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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

Praktische Standpunkte. Memopolitik – ein SIGEGS-Thema

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«Raus aus dem Elfenbeinturm! Konservieren ist eine interdisziplinäre Thematik! Neben Fachwissen sind Managementfähigkeiten gefragt, weit greifende Lösungsansätze sind nötig. Vernetzen wir uns, ...»: So tönt es häufig im SIGEGS-Vorstand, und so war es denn nur eine Frage der Zeit, dass die Memopolitik – und somit die überinstitutionelle Bestandserhaltungsstrategie – zu einem SIGEGS-Thema wurde.

Zukunft braucht Herkunft (Odo Marquard)

2005 war es so weit: Memopolitik bildete den roten Faden des SIGEGS-Jahres. Im folgenden Artikel zeigt die SIGEGS, wie sie «die Memopolitik» von verschiedenen praktischen Standpunkten aus ausgeleuchtet hat.

Wer ist die SIGEGS, und was tut sie?

Die SIGEGS (Schweizerische Interessengemeinschaft zur Erhaltung von Graphik und Schriftgut) ist Informationsdrehscheibe im Bereich Papierkonservierung und Bestandserhaltung. Zu ihren Mitgliedern gehören Institutionen wie Bibliotheken, Archive, Museen sowie Papierrestauratorinnen und Papierrestauratoren.

Mittels Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen, Führungen, Vorträgen und einer Homepage vermittelt die SIGEGS praxisrelevantes Wissen, fördert den Austausch von Know-how und sorgt für die Vernetzung von Restauratoren, Konservierungsfachleuten, Archivarinnen, Kuratoren und weiteren Spezialistinnen. Überdies ermöglichen die praxisorientierten Kurse und regelmässig organisierten Führungen durch unterschiedlichste Institutionen einen spannenden Einblick in die «Konservierungssituation Schweiz».

So entsteht für SIGEGS-Mitglieder und regelmässige TeilnehmerInnen von SIGEGS-Kursen allmählich ein ergiebiges und zunehmend umfassenderes Bild der «real praktizierten Bestandserhaltung», ihrer Möglichkeiten und Grenzen in der Schweiz und zuweilen darüber hinaus.

Ein besonderes Anliegen besteht denn auch weiterhin in der Förderung des «konservatorischen Dialoges» und eines entsprechenden Erfahrungsaustausches zwischen Bibliothekarinnen, Archivaren und Museumsfachleuten. Dabei geht nicht vergessen, dass neben der konzeptuellen Konservierungspolitik auch immer wieder technische Fragen das Alltagsgeschehen bestimmen. So thematisiert die SIGEGS in ihren Kursen denn auch regelmässig Fragen und Kniffe technischer Natur – z.B. bezüglich einer konservatorisch korrekten Beschriftung oder geeigneter Verpackungen etc. – und bereitet entsprechende Materialien und Hinweise auf. Auch dies immer im Bewusstsein, dass eine umfassende und Erfolg versprechende Konservierungspolitik nicht lediglich eine Frage technischer und finanzieller Mittel ist, sondern konzeptuell in das Gesamtmanagement eines Betriebs eingebettet sein muss.

Memopolitik?

