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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

Memopolitik und Wirtschaft – ein Antagonismus?

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Das legendäre Diktum des berühmten Autoherstellers aus Detroit hat mich schon während des Geschichtsstudiums fürchterlich aufgeregt, bedeutet es doch eine krude Absage an jegliches historische Denken und eine Ohrfeige an alle, die noch an den Topos der «historia» als «magistra vitae» geglaubt hatten. Dabei folgt diese Parole nur einer einfachen ökonomischen Logik.

«Geschichte ist Müll.» (Henry Ford)

«If you can‘t bill it, you can kill it.» (Managementweisheit)

Es gilt, sich von allem Geschichtlichen zu reinigen, um die Reibungslosigkeit des Produktionsprozesses zu gewährleisten. Das Räderwerk eines funktionierenden Wirtschaftsmotors mit dem zugrundeliegenden profitorientierten kurzfristigen Managementdenken ist die reine Antithese zu jeglicher Art von Erinnerungskultur, könnte man guten Gewissens meinen.

Wenn es so wäre, könnten wir jetzt diesen Artikel abschliessen und zur Tagesordnung übergehen, so nach dem Motto: Es gibt nichts älteres als die Zeitung von gestern.

Was also hat Memopolitik in der Wirtschaft zu suchen, haben wir es doch auf den ersten Blick mit zwei völlig gegensätzlichen und schier unvereinbaren Prinzipien zu tun.

Beim zweiten Blick scheint die Sache jedoch komplizierter zu sein, so kompliziert, dass die Geschichte inzwischen auch die Firma Ford wieder eingeholt hat – quasi durch die Hintertür. Offenbar haben die Nachfolger des ursprünglichen Protagonisten nichts (sic!) aus dem Markt gelernt, werden doch in Kürze Zehntausende von Arbeitern entlassen und sogar das traditionsreiche Werk Wixom, das einst den klassischen Lincoln Towncar baute, wird geschlossen.

Wieso bleibt nun aber der hundertjährige «Müll» des Vergangenen gleichwohl im kollektiven Gedächtnis der Nation und der Wirtschaftsgeschichte haften?

Henry Ford hat offenbar eine «historische» Leistung geschaffen – paradoxerweise in ahistorischer Absicht, wenn wir sein Zitat etwas positivistisch auslegen.

Der amerikanische Traum hat u.a. dort in Detroit begonnen. Ford hat den Mittelstand geschaffen, und der gleiche Mittelstand ist heute wieder durch Ford in Gefahr, so läuft der Zyklus und ist also doch kein «Müll». Der «Müll» ist, wenn auch als bitterer Zahn der Zeit, sogar erinnerungswürdig.

Könnte eventuell sogar etwas daraus gelernt werden? Was bedeutet z.B. die Krise der Big Three (Ford, Chrysler, GM) für die amerikanische und internationale Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Allgemeinen und die Geschichte der Autoindustrie im Besonderen? Fragen an eine wirtschaftsspezifische Memopolitik, sofern sie denn existiert. 

Wenn das Gedächtnis nicht mehr vorhanden ist, kann man es jedoch kaum noch befragen.

Was bleibt also zu tun? Zunächst gilt es, auch in wirtschaftlichen Belangen, insbesondere das kollektive Gedächtnis zu bewahren (nicht ohne Berücksichtigung sowohl des individuellen als auch des sozialen und kulturellen Gedächtnisses); konkret gesehen: die Summe der firmeneigenen und institutionellen Überlieferung und Wissensbewahrung.

Es ist demnach zu fragen, ob und wie dies in der Schweiz gelingt, nicht zuletzt im Kontext des ungleichseitigen Dreiecks Wirtschaft – Staat – Wissenschaft.

Im Falle der Affäre um die nachrichtenlosen Vermögen mit der damit verbundenen «Bewältigung» des Zweiten Weltkriegs von 1996 bis 2000 fällt das Urteil zwiespältig aus: «Verweigerte Erinnerung» – so lautet der Titel des gleichnamigen BuchsMaissen, Thomas: Verweigerte Erinnerung. Nachrichtenlose Vermögen und Schweizer Weltkriegsdebatte 1989–2004, Zürich 2005.und das Fazit seines Autors Thomas Maissen: «‹Verweigerte Erinnerung› bezeichnet in diesem umfassenden Wandel (Globalisierung, J.H.) die Haltung eines Volkes, der Schweizer, die sich weigerten und zum Teil weiter weigern, die Erfahrung, die traumatische Erinnerung eines anderen Volkes (Juden, J.H.) in ihr eigenes kollektives Gedächtnis aufzunehmen, als Teil – auch – der schweizerischen Geschichte zu begreifen.»1

Die umfassende Studie von Maissen bildet einen sehr wertvollen Beitrag zur Memopolitik der Schweiz gerade auch im Kontext der Wirtschaft.

