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2025/2 Familienarchive

Editorial

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Familienarchive führen uns in die Komplexität der Erinnerung ein und zeigen, dass diese nicht immer mit der klassischen Papierdokumentation übereinstimmt. Es handelt sich um eine lebendige Erinnerung, die sich ständig wandelt und Objekte und Materialien umfasst, die nach traditionellen Schemata nur schwer zu katalogisieren sind. Archive stehen vor besonderen Herausforderungen: Sie müssen mit der digitalen Technologie Schritt halten, Unterlagen verwalten, die nicht den traditionellen Standards der Archivierung entsprechen, private Familienbestände pflegen und sich ständig weiterentwickelnde Sammlungen verwalten.

Diese Ausgabe von arbido bietet einen Überblick darüber, wie Staatsarchive und private Archive diese täglichen Herausforderungen angehen und verschiedene Strategien vorschlagen. Die Artikel zeigen die Vielfalt der Ansätze im Umgang mit kollektivem und individuellem Gedächtnis auf.

Der Artikel von Münger analysiert den Wandel der Genealogie in der Schweiz, wo Familienarchive zu regelrechten Erinnerungsarchiven werden, mit Herausforderungen hinsichtlich der Aufbewahrung, Weitergabe und des Datenschutzes. Die Aufwertung erfordert einfache Werkzeuge und eine aktive Zusammenarbeit. Der Artikel von Lütteken beschreibt, wie die 41 Familienbestände Zürcher Familien in der Zentralbibliothek Zürich verwaltet werden. Diese Bestände enthalten heterogenes Material und erzählen vom sozialen und kulturellen Leben der Stadt. Diese «lebendigen» Bestände stellen Herausforderungen hinsichtlich der Aufbewahrung, Katalogisierung und Digitalisierung dar, bieten aber auch Möglichkeiten zur Aufwertung, wie beispielsweise Bürgerwissenschaftsprojekte rund um das Promptuarium Genealogicum von Carl Keller-Escher, ein siebenbändiges genealogisches Werk in Handschrift. Der Artikel mit dem Erfahrungsbericht von Ariane Huber, Familienarchive aus der Perspektive der Archivarin, unterstreicht den symbolischen Wert der Schenkungen und weist gleichzeitig auf die Schwierigkeiten hin, die mit der Katalogisierung von Beständen verbunden sind, die aus Teilinventaren bestehen und von den Familien noch nicht neu geordnet wurden. Dieser Erfahrungsbericht betont auch die Herausforderungen, denen sich Archive aufgrund der durch die Digitalisierung hervorgerufenen sozialen Veränderungen stellen müssen, die eine tiefgreifende Umgestaltung der Archivverwaltung erfordern, um die Verbindung zwischen privater Erinnerung und kollektiver Geschichte aufrechtzuerhalten. Der Artikel, der die Aussagen zweier Vertreter von Familien enthält, deren Archive in der Burgerbibliothek Bern aufbewahrt werden – Konrad Tobler und Christoph Rubli –, zeigt, wie Archive die Identität und den Zusammenhalt der Familie stärken. Eine aktive Verwaltung, öffentliche Depots und die Integration digitaler Materialien sind für die Bewahrung des generationsübergreifenden Gedächtnisses von entscheidender Bedeutung. Der Artikel von Kern lädt dazu ein, Archive als stratigraphische Fundstätten zu betrachten und jede Schicht mit einem flexiblen und multidimensionalen Ansatz zu bewerten, der sich eher auf das Ereignis als auf die archivarische Einheit konzentriert. Der Artikel von Anelli beschreibt mehr als hundert heterogene Bestände, die nach Urhebern und Kategorien geordnet sind, mit einer differenzierten Verwaltung von Fotografien, Objekten und persönlichen Erinnerungsstücken. Die Familienkisten im Staatsarchiv Neuenburg von Bessourour beschreiben, wie Familienkisten die Kontinuität und eine geordnete Verwaltung der Bestände gewährleisten und gleichzeitig die Forschung und historische Aufwertung fördern. Der Artikel von Le Sommer befasst sich mit digitalen Archiven in sozialen Netzwerken und hebt dabei die Rolle des Archivars bei der Bewahrung, dem Zugang und der Aufwertung des digitalen kollektiven Gedächtnisses hervor. Der Beitrag von Cornut und Lepourtois erklärt, wie der Fonds Palézieux in La Doges fast zwei Jahrhunderte bürgerlichen Lebens dokumentiert, indem er Kontinuität zwischen Dokumenten, Objekten und bewohnten Räumen herstellt. Der Artikel von Bos über die Archives de la Vie privée (AVP) erklärt schließlich, wie deren Sammlung von mehr als 350 Beständen Identitäts- und Kulturgüter zum Verständnis des privaten, sozialen und kulturellen Lebens von Familien bietet und gleichzeitig die zukünftigen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung thematisiert.

Foto arbido

Laura Bernasconi

Laura Bernasconi tessinoise d'origine était membre du comité de rédaction d'arbido (2024-2025). Elle est aussi Doctorante FNS (2023-2027) en histoire contemporaine (https://data.snf.ch/grants/grant/212230), avec une thèse sur « Cause des pères, les pères divorcés et séparés en Suisse 1970-2000 »

Formation en archivistique auprès de l’archive municipale de Mendrisio (2022-2023) et CAS en archivistique auprès de la FHGR (obtenu en septembre 2023).

Stagiaire universitaire pour le DFAE (2021-2022), collaboratrice auprès les Archives Fédérales Suisses à Berne dans le demain de la digitalisation (2020-2021).

Master en histoire contemporaine (2017-2021) à l’Université de Fribourg avec un mémoire portant sur « La Commissione femminile italiana delle FCLIS : temi e vicende dell’immigrazione in Svizzera (1966-1979) ». Bachelor en Histoire et Littérature italienne (2014-2017) à l’Université de Fribourg.