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2007/4 Informationskompetenz – Schlüsselqualifikation für Spezialisten, Notwendigkeit für Nutzer

Unterricht im Wandel, Schulbibliothek im Wandel

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1. Schulbibliotheken im Umbruch

Schulbüchereien im Klassenzimmer haben in der Schweiz lange ein beschauliches Dasein geführt. Die Betreuung von Buchbeständen an Schulen war lange eine Nebenaktivität der Lehrerinnen und Lehrer. Erst im letzten Jahrhundert wurden auf Mittelschulebene eigentliche Schulbibliotheken geschaffen. Das Aufkommen der Bibliotheksautomatisierung, das Aufkommen des Internets und neue Erkenntnisse der Pädagogik haben die Schulbibliotheken aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Mit der Durchsetzung des Internets in allen Bereichen stellt sich die Frage nach dem Rollenverständnis von Schulbibliotheken neu.

Mit der Einführung der Maturaarbeit durch das Maturaanerkennungsreglement (MAR) und der Einführung der Berufsmaturität in Berufsschulen sind die schweizerischen Schulbibliotheken einem erhöhten Anpassungsdruck ausgesetzt. Die abgeschlossene Vernehmlassung zu einer Überarbeitung des MAR macht deutlich, dass damit noch kein Endstand erreicht istBosshard, Rolf: Fehlanreize bei der Maturität beseitigen, NZZ online vom 29.5.2007, http://www.nzz.ch/2007/04/23/s... (zuletzt besucht am 25.10.2007)..

Im Folgenden wird in Grundzügen dargelegt, worin die Ziele der Schulbibliotheken bestehen sollen. In einem zweiten Schritt ist zu fragen, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf neuere Lehr- und Lernformen und die Arbeit von Bibliotheken, insbesondere von Schulbibliotheken, haben. In einem dritten Teil wird dargelegt, wie in schweizerischen Schulbibliotheken auf diese Herausforderungen reagiert werden kann und welche Schlussfolgerungen auf die künftige Arbeit in Schulbibliotheken zu ziehen sind.

2. Welche Ziele sind anzustreben?

Die Aufgaben der Schulbibliothek werden im Schulbibliotheksmanifest der UNESCO wie folgt umschrieben:

«Die Schulbibliothek stellt Informationen und Ideen zur Verfügung, die grundlegend für ein erfolgreiches Arbeiten in der heutigen informations- und wissensbasierten Gesellschaft sind. Die Schulbibliothek vermittelt den Schülern die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen, entwickelt die Phantasie und befähigt sie so zu einem Leben als verantwortungsbewusste Bürger.»Lehren und Lernen mit der Schulbibliothek. Das Schulbibliotheksmanifest der UNESCO http://www.ifla.org/VII/s11/pu.... (zuletzt besucht am 25.10.2007). 

Schulen sind somit Lehr- und Lernorte, verstehen sich aber auch als Kommunikations- und Sozialisationsorte. Im Unterricht, beim Einüben und selbständigen Lernen bieten Schulbibliotheken sowohl gedruckte wie auch elektronische Medien an. Deren Nutzung und wirkungsvolle Handhabung muss durch die Schulbibliothek/Schulmediothek nachhaltig gefördert werden. Schulbibliotheken gehören deshalb zur Grundausstattung jeder Schule. Sie sind in Gestaltung und Ausbau jeweils abhängig vom Schulprofil, der Aufgabenstellung und den lokalen Gegebenheiten.

Das Schulbibliotheksmanifest der UNESCO fordert zur Umsetzung der Ziele für Schulbibliotheken auf. Dazu ist die Schulbibliothek in den Erziehungsprozess zu integrieren.