Mit der Themenausrichtung Memopolitik für die SIGEGS-Veranstaltungen im vergangenen Jahr wurde ein Schwerpunkt gelegt, der nicht nur aktuelle Strömungen bedienen sollte, sondern vor allem auch geeignet war, den auf diesem Gebiet notwendigen Dialog in Gang zu bringen resp. in Gang zu halten. Grundlage dazu bildete die SIGEGS-Fachtagung «Memopolitik: Lösungsansatz zur Sicherung unseres kulturellen Erbes» im Februar 2005 mit dem Leiter des Bundesamts für Kultur, Jean-Frédéric Jauslin, als Hauptreferenten. Als Initiant des Begriffs «Memopolitik» in der Schweiz war er prädestiniert, das Anliegen und die Geschichte der Memopolitik-Idee darzulegen. Demgemäss standen am Anfang fünf politisch relevante Aspekte: die Auswahl der zu konservierenden Dokumente, die dazu geeigneten Steuerungsinstrumente, die Kosten, die institutionellen Strukturen sowie die Gesetzesgrundlagen. Darauf aufbauend und unter eingehender Auseinandersetzung mit den realen Fakten sollte ein entsprechendes Konzept zum langfristigen Erhalt unseres Kulturgutes erarbeitet werden. Eine Fallstudie sollte die theoretischen Überlegungen am Beispiel des Bundesamtes für Kultur ergänzen. Schnell stellte sich heraus, dass die Ausformulierung und das Erstellen einer verbindlichen Memopolitik einem gesamtschweizerischen Bedürfnis entspricht. Auf Bundesebene jedoch stehen im Moment keine finanziellen Mittel zur Verfügung, um das eigentliche Konzept zu entwickeln und zu definieren.

Es ist daher umso wichtiger, dass die theoretischen Überlegungen in die einzelnen Konservierungsinstitutionen einfliessen und dort in der konzeptuellen Umsetzung weiterverfolgt werden. In der Diskussionsrunde engagierten sich die anwesenden Fachleute aus Archiven, Museen und Bibliotheken rege, man war sich einig darüber, dass letztlich nur eine gute und gezielte Koordination eine langfristig wirkungsvolle Umsetzung des Konservierungsauftrages zu erfüllen vermag. So bleibt zu hoffen, dass nebst der SIGEGS auch andere Institutionen auf die Bedeutung einer umfassenden und koordinierten Memopolitik hinweisen und deren Fortsetzung aktiv unterstützen.

Memopolitik in der Praxis = Konservieren mit Konzept

In diesem Sinne lud die SIGEGS zur praxisorientierten und auf unterschiedlichste Institutionen zugeschnittenen Veranstaltung «Konservieren mit Konzept» an die Hochschule der Künste Bern ein. Ausgangslage der vermittelten Überlegungen bildete die Erkenntnis, dass Konservieren keine isolierte Handlung sein darf, sondern mit allen Aspekten einer Institution, insbesondere deren Gesamtauftrag, verbunden sein muss. Memopolitik ist auf institutioneller Ebene dem Konservierungsmanagement gleichzusetzen. Konsequent durchdacht und ausgeführt rührt praktizierte Memopolitik zuweilen denn auch althergebrachte Strukturen an und verlangt in der Folge grosse Offenheit für – zuweilen einschneidende – Veränderungen.

Mittels kurzer Input-Referate wurden Anregungen vermittelt, um das Sammlungs- und Konservierungskonzept der eigenen Institution zu überdenken. In nachfolgenden Workshops erhielten die Teilnehmenden die Gelegenheit, unter fachkundiger Beratung den sammlungspolitischen und konservatorischen Istzustand ihrer eigenen Institution zu überdenken, Erfahrungen und Tipps weiterzugeben und vor allem Ratschläge der anwesenden Fachleute einzuholen.

Mit dem Historiker, Museologen und Museumsberater Samy Bill, der Diplomrestauratorin Ulrike Hähner (Universitätsbibliothek Marburg), der Restauratorin und Kunsthistorikerin Ulrike Bürger (Stadt- und Universitätsbibliothek Bern) und dem Restaurator Andrea Giovannini leisteten ausgewiesene Spezialistinnen und Spezialisten ihre Beiträge an die Workshops und erläuterten wichtige Kernthemen. Dazu gehören die notwendigen Sammlungsstrategien, die einer Institution eine langfristige Existenz garantieren (Samy Bill), der Zusammenhang zwischen Nutzungskonzept und Konservierung (Ulrike Hähner) sowie zielgerichtetes Bestandserhaltungsmanagement in kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen auf der Grundlage eines Konservierungskonzepts, das eine umfassende Analyse der Lagerungsbedingungen, des Zustands der Dokumente, der personellen und finanziellen Bedingungen und natürlich der Konservierungs- und Restaurierungsmassnahmen umfasst (Ulrike Bürger und Andrea Giovannini).

