei der Aufklärung des Lehrkörpers über die Vorteile der Erstellung und Übernahme von offenen Bildungsressourcen (Open Educational Resources, kurz OER), kostenlosen oder kostengünstigen Lehrbüchern und Lernmaterialien übernommen, die eine Personalisierung der Lehrkräfte ermöglichen und gleichzeitig die Kosten für die Ausbildung der Studenten senken. Die Nachfrage nach OER wird weiterhin steigen, da Lehrkräfte nach Alternativen zu sperrigen gedruckten Lehrbüchern suchen. Bibliotheken können auch kostenlose Hausaufgabensysteme und virtuelle Labore einführen und verwalten, um das Online-Engagement der Studenten zu verbessern.

Unterstützung für Online-Unterricht

Bibliotheken sind perfekt positioniert, um Lehrkräfte bei der Entwicklung von Online-Kursen zu unterstützen. Wir sind stark im Bereich der Unterrichtstechnologie und verfügen über umfangreiche Kenntnisse in der Erstellung von Tutorials und Lehrvideos, Kursverwaltungssystemen, OER und ähnlichem. Wir bieten den Studenten bereits Unterricht, Technologien und Räume, die die digitale Kompetenz unterstützen - die Nutzung von Technologie zur Erstellung und Kommunikation. Wir müssen weitere Beziehungen zu den Campus-Büros für Online-Bildung, Unterrichtstechnologie und Lehren und Lernen aufbauen, um dieses Fachwissen zu nutzen und sicherzustellen, dass Studenten und Dozenten die Fähigkeiten haben, die sie brauchen, um in dieser neuen Online-Umgebung erfolgreich zu sein.

Unterstützung für Online-Forschung

Laborschliessungen und Reisebeschränkungen stellen Hindernisse für die Forschung der Fakultät dar. Bibliotheken können Forschende unterstützen, indem sie Online-Umgebungen entwickeln, in denen Fakultätsmitglieder aus der Ferne zusammenarbeiten können. Virtuelle Laborumgebungen, die auf aktuellen Initiativen zur Spracherkennung und Datenvisualisierung aufbauen, können entwickelt werden, um Forschern zu helfen, die nicht in der Lage sind, physische Experimente durchzuführen. Forscher brauchen auch Orte, an denen sie Daten hinterlegen und ihre Forschungsergebnisse verbreiten können. Bibliotheken können Tools wie ORCID nutzen, um bevorzugte Gateways wie ArXiv mit institutionellen Repositorien zu verbinden und so eine umfassende Forschungsplattform für Forscher zu entwickeln.

Selbstbedienungsmodelle und virtuelle Alternativen

Bibliotheken sind stolz auf das persönliche Kundenerlebnis, das sie bieten. Wie können wir unsere Service-Desks neu konzipieren, damit sie nicht zu Brennpunkten des Verkehrs und der Ausbreitung von Krankheiten werden, sondern weiterhin den hochwertigen Kundenservice bieten, den unsere Kunden erwarten? Hat vielleicht sogar die letzte Stunde des physischen Service-Schalter geschlagen? Erwarten Sie mehr Selbstbedienung und berührungslose Interaktionen: Scannen und Liefern, Self-Checkout, Abholung an der Bordsteinkante. Rechnen Sie auch damit, dass die Kunden nicht mehr so oft zu uns kommen werden wie früher. Wir werden unsere Dienste zu ihnen bringen müssen.

Die Bibliothekswebsite als virtuelle Eingangstür

Bibliotheken müssen ihre Websites neu überdenken, da sie nun den primären Interaktionspfad für Besucher darstellen. Nach den Grundsätzen der Benutzerfreundlichkeit werden Bibliothekswebsites immer benutzerfreundlicher, reaktionsschneller und anpassbarer.

Personalisierung und das Versprechen von künstlicher Intelligenz

Bibliotheken waren bisher zurückhaltend bei der Einführung von Überwachungstechnologien durch künstliche Intelligenz, da wir die geistige Freiheit unserer Kunden schützen wollen. Doch KI-Technologien könnten genutzt werden, um massgeschneiderte Suchergebnisse zu liefern, soziale Distanzierung zu überwachen und die Bibliothek in persönliche Assistenten zu integrieren.

Das ist der richtige Zeitpunkt, um sich für offene Daten einzusetzen.

