Kommentare Abstract
2020/ Abbild und Inszenierung der Gesellschaft

Mehr als ein Archiv

Kommentare Abstract

Das Archiv für Agrargeschichte (AfA) ist ein unabhängiges Institut, das in der Archivierung, Forschung und Wissensvermittlung im europäischen Raum tätig ist. Die vom AfA erschlossenen Archivalien werden von Archiven oder den Aktenbildnern selbst aufbewahrt und der Forschung zugänglich gemacht.

Konzipiert wurde das Archiv für Agrargeschichte (AfA) als virtuelles Archiv, d.h. als Go-Between zwischen den bestehenden Archiven und den Aktenbildnern im Agrar- und Ernährungsbereich. Gleichzeitig bringt das AfA als Relaisstation die historische Forschung und die Archivierung (wieder) in einen funktionalen Zusammenhang. Die Gründung des AfA erfolgte im Jahr 2002, also einem Zeitpunkt, in dem der „shift away from history“ viele etablierte Archive in ihrem Selbstverständnis erschütterte. Die Herausforderung, sich von Institutionen der Aufbewahrung von Archivalien und der Geschichtsschreibung in Zentren des Informations- oder Knowledge-Managements zu verwandeln, führte bei einigen Institutionen zur Bereitschaft, neue Kooperationsformen mit Aktenbildnern einzugehen. Diese Offenheit war eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein virtuelles Archiv überhaupt etablieren konnte. Denn das von den Initianten des AfA in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Bundesarchiv (BAR) entwickelte Konzept konnte nur funktionieren, wenn die von ihm eruierten und erschlossenen Archivbestände von bestehenden Archiven auf der nationalen, kantonalen und lokalen Ebene übernommen wurden.

Entstanden ist die Idee des virtuellen Archivs primär aus finanziellen Gründen, gelang es doch den Initianten (bis heute) nicht, die öffentliche Hand vom Sinn und der Notwendigkeit einer Unterstützung des privaten Engagements zur Sicherstellung der von Frauen, Dienstboten, Agronomen und vielen anderen Akteur*innen im Agrar- und Ernährungsbereich produzierten, archivwürdigen Quellen zu überzeugen. Im Archivbereich finanziert das AfA seine Tätigkeiten deshalb primär mit Beiträgen der Aktenbildner und Zuwendungen Dritter. Im Bereich der wissenschaftlichen Forschung hingegen lebt es von Forschungsgeldern, die bei Institutionen der Forschungsförderung im In- und Ausland in einer kompetitiven Umgebung eingeworben werden.

Bild1 Records Management Afa

Dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts gerade im Agrar- und Ernährungsbereich eine hybride, quasi amphibienartige Institution wie das AfA entstehen konnte, hängt vor allem damit zusammen, dass in den 1990er Jahren in der historischen Forschung ein neues Interesse an Agrar- und Ernährungsfragen erwachte. Entstanden in Grossbritannien, Frankreich oder Österreich neue Zeitschriften oder Forschungseinrichtungen, die mit Universitäten verbunden waren, so bildete sich in der Schweiz eine Institution heraus, die sowohl Kontakte mit bestehenden Archiven, vielen Aktenbildnern im ländlichen (und urbanen) Raum sowie wissenschaftlichen Institutionen auf der nationalen und internationalen Ebene pflegte. Dass hier in den letzten zwei Jahrzehnten weit über zweihundert Archivbestände von Verbänden, Privatpersonen, Behörden und Firmen eruiert, erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht werden konnten, illustriert nicht nur die reichhaltige Quellenlage in der Schweiz, sondern auch die konstruktive Zusammenarbeit von etablierten und neu entstandenen Institutionen. Und es zeigt, dass in Phasen des Umbruchs zuweilen auch neue Kooperationsformen möglich werden, wenn die beteiligten Akteur*innen die Möglichkeiten erkennen und nutzen.

