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2015/2 Herausforderung Urheberrecht

E-Books in Bibliotheken

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Vom neuesten Buch des Bestsellerautors Martin Suter kauft jede öffentliche Bibliothek mindestens ein Exemplar und überdies das Hörbuch. Doch das E-Book des Bestsellers darf sie nicht kaufen. Dass Bibliotheken die im freien Markt angebotenen Publikationen nicht erwerben und zur Ausleihe bereitstellen können, ist eine neue, sehr unerfreuliche Entwicklung. Der folgende Artikel beschreibt, wie öffentliche Bibliotheken mit dem kargen Angebot von Monopolisten leben müssen, während Universitätsbibliotheken sich mit vielfältigen, komplexen und sehr aufwendigen E- Book-Lösungen zurechtfinden müssen. 

Das Problem mit den E-Books und E-Medien im Allgemeinen beginnt damit, dass man sie nicht wirklich kaufen kann. Wer ein E-Book erwirbt, wird nicht Eigentümer, sondern erhält nur eine Lizenz zur Nutzung. Wie diese Nutzung aussieht, bestimmt der Lizenzgeber – in der Regel der Verlag. Theoretisch können Bibliotheken Lizenzen für alle E-Books erwerben, die auf dem Markt angeboten werden. Wenn aber der Lizenzvertrag keine Ausleihe erlaubt, ist der Erwerb für Bibliotheken sinnlos. Viele E-Books sind denn auch nicht ausleihbar, weil die Verlage befürchten, das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Musikindustrie, deren Produkte grenzenlos kopiert werden.

Dabei gibt es beispielsweise für das Download-Verfahren die seit Jahren bestens bewährte Technologie des Digital-Rights-Managements (DRM). Diese Technologie sorgt dafür, dass E- Books einer Bibliothek nicht beliebig kopierbar sind und nur während eines klar definierten Zeitraums gelesen werden können. Das Misstrauen der Verlagsbranche führt dazu, dass öffentliche Bibliotheken mit dem kargen Angebot von Monopolisten leben und wissenschaftliche Bibliotheken einen hohen Aufwand treiben müssen, um ihrer Kundschaft die gewünschten Medien anzubieten.

Die heutige unbefriedigende Situation wird im Folgenden für die öffentlichen Bibliotheken am Beispiel der Stadtbibliothek Basel und für wissenschaftlichen am Beispiel der Universitätsbibliothek Basel beschrieben.

E-Books in der Stadtbibliothek Basel

Öffentliche Bibliotheken können nicht einfach E-Book-Lizenzen kaufen und sie in ihrem Onlinekatalog anbieten. Dazu müssten sie über anspruchsvolle technische Voraussetzungen verfügen, die sicherstellen, dass das DRM der E-Books beim Download einwandfrei funktioniert und so das unerlaubte Kopieren verhindert. Zudem müssten die Bibliotheken mit jedem einzelnen Verlag über die Nutzungsrechte der E- Books verhandeln. Diese Aufgabe übernimmt für die öffentlichen Bibliotheken ein sogenannter Aggregator, der Lizenzen bei Verlagen einkauft und unter Einhaltung des DRM auf einer elektronischen Ausleihplattform zur Verfügung stellt.

Die beiden wichtigsten Aggregatoren im deutschsprachigen Raum sind Divibib und Ciando. Divibib ist mit aktuell über 2000 angeschlossenen Bibliotheken der weitaus grösste Anbieter – er nimmt fast schon eine Monopolstellung ein. Eine Bibliothek schliesst sich entweder alleine oder in einem Verbund mit anderen der vom Aggregator angebotene Ausleihplattform an.

Die Stadtbibliothek Basel schloss sich im Herbst 2013 zusammen mit den Stadtbibliotheken Aarau, Winterthur, Zürich und Zofingen als Städteverbund «Bibnetz Onleihe Schweiz» der Plattform Divibib an. Divibib bietet den öffentlichen Bibliotheken zwar sehr viele E-Lizenzen an. Aber oft sind es ältere Titel. Grosse Verlage fehlen, was dazu führt, dass von der aktuellen Print-Bestsellerliste vielleicht 40 Prozent als E-Books für Bibliotheken käuflich sind. Dieser Umstand führt dazu, dass das Medienangebot aller Onleihe-Verbünde sehr unterhaltungslastig, aber dennoch nicht komplett ist. Die Kundschaft versteht zum Beispiel nicht, warum die Bibliothek den überall erhältlichen neuen Martin Suter nicht im Angebot hat. Das führt dazu, dass E-Books für öffentliche Bibliotheken ein Nebengeschäft bleiben. Den Verlagen entgehen somit viele Absatzmöglichkeiten.

