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2020/2 Abbild und Inszenierung der Gesellschaft

Archiv der Jugendkulturen: Wissensspeicher, Vernetzung, Vermittlung

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Seit der Antike finden wir viele Quellen, die überwiegend skeptische bis abwertende Haltungen über Jugend und jugendkulturelle Ausdrucksformen dokumentieren. Die häufigsten Vorbehalte richten sich seitens der Älteren gegen das Verhalten und das Aussehen der Jüngeren („faul“, „respektlos“, „keine Interessen“, „unmögliche Kleidung“, „gefährlich“ …). Dabei lassen sich Jugendliche und Jugendkulturen bei näherer Betrachtung nicht auf stereotype Zuschreibungen reduzieren.

Deutlich wird dies bei der Betrachtung und Analyse der zahlreichen (jugend)kulturellen Überlieferungen, insbesondere in Form von selbstgemachten Zeitschriften, Plakaten, Flyern, Flugblättern, Buttons, Aufnähern, audiovisuellen Medien, Social Media und natürlich im direkten Austausch mit Szenengänger*innen selbst. Je eingehender die Beschäftigung mit diesen Quellen, desto vielfältiger, ambivalenter und ambiguitärer erscheinen die vielen vergangenen und aktuellen Jugendszenen. Doch gerade diese so wichtigen authentischen Primärquellen haben lange Zeit wenig Aufmerksamkeit erhalten und wurden oft als „graue Literatur“, als zu kompliziert bewahrbar oder gar nicht für sinnvoll bewahrbar abgetan.

Ein eigenes Archiv der Jugend-, Pop- und Subkulturen

Diese Erfahrung machten auch die Gründer*innen des Archivs der Jugendkulturen e. V., allen voran dessen Initiator Klaus Farin. Als Journalist hatte er viele Jahre über verschiedene Jugendkulturen wie Punk oder Skinheads recherchiert und selbst authentische Szenenmedien – so genannte Fanzines – gesammelt. Diese bot er in den 1990er Jahren verschiedenen Archiven und Bibliotheken an, die sein Angebot ablehnten. Um aber diese überaus wichtigen Zeugnisse zu erhalten und einen öffentlich zugänglichen Raum zu schaffen, in dem sich Szenenangehörige und an Szenen Interessierte treffen und differenziert über die Geschichte und Entwicklungen von Szenen austauschen können, gründete Farin zusammen mit mir und fünf weiteren Personen im Jahr 1997 das Archiv der Jugendkulturen. 1998 eröffneten wir, ohne jegliche Förderungen von außen, in Berlin-Kreuzberg unsere Räume. Seither ist das Archiv auf einen Bestand von mehr als 100.000 Medien (Tausende Fanzines, Plakate, Flyer, CDS, DVDs, Presseausschnitte, Popzeitschriften, Bücher, Broschüren, wissenschaftliche Arbeiten) aus und über Jugend-, Pop- und Subkulturen gewachsen.

Nicht nur Sammeln, sondern auch Vermitteln

Neben der Sammlung und Aufbereitung jugendkultureller Artefakte stehen beim Archiv der Jugendkulturen aber auch das Publizieren über Jugendkulturen und die direkte Vermittlung der Kenntnisse über Jugendkulturen an Jugendliche und Erwachsene im Zentrum. In den letzten 22 Jahren sind mehr als 30 Bücher - Szenenselbstdarstellungen, Fotobände, Ausstellungskataloge, Sachbücher, Magister-, Master- und Doktorarbeiten - über u.a. die Bravo, Skinheads, Punks, Hooligans, Techno, Skateboarding, Gender und Jugendkulturen, Jugendkulturen in Mexiko, Israel und Brasilien, Rechtsrock, Bewegungsarchive u.v.m. entstanden. Hinzu kommen mehr als 20 Ausstellungen, die das Archiv kuratiert hat: über Fanzines, 30 Jahre Punk in Deutschland, 50 Jahre Bravo, Jugendkulturen und (Im)Migration, Jugendkulturen im Kontext von Rassismus und Antisemitismus sowie aktuell unsere Wanderausstellung „Der z/weite Blick“ über Jugendkulturen und Diskriminierungen. In seinen Bildungsangeboten und Projekten arbeitet das Archiv an Schulen, mit Behörden, in Ausbildungsstätten und Jugendeinrichtungen mit einem diversen und überwiegend in Jugendszenen engagiertem Referent*innenteam in Workshops, Vorträgen und Projektwochen kurzzeit- und langzeitpädagogisch zu seinen Kernthemen. Es versteht diese Arbeit als wichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Beitrag zur emanzipatorischen Vielfaltgestaltung, Demokratieförderung, Gewalt- und Extremismusprävention. 

