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2025/2 Familienarchive

Familienarchive aus genealogischer Sicht

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Die genealogische Forschung in der Schweiz hat sich in den vergangenen rund 100 Jahren stark gewandelt. Diesen Veränderungen und der damit einhergehenden Bedeutung von Familienarchiven für diesen Forschungszweig wird hier nachgegangen.

Die Anfänge: Von Ahnentafel und Stammbaum

Anfangs konzentrierte sich das Interesse genealogischer Forschung vorwiegend auf die Erstellung von Ahnentafeln und Stammbäumen, meist in handschriftlicher oder maschinengeschriebener Form. Karteikarten dienten zur systematischen Erfassung der Familienmitglieder, wobei sich in der Praxis früh die Kékule-Nummerierung durchsetzte. Diese Methode ermöglichte eine logische und strukturierte Darstellung der Abstammungslinien.

Mit dem Einzug der Digitalisierung in den 1990er-Jahren erlebte die Genealogie einen Umbruch: Die bisher analoge Sammlung genealogischer Daten wurde zunehmend in eigens entwickelte Softwareprogramme wie Ahnenblatt, Heredis oder später auch auf Plattformen wie MyHeritage überführt. Excel-Tabellen ergänzten diese Formen. Das GEDCOM-Format als universelle Schnittstelle zur Datenübertragung gewann in diesem Kontext an Bedeutung.

Familiengeschichte als Ergänzung genealogischer Daten

Schon früh beschränkte sich die Familienforschung nicht nur auf Namen und Daten zur Darstellung einer Ahnentafel oder eines Stammbaumes. Vielmehr wurden diese Darstellungen mit Dokumenten aus dem Leben der Vorfahren angereichert, etwa Urkunden, kopierte Kirchenbuchauszüge, historische Fotografien, Postkarten, Zeitungsausschnitte, aber auch persönliche Dokumente wie Briefe, Tagebücher oder militärische Unterlagen fanden Eingang in die Sammlungen. In Einzelfällen kamen sogar Audio- und Videoaufzeichnungen sowie handgeschriebene Familienchroniken von Grosseltern hinzu. Auch Gegenstände wie Uhren, Hochzeitsgeschirr etc. wurden gesammelt.

Dieser Schritt von der reinen Genealogie hin zur dokumentierten Familiengeschichte spiegelt ein erweitertes Selbstverständnis vieler Familienforschender wider: Es geht nicht nur um die Abstammung, sondern um das kollektive Gedächtnis der Familie im sozialen, politischen und lokalen Kontext. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sind Familienforschende gefordert, die gesammelten Unterlagen strukturiert in der Art zu erfassen, wie dies in Archiven üblich ist. Das Familienarchiv hortet somit Nachlässe verstorbener Familienangehöriger.

Ablagepraxis und Archivierung: Zwischen Kartons und Cloud

Die materiellen Hinterlassenschaften dieser privaten Familienarchive befinden sich heute meist in gewöhnlichen Ordnern, Hängemappen oder Kartonschachteln, oft ohne besondere Schutzmassnahmen. Nur vereinzelt wird bereits auf archivgerechte Materialien wie säurefreie Mappen oder stabile Archivboxen zurückgegriffen.

Die konservatorischen Standards der professionellen Archive sind noch wenig bekannt oder für Private schwierig umsetzbar. Aus nachvollziehbaren Gründen werden Unterlagen in Schubladen oder Büchergestellen im Wohnbereich abgelegt, welche die Anforderungen an eine konstante Temperatur zwischen 16°C und 21°C und eine relative Luftfeuchtigkeit zwischen 30% und 50% nur ansatzweise erfüllen.

Eine Langzeitarchivierung digitaler Daten, sowohl von Texten wie auch Bildern ist aus technischen und organisatorischen Gründen anspruchsvoll. Datenformate digitaler Technologien müssen dahingehend überprüft werden, ob sie noch aktuell sind und unterstützt werden. Wenn dies nicht der Fall ist, so müssen die Daten in das neue Format migriert werden. Unter Umständen kann es auch vorkommen, dass eine Übertragung auf neue Speichermedien erforderlich ist. Es empfiehlt sich, Datenformate zu verwenden, die für die Archivierung geeignet sind. Für Dokumente sind dies PDF/A und TXT bzw. XML für strukturierte Daten und für Bilder sind es TIFF und PNG sowie JPEG 2000.

Familienforschende wählen sicherheitshalber oftmals ein paralleles Verfahren. Dieses besteht darin, dass Dokumente und Bilder sowohl in physischer wie auch in digitaler Form aufbewahrt werden. Hierzu werden digitale Reproduktionen angefertigt, also Scans, Fotos, Filme, die mit den analogen Originalen koexistieren. Das Archiv liegt somit in hybrider Form vor.

