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2025/3 Archive als Dritter Ort? Ideen, Erfahrungen und Perspektiven

Editorial

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«Archive als Dritter Ort? Ideen, Erfahrungen und Perspektiven» – unter diesem Titel diskutierten an der diesjährigen Tagung des Vereins Schweizerische Archivar:innen (VSA) vom 19. September 2025 Fachpersonen aus Archiven, Bibliotheken und Museen, wie Gedächtnisinstitutionen vermehrt zu offenen Orten der informellen Begegnung und des sozialen Austauschs werden können.

Die aktuelle arbido-Ausgabe veröffentlicht den Grossteil der Beiträge dieser gut besuchten Veranstaltung. In seiner thematisch einleitenden Keynote zeigt Jacques Cordonier auf, wie Bibliotheken das vom Soziologen Ray Oldenburg entwickelte Konzept des Third Place aufgenommen haben, indem sie die Nutzer:innen, deren Bedürfnisse und die Art neuer Dienstleistungen in den Mittelpunkt stellten. Les Arsenaux in Sion als Beispiel nehmend, illustriert Cordonier, dass die Umsetzung des Konzepts mehr bedeute, als die Gestaltung der Empfangsbereiche zu verbessern. Der niederländische Architekt Jan David Hanrath präsentiert seinerseits Beispiele von Bibliotheken, die durch (innen-)architektonische Anpassungen zu Third Places wurden. Für Hanrath sind Bibliotheken kreative Räume, in denen Besucher:innen Bestände nutzen, bereichern und nicht zuletzt in kollaborativen Programmen gemeinsam gestalten können.

Die folgenden Beiträge widmen sich je einem konkreten Third Place-Projekt in der Schweiz. So stellen Christine Tourn und Nils Veuve das sich im Bau befindliche archiv- und kulturerbeorientierte Zentrum CAP vor, das Institutionen des Kantons Neuenburg und der Stadt La Chaux-de-Fonds unter einem Dach vereint mit dem Ziel, sowohl ein archivarisches Bewahrungszentrum als auch ein in das Leben der Stadt integrierter Ort zu sein. Ein solcher Ort soll auch das Museumsquartier in Bern sein, das Michèle Zweifel in ihrem Beitrag präsentiert. In der vierjährigen Aufbauphase sei ein Netzwerk zwischen den Institutionen gebildet und Programmkooperationen entwickelt worden. Aus diesem Prozess liessen sich Learnings für Kooperationen mehrerer GLAM-Institutionen ableiten. Ebenfalls die Learnings betonen Clara Gregori und Marina De Toro, die ein Citizen Sciene-Projekt vorstellen, in dem Mitglieder der Seniorenuniversität im Rahmen eines SNF-Projekts u.a. Quellen im Stadtarchiv Neuchâtel (AVN) transkribierten. Diese Kooperation sei Teil der Strategie des AVN, das mit neuen Vermittlungsformaten experimentiere, um sich zu einem lebendigen und zugänglichen Dritten Ort zu entwickeln. 

Es ist in der Tat gerade der Bereich der Vermittlung, dem auch in der von Elisabeth Bühlmann zusammengefassten Podiumsdiskussion das grösste Potential für die Entwicklung von Archiven Richtung Dritter Ort zugesprochen wird. Durch gezielte Aktionen der Vermittlung, teils in mutiger Zusammenarbeit mit unkonventionellen Partnern, können Archive ihre Rolle als Ort der Vielfalt und Inklusion künftig vermehrt ausloten. 

Ackermann Nadja

Nadja Ackermann

Nadja Ackermann studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Bern, wo sie 2019 promovierte. 2023/2024 absolvierte sie den CAS "Digitale Trends in den Informationswissenschaften" an der Fachhochschule Graubünden (FHGR). Seit 2020 ist Nadja Ackermannwissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Privatarchive in der Burgerbibliothek Bern, wo sie für die Firmenarchive zuständig ist. Seit 2024 ist sie Redaktionsmitglied von arbido.