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2006/3 Erschliessung – Kernaufgabe der Archive und wichtiges Thema für die gesamte I+D-Welt

Katalogisieren – ein Relikt im Wartesaal der Wissensgesellschaft? Zwischenruf eines langjährigen Nutzers aus der dokumentalistischen Ecke

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Suchmaschinen haben immer höhere Nutzerzahlen und haben Bibliothekskataloge als primäres Zugangsinstrument zur Information abgelöst. Gesamthaft gemessen ist im Vergleich der Gebrauch von OPAC quer durch alle Nutzergruppen rückläufig. Nutzer richten sich in ihren Gewohnheiten auch an Google aus und wünschen sich die gleichen Suchmöglichkeiten in ihren Bibliotheken. Das Katalogisieren ist teuer und die heutige Arbeitsweise wird durch die rückläufigen Nutzerzahlen in Frage gestellt. Was kann getan werden?

Gibt es so etwas wie die dokumentarische Erschliessung? Hat die Dokumentation punkto Erschliessung eigene Zielsetzungen? Ein Blick in die Standardliteratur zeigt hier keine grossen formalen Unterschiede zu den bibliothekarischen Erschliessungsmethoden. Blättert man im deutschsprachigen ReferenzwerkRainer Kuhlen, Thomas Seeger und Dietmar Strauch (Hrsg.), Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation, München 2004.die Kapitel durch, die sich mit der Erschliessung befassen, so sind bei der Formalen Erfassung keine Unterschiede zu erkennen. Auch bei der inhaltlichen Erschliessung tut sich kein Graben auf, wenn man die Literatur für Bibliothekswesen und Dokumentation vergleicht. Ja, es werden auch Verweise auf die Literatur im Dokumentationswesen gemachtJutta Bertram, Einführung in die inhaltliche Erschliessung, Würzburg 2005.. Also kann man beruhigt auf den Artikel der Kollegin aus dem Bibliothekswesen verweisen und den Artikel abschliessen? Nicht ganz.

Im Westen nichts Neues?

Zum 200-Jahr-Jubiläum der Library of Congress fand im November 2000 eine Konferenz statt, die sich mit der Zukunft des Katalogisierens im 21. Jahrhundert befassteProceedings of the Bicentennial Conference on Bibliographic Control for the New Millennium, Library of Congress, Cataloguing Distribution Service, Washington DC 2001.. Einige der dort aufgeworfenen Fragen sind auch von grosser Tragweite für den Dokumentationsbereich:

– Welches sind die künftigen Anforderungen an MARC und die Katalogisierungsregeln?

– Welches sind die künftigen betriebswirtschaftlichen Herausforderungen bei der jetzigen Vorgehensweise des Katalogisierens?

– Welche Anforderungen stellen die Benutzer des 21. Jahrhunderts an den Katalog?

– Was sind die gegenwärtigen Standards und Technologien, die Zugang zu verschiedenen Informationsnachweisen wie Suchmaschinen und auch Katalogen verschaffen?

Damit war eine Diskussion angeschoben, die bald den Katalog selbst in den Mittelpunkt der Diskussion setzte. So stellte Deanna B. Marcum die Frage: «How should we think about cataloguing in the age of Google?»Deanna B. Marcum, The future of cataloguing. Referat gehalten an der EBSCO Leadership Conference in Boston, Januar 2005, siehe http://www.loc.gov/library/reports/CataloguingSpeech.pdf, zuletzt recherchiert am 14. 7. 06.Sie wies einerseits darauf hin, dass die Library of Congress jedes Jahr 44 Millionen Dollar für die Katalogisierung ausgibt, andererseits immer mehr Nutzer für die Informationssuche sich auf Google verlassen, ohne je eine Bibliothek oder ein Dokumentationszentrum aufsuchen zu müssen. Gerade Schüler und Studenten verlassen sich bei ihrer Informationssuche immer mehr auf die Suchmaschinen im Internet. Die Kataloge sind von rückläufiger Bedeutung bei der Suche nach Informationen.

Karen Calhoun geht sogar so weit, vom heutigen Bibliothekskatalog als einem Instrument zu sprechen, das viele Probleme hat und wenige Vorteile bietetKaren Calhoun, The changing nature of the catalog and its integration with other discovery, Final Report S. 9, siehe http://www.loc.gov/catdir/calhoun-report-final.pdf, letzte Recherche am 11. 7. 06.. Sie stellt fest, dass die Kosteneffektivität der Katalogisierungspraxis und deren Tradition in der Kritik stehen.

Glückliches Europa – hast dus besser?