Überträgt man diese Situation auf die analoge Welt, so müssten alle öffentlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum ihre Bücher lediglich in zwei Buchhandlungen einkaufen können. Dabei wäre eine der beiden Buchhandlungen grösser als die andere. Sie würden den Bibliotheken auch nicht alle Bücher liefern, die andere kaufen können, und sie würden noch vorschreiben, wie sie ausgeliehen werden dürfen. In der analogen Welt würde in einer solchen Situation wohl die Kartellbehörde aktiv. 

E-Books an der Universitätsbibliothek Basel 

Im Unterschied zur Stadtbibliothek Ba- sel werden die E-Books nicht «ausgeliehen», sondern stehen zum Online-Lesen im Netzwerk der Universität Basel zur Verfügung.

Erwerbung

Um ein E-Book zu erwerben, muss zunächst abgeklärt werden, ob es überhaupt als institutionelle E-Book-Lizenz erhältlich ist. Diese muss es der Universitätsbibliothek erlauben, den Angehörigen der Universität (Mitarbeiten- den, Studierenden etc.) und den Walk-in-Usern das E-Book zur Verfügung zu stellen. Der Zugang muss über eine Kontrolle der IP-Adresse erfolgen. Häufig erweist es sich schon als sehr problematisch herauszufinden, ob ein als Print geplantes Buch auch als institutionelle E-Book-Lizenz erhältlich ist. Man ist gut beraten, die Abklärungen an die Lieferanten weiterzugeben, wenn die Recherche aufwendig auszufallen droht.

Selbst die Verlage können über die Erscheinungstermine ihrer E-Books häufig nicht zuverlässig Auskunft geben. Es kann vorkommen, dass die Onlineversion – wenn überhaupt – erst viel später erscheint als die Printversion.

Der E-Book-Markt

Die grosse Auswahl an Verlagen und Aggregatoren – hier ganz anders als bei den öffentlichen Bibliotheken – macht es nicht einfach, einen Überblick über deren verschiedene Vertriebsmodelle zu gewinnen, denn die Anbieter sind diesbezüglich sehr erfinderisch. Manche bieten ihre E-Books nur als Fach- oder Jahrespakete an (Pick & Choose ist nicht möglich), andere legen Mindesterstbestellmengen oder eine Mindestbestellsumme pro Bestellung fest.

Solche Hürden können den Erwerb eines E-Books verhindern, obwohl der Titel eigentlich als E-Book angeboten wird. Die Preisgestaltung ist so heterogen wie die Vertriebsmodelle. Als Berechnungsgrundlage dienen zum Beispiel die Grösse der Institution oder die Anzahl gleichzeitiger Nutzer. Beim sogenannten «Kauf» (einmalige Kosten) – obwohl rechtlich nur eine Lizenzierung – erwirbt man den fortwährenden Zugang (perpetual access) zum E-Book, während bei einer «Lizenz» (wiederkehrende Kosten) der Zugriff meist wegfällt, wenn man die Lizenz nicht erneuert.

Benutzung

Das Hosting der E-Books erfolgt auf den Plattformen der Anbieter. Verlage betreiben eigene Plattformen oder vertreiben ihre E-Books über Aggregatorenplattformen (z.B. ebrary, E-Book Library, Dawsonera, Ciando), und manche Verlage tun beides.

Der Benutzer wird über Links im Katalog zu den externen Inhalten geführt und landet auf der Plattform des Anbieters, bei dem die Bibliothek das E-Book erworben hat. Das heisst, er muss sich auf verschiedensten Plattformen mit unterschiedlichen Nutzungsbedingungen zurechtfinden.

