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2007/1 I+D-Fachleute – kompetent in der Gegenwart, unverzichtbar in der Zukunft

Wer will, der kann. Plädoyer für die Ausbildung von I+D-AssistentInnen in Dokumentationen

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Nicht nur Bibliotheken können eine fundierte Ausbildung zum I+D-Assistenten garantieren. Auch Dokumentationen sind dazu durchaus in der Lage.

2002 hat die Dokumentation BildTextTon des Schweizer Fernsehens begonnen, Lehrlinge auszubilden. Die Erfahrungen nach vier Jahren sind durchwegs positiv.

Aufgrund technischer Neuerungen im Text- und Bildbereich (Schweizer Mediendatenbank und digitale Anlieferung der Bilder) büssten die Dokumentationen Bild und Text des Schweizer Fernsehens in den späten 1990er-Jahren etwa einen Drittel ihres Personals ein. Die Jungen gingen, die Alten blieben, das Budget liess Neueinstellungen nicht mehr zu.

Was tun, um die Überalterung aufzuhalten, den Anschluss an die fachliche Entwicklung nicht zu verlieren?

2001 entschlossen wir uns, Praktikumsstellen für angehende I+D-AssistentInnen anzubieten, die ihre Lehre in Bibliotheken machen. Sie erhielten bei uns einen Einblick in die Arbeit einer Dokumentation, wir erfuhren einiges über die Berufslehre des I+D-Assistenten. Ihnen gefiel die Arbeit beim Schweizer Fernsehen, wir waren beeindruckt von den beruflichen Fähigkeiten, die die Jugendlichen mitbrachten. Unsere Erfahrungen mit den Praktikanten waren so positiv, dass wir 2002 den ersten Lehrling einstellten. Unterstützt hatte uns der damalige Chefredaktor, der befürwortete, dass sich das Schweizer Fernsehen stärker in der Berufsausbildung engagiert.

Lehrlinge statt Hochschulabsolventen?

Doch bevor sich der erste Lehrling bei uns an den Computer setzte, mussten wir uns überlegen, welche Aufgaben unsere jungen MitarbeiterInnen übernehmen können. Wir Alten fragten uns, ob jemand, der nicht täglich die NZZ liest und noch nie etwas von Marie-Theres Nadig, Ernst Cincera oder Rudi Dutschke gehört hat, überhaupt bei uns eingesetzt werden kann. Ob Aufgaben, die bisher von gestandenen Berufsleuten mit reicher Erfahrung und/oder Hochschulabschluss erledigt wurden, auch von Lernenden übernommen werden können? Ob wir genügend geeignete Aufgaben haben für Lehrlinge, die nicht wie Praktikanten nach zwei Monaten weiterziehen, sondern drei Jahre bei uns bleiben?

Rückblickend kann ich sagen: Wir haben Arbeit. Unterdessen ist es sogar so, dass wir auf Lehrlinge gar nicht mehr verzichten können. Oder wollen. Oder beides.

Reto Stauffacher, I+D-Assistent, LAP 2006 (Lehrstelle Dokumentation BTT, Schweizer Fernsehen)

Ich will Journalist werden! Für diesen Berufs- wunsch war die Lehre als I+D-Assistent bei einem Medienunternehmen zusammen mit der BMS eine optimale Ausgangslage. Ich konnte mich an das Medium herantasten und die Grundlage der journalistischen Arbeit erlernen: die Recherche. Das Suchen nach passenden Informationen im Internet und in Datenbanken, das Stöbern in alten Zeitungen und Akten, Telefongespräche mit Redaktionen und Polizeistellen, Nachschlagen von Begriffen und Zusammenhängen, und am Schluss: das Zusammenstellen der wichtigsten Informationen.

Ich bin sicher, dass diese Ausbildung Zukunft hat, denn sie füllt eine Lücke zwischen kaufmännischen und kreativen Berufen. Das Potential der Lehre steckt darin, dass man den korrekten Umgang mit Informationen lernt. Man sollte deshalb nicht darauf fixiert sein, die Lernenden für ein ganzes Leben als Bibliothekar, Dokumentalist oder Archivar auszubilden, sondern darauf, eine solide Basis zu bieten, um anschliessend Verleger, Historiker oder eben Journalist werden zu können.

Alte Spezialisten und junge Allrounder

2006 wurden die Aufgaben der Bild- und Text-Dokumentation um den Bereich Musikberatung erweitert. Seither werden die angehenden I+D-AssistentInnen beim Schweizer Fernsehen in vier Bereichen ausgebildet.

In der Bilddokumentation lernen sie neben dem Beschaffen und Erfassen von Fotos auch den Umgang mit Pixel und Formaten.

In der Textdokumentation stehen die Recherchen in verschiedenen Datenbanken und die Aufbereitung von Informationen im Vordergrund, in der Musikberatung sind es das Füttern der Musikdatenbank und administrative Aufgaben, etwa im Bereich Urheberrechte.

In der Film- und Videodokumentation werden sie mit dem anspruchsvollen Erschliessen von bewegten Bildern und den Aufgaben eines Spezialarchivs konfrontiert.

Die Lehrlinge sind in der Dokumentation BildTextTon die einzigen, die fachübergreifend arbeiten. Wir Alten sind Spezialisten, die es fraglos braucht, die sich aber den lockeren Wechsel vom einen zum anderen Fachgebiet nicht mehr zutrauen.

Ausbildung von Exoten braucht Phantasie

Wir haben uns natürlich gefragt, wie wir das, was die I+D-AssistentInnen bei uns lernen, mit Ausbildungsreglement und Modell-Lehrgang in Einklang bringen. Einem Lehrgang, der stark auf die Arbeit in einer Bibliothek ausgerichtet ist. Stutzig machte uns schon das Verzeichnis der Mindesteinrichtungen für Lehrbetriebe, das z. B. einen Bücherwagen oder ein Thermometer vorschreibt. Etwas Erleichterung brachte der Vermerk «in Dokumentationsstellen fakultativ» beim Thermometer.