Eine Institution von nationaler Bedeutung

„Die nationale Bedeutung des AfA ist unbestritten. Das Archiv verfügt mit seinem wissenschaftlichen Infrastrukturangebot und dem breit gefächerten Forschungsprogramm über ein spezifisches Profil, das für die geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung von gesamtschweizerischer Bedeutung ist. Die Alleinstellung des AfA ergibt sich aus den virtuell erschlossenen Archivbeständen und den damit verbundenen wissenschaftlichen Hilfsdienstleistungen. Die gute Dokumentationsbasis des AfA eröffnet neue Perspektiven auf die Agrargeschichte. Das AfA ist ein unverzichtbares Bindeglied zwischen den Aktenbildnern und den staatlichen Archiven auf allen föderalen Ebenen.“

Quelle: Auszug aus dem Gutachten des Schweizerischen Wissenschaftsrat (SWR) zuhanden des Staatssekretariates für Bildung-, Forschung und Innovation (SBFI), 2016.

Kommunikation

Ergänzend zur Archivierung von Quellen und zur wissenschaftlichen Forschung ist das AfA auch in der Vermittlung von Informationen und Wissen tätig. Neben der Publikation von Büchern und Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften steht die Vermittlung in Form von Online-Portalen im Zentrum.

Quellen zur Agrargeschichte

Dieses Online-Portal gibt Auskunft über diejenigen Archivbestände, die vom AfA erschlossen worden sind. A-Bestände sind Ablieferungen, die von Archiven zur Aufbewahrung übernommen wurden. Auf dem AfA-Portal wird deshalb lediglich ein externer Link auf die Verzeichnungsdaten im Archivinformationssystem des aufbewahrenden Archivs gesetzt. Die B-Bestände sind vom AfA bewertet, erschlossen und den Aktenbildnern zur Aufbewahrung zurückgegeben worden. Die Verzeichnungsdaten werden auf dem Portal "Quellen zur Agrargeschichte" sowie im „Archives Portal Europe“ publiziert. Die C-Bestände werden im AfA aufbewahrt. Die Verzeichnungsdaten dieser Bestände werden ebenfalls auf den Portalen "Quellen zur Agrargeschichte" und „Archives Portal Europe“ publiziert. Diese Abweichung vom Konzept des virtuellen Archivs erfolgt dann, wenn noch kein Depotarchiv gefunden worden ist oder wenn der Archivbestand zu Forschungszwecken im AfA verwendet wird.

Bild2 Quellenportal Afa

Personen der ländlichen Gesellschaft

Das AfA-Lexikon enthält momentan Informationen zu 6‘500 Personen. Die Einträge werden laufend ergänzt und ausgebaut; sie sind durch rund 15‘000 Links sowohl untereinander als auch mit zusätzlichem Film- und Textmaterial verknüpft. So werden Netzwerke sichtbar gemacht, Zusammenhänge zwischen Institutionen und Personen ersichtlich und direkte Zugänge zu Filmmaterial und Texten möglich. Mit anderen Worten: Die Einträge führen einerseits zu Personen hin, andererseits auch weit darüber hinaus – beispielsweise zur Geschichte von rund 250 Organisationen und Institutionen, deren Repräsentant*innen im Lexikon ebenfalls verzeichnet sind. Zudem sind die Einträge via Metagrid mit den Einträgen in anderen Lexika verlinkt.

Bild3 Personenportal Afa

Filme

Landwirtschaftliche Institutionen und Filmproduzenten stellten ab den 1920er Jahren sowohl Lehrfilme für die Ausbildung der bäuerlichen Bevölkerung als auch Werbe- und Propagandafilme für landwirtschaftliche Produkte her. Wichtig waren Filme im Agrarbereich aber auch zur Selbstdarstellung der bäuerlichen Bevölkerung. Bäuerinnen etwa haben das Medium schon in der Zwischenkriegszeit ausgiebig benutzt. Viele der vom AfA erschlossenen Archivbestände enthalten sowohl Filme als auch Informationen zum agrarischen Filmschaffen.

Zusammen mit der European Rural History Film Association (ERHFA) betreibt das AfA eine Datenbank, die umfangreiche Metadaten zu den bisher bekannten Filmproduktionen aus dem Agrarbereich in Europa und den USA enthält. Rund 10 Prozent der verzeichneten Filme sind digitalisiert und via das vom AfA betriebene ERHF Online-Portal zugänglich.