Voraussetzung für weitere memopolitische Studien wäre indessen auch die Zugänglichkeit der entsprechenden Wirtschaftsarchive. Hier wurden neben positiven Beispielen inzwischen auch ein paar unverständliche Signale ausgesendet. Zum Beispiel gab der Verein für Finanzgeschichte (Schweiz und Fürstentum Liechtenstein) unter der Federführung des Leiters der historischen Dienste der Credit Suisse Group ein Rechtsgutachten heraus, das mit rein juristischen Gründen (Hinweis auf das sog. Bankkundengeheimnis) den Zugriff auf privatwirtschaftliche Bankakten praktisch verunmöglichtDe Capitani, Werner: Bankgeheimnis und historische Forschung. Rechtsgutachten zuhanden des Vereins für Finanzgeschichte, Zürich 2002..

Das Ergebnis impliziert eine organisierte Verhinderung der Erinnerung. Wohlverstanden durch einen Verein, der u.a. bezweckt, «die finanzgeschicht- liche Forschung in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein zu fördern» (Statuten).

Wo liegt denn bitte der Nutzen von Archiven, die nicht benützt werden dürfen? Dieses Spiel gehört indessen auch zu den Mythen der Wirtschaftsarchivistik, wie sie wohl kaum jemand schöner beschrieben hat als Philip MooneyPhilip F. Mooney: Archival mythology and corporate reality: A potential powder keg, in: J. O’Toole, the records of American business, Chicago 1997, S. 57–63.. Eines der Fazits lautet, dass die Pflege der Firmengeschichte nicht automatisch zur Errichtung und Entwicklung der Firmenkultur beiträgt, sondern dass nur proaktive Erinnerungsprogramme in Form von Projekten, die sich rechnen, Aussicht auf memopolitischen Erfolg haben«Only if the archival program has the capacity to project its resources in programs that are relevant to the lifestyles of the business’s consumers will it be successful. The archives must contribute to the bottom line in a direct or indirect fashion, but in either case, the results must yield hard numbers.» Ebenda, p.59..

Die reine Archivierung und Wissensbewahrung (was ist das anderes als die Verhinderung des organisationalen Vergessens?) kann also keine sinnvolle Memopolitk hergeben, obwohl das WissensmanagementRomhardt, Kai: Die Organisation aus der Wissensperspektive – Möglichkeiten und Grenzen der Intervention in die organisatorische Wissensbasis. 368 S. Wiesbaden: Gabler, 1998. Hier geht es primär um die Aspekte der Wissensbewahrung. Bewahrung ist ein permanenter Prozess, der durch permanente Aktualisierungsbemühungen aufrechterhalten werden muss. Veraltete Speichersysteme sind «tote» Speichersysteme. Wer seine Fähigkeiten nicht trainiert oder gewisse Prozesse am Laufen hält, der «verlernt» über kurz oder lang das mühevoll Erlernte. Die Formen des organisationalen «Vergessens» sind vielfältig.in den letzten Jahren – allerdings mit abnehmendem Erfolg – vermehrt ins Blickfeld gerückt ist. Auch die Archivistik hat sich inzwischen damit befasstMenne-Haritz, A.: Wissensmanagement und Archive – Überlegungen für eine Positionsbestimmung, in: Archive – Ein neues Paradigma?, Marburg 2000..

Was sich nicht rechnet, kriegt kaum eine Chance auf einen Business Case mit entsprechendem Projekt und Budget. Eben, wie eingangs gesagt: «If you can’t bill it, you can kill it.» Es lässt sich eben nicht jede wertvolle Information aus reaktivierten (historischen) Wissensbeständen sofort in klingende Münze mit Direktnutzen umsetzen.

Zum guten Ruf gehört auch ein Engagement zum Beispiel in einem Projekt der Initiative «Public – Private – Partnership». Die Wirtschaft hat eine Verantwortung gegenüber der Bürgerschaft (Stichwort «corporate citizenship»), die Wirtschaftsführer agieren nicht im leeren Raum. Es ist zu hoffen, dass diesbezüglich weitere Lektionen gelernt werden.

Ein memopolitisch durchaus kompatibles Statement hat Daniel Vasella am WEF in Davos abgegeben, als er in einer Videokonferenz ein paar unangenehme Fragen an Condoleezza Rice gerichtet hatte und anschliessend von der New York Times dazu interviewt wurde.

Sein Schlusswort ist vielversprechend: «... you have also to take stands on subjects that are not directly linked to your business but are important. Many think that politics have supremacy over business, but does this also imply that business is just a tool for government? On this, history teaches us some interesting lessons.»Diplomat without portfolio in Davos, New York Times 12.2.2006. 

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Jürg Hagmann

Global Records Manager, Novartis, Basel

  • 1 Ebenda, S. 29.

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