Die nachstehenden Punkte sind wichtig für die Entwicklung der Lese- und Schreibfähigkeit, der Informationskompetenz, des Lehrens, Lernens, der Kultur insgesamt und gehören deshalb zum eigentlichen Kern der pädagogischen Leistungen einer Schulbibliothek:

– Unterstützung und Förderung der Erziehungsziele, wie sie in den Aufgaben und Lehrplänen der Schule umrissen sind;

– Entwicklung und Erhaltung des Lesens und der Lesefreude sowie am Lernen, im Hinblick auf lebenslange Benutzung von Bibliotheken;

– Anbieten von Gelegenheiten für die Erfahrungsgewinnung beim Erschaffen und Gebrauch von Informationen zum Zweck des Wissens, des Verständnisses, der Phantasie und des Vergnügens;

– Unterstützung aller Schüler beim Erwerb und der Anwendung von Kompetenzen für die Bewertung und Nutzung von Informationen, unabhängig von Form, Format oder Medium, einschliesslich der Sensibilisierung für die Art und Weise der Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft;

– Bereitstellen des Zugangs zu lokalen, regionalen, nationalen und globalen Ressourcen und Schaffen von Gelegenheiten, die die Lernenden den unterschiedlichen Ideen, Erfahrungen und Meinungen aussetzen;

– Organisation von Aktivitäten, die das kulturelle und soziale Bewusstsein und die Sensibilität fördern; 

–  Zusammenarbeit mit Schülern, Lehrern, der Verwaltung und der Elternschaft, um den Auftrag der Schule zu erfüllen;

–  Verbreitung der Auffassung, dass die intellektuelle Freiheit und der Zugang zu Informationen unabdingbar sind für eine verantwortliche und effektive Teilnahme an der Demokratie und der Ausübung der Bürgerrechte;

–  Förderung des Lesens sowie der Mittel und Dienste der Schulbibliothek für die ganze Schulgemeinschaft und darüber hinaus.

3. Wie sollen Schulbibliotheken auf diese Zielsetzungen reagieren?

Bei der Realisierung dieser Ziele hat die Schulbibliothek einen aktiven Beitrag zur Informations- und Medienkompetenz zu leisten und kann sich nicht wie bisher nur auf eine den Unterricht unterstützende Funktion beschränken.

Eine technische Voraussetzung zur Erreichung der genannten Ziele ist bereits verwirklicht:

– Die Informatisierung der Bibliotheken

– Die Verbindung zum World Wide Web

Diese Entwicklung bringt es mit sich, dass die Bibliotheken einen physischen und virtuellen Medienbestand zu betreuen haben. Darüber hinaus werden die Nutzungsorte vernetzt und damit zahlreicher als bisher. Dazu gehören:

– die Schule

– der Wohnort

– die Schulbibliothek sowie die ihr angeschlossenen Bibliotheken.

Als Folge dieser Entwicklungen ist klar, dass die Schulbibliotheken die Informations- und Medienkompetenz in der Mittelschule vermitteln sollen.

Was ist unter der viel beschworenen Informationskompetenz zu verstehen?

Fünf Elemente machen die Informationskompetenz aus:

1. Kenntnis des Umfangs und der Art der benötigten Information

2. der effiziente und effektive Zugang zu dieser Information

3. die Evaluation und Integration der Information in das eigene Wissen

4. die Nutzung der Information zur Erreichung eines bestimmten Ziels

5. die damit verbundenen ökonomischen, rechtlichen und sozialen Fragen um die Informationsnutzung.

Unter Medienkompetenz werden in der Literatur folgenden Fähigkeiten zusammengefasst:

1. Medien auswählen und nutzen können,

2. Medien verstehen und bewerten können,

3. Medien gestalten und verbreiten,

4. Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten,

5. Produktionsbedingungen von Medien zu erkennen und zu beurteilenBaacke, Dieter, Medienpädagogik, Tübingen, 1997. Ders., Zum Konzept und zur Operationalisierung von Medienkompetenz, siehe http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/agn/ag9/Texte/MKompetenz1.htm, zuletzt besucht am: 30.10.07. Gerhard Tulodziecki, Medienkompetenz als Aufgabe von Unterricht und Schule, siehe: http://www.fwu.de/semik/publikationen/downloadstulo_vortrag.pdf, zuletzt besucht am: 30.10.07..

