Das Webarchiv Schweiz
Das Webarchiv Schweiz bewahrt seit 2008 landeskundlich relevante Websites als Teil des digitalen dokumentarischen Kulturerbes. Der Artikel zeigt Aufbau, Kooperationen, Betrieb und Perspektiven der Webarchivierung in der Schweizerischen Nationalbibliothek.
Entstehung
Mit der zunehmenden Verlagerung gesellschaftlich, politisch und kulturell relevanter Kommunikation ins Web stellte sich auch für die Schweizerische Nationalbibliothek (NB) früh die Frage nach einer systematischen Sammlung dieser digitalen Inhalte. Websites von Behörden, Organisationen, Vereinen, Kulturschaffenden, zivilgesellschaftlichen Initiativen usw. sind heute zentrale Quellen für die zeitgenössische Dokumentation der Schweiz. Gleichzeitig sind sie flüchtig, veränderlich und ohne gezielte Massnahmen kaum langfristig verfügbar.
Vor diesem Hintergrund initiierte die NB im Jahr 2008 das Webarchiv Schweiz als Teil des Programms e-Helvetica. Ziel war es, Websites mit eindeutigem Schweiz-Bezug zu sammeln, langfristig zu archivieren und für Forschung und Dokumentation in einem geschützten Rahmen zugänglich zu machen. Das Webarchiv ergänzt damit die traditionellen Sammlungen der NB und trägt zur Sicherung des digitalen dokumentarischen Kulturerbes der Schweiz bei.
Die Motivation war von Anfang an doppelt ausgerichtet: Einerseits sollte die Überlieferungslücke reduziert werden, die durch ausschliesslich online publizierte Inhalte entsteht. Andererseits sollte ein pragmatischer, rechtlich tragfähiger und organisatorisch umsetzbarer Ansatz für die Webarchivierung im föderalen Kontext der Schweiz entwickelt werden.
Zusammenarbeit
Das Webarchiv Schweiz ist bewusst als kooperatives Netzwerkprojekt konzipiert. Die NB übernimmt die Gesamtkoordination, den technischen Betrieb, die Langzeitarchivierung sowie die zentrale Bereitstellung. Die Auswahl der zu archivierenden Websites sowie deren Erschliessung erfolgt hingegen in enger Zusammenarbeit mit Kantonsbibliotheken, spezialisierten Fachbibliotheken und weiteren Gedächtnisinstitutionen. Heute zählt das Webarchiv Schweiz über 30 Partnerinstitutionen.
Diese Institutionen bringen ihr regionales und thematisches Fachwissen ein und melden Websites zur Archivierung an. Grundlage bilden gemeinsam definierte Auswahlkriterien, die sich am landeskundlichen Auftrag orientieren. Die Zusammenarbeit ist durch verbindliche Prozesse, Schulungen und Dokumentationen (Merkblätter, Grundlagenpapiere) strukturiert und wird kontinuierlich weiterentwickelt.
Durch diese Arbeitsteilung kann einerseits eine breite thematische Abdeckung erreicht werden, andererseits bleibt der Sammlungsaufbau transparent und nachvollziehbar. Die von den Partnerinstitutionen vorerfassten bibliographischen Metadaten der archivierten Websites werden im Katalog Helveticat und auf der Plattform e-Helvetica nachgewiesen.
Aktueller Stand
Das Webarchiv Schweiz umfasst heute mehrere tausend gezielt ausgewählte Websites. Archiviert werden öffentlich zugängliche Websites mit eindeutigem Schweiz-Bezug, etwa aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft oder Gesellschaft.
Das technische Einsammeln erfolgt über Webcrawler, die in definierten Abständen (meist alle zwei Jahre) sogenannte Zeitschnitte (Snapshots) der Websites erstellen. Dabei werden sämtliche Inhalte einer Domain erfasst und in WARC-Dateien gespeichert. Die Zeitschnitte werden im digitalen Langzeitarchiv der NB abgelegt und versioniert, sodass Veränderungen über die Zeit nachvollzogen werden können. Im Langzeitarchiv befinden sich heute knapp 125'000 Zeitschnitte.
Die ersten Zeitschnitte der Sammlung stammen aus dem Jahr 2007 und dokumentieren die damaligen eidgenössischen Wahlen – Inhalte, die im heutigen Live-Web vermutlich kaum mehr auffindbar sind.
Der Zugang zu den archivierten Websites ist aus urheberrechtlichen Gründen vorerst auf die Räumlichkeiten der NB und der Partnerinstitutionen beschränkt.