Auch in Europa gibt es kritische Stimmen zur Zukunft des Katalogisierens. Es werden Fragen nach den Arbeitsprozessen gestelltSo auch Jürgen Kaestner, Die Katalogisierung der Zukunft, 10 Thesen, S. 6: siehe http://www.apbb.de/Katalogisie..., zuletzt besucht am 11. 7. 06 und Bernhard Eversberg, Zur Zukunft der Katalogisierung jenseits RAK und AACR, Vortrag gehalten am Österreichischen Bibliothekstag 2004 in Linz, siehe http://www.allegro-c.de/formate/zk.htm, zuletzt besucht am 11. 7. 06.und Fragen nach der weiteren Entwicklung des KatalogisierensPierre Gavin, Die Zukunft der Katalogisierung – Die Katalogisierung der Zukunft. Referat gehalten an der ETH-Bibliothek Zürich, Mai 2003. Powerpointfolien unter http://e-collection.ethbib.ethz.ch/eco-pool/bericht/bericht_295.pdf zuletzt recherchiert am 11. 7. 2006.. Ein anderer Schwerpunkt der Diskussion scheint aber mehr auf einen technologischen Ansatz ausgerichtet zu seinNorbert Lossau, «Search engine technology and digital libraries: libraries need to discover the academic internet» D-Lib Magazine, Juni 2004, Volume 10, Number 6, siehe http://www.dlib.org/dlib/june0..., letzte Recherche am 11. 7. 06.. Man sieht, dass immer mehr Nutzer sich an Google orientieren und die Ansprüche, wie z.B. die gleiche Navigation, auch auf die Nutzung der Online-Bibliothekskataloge übertragen. Neue Technologien sollen es richten, so wird auf die Erfahrung mit Bielefeld Academic Search Engine verwiesenFriedrich Summann, From Theory to Practice: Bielefeld Academic Search Engine, Vortrag gehalten am DLF Spring Forum 2004, siehe http://www.diglib.org/forums/Spring2004/summann0404_files/frame.htm, zuletzt besucht am 11. 7. 06.. Aber auch Internetportale zur Konsultation von wissenschaftlicher Information werden angeführtSiehe http://www.dl-forum.de/deutsch/foren/25_1331_DEU_HTML.htm, zuletzt konsultiert am 11. 7. 06..

An eine Vernetzung der einzelnen OPAC wird gedacht und mögliche Verbindungen zu Informationsproduzenten; die Integration ihrer Indexe in das bestehende Suchangebot wird diskutiert. Die Kostenfrage wird, wenn überhaupt, nur am Rande gestreift.

Diese Frage ist jedoch für die mehrheitlich im privatwirtschaftlichen Bereich tätigen Informations- und Dokumentationszentren von entscheidender Bedeutung.

Was der Nutzer im Umgang mit dem OPAC erlebt

Nutzer machen mit Online-Katalogen, die mit Bool’schen Operatoren arbeiten, in etwa die folgenden Erfahrungen:

– Viele Suchanfragen geben nicht die gewünschten Resultate.

– Die Navigation bei der Konsultation der OPAC ist oft unübersichtlich.

– Die inhaltliche Erschliessung in der Schweiz differiert von Bibliothek zu Bibliothek.

– Die Such- und Retrievallogik (mit Bool’schen Operatoren sowie Prä- und Postkoordination) ist für den Nutzer nicht nachvollziehbar.

– Resultatanzeigen werden als Listen angezeigt. Ein Relevanzranking wird meist nicht geboten.

– Es sind in der Regel keine elektronischen Volltexte über den Katalog recherchierbar.

– Zeitschriftenartikel werden im Katalog nicht nachgewiesen.

Diese Erfahrungen und weitere Benutzerwünsche sind den Bibliotheken nicht unbekannt. Im Jahre 1995 hatte sich Charles R. Hildreth von der Long Island University bereits Gedanken zu den obgenannten Nutzerwünschen gemacht sowie zur Frage, welches Veränderungspotenzial dies mit sich bringt11. Am IFLA-Kongress in Norwegen formulierte John D. Byrum die daraus abzuleitenden Verbesserungen am OPAC12. Er beschreibt, dass in den USA die Inhaltsverzeichnisse elektronischer Bücher miterfasst wurden und in die Suche miteinbezogen werden. Diese Vorgehensweise ist von Bibliotheken in Europa übernommen worden13. So bietet beispielsweise die Vorarlberger Landesbibliothek in Zusammenarbeit mit einer deutschen Firma und weiteren Bibliotheken eine Art «Google-Suche» über alle Bücher, deren Inhaltsverzeichnisse bereits eingescannt sind. Das sind gemäss Angaben der Bibliothek derzeit ca. 55 118 Inhaltsverzeichnisse. Die Ergebnisse werden wie bei Google nach Ranking sortiert. Zusätzlich kann man mit der Suchfunktion des Acrobat Readers die 

Was getan werden könnte

Hier soll eine skizzenartige Vision entwickelt werden, was mittelfristig getan werden könnte, um auf die geänderten Rahmenbedingungen rund um Katalogisieren und Online-Katalog zu reagieren.

