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2014/1 Der Alpenraum – ein Kulturraum

Das Kulturarchiv Prättigau

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Entstanden aus privater ehrenamtlicher Initiative leistet das Kulturarchiv Prättigau einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Erschliessung von Dokumenten und Unterlagen über die ganze Region. In Zusammenarbeit mit dem Verein Museen Graubünden (Seit November 2013 gehören alle Bündner Kulturarchive dem Verband Museen Graubünden an. Das KAP ist neben dem Heimatmuseum Arosa-Schanfigg und der Dokumentationsbibliothek Davos das einzige Kulturarchiv mit Dokumenten ausschliesslich aus dem deutschsprachigen Bereich.) erfolgten in den letzten Jahren wichtige Schritte in Richtung Professionalisierung und Qualitätssicherung. Von einer engeren Zusammenarbeit zwischen dem Kulturarchiv Prättigau und weiteren kleineren Prättigauer Museen – beispielsweise über Leistungsvereinbarungen – könnten in Zukunft alle Beteiligten profitieren.

«Westdubuque 10 März 1900: Geliebte Schwester u Angehörige! … Nun will ich euch berichten, meine gegenwärtig unangenehme Lage, letzte Woche war ich u unser Pfarrer Luz in Wisskonsin, u haben uns eine gute Farm gekauft 164 Ackre, für

2600 Th …»2


Dieser Brief der Auswandererwitwe Magdalena Wendt-Wieland aus dem

Kulturarchiv Prättigau (KAP) wurde im Rahmen einer Ausstellung zum Thema «auswandern – heimkehren»3 im Kulturhaus Rosengarten in Grüsch präsentiert, zusammen mit Briefen von Auswanderern, die später wieder zurückgekehrt sind. Dazu Fotos aus deren Nachlass, die Verwandte in die Dokumentation gebracht haben. Das Haus zum Rosengarten – Kulturzentrum und Begegnungsstätte für die Prättigauer Bevölkerung – beherbergt neben dem Kulturarchiv auch einen Ausstellungsbereich, ein Kellertheater, das Prättigauer Heimatmuseum und eine Leihbibliothek. Und nicht selten kommt es zu einer interessanten Kooperation, zum Beispiel im Rahmen eines Ausstellungsprojektes. Dann kommen Dokumente aus dem Archiv zu ihrem «Auftritt» vor einem grösseren Publikum.

Das Kulturarchiv Prättigau (KAP) besteht seit 1989 und belegt drei Räume im Obergeschoss des Kulturhauses Rosengarten in Grüsch. Die Stiftung Haus Rosengarten, Eigentümerin der Sammlung, stellt dem Archiv die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung. Betreut wird das KAP von einer freiwilligen Arbeitsgruppe, welche die Öffnungszeiten (an Wochenenden) abdeckt, für Führungen zur Verfügung steht und kleinere Anlässe organisiert. Der Aufbau dieser «regionalen Dokumentationsstelle» geht auf die Initiative von Domenica von Ott zurück.

Das KAP bildet – in Ergänzung zum Heimatmuseum Prättigau – die zentrale Anlaufstelle für Kultur, Geschichte und Brauchtum des Tales. In die Sammlung aufgenommen werden Dokumente mit Bezug zum Prättigau bzw. seinen Gemeinden, die anschaulich und repräsentativ Wissenswertes vom Leben im Tal, von seinen Bewohnern und der Kultur- und Naturgeschichte des Prättigaus vermitteln. Die Sammlung des KAP besteht aus Archivteil, Handbibliothek und Dokumentation.

Auf einer Ansichtskarte aus der Gemeindeschachtel «Schiers» ist das «Spital Schiers, ca. 1909» abgebildet (Abb.2). Das Thema ist im Prättigau sehr aktuell, da das alte Regionalspital zurzeit abgerissen und an seiner Stelle ein Neubau errichtet wird. Viele Besucherinnen und Besucher des Archivs interessieren sich heute wieder für die Bauetappen des alten Spitals und reaktivieren ihre Erinnerungen mithilfe dieser Ansichtskarten. – Das Bildmaterial (Fotos, Ansichtskarten) aus den einzelnen Prättigauer Gemeinden wird besonders oft eingesehen. Im Rahmen eines Projekts konnte zudem vor wenigen Monaten Filmmaterial aus dem Nachlass des Filmers Armanno Abeni aus Küblis digitalisiert und damit einem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden: Abeni hat im Zeitraum 1972 bis 2003 verschiedene Ereignisse im Prättigau mit der Kamera festgehalten, beispielsweise die Einweihung der Kuhalp Valpun im Jahr 1972, die Schlittenfahrt in Klosters 1989 oder die Viehschau in Jenaz 1979⁴. Das im Archiv vorhandene Material zu den einzelnen Gemeinden umfasst neben den Bilddokumenten⁵ auch schriftliche Einzeldokumente wie Rechnungen, Briefe und Gemeindedruckschriften. Zu den Archivbeständen gehören ausserdem das Depositum Domenica von Ott, der umfangreiche Nachlass mit Dias und Fotos von Dr. Ernst Kobler und der ebenfalls beachtliche Bestand Rosina Kuhn-Müller (Moulagistin und Ehefrau des Komponisten Max Kuhn), der neben Astronomischem auch Familienakten, Fotos und Briefe enthält. Erwähnenswert ist auch das noch unbearbeitete Archivgut der Mühle Lietha, der St. Antönier Töpferei Ascharina und von Jost Elektro. Dazu kommen alte Drucke (Druckschriften bis zum 19. Jahrhundert) mit und ohne Provenienz.