Damit soll auch deutlich gemacht werden, dass die künftige Rolle der Bibliothek über die bisher gepflegte Benutzerschulung hinausgeht. Die Informationssuche darf sich nicht mehr nur auf den Katalog des Medienbestandes der eigenen Bibliothek beschränken, da die heutigen Mittelschüler selbstverständlich ihren Zugang zum Internet mit all seinen Informationsressourcen erwarten. Zur Informations- und Medienkompetenz wird auch die Verarbeitung der gefundenen Information hinzu gerechnet.

Das Ausbildungsziel für Schüler, um kompetent mit Information und Medien umgehen zu können, umfasst:

– die erfolgreiche und effiziente Informationssuche

– die kompetente Bewertung relevanter Information und kritische Bewertung der Quellen

– die kreative und zielgerichtete Einsetzung von Informationen

– die Kenntnis und Wertschätzung verschiedener Informationsmedien und -quellen

– die Kenntnis des Gebrauchs von Informationstechniken und der Informationen

– die Weiterbildung in den Techniken der Informationssuche- und -weitervermittlung in ökonomischer, sozialer und rechtlicher Hinsicht

– Die Verarbeitung und Darstellung der Information.

Es stellt sich somit die Frage, welche Ressourcen und Fähigkeiten benötigt werden. Schülern und Studenten fehlt weitgehend die Fähigkeit, sich in der Informationsflut gezielt zurechtzufinden. Die überwiegende Anzahl der Mittelschüler surft gerne im Internet, steht aber weitgehend hilflos vor der Aufgabe, im World Wide Web gezielt Antworten auf ihre Fragen zu finden. Nicht der technische Umgang mit Soft- und Hardware stellt dabei ein Problem dar, sondern die Abschätzung des eigenen Informationsbedarfs und darauf aufbauend eigene Recherchestrategien. Im Weiteren gehört es zum kompetenten Umgang mit Information dazu, die gefundenen Informationen bewerten und einordnen zu können, damit sie das persönliche Wissen vergrössern und bereichern.

Schulbibliotheken müssen heute nicht nur den formellen Lernprozess unterstützen, sondern auch den informellen Lernprozess fördern. Dies bedeutet, dass Schulbibliotheken nicht nur das formelle Lernen innerhalb des Schulunterrichts unterstützen, sondern auch die Lernprozesse ausserhalb der Schule fördern. Das eigengesteuerte Lernen soll unterstützt und damit die Eigeninitiative der Schüler gefördert werden. Die Schüler sollen in die Lage versetzt werden, sich eigenständig Themen zu setzen, selbstständig Informationen systematisch zu suchen und zu beschaffen. Die so erhaltenen Informationen sollen selbstständig verarbeitet und damit auch bewertet werden. Dann sollen die einzelnen Informationen miteinander verbunden werden und damit situativ neues Wissen schaffen. Damit steht der Lehrer nicht mehr in jedem Moment im Mittelpunkt, sondern die Schüler werden in zunehmendem Mass selber über die Methode entscheiden, wie sie zu den benötigten Informationen kommen. Schulbibliothekare spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie beraten die Schüler, wie sie zu den notwendigen Informationen kommenZum aktuellen Stand sichtbarer Initiativen in Deutschland und der Schweiz, vgl. den Beitrag von Luzian Weisel mit dem Titel «Hat die Vermittlung von Informationskompetenz in Schule und Unterricht eine Chance?» in diesem Heft..

Mit den gewandelten Anforderungen an den Unterricht stellen sich auch neue Anforderungen an die Schulbibliotheken. Sie werden zu einem integrativen Bestandteil des Unterrichts selbst und zu einem eigenständigen Unterrichtsort. Mit ihren gegenwärtigen Zielsetzungen werden die Schulbibliotheken diese Aufgabe so nicht bewältigen können.