Nutzergewohnheiten haben sich geändert

Aus dem täglichen Gebrauch von Suchmaschinen wie Google sind Nutzer gewohnt, mit einer Drei-Klick-und-ein-Wort-Strategie direkt zur gewünschten Information zu kommen.

Auf diese veränderten Gewohnheiten ist man nicht eingegangen und daher wirkt ein Katalog nicht attraktiv, da er zuviele Zusatzinformationen enthält, die aber bei der Recherche vom Gelegenheitsnutzer selten wahrgenommen werden.

Fazit: Man sollte die Nutzergewohnheiten der jeweiligen Nutzergruppe genau analysieren und die Online-Kataloge so konzipieren, dass sie auf die Nutzergewohnheiten der spezifischen Nutzergruppe eingehen. Das sieht für einen Naturwissenschafter anders aus als für einen Historiker und diese unterscheiden sich wieder von den Studenten. Daher sollten auch User Interfaces je nach Nutzergruppe anders aussehen. Einen interessanten Ansatz dazu bildet die Arbeit von Steven F. Roth et al zur Gestaltung eines GUISteven F. Roth, Peter Lucas, Jeffrey A. Senn, Cristina C. Gomberg, Michael B. Burks, Philip J. Stroffolino, John A. Kolojejchick & Carolyn Dunmire, Visage: A User Interface Environment for Exploring Information, siehe www.maya.com/web/what/papers/maya_visage_ui_environment.pdf , zuletzt recherchiert am 12. 7. 06.

Der Katalog sollte auch Verweise und Links auf Informationen ausserhalb des eigenen Bestandes ermöglichen

Meist begnügen sich Kataloge mit Verweisen auf den eigenen Bestand oder das Angebot des eigenen Verbunds, sofern es sich um einen Verbundkatalog handelt. Nutzer wollen sich je länger, je weniger um einzelne Verbünde kümmern. Einzelne Bibliotheken in der Schweiz versuchen, diesen Ansprüchen nach weitergehenden Verweisen mit dem Einsatz von Zusatzsoftware wie beispielsweise SFX zu begegnen1.

Kostensenkung und Reduktion auf das Wesentliche

Katalogisieren ist eine überwiegend manuelle Tätigkeit und damit teuer. Gespräche über mögliche Kostensenkungspotenziale werden daher vorschnell als Angriff auf das Berufsverständnis abgetan. Dann werden sich mit leisem Schauern Geschichten von der Schliessung von Bibliotheken weitererzählt. So etwa die Geschichte der Schliessung einer Forschungsbibliothek eines bekannten deutschen Waschmittelherstellers, wo der zuständige Forschungsleiter herausfand, dass seine beiden Söhne ihre Dissertation erfolgreich abgeschlossen hatten, ohne je einen Schritt in eine Bibliothek gemacht zu haben. Oder es machen Mitteilungen die Runde, dass die Bibliothek des Biozentrums der Universität Basel mit Pensionierung der jetzigen Stelleninhaberin geschlossen werden soll. Die Bestände sollen dann der Universitätsbibliothek übergeben werden. Die Nutzer stützen sich überwiegend bei ihren Forschungsarbeiten auf das elektronische Angebot von Elsevier und Medline. Sollten ältere Fachartikel benötigt werden, macht man dann einen Sprung in die Universitätsbibliothek.

Da die Grundlagen der jetzigen Katalogregeln ihren Ursprung im Zeitalter vor Einführung der EDV in den Bibliotheken hat, wäre nicht nur die Herausgabe der überarbeiteten AACR3 abzuwarten, sondern die Vereinfachung der Katalogregeln – hier soll maschinenunterstützter Metadatengenerierung ein breiterer Raum zugestanden werden. Die Katalogdaten sollen künftig nicht mehr ein Abbild der Titelseite der Publikation darstellen, sondern die nötigsten Informationen enthalten, die eine Identifizierung der Publikation ermöglichenSiehe Heiner Stuckenschmidt, Vrije Universiteit Amsterdam, Exploring Large Document Repositories with RDF Technology: The DOPE Project, in IEEE Intelligent Systems, May/June 2004 (Vol. 19, No. 3) pp. 34–40.. Die Diskussion, was dieses Minimum umfasst, muss in der Schweiz erst noch geführt werden. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Dialog unter Einbezug der Nutzer stattfindet. Die so gewonnenen Katalogdaten sollen so konzipiert sein, dass sie das Entdecken und «Blättern» bei der Informationssuche unterstützen.

