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2019/2 Künste bewahren und vermitteln

Das Schweizer Archiv der Darstellenden Künste als Living Archive

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Tanz- und Theatergeschichte kann nicht statisch im Archiv bewahrt werden. Das Schweizer Archiv der Darstellenden Künste (SAPA) hat sich einem Archivbegriff verschrieben, der Erhalt und Vermittlung mit künstlerischer Praxis verbindet.

Tanz, Theater und Performance sind die flüchtigsten aller Kunstformen: «Jede der ihn charakterisierenden Bewegungen trägt im Moment ihrer Erscheinung bereits die Vergangenheit in sich» konstatiert Janine Schulze in Bezug auf den Tanz.1«Es liegt in der Natur der Sache, dass Theater – im Gegensatz zu medial vermittelten Künsten, die Artefakte wie Bilder, Skulpturen, Filme etc. generieren – nur fragmentarische und mehr oder weniger zufällige Zeugnisse überliefert,» stellt Heidy Greco-Kaufmann in Bezug auf das Theater fest.2 Dabei ist nicht nur die Bewegung flüchtig, auch die sie ausführenden und über sie repräsentierten Körper sind vergänglich. Von Tanz, Theater und Performance bleiben lediglich Spuren, etwa in Form von Bilddokumenten wie Fotografien, Video- und Filmaufzeichnungen, verschiedenen Schriftstücken und Artefakten wie Kostümen und Bühnenbildern. 

Die Absicht Tanz- oder Theatergeschichte ganzheitlich dokumentieren und bewahren zu wollen, ja schon allein die Begriffe der flüchtigen «darstellenden Künste» und des – zumindest einem tradierten Verständnis zu Folge – Vergangenheit speichernden und bewahrenden «Archivs» in der Bezeichnung «Archiv der Darstellenden Künste» zusammenzuführen, scheint vor diesem Hintergrund als Paradoxon. 

Das Living Archive

Der Philosoph Jacques Derrida elaborierte in seiner Schrift «Mal d’Archive» einen anderen Archivbegriff, bei dem das Vergessen einen konstitutiven Faktor darstellt.3So verweist er darauf, dass das Archiv, auch wenn es den Wunsch nach Gedächtnis birgt, alsbald die Begrenzung seiner Möglichkeiten aufzeigt. Damit arbeitet er gegen die Vorstellung vom Archiv als einem Ort der Speicherung an und stellt hingegen die Vergegenwärtigung von Vergessenem ins Zentrum. Janine Schulze resümiert: «Archive sind performative Orte, an denen sich Vergangenes im Prozess der Auseinandersetzung stets aufs neue rematerialisiert.»4

Daran anknüpfend möchte ich eine Definition des Living Archives heranziehen, die für das Schweizer Archiv der Darstellenden Künste der Stiftung SAPA auf verschiedenen Ebenen eine wichtige Referenz darstellt: «Living Archive verbindet Erforschung, Erhalt und Veröffentlichung [...] diskursiv mit einer künstlerischen und kuratorischen Praxis der Gegenwart. Das Projekt dient einer zeitgemässen Archivaufarbeitung, die nicht nur auf Selbsterhalt abzielt, sondern gleichzeitig Neues hervorbringt und Zugänge verschafft.»5

Die Arbeit der Stiftung SAPA ist geleitet von den Grundprinzipien der Bewahrung von Spuren, der Vergegenwärtigung von Vergessenem, der Vielstimmigkeit bei der Behandlung ihrer Bestände und der ständigen Adaption an neue Wissensordnungen. Durch die Reaktivierung ihrer Bestände in Form von Forschungsprojekten, Ausstellungen und diskursiven Formaten werden diese immerzu in den aktuellen Diskurs eingebracht, wodurch stets neue Sichtweisen auf Künstlerinnen und Künstler sowie deren Werke ermöglicht werden. 