Die Speicherung erfolgt oft lokal (externe Festplatten, USB-Sticks) oder in einer Cloud (z. B. Dropbox, OneDrive), nicht selten ohne klares Sicherungskonzept. In vielen Fällen ist die Strukturierung des Bestands noch im Entstehen begriffen. Unterschiede bestehen in der Gliederung nach Familienzweigen, nach Dokumententypen oder in einer Mischform. Einige Forschende sind noch auf der Suche nach einem geeigneten Ordnungsprinzip oder haben überhaupt keine feste Struktur etabliert.

Familienarchiv in einem Turmhaus in St.Gallen

Weitergabe und öffentliche Nutzung

Ein zentrales Anliegen vieler Familienforschenden ist die langfristige Bewahrung und Weitergabe ihrer Arbeit. Der bevorzugte Weg führt über interessierte Nachkommen innerhalb der Familie. Doch nicht selten fehlt es an diesen oder am nötigen Interesse. Als Alternative wird vermehrt die Übergabe an öffentliche Institutionen geprüft: etwa die Archive von Ortsbürgergemeinden oder kantonale Staatsarchive. Es ist empfehlenswert, dass vorher die Kriterien für die Annahme geklärt werden, insbesondere in Bezug auf Umfang, Relevanz, Erschliessung und konservatorischen Zustand.

Ein wichtiges Gefäss für die nachhaltige Sicherung privater Familiengeschichten ist die SGFF-Depotbibliothek in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Die Bibliothekarin der SGFF (Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung) nimmt Familienchroniken entgegen. Nutzenden ist es mittlerweile möglich, in einem Bestand von insgesamt 5000 Büchern zu recherchieren und bei Interesse vor Ort zu kopieren oder auszuleihen.

Darüber hinaus bietet das Jahrbuch der SGFF (mit Open-Access-Zugang ab 1934) eine Plattform zur Publikation familiengeschichtlicher Artikel, womit eine langfristige Sichtbarkeit über das familiäre Umfeld hinaus gewährleistet ist.

Herausforderungen der Gegenwart

Die Umfrage unter den Mitgliedern der SGFF zeigt deutlich: Die Sicherung von Familienarchiven steht vor verschiedenen Herausforderungen. Einerseits erschwert das Datenschutzrecht die Erhebung und Veröffentlichung personenbezogener Daten, insbesondere bei noch lebenden Personen. Andererseits fehlt es manchen Forschenden an IT-Kompetenz, um komplexe digitale Sicherungskonzepte oder Archivsoftware zu nutzen. Hinzu kommt die oft fehlende Motivation oder das geringe Interesse innerhalb der eigenen Familie, das Familienarchiv weiterzuführen oder zu pflegen.

Hier sind einerseits gezielte Schulungen, einfache Tools und klare Leitfäden gefragt. Andererseits könnte eine engere Zusammenarbeit mit Archiven, regionalen Gesellschaften, Gemeindeverwaltungen oder wissenschaftlichen Einrichtungen helfen, wertvolle Sammlungen vor dem Vergessen zu bewahren.

Portrait Kurt Münger

Kurt Münger

Präsident Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (SGFF/SSEG)

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Die genealogische Forschung in der Schweiz hat sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts von einer vornehmlich datenbasierten Erstellung von Ahnentafeln hin zur umfassenden Dokumentation von Familiengeschichten gewandelt. Die Archivierungspraxis in Privathaushalten bleibt dabei nicht selten provisorisch: Zwischen Kartons und Cloudlösungen entstehen hybride Archive, deren langfristige Sicherung durch technische, konservatorische und organisatorische Herausforderungen erschwert wird. Die Unsicherheit über Formate, Speichermedien und fehlende Standards verstärkt diesen Befund. Eine verstärkte Kooperation mit Archiven und wissenschaftlichen Einrichtungen ist angesagt, um Familienarchive als Teil des kulturellen Erbes langfristig zu sichern.

Au cours des XXe et XXIe siècles, la recherche généalogique en Suisse est passée d'une compilation d'arbres généalogiques principalement fondée sur des données à une documentation complète des histoires familiales. Les pratiques d'archivage dans les foyers privés restent souvent provisoires : entre les cartons et les solutions cloud, des archives hybrides voient le jour, dont la préservation à long terme est compliquée par des défis techniques, conservatoires et organisationnels. L'incertitude quant aux formats, aux supports de stockage et l'absence de normes renforcent ce constat. Une coopération renforcée avec les archives et les institutions scientifiques s'impose afin de préserver à long terme les archives familiales en tant que partie intégrante du patrimoine culturel.