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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

«Private memory» – ein Beispiel. Wann sind welche Spuren eines Lebens archivwürdig? Besuch bei Herrn Dr. H.

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arbido besuchte den 84-jährigen Herrn Dr. H.: Er hatte um fachliche Beratung gebeten, wie er vor dem drohenden Eintreffen der Schuttmulde herausfinden könnte, ob sich nicht doch noch jemand für die Spuren seines bewegten Lebens, die angehäuften Sammlungen interessieren könnte. Es geht ihm keineswegs um persönliche finanzielle Aspekte, sondern einzig und allein darum, dass nichts unbedacht fortgeworfen wird, das für die Allgemeinheit heute und/oder morgen von Nutzen sein könnte. Ein Hausbesuch, der hier exemplarisch dargestellt werden soll.

Zu Besuch bei Herrn Dr. H., in seinem alten Bauernhaus, gelegen auf einem Hügel mit herrlicher Sicht in die Weite. Dr. H.: ein geistreicher, agiler, weltgereister, wunderbar wissender Herr im neunten Jahrzehnt seines Lebens. Überall im Haus Spuren seiner Biografie als Ehemann zweier Frauen, Vater zweier Kinder, als Geologe mit überragenden Fach- und Sprachkenntnissen, als global tätiger Mann und grosser Kenner Afrikas.

Er erzählt zum Beispiel: Auf seiner ersten Reise in Ostafrika wollte man es ihm nicht zumuten, mit einem Inder das Zugsabteil zu teilen. Dr. H. lehnte diese «Rücksichtnahme» ab. Der Inder, der übrigens ein Parsi war, quittierte dies mit der Bemerkung: «You must be a continental!» – der Beginn einer intensiven und lebenslangen Freundschaft.

Dr. H. wurde in Bern geboren und besuchte in den 1930er-Jahren die Schule im Berner Kirchenfeld, er studierte Geologie und verdiente sich sein Studium u.a. als Jazztrompeter in der Band von Hazy Osterwald, als dieser noch Klavier spielte. Er spricht neun Sprachen fliessend und bezeichnet Sprache als Musik. Wir sprachen Russisch miteinander, und er erklärte uns den Einfluss des Arabischen auf das afrikanische Suaheli.

Bis 1982 war Dr. H. für die kanadische Falconbridge Nickel tätig, danach noch fünf Jahre als Erdölgeologe für die Petro Consultants in Genf. Für die Falconbrigde Nickel Mines arbeitete er als Manager Nickel Laterite Exploration und war damit bei allen Nickelvorkommen der Erde zu Hause. Er betätigte sich in den vielen Gesellschaften, deren Mitglied er ist, u.a. der Tanganyika Society, dem Canadian Institute of Mining, der London Geological Society, der Norsk Geologisk Forening, der Schweizerischen Vereinigung Petroleum-Geologen und der Geographischen Gesellschaft Bern.

Seit 1988 hat Dr. H. viel Zeit und Mühe in die Ordnung der Spuren seines bewegten Lebens investiert, und er richtete extra dafür eine Aussenstelle her, die in Augenschein zu nehmen er uns gestattete. Die umfangreiche Sammlung enthält Bücher und Zeitschriften in verschiedensten Sprachen, v.a. zu ethnologischen, sprachwissenschaftlichen und geologischen Themen. Es gibt eine Briefmarken- und eine Schallplattensammlung, afrikanische Masken und Speere, Jagdtrophäen eines Gnus, einer Liechtenstein-, einer Busch- und einer Zwergantilope, Steine und Mineralien. Das Herz bildet eine nach Ländern geordnete Sammlung von Briefen, Zeitungsausschnitten, Fotos, Akten. Hinzu kommen eine seit den 1950er-Jahren geführte Agenda sowie Karten und Pläne.

Schwerpunkte der Inhalte sind die berufliche Tätigkeit des Dr. H. und die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Ländern, in denen er sich aufgehalten hat, wobei Afrika eine zentrale Rolle spielt. Auch ganz private Unterlagen gibt es, die im Verhältnis zu den anderen Sammlungsteilen aber anteilmässig eher gering sind.

Herrn Dr. H. bleibt nicht mehr viel Zeit. Er möchte sein «private memory» nicht der Schuttmulde übergeben. Er hat mit seinem Leben die Welt mitgeprägt, hat Spuren hinterlassen. Was wird nun aus der ganz privaten Dokumentation dieser Spuren, dieser Welt?

Jeder Mensch hat solche, «seine» persönlichen Erinnerungen, sein «private memory», das er mehr oder weniger intensiv dokumentiert und das er mehr oder weniger gesichert wissen will.