4. Die Schweizer Realität

In der Schweiz ist in den letzten Jahren auf Universitätsebene einiges getan worden, um die Bibliothek vermehrt in die Ausbildungsziele der einzelnen Studienrichtungen einzubeziehen. Neben generellen Angeboten, die die Informationskompetenz der Studenten erhöhen, wurden auch gezielt in einzelnen Studienrichtungen Module eingebaut, die die fachspezifische Informationskompetenz erhöhen. So bietet beispielsweise die Zentralbibliothek Zürich im Basismodul des Geschichtsstudiums der Universität Zürich eine integrierte Lehrveranstaltung zur Erhöhung der Informationskompetenz an.

Den Studierenden werden dabei die Recherchen in einschlägigen, von der Zentralbibliothek lizenzierten Fachdatenbanken erklärt und eingeübt. Die Veranstaltung findet im Rahmen einer Doppellektion während der ordentlichen Semesterveranstaltung statt. Sie wird ergänzt durch einen obligatorischen Besuch der am Modul Teilnehmenden in der Zentralbibliothek, der eine Führung durch die Bibliothek in ihrer Funktion als Universitätsbibliothek beinhaltetSiehe den Artikel von Matthias Müller und Oliver Thiele, «Zielgruppengerecht und pragmatisch», in diesem Heft, sowie deutsche Beispiele in: B.I.T.-online 10, nr. 3 (2007), insbesondere die Beiträge von Wilfried Sühl-Strohmenger, S. 197 und Gabriela Blum, S. 213..

Auf der Ebene der Schweizer Mittelschulen wird jedoch die Schulbibliothek immer noch als Annex und Hilfsfunktion zum Schulunterricht verstanden. Schulbibliotheken haben sich den budgetären Gegebenheiten ihrer jeweiligen Schulen unterzuordnen und verfügen vielfach über kein selbständiges Budget. Dass Schulbibliotheken eigenständige Zielsetzungen haben sollten, die sie von anderen allgemein öffentlichen Bibliotheken am Ort unterscheiden, ist noch nicht Allgemeingut. Die Schulbibliotheken unterstehen den jeweiligen Schulleitungen vor Ort. Eine eigentliche fachliche Betreuung der Schulbibliotheken vor Ort durch das zuständige Erziehungsdepartement fehlt.

An vielen Mittelschulen werden noch sogenannte Fachbereichsbibliotheken geführt. Soll nun die Schulbibliothek ihre Aufgabe als zentraler Ort der Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz agieren, so sollten alle Bestände der Schule zentral an einem Ort zusammengezogen werden. Der oft geäusserten Befürchtung von Fachlehrern, dass dann teure Spezialmedien für die Unterrichtsvorbereitung nicht mehr zur Verfügung stehen, kann mit restriktiven Ausleihbedingungen begegnet werden.

Mit dem Trend zu Globalbudgets werden Schulbibliotheken in ihrer Entwicklung noch mehr von den Schulleitungen vor Ort abhängig. Wenn auch viele Schulleitungen ihren Schulbibliotheken durchaus aufgeschlossen gegenüber stehen, so ist es in Zeiten von Budgetkürzungen attraktiv, Anschaffungskredite herunterzufahren oder andere budgetwirksame Massnahmen im Bereich der Schulbibliotheken wirksam werden zu lassen, da sie ja eine dem Unterrichtsbetrieb zudienende Funktion inne haben.

5. Wandel in der Gesellschaft ruft nach anderen Formen des Lehrens und des Lernens in der Schule

Der gesellschaftliche Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hat auch vor den Schulen nicht halt gemacht. Die Schulen und ihre Rahmenbedingungen unterliegen einem stetigen Wandel. Die Unterrichtsformen werden diesem Wandel laufend angepasst. Neue Erkenntnisse der Pädagogik, neue Lernziele, die auf gesamtschweizerischer Ebene ihren Niederschlag auch auf Sekundarstufe 2 finden, machen es auch notwendig, über die Rolle der Schulbibliotheken nachzudenken.