Vermittlung führt zu Neuem

Durch vielfältige Forschungsprojekte und Vermittlungsformate sucht SAPA kontinuierlich den Austausch mit Akteuren aus dem Bereich der darstellenden Künste, vor allem aus Kunst und Wissenschaft, aber auch mit Laien. So betreibt SAPA einerseits Forschung die im institutionellen Kontext der Universität angesiedelt ist – das Forschungsprojekt zu Oskar Eberle wurde von der Privatdozentin des Instituts für Theaterwissenschaft (ITW) der Universität Bern und Leiterin Forschung und Vermittlung SAPA Heidy Greco-Kaufmann eingereicht und vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaft (SNF) auf drei Jahre bewilligt. Andererseits führt die Stiftung seit 2012 künstlerisch-wissenschaftliche Oral-History-Interviews, für die Katrin Oettli, Filmschaffende und Leiterin der Konservierung von SAPA, und Angelika Ächter, Fachspezialistin Oral History und Valorisierung, Schweizer Tanzschaffende mittels Filmporträts von ihrem Leben und Werk erzählen lassen. Die Interviews ergänzen deren an die Stiftung SAPA übergebenen Archivbestand, dokumentieren in einzigartiger Weise Schweizer Tanzgeschichten und erschliessen damit wichtige Quellen zu dieser ephemeren Kunstform. Zudem wurde ein Oral-History-Projekt lanciert, das im Berichtsjahr 2018 mit dem Preis Kulturerbe Tanz des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet wurde, und bezeichnenderweise den Namen «Geschichte(n) zum Tanz in der Schweiz – Gespräche mit Ursula Pellaton» trägt. Die subjektive Perspektive auf verschiedene Schauplätze und Aspekte der Schweizer Tanzgeschichte aus der Sicht Pellatons ist durch das Spiel mit dem Begriff «Geschichte(n)» in den Titel eingeschrieben. Die Offenlegung der Perspektive, aus der jemand spricht, ist grundlegend für die angestrebte Vielstimmigkeit bei der Betrachtung eines Gegenstands. Erst dadurch wird der Anspruch auf Deutungshoheit aufgehoben, eine andere Sichtweise auf den gleichen Gegenstand zugelassen. 

Ein weiteres Beispiel für ein Vermittlungsprojekt, bei dem das Selbstverständnis der Stiftung SAPA als Living Archive deutlich hervortritt, war die im Betriebsjahr 2018 organisierte Ausstellung «Eine Tanzstunde mit Jean Deroc» des Künstlers Fabian Chiquet im Kunsthaus Zofingen. Der Basler Künstler näherte sich in Auseinandersetzung mit dem bei SAPA aufbewahrten Nachlass von Jean Deroc und einem von Oettli und Ächter erstellen Filmporträt an den 2015 verstorbenen Tänzer, Choreografen und Tanzvermittler an. Es entstanden eine Installation mit Videos, in denen Chiquet Weggefährten Derocs mittels Oral-History-Interviews erzählen liess sowie eine Hörspielperformance. Für diese engagierte der Künstler einen Schauspieler, der – die Stimme Derocs nachahmend – eine fiktive Erzählung über dessen (Tanz-)Leben inklusive eine seiner berühmten «Lecture Performances» einsprach. Das Resultat war eine virtuelle Tanzstunde mit Jean Deroc im Zuge derer die Besuchenden der Vernissage – sowohl Tanzschaffende als auch Laien – im Kunsthaus Zofingen die klassischen Ballettpositionen einnahmen. Zentral bei Chiquets Ausstellung war die Verhandlung darüber, wie wir erinnern. Dafür stellte er zwei unterschiedliche Dispositionen zur Verfügung: die Erzählungen seiner Weggefährten und das Reenactment einer «Lecture Performance», mit denen Deroc zu Lebzeiten um die Welt reiste. Fakt und Fiktion überlagerten sich mittels der verschiedenen Ebenen der Ausstellung und stellten die Konstruktion von Erinnerung durch rein wissenschaftliche Prinzipien in Frage. «Der Tanz wird also in dem Versuch seiner Archivierung keineswegs zur Reglosigkeit verdammt. Er wird vielmehr, in der Auseinandersetzung mit seinen Zeugnissen, immer wieder neu in Bewegung versetzt. [...] Somit wäre ein Archiv, in ganz besonderem Masse ein Tanzarchiv, ein Ort ständiger Bewegung.»6 

