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2006/1 Memopolitik – vom Umgang mit dem Gedächtnis der Gesellschaften

Doppel-DVD zu den ersten Filmen des IKRK

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Anfang der 1990er-Jahre beschloss das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), alle geeigneten Massnahmen zu treffen und die erforderlichen Mittel bereitzustellen, um seinen Archivbestand dauerhaft zu erhalten. Während die Sorge der Archivare in erster Linie der Konservierung des schriftlichen Archivmaterials der Institution galt, initiierte Christine Ferrier, die damals für die audiovisuellen Archive zuständig war, im Jahre 1995 ein gross angelegtes Projekt zur Konservierung des Filmarchivs des IKRK.

Mithilfe des Filmemachers und Spezialisten für die Konservierung und Restaurierung alter Filme, Jean-Blaise Junod, wurde der Konservierungszustand des seit 1963 im Schweizer Filmarchiv gelagerten Filmmaterials zunächst evaluiert. Diese erste Beurteilung veranlasste das IKRK, sich an Memoriav, den Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, zu wenden, um ein Projekt zur Konservierung des Nitratfilmmaterials, das der Gefahr der chemischen Zersetzung besonders ausgesetzt ist, durchzuführen.

Im Rahmen dieses Projekts wurden über 30 000 Meter 35-mm-Film, die zwischen 1920 und 1960 realisiert worden waren, restauriert und der Öffentlichkeit auf Video zugänglich gemacht. Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Rohmaterial: Rushes, nicht verwendete Bildsequenzen, Filmteile und neu montierte Filme. Das Filmmaterial war in dieser Form unzusammenhängend, woraus sich die Notwendigkeit ergab, die Filme zu dokumentieren und in ihren Kontext einzuordnen.

Das Resultat der Rekonstruktion und Interpretation der zu Beginn der 1920er-Jahre realisierten Filme ist auf einer Doppel-DVD zu sehen, die letztes Jahr aus Anlass des in Nyon abgehaltenen internationalen Filmfestivals Visions du Réel erschien. Die erste DVD enthält das filmische Quellenmaterial, das einem auf der zweiten DVD enthal- tenen Vorschlag der Wiederherstellung der Originalfilme gegenübergestellt wird. Diese Wiederherstellung ist das Ergebnis der sorgfältigen historischen Recherchen von Enrico Natale und Lukas StraumannEnrico Natale, «Quand l’humanitaire commençait à faire son cinéma: les films du CICR des années 20» (“Humanitarian organizations enter the world of cinema: ICRC films in the 1920s”, nur auf Französisch), in Revue internationale de la Croix-Rouge, Nr. 854, 2004, S. 415–438, und Lukas Straumann, «L’humanitaire mis en scène: la cinématographie du CICR des années 1920», IKRK, interne Studie, 2000, 102 S., die in den Archiven des IKRK und des Völkerbundes, den Archives d’Etat de Genève und der Bibliothèque publique et universitaire de Genève durchgeführt wurden. Zur Hervorhebung seiner Spezifizität wird das Quellenmaterial auf dieser DVD auch Auszügen zweier Filme gegenübergestellt, die vom Schwedischen Roten Kreuz bzw. der Save the Children International Union gedreht wurden.

Die ersten Filme des IKRK wurden in Zentral- und Osteuropa gedreht und waren von der Organisation zu einem bestimmten Zweck in Auftrag gegeben worden: Sie sollten die Delegierten der X. Internationalen Rotkreuzkonferenz, die vom 30. März bis 7. April 1921 in Genf stattfand, über die Tätigkeit des IKRK unmittelbar nach dem Krieg informieren. Diese Filme veranschaulichen den Willen des IKRK, seine Strategie in Bezug auf die humanitäre Aktion, seine Kommunikationsmittel und sein Image zu erneuern.

Der Zuschauer wird mit dem weltweiten menschlichen Leiden konfrontiert, das durch unzählige auf Nahrung oder ärztliche Hilfe wartende Menschen veranschaulicht wird und den unersetzlichen Einsatz der humanitären Helfer rechtfertigt. Doch sind es die Bilder von Kindern, die das eigentliche Novum in der Darstellung der humanitären Aktion sind – sich selbst überlassene, hungernde, verstümmelte Kinder und Kriegswaisen, die für lange Zeit die Botschafter der humanitären Organisationen sein werden.

Die Absicht besteht darin, das IKRK als Organisation darzustellen, die entschlossen ist, ihre Hilfsaktivitäten auf eine neue Kategorie von Opfern – auf die Zivilisten – auszudehnen und in einem neuen Bereich der humanitären Aktion – dem Bereich der Naturkatastrophen – tätig zu werden. Der Film ist das Kommunikationsmittel, das Mittel der «Propaganda», wie man damals sagte, mit dem das IKRK versucht, einen völlig neuen Dialog zwischen Opfern, Helfern im Einsatz und der Öffentlichkeit herzustellen. Die Institution will ihr Image ändern, indem sie dem Wahrzeichen, dessen Träger sie ist, eine neue Präsenz verleiht.

Anlässlich der XI. Internationalen Rotkreuzkonferenz, die vom 28. August bis 1. September 1923 ebenfalls in Genf stattfindet, greift das IKRK auf dasselbe Mittel zurück. Es realisiert für diese Zusammenkunft einen Kurzfilm, der die Filme von 1921 zusammenfasst, einen Überblick über seine künftigen Aktivitäten gibt und gleichzeitig die Frage nach dem Überleben der Institution stellt: «Es wird keinen Krieg mehr geben ... Es herrscht Frieden. Wird die Tätigkeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz mit dem Frieden zu Ende gehen?»

Der Völkerbund hatte in der Tat die Hoffnung und die Illusion entstehen lassen, dass der Grosse Krieg der letzte aller Kriege gewesen sei, dass es keine neuen Hekatomben geben, der humanitäre Wirkungsbereich sich auf Aufgaben in Friedenszeiten beschränken und das IKRK nicht mehr unentbehrlich sein würde.

Das IKRK war jedoch überzeugt und versuchte auch seine Partner und die öffentliche Meinung davon zu überzeugen, dass seine «hohe humanitäre Mission ... notwendiger ist denn je». Die ersten humanitären Filme des IKRK der 1920er-Jahre sind das Ergebnis dieser Überzeugung und zeigen gleichzeitig ein Zukunftsprojekt für das Rote Kreuz und das IKRK auf.

Memoriav und das IKRK haben gemeinsame Bemühungen unternommen, im Schweizerischen Filmarchiv gelagerte seltene, zwischen 1921 und 1923 gedrehte Bilder über die humanitäre Aktion auf einer Doppel-DVD festzuhalten und sie so der Öffentlichkeit, Filmfreunden und Historikern zugänglich zu machen.

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Jean-François Pitteloud

Archiviste adjoint du CICR, Genève

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