Familienarchive aus der Perspektive der Archivarin
Wie andere Privatarchive, bieten auch Familienarchive eine wertvolle Ergänzung der staatlichen Perspektive auf die Vergangenheit. Dabei sind die Grenzen zwischen staatlicher und privater Sphäre natürlich sehr oft unscharf, etwa wenn ein Familienarchiv auch ein Herrschaftsarchiv umfasst oder einzelne Familienmitglieder im Staatsdienst oder in der Politik tätig waren und Dokumente aus dieser Aktivität nachhause genommen haben.
Und doch: Gerade etwa die Alltags- oder Mikrogeschichte wäre ohne Familienarchive nicht denkbar. Mit dem Wandel der Vorstellung von Familie hat sich allerdings auch die Rolle von Familienarchiven geändert. Welche Bedeutung haben bzw. welche Rolle spielen Familienarchive heute? Und wie sieht ihre Zukunft aus? Eine Einschätzung zu diesen Fragen wollte arbido neben den Vertretern von Familien mit Archiven auch von einer Archivarin einholen. Dazu wurden der Verantwortlichen für Familienarchive in der Burgerbibliothek Bern (BBB), Ariane Huber, folgende Fragen schriftlich gestellt.
arbido: Wie erleben Sie die Übergabe von Familienunterlagen an Ihr Archiv?
Wenn uns Personen Familienunterlagen anbieten, steht häufig die Auflösung eines Haushalts nahestehender Verwandter bevor oder ist bereits erfolgt. Die Unterlagen finden keinen Platz bei den Nachkommen, oder es besteht der Wunsch, sie in einer öffentlichen, gesicherten Institution aufzubewahren, wo sie für Interessierte zugänglich sind. Allen liegt der ideelle Wert der Dokumente am Herzen, je weiter entfernt der Verwandtschaftsgrad zu den Personen ist, welche die Unterlagen hervorgebracht haben, desto sachlicher gehen sie mit der Übergabe ans Archiv um. Viele Betroffene bedauern es, dass sie aus Zeitgründen keine Vorordnung der Unterlagen haben machen können, und sind erleichtert, wenn sie erfahren, dass dies für die Übernahme ins Archiv keine Voraussetzung darstellt.
Es kommt aber auch vor, dass sich Personen melden, welche die Unterlagen bei sich aufbewahren und sich bereits intensiv mit diesen beschäftigt haben, möglicherweise angeregt durch einen ersten Kontakt mit uns. Diese Auseinandersetzung ist für viele Donatoren und Donatorinnen wertvoll: Sie überblicken den Inhalt ihres Familienarchivs teils sehr detailliert, würdigen damit ihre Vorfahren und setzen, gerade wenn sie auch ein Verzeichnis erstellen, eine persönliche Note unter die Familiengeschichte. Mit der Übergabe ins Eigentum des Archivs wird für viele Familienmitglieder nicht nur eine räumliche Trennung vollzogen, es ist auch ein emotionaler Abschied.
Unsicherheiten bestehen allenfalls bei Fragen zu Datenschutz und Persönlichkeitsrechten, denen wir vorgängig mit Beratung begegnen. Ob nun zwischen Erstkontakt und Übergabe Wochen oder Jahre vergehen – meist ist Erleichterung spürbar, die Verantwortung für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alte Dokumente an uns weiterzugeben.
arbido: Welches sind aus Ihrer Sicht die aktuellen Herausforderungen im Bereich der Familienarchive?
Herausfordernd in die Tatsache, dass wir nicht nur die Neuzugänge und Nachträge zu erschliessen haben, sondern auch Familienarchive, die schon länger bei uns lagern. Dank personeller Aufstockung haben wir in den letzten Jahren alte Rückstände aber deutlich abbauen und gleichzeitig jüngere Neuzugänge der Öffentlichkeit zugänglich machen können.