Statt nur der «Umgang mit Lehrthemen» wird auch der «Umgang mit Information» und der «Umgang mit Menschen» mit neuen Lernformen beübt. So werden die Lehrziele viel anspruchsvoller und vielfältiger umschrieben. Sie bestehen in der:

– Sachqualifizierung

– Qualifizierung der Sozialkompetenz

– Qualifizierung der Handlungskompetenz

– Qualifizierung der Methodenkompetenz

Unter den verschiedenen aktuellen Unterrichtsformen ist als Beispiel das Lernarrangement zu nennen, das Eingang in den Mittelschulalltag gefunden hatBeispiele selbständiger Arbeiten in Blockwochen oder Selbstlernsemestern an Schweizer Gymnasien zeigt Siegrist-Tsakanakis, Alexandra: Etwas lernen, was nicht in den Schulbüchern steht, NZZ-online vom 23.4.2007, http://www.nzz.ch/2007/04/23/se/articleF3BPJ.html (zuletzt besucht am 25.10.2007)..

Unter einem Lernarrangement wird didaktisch aufbereitetes Lernmaterial verstanden, das selbständiges und handlungsorientiertes Aneignen von komplexen Ausbildungsinhalten durch die Lernenden ermöglichen soll.

Einige wichtige Elemente des Lernarrangements sind: 

6. Die Rolle der Teaching Library

Die Teaching Library ist ein Konzept, das ursprünglich in Amerika entwickelt worden ist und auf einem dualistischen
Prinzip aufbaut. Anlässlich einer Vortragsreise durch mehreren Orte der Schweiz haben Marlene Asselin von
der University of British Columbia in Vancouver und Ray Doiron von der University of Prince Edward Island in Charlottetown das kanadische Konzept von Schulbibliotheken als Teaching Libraries vorgestellt.7
Grundlegende Elemente dieses Konzepts sind einerseits der Einsatz von Lehrpersonen mit einer Zusatzausbildung
als Schulbibliothekare, andererseits die Integration der Bibliothek in den Schulunterricht. Nach dem Motto
«Die Schulbibliothek ist mein Klassenzimmer» wird Unterrichtsstoff im Co-teaching zwischen Klassenlehrperson und Lehrer-Bibliothekar im Rahmen von gemeinsamen Unterrichtsstunden vermittelt, die fester Bestandteil des Lehrplans sind. Die Schüler lernen dabei im sogenannten resourcebased teaching, Informationen selber zu suchen, zu analysieren, zu bewerten und zu präsentieren.
Das Ziel ist die Erlangung von Informationskompetenz. Ebenso wird durch die Lernumgebung des resourcebased
learning bei den Schülern die Lust zum Lernen geweckt.
Die Bibliothek als Lehr- und Lernort in diesem Sinne muss in der Schweiz erst noch erobert werden8.

