Archive als Dritter Ort? Ja, aber nicht um jeden Preis.
Die von Michael Gasser, Leiter der Archive und Sammlungen der ETH-Bibliothek, moderierte Podiumsdiskussion, die die Fachtagung 2025 abschloss, bot eine sehr pragmatische Sichtweise auf das Archiv als Dritten Ort.
Dritter Ort: Kerngeschäft oder i-Tüpfelchen?
Philippe Künzler, Direktor des Bundesarchivs, relativiert die Begeisterung für das Konzept des dritten Ortes, indem er darauf hinweist, dass die Kernaufgabe der Archive die Aufbewahrung ist. Diese Aufgabe wird jedoch immer komplexer, da die Frage der Archivträger und Formate für die langfristige Aufbewahrung immer dringlicher ist, während die meisten Entscheidungsträger eher kurzfristig denken. Es gibt also unterschiedliche archivarische und politische Ansichten, die es zu harmonisieren gilt, um den Fortbestand der Archive zu gewährleisten. Marina De Toro, Projektleiterin im Stadtarchiv Neuenburg, stimmt dieser Sichtweise zu und sagt, dass der Begriff des dritten Ortes eher als Tüpfelchen auf dem i im Alltag von Archiven zu verstehen ist. Dennoch glaubt sie fest an seine mögliche Umsetzung durch partizipative Forschung und pädagogische Vermittlung.
Dritter Ort und Ressourcenverteilung
Michael Gasser befragt Jacques Cordonnier, den ehemaligen Leiter der Kulturverwaltung des Kantons Wallis, zu den Ressourcen. Wie haben sich die Mediathek und das Staatsarchiv organisiert, um das Zentrum Arsenale zu schaffen? Jacques Cordonnier antwortet klar: es geht keinesfalls darum, Territorium aufzuteilen, sondern darum, die Institutionen in Abhängigkeit von den Prozessen, die sie teilen, zusammenzuführen. Da die Bedingungen für die Konsultation von Archiven oder Dokumenten aus einer wertvollen Bibliothekssammlung ähnlich sind, ist die gemeinsame Nutzung eines Lesesaals offensichtlich. Eine Herangehensweise, die auf der Suche nach Synergien basiert und die Kompetenzen der einzelnen Institutionen nutzt, ohne dabei neue Einschränkungen zu schaffen, ist genau die Erfolgsformel des Berner Museumsquartiers. Wie Michèle Zweifel erklärt, werden in der Charta, die von den elf Berner Institutionen des Kulturerbes unterzeichnet wurde, die Bereiche der Zusammenarbeit aufgeführt, aber jede Institution behält ihre Identität. Die Projekte werden von allen oder einigen der Institutionen durchgeführt, je nach Interesse und Bedarf. Der Architekt Jan David Hanrath ermutigt zu Diskussionen und zur Erprobung neuer Ansätze zwischen den Institutionen, ohne dabei Angst vor Misserfolgen zu haben.
Ist der Dritte Ort digital geworden?
Mit der Digitalisierung und dem Internet ist das Publikum der Archive vielfältiger geworden. Neben Journalist:innen, Historiker:innen und Genealog:innen, die sich beruflich mit der Recherche in Primärquellen beschäftigen, gibt es viele Amateure und Wissenshungrige. Hier lassen sich zwei Strömungen erkennen. Die erste besteht darin, den Zugang zu digitalen Inhalten zu erleichtern, zum Beispiel über soziale Netzwerke (Marina de Toro), oder sogar durch die Zusammenarbeit bei der Erstellung von Referenzen oder Suchindizes wie Wikidata (Adrian Bringolf, Historiker). Die zweite Strömung ist ein Gegenentwurf, der die Schaffung von "Offline-Zonen" (ohne WiFi) vorsieht, die der physischen, nicht der virtuellen Verbindung dienen. Jan David Hanrath bestätigt dies: Es ist sehr schwierig, das Digitale in die physische Welt zu bringen. Jacques Cordonnier ergänzt, dass diese beiden Strömungen in einem Archivdienst koexistieren und sich ergänzen.
Das Konzept des Dritten Ortes ohne Zwang testen
Da der Dritte Ort primär ein öffentlich zugänglicher physischer Ort ist, können Archive hier einen Beitrag leisten, auch wenn ihre Hauptmission die Bewahrung ist. Durch gezielte Aktionen der Vermittlung und Verbreitung auf kleiner Ebene, durch den Mut, mit ungewöhnlichen Partnern zusammenzuarbeiten, ohne Angst vor Misserfolg, können Archive ihre Rolle als Ort der Vielfalt und Inklusion testen. Auf diese pragmatische und schrittweise Sicht haben sich alle Diskussionsteilnehmer am Ende der Podiumsdiskussion und des Tages geeinigt.