Aus Nutzersicht wäre es natürlich wünschenswert, sämtliche E-Books auf einer einzigen Plattform im Volltext durchsuchen und ohne Einschränkungen nutzen zu können. Leider gibt es diese eine Plattform nicht, es sei denn, man beschränke sich bei der Literaturauswahl ausschliesslich auf einen Verlag oder Aggregator. Doch selbst Aggregatoren decken nicht alle Verlage ab. Da für die verlagseigenen Plattformen meist nutzerfreundlichere Bedingungen (bezüglich Drucken, Kopieren, Download, unlimitierten Zugang) zum ungefähr gleichen Preis gelten, zieht die UB Basel diese den Aggregatorenplattformen vor. 

Glossar: Onleihe und online

Bei der Onleihe ist ein Download über Adobe Digital Editions erforderlich. Für solche Dokumente besteht in der Regel ein DRM mit Adobe Digital Editions. Die Anzahl gleichzeitiger User und die zur Verfügung stehende Zeit für die Nutzung sind in der Lizenz geregelt. Beim Lesen online dagegen sind die E-Books im Netzwerk der Universität einsehbar. Je nach Lizenz können eine Person (single user), mehrere Personen (z.B. 3 user) oder alle simultan (multiuser) zugreifen. Erlaubt der Anbieter den Download, kann das Dokument (ganz, kapitel- oder seitenweise) als PDF und ohne DRM heruntergeladen werden.

Glossar: Onleihe-Lizenztypen

M-Lizenz – Der Standard: Ein Exemplar wird an jeweils einen Kunden verliehen. Erst nach Ablauf der Leihfrist ist das Medium wieder verfügbar.

L-Lizenz – Unbeschränkter Download für Titel, die mindestens zwei Jahre alt sind.

XL-Lizenzen – Gleichzeitiger Mehrfachdownload für aktuelle Titel mit definierter Anzahl Downloads zu einem Kompaktpreis. Ist die festgelegte Anzahl an Ausleihen «aufgebraucht», bleibt das Medium automatisch in zwei klassischen M-Lizenzen erhalten. 

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Andrea Hofer

I+D-Spezialistin Andrea Hofer arbeitet an der Universitätsbibliothek Basel in der Erwerbung E-Media, wo sie zuständig ist für E-Books und Datenbanken. Sie ist Mitglied der BIS-Expertenkommission Weiterbildung. 

Egli Klaus 2015

Klaus Egli

Lic. phil. I Klaus Egli ist Direktor der GGG Stadtbibliothek Basel. Er ist Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken (SAB/ CLP) wie auch Mitglied im Vorstand des BIS. 

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Le marché des e-books ne fonctionne pas de la même manière que le marché des livres imprimés. Les e-médias ne peuvent pas être achetés, on n’acquiert qu’une licence qui donne droit à l’utilisation, soit à la lecture. Or les maisons d’édition craignent que leurs produits soient copiés et distribués sans contrôle, raison pour laquelle beaucoup de ces licences ne permettent pas le prêt; pour une bibliothèque, l’achat d’une telle licence est vain. Afin de limiter le nombre de copies digitales, on a recours à la technologie du digital rights management (DRM). Mais faute de possibilités techniques, les bibliothèques publiques ne peuvent pas acquérir elles-mêmes les licences et mettre ainsi à disposition les e-books dans leur catalogue, mais elles doivent recourir aux services d’agrégateurs, qui eux acquièrent des licences et mettent en œuvre des solutions logicielles d’accès et de prêt numérique. Or le choix proposé par ces agrégateurs est restreint, et il est incompréhensible pour les clients de savoir pourquoi leur bibliothèque ne propose pas tel et tel e-book – surtout s’il peut être acheté ailleurs.

La situation se présente de façon différente pour les bibliothèques universitaires. Elles doivent clarifier chez une multitude de maisons d’édition et d’agrégateurs si une publication sera publiée en tant qu’e-book, quand cela sera le cas, comment elle peut être acquise et sous quelles conditions elle peut être mise à disposition. La multitude et l’hétérogénéité des offres, des moyens d’accès et des conditions d’utilisation engendrent un effort immense pour les bibliothèques et n’est pas du tout ergonomique pour les clients.