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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

Mnemo-Politik Kolumne

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Erinnern Sie sich noch? – «Woran denn?», werden Sie zu Recht entgegnen; womit das Wichtigste gleich vorweggenommen wäre.

Woran sollen wir uns überhaupt erinnern?

An die Memopolitik etwa? Beinhaltet memo den Kern des Problems?

Eigentlich, so habe ich nach einigem Hin-und-Her-Überlegen herausgefunden, müsste man mnemo schreiben, will man der klassischen Bildung – also unserer kulturellen Tradition – die gebührende Ehre erweisen. Exemplum docet: mnemotechnische Übung, en français mnémotechnique.

Die Tatsache, dass schliesslich das n und nicht das Wort anführende m weggespart wurde, hängt wahrscheinlich mit der erforderlichen Lippenakrobatik bei der deutschen Aussprache von m-n-e zusammen.

Denkbar wären natürlich auch andere Begründungen: Ordnung muss sein, also m vor n wie im Alpha-Beta; oder wo kämen wir da hin, wenn nicht mehr der Erste als Sieger erkoren würde, wo doch die Zweite im Windschatten, u.s.f. – ich denke, ich sollte nicht weiter abschweifen, das Thema Erinnerung ist zu ernsthaft. Selbst wenn sich Erinnerungen als Einfälle der Fantasien einen angemessenen Platz erkämpfen wollen.

Mit etwas Distanz betrachtet, wäre nemo eine brauchbare Alternative gewesen, heisst es doch in britischer Lautung bis auf den heutigen Tag nim’onik, und dies ungeachtet der Tatsache, dass bereits die Römer sich auf das m im Anlaut konzentrierten.

Eine leichte Amputation von mnemory sowohl auf der linken wie auf der rechten Seite der Zeichenkette hätte wohl kaum nachhaltige Schäden hinterlassen. 

Und aus der Forschung wissen wir inzwischen, wie wichtig ein guter Ausgleich auf die beiden Hirnhälften, also der vermuteten Heimat unserer nemories, ist.

Andererseits muss man sich vorstellen, was mit einer NEMO-Politik angerichtet würde, erinnert man sich an die Geschichte von Jules Verne mit dem berühmten Unter-Wasser-Kapitän vom Ende her. Alles zerstört, die ganze Innovation, vernichtet das Potenzial an Energie und Technik, da die Menschheit, insbesondere deren kriegerisch veranlagte Subjekte, den förderlichen Umgang mit modernsten technischen Errungenschaften des Geistes nicht zu managen verstanden.

Bilder weg, Ton aus, Unterhaltung vorbei – unwiderbringlich und unvorstellbar.

So etwas darf unserer Erlebnis- und Medienwelt gewiss nicht passieren.

Zugegeben, mir hätte der Begriff Nemo- Politik gut gefallen, da damit ein kräftiges Leit-Bild für Assoziationen zur Navigation im Cyberspace, in virtuellen Datenlandschaften und für die internetgestützte Mediennutzung hätte bereitgestellt werden können; ein Bild im Kopf, eine mental map, weniger anfällig gegenüber technischen Upgrades der digitalen Computerwelt.

Sir John Franklin, eine weitere Kapitänsfigur, der später durch sein Verschwinden im Nord-West-Passage-Eis viel zum aktiven Erinnern Anlass gab, räsonierte als Romanfigur und noch junger Matrose in Die Entdeckung der Langsamkeit darüber:

«Wenn einer vom Meer etwas verstand, dann hiess das Navigation. Er sprach das Wort einige Male nach (...) Es bedeutete: Sterne, Werkzeuge und gute Überlegungen.» Was sich wie eine Art Kurzanleitung zur Triage von Mnemo-Gut liest: gute Überlegungen, Werkzeuge und Sterne.

Doch auch mit Memopolitik lassen sich die auf gesellschaftliches Erinnerungsvermögen ausgerichteten Bemühungen zur Erhaltung von Teilen des kulturellen Erbes in Bild und Ton transportieren.

Vielleicht ergeben sich damit sogar gesellschaftspolitische Synergien für das Ausgeblendete, beispielsweise mit der starken Medizin. Denn Google hat mir im Internet zum Suchwort memo auf Anhieb einen Link auf «Memo», den Newsletter der Schweizerischen Alzheimer-Vereinigung, angeboten.

Erinnern Sie sich noch? An arbido, jenes Nachfolgeorgan von Arbido? Falls nicht, könnten später Bibliotheken, Archive, Dokumentationsstellen und Museen das Erinnerungsvermögen stützen, vorausgesetzt, die Informations- und Wissensgesellschaft schafft sich noch zu Lebzeiten, also heute, ihr eigenes DENKMAL für die Zukunft. 

Aloïs Kempf, Urdorf (ZH) 

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