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2024/1 Dekolonialisierung von Archiven

Patumbah liegt auf Sumatra. Eine Villa und ihre kolonialen Wurzeln

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Mit der Ausstellung «Patumbah liegt auf Sumatra» hat das Heimatschutzzentrum die koloniale Vorgeschichte seines Standortgebäudes zum Thema gemacht. Dass die Schweiz zwar keine Kolonien hatte, ihre Bürger*innen aber sehr wohl am Kolonialismus beteiligt waren, lässt sich anhand eines konkreten Baudenkmals anschaulich vermitteln.

Die Villa Patumbah mit Park in Zürich-Riebach
Heimatschutzzentrum

Fliegende Drachen, turnende Frösche, grimmig dreinschauende Fratzen – die Formen- und Farbenvielfalt in der Villa Patumbah im Zürcher Stadtteil Riesbach fasziniert alle Besucher*innen und Besucher, jung und alt. Oft wird von einer «unzürcherischen Pracht» gesprochen. In diesem aussergewöhnlichen Haus betreibt der Schweizer Heimatschutz – eine Nonprofitorganisation mit Schwerpunkt Baukultur – seit 2013 das Heimatschutzzentrum und seine Geschäftsstelle.

Mit der Eröffnung des Zentrums hat die Bildung und Vermittlung von Baukultur einen festen Platz innerhalb der Aktivitäten des Verbands gewonnen. Mit Ausstellungen zu unterschiedlichen Aspekten der Baukultur und Angeboten wie Führungen, Theatertouren und Workshops für Schulklassen spricht das Zentrum ein breites Publikum an. Ein besonderer Anziehungspunkt ist die Villa selbst. Ihre auffällige Gestaltung und die asiatische Galerie im Obergeschoss wecken viel Neugierde und Interesse. Hier bietet sich dem Heimatschutz die grosse Chance, diese Aufmerksamkeit zu nutzen, um die Gäste für Themen des Verbands zu sensibilisieren.

Goldene Zeiten im Tabakgeschäft

Aber auch die wechselvolle Geschichte des Hauses bietet viel Stoff: Patumbah ist nicht nur der geheimnisvoll und "exotisch" klingende Name des Hauses, sondern auch ein Ort im Nordosten der Insel Sumatra. Dort hat der Zürcher Bäckerssohn Carl Fürchtegott Grob mit Tabakplantagen ein Vermögen verdient, welches ihm den Bau der Villa Patumbah (1883-1885) ermöglichte. Sie verweist bis heute auf den Geschäftsmann, der wie viele andere Schweizer in Südostasien sein Glück suchte.

Als die Niederländische Kolonialverwaltung nach 1860 die Region in Sumatra für internationales Kapital öffnete, konnten sich auch Schweizer an der aufkommenden Plantagenwirtschaft beteiligen. Grob und sein Partner, der Deutsche Herrmann Näher, gehörten zu den ersten Tabakpflanzern in der Region. Diese erhielten einfach Zugang zu Boden, führten Machtstrukturen ein und etablierten ein ausbeuterisches System der Kontraktarbeit.1 Tausende von Menschen wurden aus China, Java und Indien wurden nach Sumatra "importiert", um unter prekären Bedingungen auf den Plantagen zu arbeiten. Körperliche Züchtigungen und eine hohe Sterblichkeit durch Tropenkrankheiten und Arbeitsunfälle gehörten zur Normalität. Regelmässig flohen Kulis, wie die Arbeiter genannt werden, von den Plantagen oder begehrten gegen die Europäer auf. Der immense Reichtum von Carl Grob und anderen Europäern fusst auf der Ausbeutung der Arbeiter, die unter ähnlichen Bedingungen wie Menschen lebten, die versklavt wurden und der Willkür der Plantagenbesitzer ausgeliefert waren.