Am Anfang brauchts ein Konzept

Durch seine Arbeit als Museumsberater ist der Historiker Samy Bill mit sammelnden Institutionen bestens vertraut. Immer wieder stellt er angesichts von deren Beständen fest: Sind keine klaren Strategien vorhanden, können keine brauchbaren Sammlungsziele entwickelt werden. Sammlungsstrategien sind also unerlässlich, will eine Institution in der Fülle sammlungswürdiger Objekte nicht untergehen. Alles zu sammeln, ist nicht möglich, mangelnde Ressourcen schränken ein. Dies trifft in hohem Mass auf den konservatorischen Auftrag und Aufwand zu. Es braucht sinnvolle Kriterien für die Sammlungstätigkeit, es kann nicht einfach der «Zahn der Zeit» – der Zufall – massgeblich sein. Sammeln muss zu einer aktiv gesteuerten Handlung werden. So plädiert Bill für einen Ansatz, dem folgende Frage vorausgeht: Welches sind die NutzerInnen der übernächsten Generation, und welche Muster historischen Wandels könnten für diese von Interesse sein? Aber auch aktives Sammeln befreit nicht von der Verpflichtung, Ressourcen und Kapazitäten einer Institution und deren Ziele sorgfältig abzuwägen und immer wieder zu prüfen. Im Gegenteil: Bei jedem Objekt, Schriftstück oder Konvolut ist der damit verbundene Aufwand dem Nutzen für die Zielerreichung einer Institution gegenüberzustellen. Die Kosten müssen mit der Bedeutung eines neuen Sammlungsteils in Relation stehen. Dabei spielt der konservatorische Aufwand eine wesentliche Rolle. Für Akquisitionsentscheide ist somit unabdingbar, dass die Geschäftsleitung einer Institution mit allen Beteiligten genaue, auf einer klaren Sammlungsstrategie beruhende Richtlinien erarbeitet und dazu die langfristig vorhandenen Ressourcen – Sachmittel, Personalkapazität und Finanzen – einbezieht. Dabei hat die Diskussion über ein Sammlungskonzept nicht allein Folgen für die eigentliche Sammlungstätigkeit. Vielmehr zwingt sie die Institution dazu, all ihre Tätigkeiten zu überdenken. Denn die Frage nach einem auf Nutzerinnen und Nutzer ausgerichteten Sammlungskonzept berührt sämtliche Grundfragen einer Institution und kann Anlass sein – und ist es in der Realität auch oft –, die Ziele generell zu hinterfragen und allenfalls eine Reorganisation auf sämtlichen Ebenen vorzunehmen.

Schadensprävention und Mengenschäden – ein Situationsbericht aus Deutschland 

Unter Bestandserhaltung werden in der Regel die technischen Möglichkeiten einer temporären Instandsetzung verstanden, die in erster Linie der Aufrechterhaltung des Bibliotheksbetriebes dienen. Dieses Vorgehen folgt oftmals leider nicht einer methodischen Handlungsweise, und die verschiedenen exogenen Umwelteinflüsse werden nicht strategisch angemessen einbezogen. In ihrem Bericht zur Situation in Deutschland verwies die Diplomrestauratorin Ulrike Hähner (Universitätsbibliothek Marburg) auf die Notwendigkeit eines Nutzungskonzepts für den internen Ablauf einer Sammlungsinstitution. So kann Memopolitik nur dann funktionieren, wenn in Ergänzung zur kohärenten Sammlungstätigkeit die konservatorisch korrekte Handhabung der Dokumente auch im Betriebsablauf – also innerhalb der Institution – gewährleistet ist.