Von der Mediathek Tanz zur Stiftung SAPA

Archiv in Bewegung, das ist nicht nur der Titel einer Veranstaltung der Stiftung SAPA, bei der die Choreografien von Schweizer Tanzschaffenden rekonstruiert werden, sondern auch die gelebte Maxime der Stiftung als Schweizer Archiv der Darstellenden Künste. So hat sich das Archiv seit seiner Gründung immer wieder neu erfinden müssen, um sich an neue Wissensordnungen anzupassen und dadurch in der Schweizer Kulturlandschaft bestehen zu können. Auf den ersten Zusammenschluss der Mediathek Tanz, mit Schwerpunkt auf AV-Medien zum Tanz (2005 bis 2011), mit dem Archives suisses de la danse in Lausanne, die aus einer Sammlung von Dokumenten und Artefakten zur Schweizer Tanzgeschichte bestand, zum Schweizer Tanzarchiv (2012 bis 2016) folgte 2017 die Fusion mit der Schweizerischen Theatersammlung in Bern zur Stiftung SAPA (engl. Swiss Archive of the Performing Arts). 
Die anhaltende Anpassung an neue Wissensordnungen und das damit einhergehende Wachstum stellen nicht die einzigen Herausforderungen für SAPA dar. Eine weitere, tiefgreifende Veränderung in der Organisation ihres Archivs bedeutet die Digitalisierung, auf die SAPA bereits mit der Langzeitarchivierung ihrer Daten sowie der Initiierung einer Online-Plattform für die darstellenden Künste reagiert hat.

Die Geschichte des Tanzes bewahren, heisst sie zu bewegen

«[T]he ‘living’ archive’s aim is not to bury the past in boxes or databases for posterity, but to ‹unearth fresh forms of thinking from what has gone before›.»7

87http://archinodes.com/node/1689 Wie die obigen Beispiele gezeigt haben, sind Forschung und Vermittlung ein Hauptanliegen von SAPA als einem Archiv, das sich der Bewahrung des ephemeren Kulturguts verschrieben hat. «Tanzhistorie darf nicht bewahrt, sie muss bewegt werden.»10 Das gilt in gleicher Weise für die Bereiche Theater und Performance. Durch die Rekonstruktion der Tanz- und Theatergeschichte mittels Forschungsprojekten, Oral History, Ausstellungen und diskursiven Formaten wird das immaterielle Kulturerbe lebendig, ganz im Verständnis des Living Archives. Der «Körper als Archiv in Bewegung» kann im Archiv nur bestehen, wenn er durch die Hinführung zum aktuellen Diskurs aktiver Bestandteil eben dieses Diskurses wird.1112


Dieser Text erscheint im Juli 2019 in gedruckter Form als Leitartikel im SAPA-Jahresbericht 2018.

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Annika Hossain

Annika Hossain hat einen Master-Abschluss in Kunstgeschichte, Amerikanistik und Anglistik sowie ein Doktorat in Kunstwissenschaften der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sie arbeitet seit 2017 im SAPA Zürich und ist daneben in der Lehre im Bereich Kunstgeschichte/Kunstvermittlung tätig.

  • 1 Janine Schulze, Tanzarchive: «Wunderkammern» der Tanzgeschichte? In: Deutungsräume. Bewe- gungswissen als kulturelles Archiv der Moderne, hg. von Inge Baxmann und Franz Anton Cramer. München: Klaus Kieser 2005, S. 119–131, hier S. 122. 
  • 2 Heidy Greco-Kaufmann: Verschollene Manuskripte, verborgene Quellen und rätselhafte Dokumente: Archive als Schatzkammern der Theaterhistoriographie, 2018. http://www.symbolforschung.ch/... pdf/Greco_Verschollene_Mss.pdf (letzter Zugriff 15.4.2019).
  • 3 Derrida Jacques, Dem Archiv verschrieben. In: Archivologie, Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, hg. von Knut Ebeling und Stephan Günzel. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2002, S. 29–60. [Originalausgabe 1995].  
  • 4 Schulze 2005, S. 128.
  • 5 Arsenal – Institut für Film- und Videokunst (Hg.), Living Archive. Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart, 2013. 
  • 6 Schulze 2005, S. 130.
  • 7
  • 8 LIFT (London International Festival of Theatre) 2010, zit. n.
  • 9   letzter Zugriff 15.4.2019).
  • 10 Schulze 2005, S. 130.
  • 11 Julia Wehren: Körper als Archiv in Bewegung. Choreografie als historiografische Praxis. Bielefeld: transcript, 2016.
  • 12  

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