Kulis sortieren die Tabakblätter, 1898.
Stadtarchiv Zürich

Ein Thema mit Konjunktur

Die Ausstellung «Patumbah liegt auf Sumatra» die sich mit dieser problematischen Vorgeschichte der Villa beschäftigt, wurde im Sommer 2020 eröffnet. Einer Zeit, in der – angestossen durch die zweite Welle der Antirassismusbewegung "Black Lives Matter" in den USA - auch in der Schweiz Themen wie alltäglicher Rassismus und Beteiligungen am Kolonialismus grosse Beachtung fanden. Das Publikum war für das Thema sensibilisiert und trotz Einschränkungen durch die Pandemie haben in den 15 Monaten der Ausstellungsdauer über 5'500 Besucher*innen die Villa besucht. Die Tatsache, dass anhand eines konkreten und zudem attraktiven Gebäudes gezeigt wird, wie Schweizer - und in kleinerer Zahl auch Schweizerinnen - in koloniale Projekte involviert waren, war unter anderem für Lehrpersonen der Sek-Stufe interessant. Die Workshops zur Ausstellung waren entsprechend gut gebucht.

Seit dem Abschluss der Ausstellung sind nun über zwei Jahre vergangen. Der postkoloniale Diskurs ist in der Wissenschaft und der Gesellschaft präsent wie nie zuvor und viele Museen, Institutionen, Archive und Sammlungen in der Schweiz haben sich mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt und koloniale Verflechtungen erforscht und darüber publiziert. Auch für das Heimatschutzzentrum ist die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus nicht abgeschlossen. Die Essenz von «Patumbah liegt auf Sumatra» ist weiterhin als Kabinettausstellung in der Villa zu sehen und eine kleine Publikation mit Texten und Bildern der Ausstellung ist im Museumsshop erhältlich.

Wie können wir dieses Thema in unserer Ausstellungs- und Vermittlungstätigkeit weiterbearbeiten? Sicher etwas anders, als wir es noch 2020 getan haben. Beispielsweise indem wir auch die Perspektive der ausgebeuteten Arbeiter auf Sumatra oder diejenige Ihrer Nachkommen zeigen würden. Oder indem wir künstlerische Positionen zum Thema ausstellen. Eines ist jedenfalls klar: Mit der Unterschrift im Mietvertrag eines solchen Gebäudes geht man auch die Verpflichtung ein, dessen Geschichte zu thematisieren.

Eingangsbereich der Ausstellung mit Tabakblättern.
Heimatschutzzentrum
Judith Schubiger

Judith Schubiger

Judith Schubiger leitet seit 2022 das Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah.

Sie ist Primarlehrerin und Kulturwissenschaftlerin und seit 2013 für den Schweizer Heimatschutz tätig.

  • 1 Durch einen Vertrag sind Arbeiter in kolonialen Kontexten über längere Zeit an einen bestimmten Arbeitgeber gebunden - meist zu sehr ungünstigen Konditionen und ohne Möglichkeit, den Vertrag vorzeitig zu beenden

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Die Ausstellung "Patumbah liegt auf Sumatra" im Heimatschutzzentrum thematisierte die koloniale Vergangenheit der Villa Patumbah in Zürich-Riesbach. Das Gebäude, 1885 vom Schweizer Carl F. Grob erbaut, steht für den Reichtum durch den Tabakanbau auf Sumatra, aber auch für die Ausbeutung und das Leid der Arbeiter. 

Die Ausstellung stieß auf großes Interesse, da in den letzten Jahren die Schweizer Beteiligung am Kolonialismus vermehrt erforscht wurde. Das Heimatschutzzentrum plant, das Thema weiter zu bearbeiten.

L'exposition "De Patumbah à Sumatra", présentée en 2020 à la Maison du patrimoine, avait pour thème le passé colonial de la Villa Patumbah à Zurich-Riesbach. Le bâtiment, construit en 1885 par le Suisse Carl F. Grob, symbolise la richesse gagnée grâce à la culture du tabac à Sumatra mais aussi l'exploitation et la souffrance des ouvriers. 

L'exposition a suscité un grand intérêt, car l’implication de la Suisse dans le colonialisme a fait l'objet de recherches accrues ces dernières années. La Maison du patrimoine prévoit de continuer à travailler sur ce thème.

The exhibition "Patumbah is a place in Sumatra", which opened in 2020 at the Swiss Heritage Centre, focused on the colonial past of Villa Patumbah in Zurich-Riesbach. The building, built in 1885 by the Swiss architect Carl F. Grob, stands for the wealth from tobacco cultivation in Sumatra, but also for the exploitation and suffering of the workers. 

The exhibition met great interest, as the involvement of Switzerland in colonialism has been increasingly researched in recent years. The Heritage Center plans to continue working on the topic.