Bekanntlich sind wissenschaftliche Bibliotheken in erster Linie auf Dienstleistungen ausgerichtet. Ihr Ziel ist die schnelle Bereitstellung der Medien und Informationen, womit sie zwangsläufig vor dem Problem stehen, dass unzählige Werke aus Alt- und Sonderbeständen massiv gefährdet sind und die gegenwärtigen Bearbeitungsformen und -bedingungen weitere substanzielle Schäden begünstigen oder gar verursachen. Der Beitrag von Hähner gab Einblick in die Gründe für die bisher eingeschränkte Anwendung der Bestandserhaltung im nördlichen Nachbarland. Er basiert auf den Ergebnissen einer Studie, die im Rahmen einer Diplomarbeit an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zustande kam. Die darin enthaltene Auswertung einer repräsentativen Umfrage und der einschlägigen Fachliteratur zur Bibliotheksverwaltung sowie eigene praktische Erfahrungswerte bilden die Grundlage für praxisrelevante Vorschläge zur Integration der Bestandserhaltung – insbesondere der Schadensprävention – in den Bibliotheksalltag, die auch für schweizerische Verhältnisse ihre Gültigkeit habenLiteratur: Ulrike Hähner, Schadensprävention im Bibliotheksalltag, München: Saur, 2006..

Konzeptuelle Bestandserhaltung als Aufgabe kultureller und wissenschaftlicher Institutionen

Als Gesamtschau und aus der Warte der Praxis richteten die Kunsthistorikerin und Restauratorin Ulrike Bürger und der Restaurator Andrea Giovannini nochmals einen grundsätzlichen Blick auf das Bestandsmanagement. Auch hier zeigt sich die zentrale Erkenntnis: Grundlage zur Entwicklung eines Konservierungskonzepts muss eine umfassende Analyse des Istzustandes sein. Die materielle Zusammensetzung und der Zustand einer Sammlung, die baulichen Gegebenheiten, Klima- und Luftverhältnisse, Lagerungs- und Nutzungsbedingungen, Reparatur- und Restaurierungsmöglichkeiten bestimmen ein solches Konzept ebenso wie personelle und finanzielle Ressourcen. Hierbei zeigt sich, dass der erhebliche administrative und finanzielle Aufwand, der mit der Lösung konservatorischer Probleme verbunden ist, ein zielgerichtetes Bestandserhaltungsmanagement unabdingbar macht.

Eine weitere entscheidende Rolle spielt der Kernauftrag einer Institution. So obliegt Bibliotheken und Archiven, neue Werke und Medien zu erwerben, deren Benutzung zu ermöglichen und vorhandenes Kulturgut auf Dauer zu erhalten. Die Anschaffung neuer Bestände geschieht nach den Vorgaben des Sammelauftrags. Stimmen dieser Auftrag und die Erhaltungsziele nicht überein, kann kein Konservierungskonzept aufgestellt werden. Eine Videokassette zum Beispiel wird nicht lange haltbar sein. Besteht für solche Medien ein Erhaltungsauftrag, wird sich die Institution mit dem Umkopieren der Daten beschäftigen müssen. Sind dazu das Know-how oder die finanziellen Möglichkeiten nicht vorhanden, können die Erhaltungsziele nicht eingehalten werden. Erhaltungsziele und Sammelauftrag sind untrennbar miteinander verwoben, womit deutlich wird, dass sämtliche Einzelmassnahmen der Bestandserhaltung ein koordiniertes Vorgehen erfordern, handle es sich um den Einbau einer Klimaanlage, um ein Projekt zur Mengenentsäuerung oder um die Restaurierung eines einzelnen Werks.

Einen Überblick zu den verschiedenen Komponenten, die es bei der Aufstellung eines Konservierungskonzeptes zu beachten gilt, stellte Andrea Giovannini grafisch zusammen. (Die SIGEGS dankt dem Autor für die Druckgenehmigung.)

Memopolitik geht uns alle an

Es ist der SIGEGS ein Anliegen, nicht ausschliesslich die Situation öffentlicher und staatlicher Institutionen zu thematisieren. Die Besichtigungen der Reihe «Konservierungssituation Schweiz», die ins Archiv des Verkehrshauses der Schweiz, ins Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung der Gosteli-Stiftung und schliesslich ins Historische Archiv Roche führten, sollten die grosse Breite unseres Kulturgutes in Erinnerung rufen: Neben dem politischen gibt es auch ein technisches, ein frauengeschichtliches oder ein wirtschaftliches Gedächtnis, das es zu erhalten gilt. Gerade auch in diesen Bereichen bleibt noch viel zu tun, wenn auch in mancher Hinsicht schon sehr viel und sehr Wichtiges geleistet worden ist. 