Raum

Studierbereiche

In den letzten Jahrzehnten betonten Entwürfe für neue Bibliotheken offene Grundrisse und gemeinschaftliche Arbeitsbereiche. Wie wird sich dies in einer Post-Covid-19-Welt ändern? Werden Studierende individualisierte Studienräume bevorzugen oder dazu gezwungen sein, diese zu nutzen? Werden Gruppenarbeitsplätze gefragt sein oder gänzlich geschlossen werden? Wenn es Richtlinien für die Grösse von Gruppen gibt, wie werden diese überwacht und durchgesetzt?
Das Entfernen von Tischen und Stühlen wird notwendig sein, um die soziale Distanzierung zu fördern. Technologie kann genutzt werden, um Besuchern zu helfen, Ansammlungen von Einzelpersonen zu vermeiden oder freie Plätze in weniger bevölkerten Bereichen zu identifizieren und zu buchen. Wenn Bibliotheken das Nutzerverhalten untersuchen und versuchen, darauf zu reagieren, sind erhebliche Veränderungen in der Raumgestaltung zu erwarten.
Eine zweite, grössere Herausforderung besteht in der Versorgung der Bevölkerung in unserem derzeitigen Raumangebot. Sollten wir die Anzahl der Besuchenden in unseren Gebäuden weiterhin begrenzen müssen, werden auf dem gesamten Campus mehr Studienplätze benötigt. Wenn wir die Führung bei der Verwaltung und Koordinierung des Zugangs zu diesen neuen Räumen übernehmen, können wir uns über die Geografie unserer Institutionen hinweg besser integrieren.

Das Verschwinden der öffentlichen Technologie

Computerräume sind zwar schon vor einigen Jahren verschwunden, aber Bibliotheken haben immer noch eine grosse Anzahl von öffentlichen Computern und noch grössere Sammlungen von zirkulierender Technologie. Öffentliche Computer könnten in einer Post-Covid-19-Welt der Vergangenheit angehören. Die Bibliotheken werden die Studierenden dazu ermutigen, ihre eigenen Geräte mitzubringen und lediglich Arbeitsumgebungen bereitstellen – Doppelmonitore, gemeinsam nutzbare Bildschirme –, die auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten werden können. Neue Reinigungsroutinen werden entwickelt werden müssen, um einen sicheren Umlauf der Technologie zu gewährleisten, sollte dies weiterhin der Fall sein.

Betrieb

Sicherheit der Mitarbeitenden

Mit persönlicher Schutzausrüstung für die Mitarbeitenden an der Front haben wir uns bereits angefreundet. Zu überdenken ist, ob Arbeit in Schichten dem Schutz der Mitarbeitenden dienlich ist, was aber die Kommunikation und die Erhaltung der Gemeinschaft erschwert. Auch die Büroräume werden neu überdacht werden müssen, da Grossraumbüros der Vorliebe für geschlossene Räume weichen dürfte.

Kontinuierliches Lernen

Die Umstellung auf die Arbeit von zu Hause aus stellte für viele Mitarbeiter eine Herausforderung dar, da sie sich schnell in neue kollaborative Technologien wie Zoom und Teams, WebEx, Box und Google Docs einarbeiten mussten. Die meisten nahmen diese immersive Lernerfahrung an. Bibliotheken sollten diesen Schwung nutzen, indem sie zusätzliche Technologietrainings anbieten und die wesentlichen technologischen Fähigkeiten der Mitarbeiter in dieser neuen Normalität identifizieren. Da die Reisemöglichkeiten noch länger eingeschränkt oder zumindest erschwert sein dürfen, wird die Online-Weiterbildung ebenfalls wichtig bleiben.

Mit weniger mehr erreichen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 werden noch über Jahre hinweg zu spüren sein. Während die Hochschulen um die Aufrechterhaltung der Studentenzahlen und die Reduzierung der Ausgaben kämpfen, werden die Bibliotheken mit Budgetkürzungen, Einstellungsstopps und anderen Ausgabenbeschränkungen konfrontiert sein. Wie können wir mit weniger Personal mehr leisten und gleichzeitig unser Erwerbungsbudget schützen, um einen besseren Online-Zugang zu Inhalten zu ermöglichen? Wir werden Arbeitsabläufe rationalisieren und bestehende Mitarbeiter umschulen müssen, um neue Rollen auszufüllen.

Bibliothekarischer Aktivismus

Auf der ganzen Welt mobilisierten sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare in den sozialen Medien, um zu dokumentieren, wie Bibliotheken auf Covid-19 reagierten. Es ist zu erwarten, dass sich Bibliothekare auch weiterhin für Themen wie Open Access, Urheberrecht, Arbeitnehmerrechte und die Überwindung der digitalen Kluft einsetzen werden.

Um in dieser neuen Realität zu gedeihen, müssen Bibliotheken flinker und reaktionsschneller sein als je zuvor. Wir haben während unserer Zeit in der Quarantäne gelernt und sind gewachsen – wir sind bereit für die Transformation.

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Christopher Cox

Christopher Cox ist Direktor der Bibliotheken der Clemson University in Clemson, South Carolina.


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