Bild4 Filmdatenbank Afa

Mitarbeitende

Im AfA arbeiten: Juri Auderset (Forschung), Florian Brodard (Vermittlung, IT), Johanna Bregenzer (Archivierung, Vermittlung), Peter Moser (Leitung), Hans-Ulrich Schiedt (Forschung), Claudia Schreiber (Records Management, Archivierung) sowie Andreas Wigger (European Rural Film Database).

Forschungsprojekte

Das AfA hat in den letzten Jahren im In- und Ausland zusammen mit der European Rural History Organisation (EURHO) mehrere grosse wissenschaftliche Tagungen organisiert und vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) finanzierte Forschungsprojekte durchgeführt. Im Moment sind es zwei thematisch miteinander verknüpfte Projekte, die im AfA bearbeitet werden: Im einen geht es um „Semantiken agrarischer und industrieller Arbeit“, also um das Arbeitswissen, die Produktionsmetaphern und den Wandel der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert; im anderen um die „Kulturen und Raumordnungen der Arbeitstiere“. Hier steht die Schaffung von Grundlagen zu einer Geschichte der tierlichen Trag- und Zugarbeit im Zentrum, die in der Modernisierung des Agrar- und Transportbereichs eine wichtige Rolle spielten.

Bild5_Arbeit_AFA.jpg#asset:12269

Abb. 5: Beobachten, Überlegen und Hand anlegen: Im Agrarbereich funktionierten Tiere und Menschen lange als working companions.

Schreiber Claudia 2020

Claudia Schreiber

Claudia Schreiber leitet im AfA den Bereich Archivierung und Records Management. Zudem führt sie als Geschäftsführerin der Docarit GmbH Aufträge in den Bereichen Datenmigrationen, Records Management und elektronische Archivierung durch. Als Rechtsanwältin berät sie in der Advokatur Schreiber Klienten auch in archivrechtlichen sowie in BGÖ- und DSG-relevanten Fragen und engagiert sich mit Vorträgen und Kursen zur elektronischen Kanzlei und zur digitalen Forensik für die digitale Transformation im Archiv-, Advokatur- und Notariatsbereich.

Claudia Schreiber hat an der ETH Zürich ein Studium der Agronomie absolviert und danach an der Universität Neuenburg Rechtswissenschaften studiert. In den Jahren 2017 bzw. 2019 absolvierte sie das CAS FHNW Digital Data Management sowie das CAS HWZ Process Management. Privat engagiert sich Claudia Schreiber zudem in den Bereichen OpenSource (bspw. im Verein OpenOlitor: www.openolitor.org) sowie OpenData (bspw. Verein entscheidsuche.ch).

Bildquellen

Abb. 1: https://www.vananderoye-cartoo... /AfA

Abb. 2: https://www.sources-histoireru...

Abb. 3: https://www.histoirerurale.ch/...

Abb. 4: https://ruralfilms.eu/filmdata...

Abb. 5: Archiv für Agrargeschichte

Kommentare

*Pflichtfeld

Abstract

Das AfA ist ein Go-Between zwischen den Archiven und den Aktenbildnern. Als Relaisstation bringt es die historische Forschung und die Archivierung (wieder) in einen funktionalen Zusammenhang. Eigene Online-Portale sowie Drittportale wie Archives Portal Europe dienen der Vermittlung. Zur Sicherstellung und Archivierung von Quellen in digitaler Form begleitet das AfA Aktenbildner im Agrar- und Ernährungsbereich bei der Konzeption und Umsetzung ihres Informationsmanagements.

Les archives de l'histoire rurale (AHR) sont un intermédiaire entre les archives et les gestionnaires d’information. En tant que station relais, elle place (à nouveau) la recherche historique et l'archivage dans un contexte fonctionnel. Elle utilise ses propres portails en ligne pour la médiation, ainsi que des portails tiers tels que "Archives Portal Europe". Pour sauvegarder et archiver les sources sous forme numérique, les AHR accompagnent les gestionnaires du secteur agricole et alimentaire dans la conception et la mise en œuvre de leur gestion de l'information.