Zum Beispiel Frauengeschichte

Gerade die Frauengeschichte zeigt in nahezu exemplarischer Weise, welche Bedeutung privatem Engagement zukommt. So verdanken wir das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung Marthe Gosteli, die das Archiv als Einzelperson mit ausgeprägtem Bewusstsein für die kulturelle Bedeutung dieses wichtigen Bereichs schweizerischer Geschichte aufgebaut hat, indem sie frühzeitig aussagekräftige Archivalien vor der Zerstörung bewahrte und sicherte. Dabei ist nicht nur der Erschliessung der Archivalien prioritäre Aufmerksamkeit gewiss, auch das Wissen um konservatorische Fragen geniesst einen hohen Stellenwert im Gosteli-Archiv. Wenn immer es die Mittel erlauben, wird in Konservierung investiert. Überdies ist Gosteli stets darum bemüht, von Vereinen und Institutionen, welche die Absicht hegen, ihre Bestände an die Gosteli-Stiftung abzutreten, und über entsprechende pekuniäre Ressourcen verfügen, finanzielle Beiträge für die Beschaffung von Konservierungsmaterial, gegebenenfalls auch für die konservatorische Bearbeitung einzufordern. 

Zum Beispiel Wirtschaftsgeschichte

Eine weitere Besichtigung führte die SIGEGS in den weltweit agierenden Basler Pharmakonzern Roche, dessen kulturelles Bewusstsein nicht allein in der beeindruckenden Architektur des Firmenareals zum Ausdruck kommt, sondern gleichsam in seinem ebenso umfangreichen wie sorgsam gehüteten Archiv. Neben der Vielfalt der Archivalien ist auch – soweit die Führung ein Urteil erlaubte – deren Situation bezüglich Aufbewahrungsmaterialien, Raum und Klima beeindruckend, sei es für die Firmenpapiere und Fotografien, sei es für die keramischen Gefässe, für Medi- kamente und deren Verpackungen oder für die Firmengeschenke unterschiedlichster Provenienz. Darin liegt denn auch die augenfälligste Differenz zu vielen öffentlichen Archiven: Dem Historischen Archiv Roche, dessen Sammlungen insbesondere auch eine repräsentative Aufgabe erfüllen, mangelt es nicht an finanziellen Ressourcen. Diese ausserordentlich komfortable Situation ist in der Archivlandschaft eher selten und ermöglicht natürlich eine Sammlungspolitik, die kaum etwas ausschliesst und somit eine bestechend umfassende Darstellung der Firmengeschichte und -kultur erlaubt.

Zum Beispiel Verkehrsgeschichte

Die Lokomotiven und Flugzeuge stechen dem Besucher des Verkehrshauses der Schweiz wohl schneller ins Auge als das zum Museum gehörende Verkehrsarchiv, doch galt der Besuch der SIGEGS ebendieser dem verkehrstechnischen Gedächtnis gewidmeten Institution. Traditionsgemäss betreut das Verkehrsarchiv die zweidimensionalen Sammlungsobjekte (Fotos, Pläne, Plakate, Ansichtskarten etc.), mit Schwerpunkt auf der Zeit nach 1880. Zudem unterhält es eine Dokumentation mit thematischen Dossiers, ein Spezialarchiv mit Nachlässen und historischen Firmenarchiven sowie eine Fachbibliothek. Inhaltlich richtet sich der Fokus auf den Themenkreis Mobilität in der Schweiz und dessen Umfeld, insbesondere in den Bereichen Schienen-, Strassen-, Luft- und Wasserverkehr sowie Luftseilbahnen, Tourismus und Raumfahrt.