Überprüfung der Arbeitsabläufe in der Bibliothek

Hier ist nicht nur der Arbeitsprozess der Katalogisierung gemeint, sondern der ganze Prozess von der Erwerbung bis zur Aufstellung im Regal; dabei sollen mögliche Doppelspurigkeiten vermieden und Vereinfachungen gefunden werden. Die Produzenten sollten gebeten werden, diese Prozesse mit ihren Bibliothekssystemen zu unterstützen. Hier wird hinter vorgehaltener Hand von den Produzenten geantwortet, dass sie gerne anders konzipierte Bibliothekssysteme anbieten würden, aber die Pflichtenhefte künftiger Käufer meist ein klassisches Bibliothekssystem mit einem klassischen OPAC fordern, der sich noch an seinem Vorgänger, dem Zettelkatalog, orientiert. Wer weiss, wie viel da aus bereits existierenden Pflichtenheften abgeschrieben wird, den wird diese Aussage nicht erstaunen. Die Zielsetzung sollte dabei auf einer raschen Zurverfügungstellung der eingekauften Medien für den Nutzer liegen und weniger auf einer Übererfüllung der Vollständigkeit des Katalogisats. Als Nutzer ist man immer wieder erstaunt, zu hören, wie lange Bücher in der Ausrüstung oder beim Buchbinder liegen sollen. 

Analysieren und Auswerten der Nutzeranfragen

Die Suchanfragen der Nutzer sollten unter Berücksichtigung der Datenschutzbestimmungen ausgewertet werden, um Angaben über Nutzerinteressen, Abfragegewohnheiten und -schwierigkeiten zu erhaltenScott Nicholson, Proof in the Pattern, Library- Journal, January 15, 2006, siehe http://www.libraryjournal.com/..., zuletzt abgefragt am 15. 7. 06.. Die Ergebnisse sollen zur kontinuierlichen Verbesserung des Online-Katalogs und der Bestandesentwicklung verwendet werden. Die Resultate sollten auch Eingang in die Kundenausrichtung des Bibliotheksteams und die Überprüfung der Arbeitsprozesse finden. Dies setzt aber eine Kultur des Auswertens und der Beurteilung der Nutzerbedürfnisse vorausLakos, Amos, Phipps, Shelley E., Creating a Culture of Assessment: A Catalyst for Organizational Change in Portal: Libraries and the Academy, Volume 4, Nummer 3, Juli 2004, S. 345–361..

Den Mehrwert für den Nutzer steigern

Die Funktionalitäten des Online-Katalogs sollten mehr aus der Sicht der Bedürfnisse der Nutzer konzipiert werden. Zum einen sollen wesentlich bessere Funktionen für die Durchsicht und Verarbeitung grosser Rechercheergebnisse angeboten werden. Das in bibliothekarischen Fachkreisen mit Skepsis wahrgenommene Relevanz-Ranking bei der Resultatanzeige wäre ein weiteres Plus für den Nutzer. Die Katalogsuche sollte weitere Funktionalitäten bieten wie «weitere Medien zum gleichen Thema anzeigen» oder «Liste der Neuanschaffungen zum gewählten Thema». Auch das Einbinden und die Anzeige von Inhaltsverzeichnissen und Literaturbesprechungen würden zu einer ersten Attraktivitätssteigerung des OPAC beitragen.

Hollaender Stephan 2016

Stephan Holländer

Stephan Holländer unterrichtet an der HTW Chur sowie an der HEG Genève. Als Beauftragter für Weiterbildung des BIS ist er zudem für die berufliche Weiterbildung aktiv.
Daneben bietet er mit seiner eigenen Firma umfassende Beratung in den Bereichen Archiv, Bibliothek, Dokumentation und Wissensorganisation an.
Stephan Holländer war während vielen Jahren Redaktor für arbido. Auch heute noch steuert er Fachartikel bei, weiter publiziert er regelmässig im deutschen Online-Nachrichtendienst Password Online für die Informationsbranche.

  • 1 Beispielsweise die Hauptbibliothek Universität Zürich mit SFX und Google Scholar.

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