Herausforderungen im Verlauf der Jahre
Die Webarchivierung ist seit ihrer Einführung mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert:
- Selektiver Sammelansatz: Dies erfordert kontinuierliche fachliche Entscheidungen und eine bewusste Setzung von Sammlungsschwerpunkten.
- Rechtliche Rahmenbedingungen: Urheber- und Nutzungsrechte beeinflussen sowohl Sammlung als auch Zugänglichkeit. Insbesondere die Online-Bereitstellung archivierter Inhalte ist rechtlich komplex.
- Technologischer Wandel: Moderne Websites sind zunehmend dynamisch, personalisiert und plattformabhängig. Einige JavaScript-basierte Inhalte, eingebettete Medien oder externe Dienste erschweren eine vollständige und authentische Archivierung.
- Ressourcen und Nachhaltigkeit: Die langfristige Speicherung grosser Datenmengen sowie der Betrieb spezialisierter Infrastruktur erfordern erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen.
Diese Herausforderungen prägen die Weiterentwicklung des Webarchivs bis heute und machen deutlich, dass Webarchivierung ein dauerhaftes, dynamisches Arbeitsfeld ist.
Besonderheit: Social Media
Inhalte aus Social-Media-Plattformen sind zweifellos von historischer und gesellschaftlicher Relevanz. Politische Kommunikation, soziale Bewegungen, Krisendiskurse oder kulturelle Trends lassen sich ohne Social Media kaum mehr umfassend dokumentieren. Gleichzeitig stellen diese Inhalte Gedächtnisinstitutionen vor besondere Herausforderungen.
Das Webarchiv Schweiz sammelt derzeit keine Social-Media-Inhalte. Ausschlaggebend dafür sind mehrere Faktoren: restriktive Nutzungsbedingungen der Plattformen, fehlende rechtliche Grundlagen für eine systematische Archivierung, Datenschutz, technische Abhängigkeiten von proprietären Schnittstellen sowie Fragen der Authentizität und Reproduzierbarkeit. Zudem sind Social-Media-Inhalte häufig stark kontextabhängig und personalisiert, was ihre archivische Erfassung zusätzlich erschwert.
Die NB beobachtet die Entwicklungen in diesem Bereich aufmerksam und steht im Austausch mit internationalen Initiativen, unter anderem durch ihre Mitgliedschaft im International Internet Preservation Consortium (IIPC).
Ausblick: Rechtliche Neuerungen und zukünftige Entwicklungen
Ein bedeutender Meilenstein für die digitale Überlieferung in der Schweiz ist das neue nationale Pflichtabgabegesetz für digitale Publikationen, das im Sommer 2025 vom Parlament genehmigt wurde. Derzeit befindet sich die zugehörige Verordnung in Ausarbeitung; ein Inkrafttreten ist frühestens für Mitte 2027 vorgesehen.
Das neue Nationalbibliotheksgesetz wird auch Auswirkungen auf das Webarchiv Schweiz haben. Es schafft eine solide gesetzliche Grundlage für die systematischere Sammlung digitaler Publikationen und erleichtert das Handeln der NB im Bereich der Webarchivierung.
Unabhängig davon stehen technologische Weiterentwicklungen – etwa bei der Auswahl, beim Harvesting oder beim Ausbau neuer Analyse- und Suchmöglichkeiten – weiterhin im Mittelpunkt. Das Webarchiv Schweiz bleibt damit ein dynamischer Bestandteil der nationalen Gedächtnisinfrastruktur, der sich kontinuierlich an neue Publikationsformen, rechtliche Rahmenbedingungen und Nutzerbedürfnisse anpasst.
Abstract
- Deutsch
- Français
Das Webarchiv Schweiz der Nationalbibliothek sammelt seit 2008 landeskundlich relevante Websites als Teil des digitalen Kulturerbes. Der Artikel beschreibt Entstehung, Organisation, aktuelle Herausforderungen, insbesondere rechtliche und technologische Rahmenbedingungen, sowie die Abgrenzung zu Social-Media-Inhalten. Abschliessend werden zukünftige Entwicklungen im Kontext des neuen Pflichtabgabegesetzes skizziert.
Depuis 2008, les Archives Web Suisse de la Bibliothèque nationale suisse collectent des sites web afin de préserver le patrimoine numérique d'intérêt historique pour la Suisse. Cet article décrit la genèse, l'organisation et les défis actuels de ce projet, notamment les conditions-cadres juridiques et technologiques, ainsi que la distinction par rapport aux contenus des réseaux sociaux. Il conclut en esquissant les développements futurs dans le contexte de la nouvelle loi sur le dépôt légal.