Die Objekte dokumentieren die Verkehrsträger, deren technische Entwicklung, Hersteller sowie Betrieb und den direkten Einfluss auf die Umwelt. Seit August 2005 werden die Objekte und die Literatur einheitlich im Inventarisierungssystem MuseumPlus erfasst. Nicht vorauszusehen war beim SIGEGS-Besuch im Januar 2005, wie aktuell frühzeitiges und ganzheitliches Konservierungsmanagement für eine Institution plötzlich werden kann: Das Spezialdepot für Glasplattennegative und Filme wurde durch das Hochwasser im August 2005 unbrauchbar. Die zurzeit prekäre Lagersituation soll sich in den Jahren 2006/2007 verbessern.

Zum Beispiel ...

Die Liste der zu erhaltenden «Gedächtnisse» liesse sich beliebig verlängern, bietet doch unsere Alltagskultur eine Unmenge an Dokumenten und Objekten, die – vielleicht – eines Tages zum erhaltungswürdigen Objekt und Bestandteil unserer Identität werden. Doch sollen nicht der Zufall oder die Beliebigkeit die Sammlungs- und Konservierungsregie führen. Nur ein weitsichtig geplantes, frühzeitig umgesetztes und vernetztes Bestandserhaltungsmanagement kann Hilfe bieten.

Was bleibt zu tun?

Obschon teilweise gesetzliche Vorlagen bestehen, kann zurzeit in keiner Weise von einer gesamtschweizerischen Koordination des «nationalen Gedächt- nisses» ausgegangen werden. Gerade in Zeiten knapper werdender Mittel und sich zunehmend schneller vervielfachender Archivalien und Publikationen ist eine koordinierte Memopolitik für alle Institutionen, letztlich aber auch für den «lieu de mémoire Suisse» äusserst wichtig. Eine «globale» schweizerische Lösung ist möglicherweise ein schwer zu erreichendes Ziel, und abschliessende «Sammelaufträge» lassen sich wohl nur schwer verteilen. Dennoch ist es wichtig, festzuhalten, dass sich schon eine kontinuierliche Annäherung an das Ziel «Memopolitik» für jede Institution finanziell und organisatorisch lohnt.

Die SIGEGS hat mit unterschiedlichsten Veranstaltungen versucht – und wird dies auch weiterhin tun –, das Thema Memopolitik sowohl im theoretischen Diskurs wie auch im praxisbezogenen Kontext zu beleuchten, um die Anliegen der Memopolitik, die bisher vorwiegend der theoretischen Diskussion vorbehalten waren, langfristig in das Bewusstsein und in den Alltag der Konservierungsverantwortlichen zu integrieren.

Abschliessend sei nochmals auf den Gedanken der Vernetzung hingewiesen: ist doch dem SIGEGS-Vorstand in der Auseinandersetzung mit der Memopolitik erneut und in aller Deutlichkeit bewusst geworden, dass im Bereich der Konservierung der Dialog mit den geldgebenden Instanzen – seien es der Staat, die Wirtschaft, Stiftungen oder private Sponsoren – weiterhin intensiv gesucht werden muss. «Selling preservation» ist nötiger denn je, womit sich das SIGEGS-Jahresthema 2006 quasi von selbst definiert hat: «Papier und dessen Wert» oder noch konkreter «Papier und Geld». Passend zum Thema hat das SIGEGS-Jahr denn auch mit dem Besuch im Oltener Wertschriftenmuseum begonnen, und im Mai wird eine Frau der Wirtschaft und Kultur zu Wort kommen: Monique R. Siegel, die bekannte Unternehmensberaterin und Zukunftsforscherin, spricht am Mittwoch, 17. Mai 2006 (nachmittags), im Rahmen einer SIGEGS-Veranstaltung in Zürich zum Thema «Gutenberg, Humanismus und das 21. Jahrhundert». Auch Sie sind dazu herzlich eingeladen.

Für den SIGEGS-Vorstand: Ulrike Bürger, Bern; Gabriela Grossenbacher, Bern; Andrea Schweiger, Basel; Cécile Vilas, Yverdon-les-Bains (Präsidentin) 

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