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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

Gedächtnis- und Ideensammlung gemeinnütziger Arbeit. Das Archiv der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG)

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Viele Nichtregierungsorganisationen in der Schweiz verfügen über Aktenbestände, die die ausserhalb staatlicher Aktivität und Interessen sich abspielende Sozial- und Alltagsgeschichte unseres Landes beinhalten. Im Bemühen, diesen Aspekten im Gedächtnis der Schweiz einen Platz zu verschaffen, wendet sich die Geschichtsforschung seit einiger Zeit speziell diesen Quellen zu.

Viele Aktivitäten, die heute zu den Kerngebieten staatlicher Tätigkeit gehören, waren früher privater philanthropischer Initiative überlassen.

Eine der ältesten gesamtschweizerischen Gesellschaften in diesem Bereich ist die 1810 gegründete Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). Sie hat sich früh auf vielen Gebieten wie Schulbildung und Ausbildung von Lehrkräften, Berufsausbildung, Familienpolitik, Erziehungs- und Strafanstalten, Absicherung von Lebensrisiken und Hilfe bei Unwetterschäden engagiert.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war man in der SGG bemüht, nicht nur die eigene Tätigkeit zu dokumentieren, sondern auch die entsprechenden Publikationen sowie die einschlägige Literatur zu sammeln.

Die Geschichte des Archivs

Der heutige Archivbestand am Sitz der Geschäftsstelle der SGG in Zürich ist ein Überbleibsel aus der 1883 beabsichtigten Errichtung eines Schweizerischen Zentralarchivs für Gemeinnützigkeit. Den Grundstock dazu bildeten einerseits eine reichhaltige Dokumentation über Fragen der Gemeinnützigkeit, die der Gründer der SGG, Archiater Hans Caspar Hirzel (1750–1817), mittels eines weiten Korrespondentenkreises zusammengetragen hatte und die im Laufe des 19. Jahrhunderts systematisch ausgebaut wurde, andererseits das Material der Gruppe «Wohltätigkeit» der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich, das die SGG 1883 erhalten hatte.

Gleichzeitig wurde zur Betreuung des Zentralarchivs 1883 eine hochkarätige Archivkommission eingesetzt. Ein Resultat ihrer Arbeit ist die noch heute bestehende Archivtektonik und eine chronologische Ordnung der Publikationen und Archivalien nach Sachdossiers.

Das ursprüngliche Ziel, die Bestände der öffentlichen Benutzung zugänglich zu machen, wurde trotz mehrfacher Anläufe nicht erreicht. Während des Ersten Weltkriegs nahm der Zentralvorstand Abschied von dieser Idee. Er beschloss, das Archiv, das im Estrich des Wollenhofes an der Schipfe in Zürich gelagert wurde, in die Räume des Sekretariats der SGG zu verlegen. Die Überantwortung der Verantwortlichkeit für das Archiv an den künftigen Zentralsekretär war ein mit ausschlaggebendes Argument für die Schaffung einer ständigen Geschäftsleiterstelle. Die gesammelten Bücher und Broschüren wurden 1918 aus dem Bestand ausgeschieden und der Zentralbibliothek Zürich geschenkt. Die handschriftlichen Bestände verblieben beim Zentralsekretariat der SGG, dem nach den Statuten von 1917 die Verwaltung des Gesellschaftsarchivs übertragen wurde. Gleichzeitig löste man die Archivkommission auf.

In den Jahren 1942/1943 wurde das Archiv der SGG durch den Historiker Sigfried Viola nach neuen Gesichtspunkten geordnet. Auf ihn geht vermutlich die Einführung des Kreuzkatalogs auf Karteikarten und die konsequente Weiterführung der Einteilung des Aktenbestandes in Akten des Zentralvorstandes und in Akten der Kommissionen zurück.

Ein Glücksfall für das Archiv war das langjährige Wirken von Walter Rickenbach. Walter Rickenbach kümmerte sich in seiner Eigenschaft als Zentralsekretär intensiv um das Archiv und seinen Bestand. Spuren im Archiv lassen vermuten, dass die letzte Überarbeitung mit dem Jubiläum von 1960 zusammenfiel.

Eine Neuordnung nach Sachgeschäften und Unterlagen von Organisationen, die die SGG mitbegründet hat, erfolgte ab 1975 durch den damaligen Geschäftsstellenleiter Willy H. Niederer. Ab diesem Zeitpunkt wird zusätzlich eine Ordnung nach Sachgeschäften über mehrere Jahre hinweg eingeführt.