Mit Praktika in einer Bibliothek und einem Archiv versuchen wir dem Ungleichgewicht von Anspruch und Wirklichkeit etwas entgegenzuwirken. Fakt aber bleibt: I+D-AssistentInnen, die ihre Ausbildung in Dokumentationen (und Archiven) machen, sind Exoten.

Soll man deshalb auf die Ausbildung in Dokumentationen verzichten? Sicher nicht! Vielleicht sind die Anforderungen an unsere Lehrlinge etwas anders als in Bibliotheken: Sie müssen die BMS besuchen (Allgemeinbildung), sie müssen sehr selbständig sein (der Betrieb in einer Dokumentation ist stark dem Rhythmus des Tagesgeschäftes unterworfen) und sie können das bibliothekarische Wissen, das ihnen in der Schule beigebracht wird, nicht in der Praxis 1:1 umsetzen und vertiefen.

Mittlerweile aber haben wir die Sicherheit, dass auch bei uns viele Anforderungen des Modell-Lehrgangs erfüllt werden: Erwerben kann man zum Beispiel nicht nur Bücher, sondern auch Büromaterial, das ebenfalls ausgewählt, bestellt, kontrolliert und verwaltet werden will. So brauchen wir und unsere Lernenden zwar ab und zu etwas Phantasie bei der konkreten Umsetzung des Modell-Lehrgangs, aber die Erfahrung hilft, nicht immer alles so eng zu sehen. Beim vierten Lehrling geht vieles leichter ... Und die bisherigen Lehrabschlüsse zeigen, dass wir mit dieser Haltung nicht ganz falsch liegen: Unsere Lehrlinge haben mit erfreulich guten Noten LAP und BMS abgeschlossen.

Deshalb bin ich überzeugt, dass auch andere Dokumentationen, z.B. in Banken, Versicherungen und Verwaltungen, ohne übermässigen Aufwand I+D-AssistentInnen ausbilden könnten.

Dass sich der Einsatz für die Ausbildung lohnt, zeigt die tägliche Arbeit mit den Lernenden. Natürlich fordert es Zeit und Engagement – aber wollen wir das nicht für die Nachwuchsförderung investieren? Geht uns die Jugendarbeitslosigkeit nichts an?

In der Dokumentation BildTextTon können wir den Jugendlichen nach der Lehre keinen Arbeitsplatz garantieren. Wenn immer möglich versuchen wir jedoch, sie nach Lehrabschluss noch ein Jahr zu beschäftigen, damit sie Berufserfahrung sammeln und sich Gedanken über ihren weiteren Werdegang machen können.

Danach sind sie flügge und müssen weiterziehen.

Uns bleibt die Hoffnung, dass sie vielleicht später einmal zurückkehren.

Jill Zimmerli, 2. Lehrjahr I+D-Assistentin, Lehrstelle Dokumentation BTT, Schweizer Fernsehen

In meiner Klasse bin ich die Exotin, denn ich bin die einzige, die in einer Dokumentation arbeitet. Im Unterricht beschränkt sich der Stoff sehr auf die Bibliothek. Meistens verstehe ich am Anfang nur Bahnhof. Doch unsere Lehrerin findet immer einen Weg, uns die Praxis auch im Unterricht näher zu bringen. Sie gibt uns praktische Beispiele, die wir lösen und besprechen. Für mich ist das sehr wichtig, da ich sonst keine Ahnung vom Stoff hätte.

Mich stört, dass die Dokumentation im Unterricht fast untergeht. Gerne würde ich mehr über meinen Arbeitsbereich lernen. Das Positive ist, dass ich in der Schule etwas über drei verschiedene Fachgebiete erfahre. Obwohl es manchmal schwer ist, sich mit drei «Berufen» auseinanderzusetzen, macht es mir sehr viel Spass.

Gabriel Kolp, 1. Lehrjahr I+D-Assistent, Lehrstelle Dokumentation BTT, Schweizer Fernsehen

Die Ausbildung zum I+D-Assistenten in der Dokumentation BTT des Schweizer Fernsehens ist ein gutes Sprungbrett für Medienberufe, denn man lernt bereits in den ersten paar Monaten einiges über die Medienwelt. Sicherlich kommen hier mehr Rechercheaufträge auf die I+D-Assistenten und -Spezialisten zu, als dies in Bibliotheken der Fall ist, doch gerade diese Arbeit hat mich bei der Berufswahl letztes Jahr auf den Geschmack gebracht.

Auch wenn mein beruflicher Weg nicht Richtung Journalismus gehen sollte, bin ich mir sicher, dass diese Lehre ein guter Grundstein ist, auf den ich später bauen kann, denn Informationen und Dokumente, die geordnet und aufbewahrt werden müssen, gibt es weltweit haufenweise, egal, ob in einem Medienhaus oder in einem Institut.

Staub Herbert 2014

Herbert Staub

Herbert Staub ist Präsident von Bibliothek Information Schweiz BIS, dem nationalen Verband für Bibliotheken, Informations- und Dokumentationsstellen und deren Mitarbeitende. Er bekleidet dieses Amt seit 2013, davor war er bereits seit 2010 im Vorstand tätig. Zudem ist er Vorsitzender der Ausbildungsdelegation I+D und Geschäftsführer von BiblioFreak Schweiz. 
Herbert Staub hat 24 Jahre im Bereich Dokumentation und Archive von Schweizer Radio und Fernsehen gearbeitet und bei der Einführung der Schweizerischen Mediendatenbank SMD mitgewirkt.

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