Einen zentralen Bestandteil der Handbibliothek bildet die Bündnergeschichtliche Bibliothek, welche die mit der Familie Ott befreundete Historikerin Dr. Elisabeth Meyer-Marthaler dem Archiv testamentarisch vermacht hat. Hier finden sich die meisten grundlegenden Werke zur Geschichte Graubündens, darunter das Bündner Urkundenbuch (3 Bde. 1955; 1972/73; 1961–85) und die Kulturgeschichte der Drei Bünde von Sprecher/Jenny (1951). Weiter finden sich in der Handbibliothek interessante Titel zur Kultur des Tales, darunter die Haussprüche im Prättigau von Robert Rüegg⁶.

Die Dokumentation umfasst Stammbäume von rund zwei Dutzend Prättigauer Familien und diverse Zeitungsausschnitte⁷; zudem auch Material zu früheren Ausstellungen sowie Heimatkundearbeiten von Absolventinnen und Absolventen des Lehrerseminars und Abschlussarbeiten von Maturandinnen und Maturanden der Evangelischen Mittelschule Schiers mit thematischem Bezug zum Prättigau.

Im Rahmen des Regio-Plus-Projektes «museen/musei/museums graubünden», einer von Bund, Kanton und dem Verein Museen Graubünden getragenen Initiative, wurde 2006 ein Prozess der Zielfindung und Strukturverbesserung im Rosengarten eingeleitet. Dabei ging es um «[…] eine stärkere Professionalisierung zur besseren Führung der ehrenamtlichen Arbeit und zur Qualitätssicherung.⁸≫ Dank der Masterarbeit des HTW-Studenten Urs Schwarz⁹ liegen seit 2008 konkrete Vorschläge zur Umsetzung dieser Forderung nach einer Professionalisierung der Betriebsführung in Bezug auf das Kulturarchiv Prättigau vor. Auf dieser Basis wurde das Projekt «Zukunft Kulturarchiv Prättigau» entwickelt und durch Brigitta Pflugfelder und Urs Waldmann10 umgesetzt. Im Vordergrund standen dabei umfangreiche Inventarisierungsarbeiten (September 2011 bis Dezember 2013): Ziel war das Erstellen eines Basisinventars mit MuseumPlus, das Aussagen über Menge, Qualität, Sammlungsschwerpunkte und zeitliche Einordnung der Archivalien und Dokumente ermöglicht. Diese Arbeit ist auch im Hinblick auf eine engere Zusammenarbeit mit anderen Archiven und Museen wichtig.

Ein Teil des vorhandenen unerschlossenen Archivguts wurde inventarisiert, aufgearbeitet, geordnet und damit einem interessierten Publikum zugänglich gemacht. Finanziert wurde das Projekt durch den Kanton Graubünden (Kulturförderung), die Stiftung Haus Rosengarten und weitere private Stiftungen und Sponsoren.

Rückblick auf die Inventarisierungsarbeiten: In der Gemeindeschachtel «Schiers» findet sich ein Taufzettel von Rudolf Reidt (geb. 1843). Zudem zwei Schulzeugnisse derselben Person. Auch im Absenderfeld mehrerer an anderer Stelle im Archiv abgelegter Briefe aus Kalisch (Polen), u. a. aus dem Jahr 1881, taucht der Name Rudolf Reidt auf. So zeigt sich bei der Durchsicht der Archivschachteln zu den einzelnen Gemeinden immer wieder, dass diverse hier abgelegte Zeugnisse Rückschlüsse auf die Geschichte von Familien und Institutionen in einem bestimmten Zeitraum zulassen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Recherche zur Familiengeschichte ist eine detaillierte Aufnahme der in den Gemeindeschachteln abgelegten Eingänge hinsichtlich Personen, Familien, Ereignissen und Örtlichkeit. Diese Basis konnte im Rahmen des Inventarisierungsprojekts teilweise geschaffen werden. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher des Archivs interessieren sich für genealogische Zusammenhänge und Stammbäume; immer wieder kommen dazu Anfragen von aussen. In Zukunft könnte man vom Archiv her dazu übergehen, noch vermehrt Stammbäume zu sammeln. Dies im Kontext einer Überarbeitung des aktuellen Sammlungskonzepts und im Sinne eines Übergangs zu einer aktiven Sammlungspolitik.

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Nicolas Sprecher

Verein Heimatmuseum Prättigau

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Née d’une initiative privée, les Archives culturelles de Prättigau fournissent une importante contribution à la préservation et à l’inventorisation des documents de toute la région. En collaboration avec l’Association des musées des Grisons, des étapes importantes ont été franchies ces dernières années vers la professionnalisation des activités et l’assurance de la qualité. Tous les milieux concernés pourraient profiter à l’avenir d’une étroite collaboration entre les Archives culturelles de Prättigau et d’autres musées de plus petite taille de la région, notamment via des contrats de prestations. (Traduction: sg)