Die Akten ab 1985 sind anlässlich der 2004 eingeleiteten Neuordnung und Verzeichnung des Archivbestandes durch die Unterzeichnenden wieder an die ältere chronologische Ordnung vor 1893 mit einem Rhythmus von ein bis zwei Jahren angeglichen worden.

Neues Jahrhundert, neue Herausforderungen

Im Februar 2004 ist die Aufarbeitung der physischen Archivbestände am Sitz der Geschäftsstelle der SGG in Zürich eingeleitet worden. Auslöser dazu waren das am Horizont erscheinende 200-Jahr-Jubiläum der Gesellschaft im Jahre 2010 und die Tatsache, dass die SGG in den geltenden Statuten die Führung eines Archivs ausdrücklich als eine ihrer Aufgaben erwähnt.

Die Geschäftsstelle selbst nutzt das Archiv nur gelegentlich. Dabei stehen Akten der letzten 10 bis 20 Jahre im Vordergrund des Interesses, gelegentlich werden aber auch ältere Stiftungsakten gezielt gesucht, um bei Beurteilungen von Gesuchen ursprüngliche Beschlüsse der Stifter oder den Widmungszweck einhalten zu können.

Nach der Durchsicht des Aktenbestan- des stellte sich rasch die Frage nach einem neuen Findmittel. Angesichts des Umfangs und der Neuordnung der Aktenbestände ab 1975, eines zunehmenden Interesses von Studenten aus geisteswissenschaftlichen Disziplinen sowie im Hinblick auf die bevorstehenden Projekte für die Feierlichkeiten zum 200-Jahr-Jubiläum der SGG war die bisherige Karteikartenlösung für ein sicheres Auffinden der Akten nicht mehr ausreichend und machte die Realisierung eines modernen Findmittels notwendig.

Die Unterzeichnenden haben die Archivalien entmetallisiert, neu in säurefreie Behältnisse überführt und in einer elektronischen Datenbank verzeichnet. Die Bestände ab 1975 wurden teilweise neu gebildet und nach dem ursprünglich gewählten Provenienzprinzip neu geordnet. Mit der Installation eines neuen Luftentfeuchters sind nun auch klimatisch konstantere Werte im Archiv garantiert.

Die heutige Gliederung des Archivbestandes

Der gesamte Archivbestand ist in die Teilbestände A, B und C aufgegliedert:

Im Teilbestand A finden sich alle Akten der Zentralkommission der SGG und diejenigen der Geschäftsstelle von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dazu gehören beispielswiese die:

–  Akten zu den Jahresversammlungen der SGG,

–  Akten des Zentralvorstandes, des Ausschusses und der Finanzkommission, inkl. Vernehmlassungen zu verschiedenen Bundesratsgeschäften

–  Korrespondenz der Geschäftsstelle der SGG,

– Akten zu den Stiftungen (vormals Heime) Bächtelen, Constantine, Turbenthal,

– Akten zu den Liegenschaften der SGG,

– Nachlässe und Fonds,

– Akten zu den Publikationen der SGG bis 1990 (inkl. Belegexemplare).

Der Teilbestand B umfasst hauptsächlich die Akten der ständigen Kommissionen der SGG vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Dazu gehören die:

– Akten der Kommissionen der SGG, inkl. der Kommission «Vernehmlassungen» seit 1990,

– Akten zu den Aktivitäten und Projekten der SGG,

– Akten aus den Gründungsjahren der von der SGG mitbegründeten Organisationen wie zum Beispiel Pro Juventute, ZEWO etc.,

– Akten zur SGG-Revue und den Publikationen der SGG ab 1990 (inkl. Belegexemplare).

Im Teilbestand C finden sich heute gebundene Protokolle des Zentralvorstandes und der Kommissionen von den Anfängen bis zur Gegenwart ebenso wie ein vollständiges Exemplar der Zeitschrift der Gesellschaft seit 1810 und sämtliche Werke zur Geschichte der SGG. Signaturetiketten auf einem Teil der Werke lassen darauf schliessen, dass dieser Teilbestand früher eine Bibliothek der SGG umfasste.

Die Ordnung der Archivalien

Die Ordnung der Akten hat über die Jahre manche Veränderung erfahren und lässt sich aus heutiger Sicht in die folgenden Zeitabschnitte gliedern:

– 1810–1883: Von der ursprünglichen Ordnung der Akten sind heute keine Spuren mehr sichtbar.

– 1883–1918: In diese Zeit dürfte die erste planmässige Ordnung der Publikationen und Archivalien durch die Archivkommission fallen.