7. Ein schweizerisches Gesamtkonzept für alle Ausbildungsstufen ist notwendig


Soll die Förderung der Informationskompetenz ein nachhaltiges Ausbildungsziel sein, so gelingt eine nachhaltige
Förderung dieser Fähigkeit nur, wenn die Informationskompetenz stufengerecht über alle Ausbildungsstufen gefördert werden kann.
Dies muss bereits in der Primarschulstufe beginnen. Ein erster Kontakt mit einer Bibliothek, sowie grundlegende
Fähigkeiten, wo entsprechende Bücher und Information ausgeliehen und beschafft werden können, muss bereits auf der Primarschulstufe vermittelt werden. Es geht um die Vermittlung grundlegender Funktionen einer Bibliothek.
In den Mittelschulen soll zielgerichtet die Beschaffung von Information und Büchern zu ausgewählten Themen eingeübt werden. Der Umgang mit dem Internet und die Abwägung, in welchen Sachgebieten die Bibliotheken
zielgerichtet Information vermitteln können, muss genauso behandelt werden wie das Thema der gezielten
Nutzung des Internets bei fachbezogenen Fragestellungen. Es soll dabei der Umgang mit qualitativ guten Informationsquellen eingeübt werden. So sollen auch die Recherche in einem OPAC und die kritische Wertung der
gefundenen Information zum Unterrichtsinhalt gehören.
Auf dieser Schulstufe soll auch der Unterricht teilweise in die Bibliothek verlegt werden. Idealerweise müssen die ersten Schritte bei der Informationsbeschaffung in der Bibliothek erfolgen.
Im Idealfall stehen, wie in Kanada, Fachpersonen mit Doppelqualifikation zur Verfügung oder das Unterrichtskonzept wird in enger Zusammenarbeit zwischen Mittelschullehrern und Bibliothekarinnen der Schulbibliothek ausgearbeitet.
Auf Hochschulebene ist dann fachbezogen der Umgang mit der Informationsbeschaffung im Netz der Hochschulbibliotheken und im Internet zu schulen. Printmedien und elektronische Quellen der entsprechenden Studienrichtung sollen kennengelernt werden. Die Auswahl wissenschaftlicher Quellen und deren kontextgerechte
Einarbeitung in die eigenen Arbeiten ist Zielsetzung im Bachelorstudium. Im Masterstudium ist der eigenständige
Umgang mit wissenschaftlichen Quellen und der kritische Umgang mit den gefundenen Informationen in eigenen

wissenschaftlichen Arbeiten ein wichtiges Ausbildungsziel.
Um diese Ausbildungsziele erreichen zu können, sind einige flankierende Massnahmen für Mittelschulbibliotheken
notwendig. Den meisten Schulbibliotheken fehlen ein über die Tagesbedürfnisse der eigenen Schule hinausgehendes
Konzept zur Literaturversorgung und ein von vom Schulbudget unabhängiges Budget für die Schulbibliothek.
Zum einen verfolgen Schulbibliotheken eine Anschaffungspolitik, die sich an den unmittelbaren Bedürfnissen der jeweiligen Lehrkräfte orientiert. Meist lässt man sich von der schnellen Verfügbarkeit der Bücher und Medien leiten, ohne dass die Frage nach der Häufigkeit der benötigten Zugriffe abgeklärt wird. So kommt es gerade bei ganz spezifischer Fach- und Nachschlageliteratur zu teuren Mehrfachanschaffungen im gleichen Kanton oder sogar in der gleichen Stadt.
Ein eigenes, vom Schulbudget unabhängiges Budget würde die eigenständige Entwicklung der Schulbibliotheken
fördern und es könnten kantonsweit Anreize für die Gesamtentwicklung der Mittelschulbibliothek gesetzt werden.
Zum anderen haben die einzelnen Schulbibliotheken meist keine fachliche Ansprechperson oder einen Bibliotheksbeirat für mittelfristige Entwicklungsfragen ihrer Bibliotheken. Neben der Ausarbeitung eines kantonsweiten Konzepts für Mittelschulbibliotheken ist auf der Ebene der Erziehungsdepartemente eine Fachperson als Ansprechsperson mit Weisungskompetenz für Mittelschulbibliotheken vorzusehen. Hier sollen alle Fragen von der Anstellung von Mitarbeitern für die Mittelschulbibliotheken bis zu Fragen der Erneuerung der Bibliothekseinrichtungen besprochen und gelöst werden.
Viele Kantone haben hierfür die Stelle eines Bibliotheksbeauftragten in einer Kantonsbibliothek geschaffen. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass Schulbibliotheken eine spezifische Schnittstellenfunktion haben,
die den spezifischen Ansprüchen genügen muss. Diese Bemühungen sind zentral auf Departementsebene zu
koordinieren, wenn sie in ihrer Umsetzung Erfolg haben sollen.
In Stadtkantonen müssen diese Kompetenzen auch auf die Primarschulen ausgedehnt werden. Somit wird garantiert, dass es sich um ein alle Ausbildungsstufen umfassendes Konzept handelt. Die stufengerechte Konzeption für die jeweilige Schulstufe ist sehr wichtig. Nur so kann der nachhaltige Erfolg bei der Entwicklung der Informationskompetenz sichergestellt werden.