Ausgezeichnet und politisch aktiv

Für seine vielfältige Arbeit wurde das Archiv mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Dieter Baacke Preis für sein interkulturelles Bildungsprojekt „New Faces – Mit Kultur und Medien gegen Antisemitismus“. Aktuell ist das Archiv Träger verschiedener Maßnahmen und Projekte: Das von der Lotto-Stiftung Berlin geförderte Projekt „Pop- und Subkulturarchiv International“, die Koordination des vom Berliner Senat geförderten Queer History Month, das vom Bundesfamilienministerium und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) finanzierte Bundesmodellprojekt „sUPpress – Medienkompetenz für Engagement und Selbstwirksamkeit“ sowie ein von der bpb gefördertes Verbundprojekt mit der NGO GLADT e.V. zur rassismuskritischen und diversitätsorientierten Reflexion der eigenen Einrichtung. Seit vielen Jahren ist das Archiv anerkannter Träger der politischen Bildung und der freien Jugendhilfe sowie im Arbeitskreis „Überlieferung der neuen sozialen Bewegungen“ und diversen anderen Verbünden (Netzwerk Poparchive, Netzwerk Jugendbewegungsarchive, VdA, Arbeitskreis Polizei und politische Bildung, Beirat Bündnis für Demokratie und Toleranz) engagiert. Seit 2015 richtet es den jährlichen „Workshop der Archive von unten“, an dem mehr als 30 freie Archive aus Deutschland und Österreich teilnehmen, aus. 

Grundfinanzierung sicherstellen

Dem Archiv der Jugendkulturen ist es gelungen trotz nicht vorhandener institutioneller Förderung nun knapp 23 Jahre zu existieren. Die fehlende Grundfinanzierung stellt das Archiv vor ständige immense Herausforderungen: Grundlegende Kosten für Miete, Personal- und Honorarkosten, Bestandssicherung, Technik, EDV-Lizenzen etc. müssen immer wieder aufwendig über Mitgliedsbeiträge, Spenden, zeitlich befristete Projektanteile und Sponsoring erbracht werden. Somit befindet sich das Archiv der Jugendkulturen, wie die meisten freien Archive, letztlich dauerhaft in einer prekären Lage. Das ist fatal, denn freie Archive sind zu wichtigen Dokumentations-, Bewahrungs- und Vermittlungsstätten von gesellschaftlicher, politischer und kultureller Geschichte und Teilhabe geworden. Diese auch mit staatlichen Mitteln langfristig und nachhaltig zu erhalten, ist dringend geboten.

Rohmann Gabriele 2020

Gabriele Rohmann

Gabriele Rohmann ist Sozialwissenschaftlerin und Journalistin. 1997 gründete sie zusammen mit Klaus Farin und weiteren Personen das Archiv der Jugendkulturen e. V. Berlin, das sie seit 2013 leitet.

Kontakt

Archiv der Jugendkulturen e. V.
Fidicinstraße 3
D-10965 Berlin
Tel.: 030-6942934
Email: archiv@jugendkulturen.de

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Das Archiv der Jugendkulturen ist ein Kompetenzzentrum für Jugend-, Pop- und Subkulturen mit Sitz in Berlin. Seit 1997 sammelt, archiviert und vermittelt es Zeugnisse und Kenntnisse über Jugendkulturen. Es betreibt ein stetig wachsendes Archiv und eine Bibliothek in Berlin und bietet international zahlreiche Bildungsangebote (Ausstellungen, Vorträge, Workshops, Projekttage, Projektwochen) mit einem diversen Jugendszenen-nahen Referent*innenteam an. Es benötigt dringend eine stabile Finanzierung.

Les Archives des cultures de la jeunesse (Archiv der Jugendkulturen) est un centre de compétences basé à Berlin pour les cultures des jeunes, de la pop et des sous-cultures. Depuis 1997, l’organisation collecte, archive et diffuse des témoignages et des connaissances sur les cultures des jeunes. Elle exploite des archives en croissance constante et une bibliothèque à Berlin et propose de nombreuses offres éducatives à l'international (expositions, conférences, ateliers, journées de projet, semaines de projet) avec une équipe diversifiée de conférenciers proches de la scène de la jeunesse. Un financement stable est nécessaire de toute urgence.