– 1918–1969: Ab 1918 liegt die Fortführung und Einhaltung der Ordnung in Händen des seit 1914 vollamtlich geführten Zentralsekretariats.

– 1969–1975: Die bestehende Ablage ist wohl nach dem Rücktritt von Walter Rickenbach als Zentralsekretär nicht mehr weitergeführt worden.

Für diese Periode wird, gemessen am Aktenaufkommen vor 1969, ein grösserer Aktenverlust vermutet.

– 1975–1985: Mit dem Amtsantritt von Willy H. Niederer als Zentralsekretär setzt eine neue Aktenbildung ein, was die neue Ordnung nach Geschäften über mehrere Jahre hinweg betrifft.

– 1985–2004: Akten ab 1985 sind nach der Aufarbeitung nach dem althergebrachten Ordnungsprinzip geordnet.

Fundstücke und Fragestellungen

Das Faszinierende bei diesem Archivprojekt war die Entdeckung, dass das SGG-Archiv nicht nur Gedächtnis der SGG ist, sondern gleichzeitig Aspekte der schweizerischen Sozialgeschichte enthält. So wurde zur Überraschung der Verfasser der Plan einer Auswanderungskolonie für Schweizer in Costa Rica gefunden. Ebenso beweist sich das frühe und langjährige Engagement der SGG bis zur Realisation einer gesamtschweizerischen Altersvorsorge (AHV) im Jahre 1948.

Die Akten zeigen, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft ihr Engagement in der Vergangenheit nicht nur als ein ausschliesslich durch die Landesgrenzen beschränktes Engagement verstanden hat, sondern «schweizerisch» im Sinne von «solidarisch» interpretiert/e und sich in der Vergangenheit bei grossen und kleinen Vorhaben im Ausland eingesetzt hat. Herausragendes Beispiel ist die Schweizerische Spende für die Kriegsgeschädigten ab 1944 und die Beteiligung an Austauschprogrammen für Sozialarbeiter mit den Spezialorganisationen der UNO in den 1950er-Jahren.

Im Verlaufe der Aufarbeitung des Archivs haben sich auch neue Fragen gestellt, die zur Einsetzung einer Archivkommission führten. Zum einen stellten sich verschiedene Fragen, wie langfristig der historische Archivbestand gesichert werden kann und wem der Zugang zu den Archivalien gewährt werden soll.

Zum anderen stellt sich die Frage, wie die überwiegend elektronisch erstellten Dokumente, Akten und audiovisuellen Formate in Zukunft elektronisch archiviert werden sollten. Im Weiteren muss definiert werden, was bereits im vorarchivischen Bereich vorgekehrt werden kann, um zukünftige Archivalien rechtzeitig zu sichern, arbeiten doch die Gremien der SGG ehrenamtlich und ohne eine eigentliche Ablieferungsverpflichtung.

Zweifellos würde eine schweizerische Memopolitik vielen privaten Archiven in dieser Hinsicht helfen. Es würde sich klarer bestimmen lassen, was sammelwürdig ist und welche Archivinstitutionen sich thematisch mit welchen Sachgebieten befassen.

Wie die Geschichte des SGG-Archivs zeigt, sind die Themen der SGG von gestern die staatlichen Aktivitätsfelder von heute. Wer wissen möchte, wieso wir heute in der Schweiz eine unentgeltliche Volksschule haben und wie aus den Bemühungen um eine Fortentwicklung der Sozialarbeit in der Schweiz in den 1940er- und 1950er-Jahren in der Schweiz die heutigen Grundlagen professioneller Sozialarbeit entstanden sind, ist auf die Einsicht in die Akten eines Privatarchivs wie dasjenige der SGG angewiesen.

Dieser Artikel ist zuerst in der SGG-Revue Nr. 6/2005 erschienen und wurde für arbido überarbeitet und erweitert. 

Gabathuler Martin 2015

Martin Gabathuler


Dr. phil., Historiker und Archivar Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft

Hollaender Stephan 2016

Stephan Holländer

Stephan Holländer unterrichtet an der HTW Chur sowie an der HEG Genève. Als Beauftragter für Weiterbildung des BIS ist er zudem für die berufliche Weiterbildung aktiv.
Daneben bietet er mit seiner eigenen Firma umfassende Beratung in den Bereichen Archiv, Bibliothek, Dokumentation und Wissensorganisation an.
Stephan Holländer war während vielen Jahren Redaktor für arbido. Auch heute noch steuert er Fachartikel bei, weiter publiziert er regelmässig im deutschen Online-Nachrichtendienst Password Online für die Informationsbranche.

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