8. Fazit


Die Informationskompetenz ist als zunehmend wichtiges Ausbildungsziel erkannt, wie ein Einblick in die Ausbildungsziele der Hochschulen zeigt. Die Förderung von Informations- und Medienkompetenz bei Schülern wird zunehmend zur Aufgabe der Schule und ihrer Bibliotheken. Dies kann durch folgende konkrete Massnahmen erreicht werden:

Auf Schulebene:
Schulbibliothek als Unterrichtsort

Die Schulbibliothek als Unterrichtsort gehört noch nicht zur Realität im Schweizer Schulalltag. Ob Idealvoraussetzungen wie an kanadischen Schulen sich verwirklichen lassen, sei kurzfristig bezweifelt. Es sollten aber in enger Zusammenarbeit mit den Lehrkräften Lernmodule ausgearbeitet werden, in denen die Informationskompetenz stufengerecht auf jeder Ausbildungsstufe als integrierte Unterrichtseinheiten eingeübt werden kann.

Zentralisierung der Bestände in der Schulbibliothek
Soll die Schulbibliothek der zentrale Ort für Informations- und Medienkompetenz sein, so müssen alle Medien zentral an einem Ort angeboten und verwaltet werden. Dies umso mehr, da der grössere Teil der verfügbaren Informationen
potentiell im World Wide Web zu finden ist.

Trennung von Schul- und Bibliotheksbudget
Die Budgets für Schulbibliotheken sollten getrennt von den allgemeinen Schulbudgets geführt werden, damit die Gesamtziele der Schulbibliotheken qualitativ abgesichert werden können.

Auf Ebene aller Kantonsschulen:
Vernetzung der Schulbibliotheken
Die Schulbibliotheken müssen untereinander und mit der jeweiligen Kantonsbibliothek vernetzt sein. Damit können Mehrfachbeschaffungen von teueren Medien vermieden werden. Die Bestandeszunahme wird transparent und die Katalogisierung wird günstiger.

Auf Departementsebene:
Integriertes Konzept für alle Schulstufen
Um den Erfolg zu sichern, muss ein integriertes Konzept für alle Ausbildungsstufen ausgearbeitet werden.

Koordination auf Departementsebene
Als Qualitätssicherungsmassnahme ist eine koordinierende Stelle einer Bibliothekarin oder eines Bibliothekars auf
Departementsebene vorzusehen, damit die in diesem Artikel aufgeführten Ziele erreicht werden können. Ebenso wird mit einer solchen koordinierenden Funktion eine einheitliche Anschaffungspolitik sichergestellt.
Die weitere Entwicklung zeichnet sich bereits ab.
Hochschulen werden sich künftig von der Aufgabe der Förderung der Informationskompetenz für Hochschulstudierende entlasten wollen und nur noch die fachspezifische Informations- und Medienkompetenz in ihren Lehrplänen aufführen. Diese Aufgaben werden künftig die Mittelschulbibliotheken übernehmen müssen. Eine ähnlich geartete Entwicklung hatten wir bereits in den neunziger Jahren mit der Vermittlung von grundlegenden Anwenderkenntnissen in der Informatik erlebt.

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Martin Gabathuler

unterrichtet an der Allgemeinen Berufsschule Zürich I+D-AssistentInnen und arbeitet als CM-Betreuer an der Universität Zürich

Hollaender Stephan 2016

Stephan Holländer

Stephan Holländer unterrichtet an der HTW Chur sowie an der HEG Genève. Als Beauftragter für Weiterbildung des BIS ist er zudem für die berufliche Weiterbildung aktiv.
Daneben bietet er mit seiner eigenen Firma umfassende Beratung in den Bereichen Archiv, Bibliothek, Dokumentation und Wissensorganisation an.
Stephan Holländer war während vielen Jahren Redaktor für arbido. Auch heute noch steuert er Fachartikel bei, weiter publiziert er regelmässig im deutschen Online-Nachrichtendienst Password Online für die Informationsbranche.

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