Welchen Wert haben diese persönlichen, in verschiedensten Dingen dokumentierten Erinnerungen? Sind sie ausschliesslich Teil der Privatsphäre jedes Einzelnen oder haben sie im gesamtgesellschaftlichen Kontext einen wichtigen Wert? Schliesslich ist Gesellschaft auch die Gesamtsumme der Einzelnen, gestaltbar und daher auch verstehbar nur durch und mit jedem Einzelnen. Welchen Wert haben sie und für wen?

Sind nur einzelne Teile dieses «private memory» von Interesse oder liegt ihr Wert in der Gesamtsumme der Teilerinnerungen, des Lebens als dokumentiertes Ganzes? 

Wer interessiert sich für «private memory»?

«Private memory» ist für Archive dann interessant, wenn dieses im Zusammenhang mit den Unterlagen des jeweiligen Sprengels, des Zuständigkeitsbereiches des Archivs steht. Denn Archive sammeln nicht, ihnen wachsen die Unterlagen entsprechend ihres jeweiligen Zuständigkeitsbereiches zu, dessen Teil sie ja selbst auch sind.

Zum Beispiel besteht im Schweizerischen Bundesarchiv ein Sammlungskonzept für Privatarchive, die in Zusammenhang mit der Entwicklung des Schweizerischen Bundesstaates stehen, d.h., die aus der Bundesverwaltung übernommenen Unterlagen ergänzen. Ergänzung der offiziellen Unterlagen als Messgrösse für die Archivwürdigkeit. Da schränkt sich der Personenkreis natürlicherweise ein. Ähnlich gestaltet sich das Interesse von Kantons- und Gemeindearchiven, von Kirchenarchiven, von Firmenarchiven u.Ä.

«Private memory» ist auch für Bibliotheken dann interessant, wenn dieses mit ihrem Sammlungsauftrag in Zusammenhang steht. Bibliotheken sammeln zwar, allerdings nicht ausdrücklich Privatarchive, da diese in der Regel ja nicht in gedruckter Form vorliegen.

Zum Beispiel werden im Schweizerischen Literaturarchiv an der Schweizerischen Landesbibliothek Privatarchive Schweizer Literaten gesammelt. Auch hier schränkt sich der Personenkreis natürlicherweise ein.

Nun gibt es ja neben Archiven mit einem klar eingegrenzten Zuständigkeitsbereich und Bibliotheken mit einem klaren Sammlungsauftrag auch Einrichtungen, die sich eher thematisch ausrichten und daher, als Spezialeinrichtungen bezeichnet, sammeln.

Zum Beispiel das Schweizerische Sozialarchiv Zürich, das Archiv für Agrargeschichte und die Eisenbibliothek Klostergut Paradies bei Schaffhausen. Die jeweiligen Sammlungsgebiete der Sozial-, Landwirtschafts- und Technikgeschichte lassen für «private memory» durchaus Spielraum, allerdings ist auch hier ein Bezug zur thematischen Ausrichtung notwendig.

Ganz oder teilweise oder dann doch lieber gar nicht?

«Private memory» ist die Gesamtheit dessen, was ein Lebensweg hinterlässt: Tagebücher, Briefe, Fotos, Bilder, Steine, Gegenstände aller Art, Bücher, Filme, Zeitschriften, Zeitungsausschnittsammlungen, eigene und gesammelte Veröffentlichungen. In ihrer Kombination sind sie einmalig und geben Auskunft über den Einzelnen, den Träger der einzigartigen Erinnerung.

Nun bewahren aber auch Institutionen Zeitschriften, Bücher und Dokumente auf. Das heisst, ihr Wert als Teil des «private memory» ist nicht sein gegenständlicher. Der Wert besteht im Wissen um sein Vorhandensein im Kontext mit den restlichen Erinnerungsteilen. Ähnlich sieht es mit Zeitungsausschnitten und Veröffentlichungen aller Art aus. Es braucht eine Aufstellung dieser Erinnerungsteile, um so den Kontext erhalten zu können.

Die einzigartigen Erinnerungsteile wie Tagebücher, Fotos, Gegenstände und Unikate sind von inhaltlichem wie gegenständlichem Wert und damit der Kern des «private memory». Bei einer dauernden Aufbewahrung ist auf diesen Teil das Hauptaugenmerk zu legen. Ergänzt durch die Aufstellung der anderen Teile ist die Gesamtheit gewährleistet und damit die Dokumentation des Lebensweges wieder vollständig.

«Private memory» ist ein Schatz, der punktuell erhalten wird. Seiner Vielfalt kann damit aber nicht Rechnung getragen werden, auch wenn «oral history» diese bewusst nutzt. Ohne «private force» wird zukünftig wohl eher keine Änderung dieser Tatsache zu erwarten sein.

Bärbel Förster, Schweizerisches Bundesarchiv, Bern; VSA-AAS-Redaktorin arbido; Daniel Leutenegger, Chefredaktor arbido

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