Einen Sonderfall bilden die rund ein Dutzend bei uns nur deponierten Familienarchive: Wir können diese nicht mit eigenen Mitteln erschliessen, weil ein Rückzug durch die Familien möglich ist. Aus diesem Grund werden bei Neuzugängen schon länger nur noch Schenkungen angenommen. Wir haben bereits mehrmals Deponenten dafür gewinnen können, ihr Familienarchiv auf eigene Kosten nach unseren Erschliessungsstandards aufarbeiten zu lassen. Ohne zeitgemässe Verzeichnung im Archivkatalog bleiben die Unterlagen im digitalen Zeitalter faktisch nämlich genauso unzugänglich, wie wenn sie privat aufbewahrt würden. Ausserdem bilden ältere Verzeichnisse den Bestand oft rudimentär ab und spiegeln eine konservative Sicht auf die Familiengeschichte: Im Zentrum stehen genealogische Dokumente, Kauf- und Erbgeschäfte sowie militärische und amtliche Unterlagen. Private Lebensbereiche, Frauen und Töchter wurden meist ausgeblendet. Eine zeitgemässe Neuverzeichnung ist daher auch im Interesse der Familien, die heute mit neuen Fragen an ihr Archiv herantreten. Das über Jahrzehnte aufgebaute Vertrauen in unsere Institution und das Pflegen des Kontakts zu den Familien hat in anderen Fällen auch dazu geführt, dass Deposita in eine Schenkung umgewandelt worden sind.
arbido: Gibt es noch Neuzugänge? Was bleibt von jüngeren Generationen überhaupt erhalten? Wie sehen Ihrer Meinung nach Familienarchive künftig aus?
Wir erhalten regelmässig sowohl Neuzugänge als auch Nachträge zu bestehenden Familienarchiven, woran sich mittelfristig wohl auch nichts ändern wird. Erfreulicherweise melden sich vermehrt Familien bei uns, deren Lebensmittelpunkt erst seit dem 19. oder 20. Jahrhundert die Stadt oder die Region Bern ist, seien sie nun Angehörige der Burgergemeinde Bern oder nicht.
Längerfristig stellt sich jedoch die Frage, was von den jüngeren Generationen überhaupt noch erhalten bleibt und ob es ins Archiv gelangt. Die Familie wandelt sich: Der Fokus liegt auf der Kernfamilie, der Kontakt zur entfernteren Verwandtschaft nimmt ab und damit das die Generationen umspannende Zusammengehörigkeitsgefühl. Zudem sind die Leute mobil und der Lebensmittelpunkt verlagert sich von Bern weg. Deshalb müssen wir bei einem Angebot den Bernbezug zunehmend auch bei burgerlichen Familien hinterfragen. Weiter verändert sich die Art der Dokumente: Bilden sie künftig noch Familienzusammenhänge ab? Bleibt genug davon erhalten und findet dann auch den Weg ins Archiv?
Idealerweise müssten Unterlagen schon zu Lebzeiten gesammelt und allenfalls bereits dem Archiv übergeben werden. Doch anders als bei persönlichen Nachlässen braucht es dafür mehrere Beteiligte. Es ist anzunehmen, dass sich das Verhältnis von Neuzugängen immer mehr zugunsten von (kleineren) Nachlässen verschieben wird. Bereits heute sind in Nachlässen Unterlagen aus dem engeren Familienkreis enthalten.
arbido: Vielen Dank für Ihre Einschätzungen!
Ariane Huber arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Privatarchive in der Burgerbibliothek Bern, wo sie seit 2017 für die Familienarchive zuständig ist.
Abstract
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In diesem Beitrag spricht Ariane Huber, Verantwortliche für die Familienarchive in der Burgerbibliothek Bern, über aktuelle und künftige Herausforderungen bei der Übernahme und der Erschliessung von Familienarchiven.
Dans cet article, Ariane Huber, responsable des archives familiales à la Bibliothèque de la Bourgeoisie de Berne, parle des défis actuels et futurs de la prise en charge et de la mise en valeur des archives familiales.